Buchstabenwelt: Virtuelle Graffitis, Verleger und andere bizarre Dinge
Die ganze Welt ist voller Buchstaben. Auf ein paar mehr oder weniger kommt es auch nicht an.
Ob wirklich die ganze Welt voll davon ist. In den Städten mag das stimmen. Dort gibt es fast nichts anderes als Dinge, die Gedanken entstammen. Verkörperte Ideen, die aus dem Kopf der Menschen in verschiedene Codes gepackt wurden.
Häuser, die dem Code der Statik und der Konstruktion gehorchen.
Autos, die den Code der Mechanik und der Mobilität beinhalten.
Und natürlich all die Buchstaben und Symbole, die den Menschen Orientierung bieten wie Verkehrszeichen, Strassenschilder sowie Graffitis und Tags.
Letztere sind die Zeichen der persönlichen Identität vieler Jugendlicher.
Sie sind kein Schmutz. Es sind die Fußspuren einer eingeschlossenen Horde halbwilder Genies auf dem Weg zur Herrschaft über die Welt.
Diese Zeichen sind einzigartige Symbole, an deren Design lange gefeilt wurde und es ist ein Frevel, wenn andere Tagger die eigenen Symbole verwenden. In den Zeichen wohnt also auch eine moralische Ebene. Die Älteren sprühen ihre Tags mit Twitter. Sie haben schon eine Persönlichkeit. Aber trotzdem ist es ein Akt der Höflichkeit, die Quelle anzugeben, wenn man sie kopiert (also retweetet). Manchmal ist das Gelingen des sozialen Umgangs von so kleinen Dingen abhängig. Das mag erstaunen, aber die ganz große Geste ist nicht immer die hilfreiche, wie 15 unerschrockene Netzprofis neulich erst lernen mussten.
Die Wörter und Buchstaben unseres profanen Alltags erhalten ihre Aussage aus dem Gebrauch. Wenn ein Wort nicht von vielen verwendet wird, dann kann es auch keine Vereinbarung über dessen Sinn und Bedeutung geben. Ein Zug ist beim Schachspiel etwas völlig anderes als bei der Eisenbahn. Verständigung funktioniert nur dann, wenn man den Zusammenhang kennt, in dem ein Wort benutzt wird. Das ist auch der Grund, warum Computer bis zum heutigen Tag keine natürlichsprachigen Fragen beantworten können. Es sei denn, die Antworten sind vorher 1:1 eingespeichert worden. Dass Zusammenhang immer im jeweiligen Moment entsteht, ist auch der Grund, warum die tollste Suchmaschine kapituliert, wenn wir gar nicht genau wissen, was wir suchen, sondern uns einfach mal umschauen. Wir suchen dann Muster, die uns Gefallen. Farben oder Formen oder einfach etwas, was uns fremd ist.
Das Ende der großen Kaufhäuser, in denen man sich “einfach mal umsehen” konnte, hat auch aus Konsumentensicht seine Schattenseiten. Denn wenn man dort nicht von allzu eifrigen Verkäufern gestört wurde, konnte man sich vom Angebot inspirieren lassen wollten. Im digitalen Pendant ist das kaum möglich. Online Shops wie iTunes oder amazon versuchen das auszugleichen mit playlists oder persönlichen Wunschzetteln der Nutzer. Aber das Zusammenfassen großer Mengen verschiedenster Waren klappt nicht mehr. Denn es gibt keine physischen Dinge, über die man seinen Blick streifen lassen könnte. Alles ist eingeschlossen in eine Datenzelle im Informationsgefängnis namens Datenbank.
Dieses Problem haben die Medien noch viel schärfer als die Onlineshops. Wer es schaffen würde, einen Bahnhofskiosk nutzerfreundlich im Internet abzubilden, würde in einem Jahr zum Milliardär. Google News hat es versucht. Aber wer schaut sich gerne in einem Laden um, der die nur die Titel einzelner tagesaktueller Artikel an die Wand klebt? Wo liegt da der Nutzen für den Kunden? Denn diese Aufgabe übernimmt noch immer das Autoradio oder die Tageszeitung im Zug.
Alte Brote in den Ofen zu stecken, erfüllt nur den einen Zweck, dass das Brot wieder warm wird. Aber lassen wir uns nicht von der Marktforschung täuschen, die den Verlegern erzählt, dass Menschen ein warmes Brot an sich bevorzugen. Ein warmes altes Brot erfüllt nicht 50% des Genusses eines warmen, frischen Brots. Man verkauft eine verderbliche Ware zum zweiten Mal. Das ist keine Geschäftsmodell, auch wenn der Gesetzgeber erlaubt, das Aufwärmen als schützenswerte Bäckertätigkeit festzulegen. Außerdem ist die gesetzliche Regelung seit 2003 (Paperboy-Urteil) ziemlich eindeutig und Google News hält sich sklavisch dran.
Viele Verleger dachten, dass der Mehrwert ihres Angebots im Journalismus bestand, und sie daher ihren Profit bezogen. Ehrlicherweise muss man zugeben, dass es die Kleinanzeigen und die Stellenangebote waren, die den Profit brachten. Sie stammten von Lesern. Dieser Hinweis könnte auch heute ein Signal dafür sein, wo die Zukunft der Medien liegt. Der Produzent platziert einzelne Themen und liest anhand der Leserreaktion ab, ob es weitere Artikel zum Thema geben sollte.
Besonders gute Kommentatoren könnte man bitten, selber einen Folgeartikel oder eine Serie zum Thema zu verfassen. Den diese unentdeckten Autoren sind zum Einen in der Lage, den aktuellen Bedürfnissen gerecht zu werden und verfügen oft über Insiderwissen. So erhält der Leser eine Stimme und kann sich viel besser mit den Medien idenitifizieren. Die Aufgabe der Medien als Viert Macht im Staat durch darstellen des Volkswillens wird dann nicht mehr über fadenscheinige Journalistenausbildungen authentisiert sondern über denjenigen, der einen Wissensvorteil hat. Der wiederum kann sofort durch die Reaktion der Mitleser relativiert oder ergänzt werden. Dies wäre eine offen Meinungsbildung ohne die asymmentrische Kommunikation von der Kanzel des Leitartikel oder eines Manifests, das eine Wissenselite dem Volk zu Verdauung übergibt.
Denn geht nicht darum, einfach den alten Journalismus besonders kreativ und neuartig zu verkaufen. Das ist eine Totgeburt. Es geht darum, auszuprobieren und vor allem dabei keine neuen Standards zu entwickeln sondern ganz fluide Strukturen zu etablieren, die sich den enormen dynamischen Interessen und Themengebieten mit den Lesern gemeinsam anpassen können.
Die Sprache, die dabei zum Tragen kommen muss, sollte alle Arten von Effekten und rhetorischen Spielereien vermeiden. Denn Sätze wie “Das Internet ist anders” wirken nur als Manipulation, da der Leser sich über den fehlenden Vergleich wundert. Es geht im dabei wie dem Zenschüler, der die Aufgabe bekommt, sich auf den Ton einer klatschenden Hand zu konzentrieren. Ein Dialog ist aber über Effekte nicht zu erreichen. Im Gegenteil. Eine Sprache, die den Leser erreichen soll, kann unterhaltend wirken, wenn es um Klatsch und Tratsch geht, sachlich, wenn komplizierte Beschreibung komplexer Zustände eine gewisse Klarheit erfordern oder eben erzählend, wenn man eine Spannung aufbauen will, den Leser zum Mitfühlen und Mitmachen anregen will.
Die Effekte aus der Werbewelt haben unsere Sprache infiziert und viele Mücken zu Elefanten gemacht. Aber seit dem das Cluetrain Manifesto 1998 unser Ausgeliefertsein an die Werbewelt beendete sind wir offiziell immun gegen diese kurzen Schreie aus der Unterwelt eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms der Produkte.
Aber der Hunger nach tiefen Einsichten über unser Zusammenleben bleibt. Wir wollen uns zuhören, um uns besser zu verstehen. Die Medien können diese Brücke bauen. Aber wir müssen ihnen helfen den Anspruch des Perfektionismus zu verlassen und die Welt der Menschen zu betreten. Der Preis ist gering, aber nicht unbedeutend: Wir brauchen ein klein wenig mehr Höflichkeit und Rücksicht beim Streit und im Konflikt. Hart in der Sache, aber weich zu Menschen. Dafür brauchen wir kein Manifest sondern ein wenig Mut und ein freundliches Ohr für die Anderen.





