header
"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Enterprise 2.0 in den Wolken – ein 40 Milliarden € Markt ?

Das Wall Street Journal, dieses mysteriöse Gerät, das mit Paid Content echtes Geld verdient, hat die Kristallkugel angeschmissen: Im Jahr 2012 beträgt der Markt des Cloud Computing  geschätzte 42 Milliarden Dollar. Ein hübsches Sümmchen – ungefähr die Hälfte des ganzen Software-Umsatzes weltweit. Da kommt es nicht von ungefähr, dass Dion Hinchcliffe, Experte für Enterprise 2.0, seinen analytischen Blick auf diese besondere Entwicklung richtet.

Fluch oder Segen des Cloud Computing

Denn eines ist offenbar. Wenn Cloud Computing wirklich die Entwicklung nimmt, die die Runenbeauftragten des WSJ vorhersagen, dann hat das einen enormen Strukturwandel zur Folge. Denn dann gäbe es wieder die enorme Dominanz von wenigen Anbietern, die die gesamt Infrastruktur und den Kampf darum unter sich ausmachen würden. Die Folge wäre, dass die aktuelle Dominanz der Open Source im Infrastrukturumfeld der WebServer und Apllikationsserver Geschichte wäre. Die Auswirkungen könnten fatal sein für das stetige Wachsen der weltweiten Demokratisierungsbewegungen, die auf freie Software angewiesen ist, da dies sowohl die Kosten klein hält als auch den Einfluß auf die Werkzeugentwicklung sichert. Die Auswirkungen könnten aber auch fatal sein für die Anbieter selber. Denn Hinchcliffe sieht einen neuen Kampf um die Basis der Vernetzung vorher.

geeekandpokeDieser Kampf der Giganten miteinander wird natürlich auf dem Rücken der Kunden ausgetragen. Proprietäre und undokumentierte Schnittstellen, Strukturen und Funktionen, das berühmte Lock-In Syndrom, mit dem Anbieter die Kunden günstig mit aktuellen Systemfunktionen anlocken und dann bei den Brot-und-Butter-Anwendungen die ganz große Melkmaschine aus dem Keller zerren. Wir kennen alle diese Systeme, um ganze Plattformen in Firmen unterzubringen und damit eine enormen Abhängigkeit zu kreieren, die durch Open Source zumindest teilweise durchbrochen wurde.

Aus der Sicht einer Demokratisierung der vernetzten Arbeitswelt wäre das eine äußerst dystopische Vorhersage. Denn gerade das Ausprobieren einfacher und leicht zu installierender oder per Mashup oder API leicht integrierbarer Anwendungen oder Widgets ist ja das Wesen einer guten Enterprise 2.0 Initiative. Jeder darf alles mal Ausprobieren, muss aber den Kollegen und Mitarbeitern berichten, was gut und schlecht gelaufen ist und was sich bewährt hat. Wie viele Mitarbeiter wissen, sind solche echten Enterprise 2.0 Projekte auch heute noch eher selten. Eine mehr oder weniger gute Consultingfirma kommt ins Haus. Sie kennt sich im Zweifel mit Jive, Connectbeam und Atlassian aus und propagiert deren Produkte mit den Worten: “Das läuft auch bei …(setze hier bitte die Namen von zwei DAX-Unternehmen und zwei Fortune500-Firmen ein) und ist da ein Renner. Die Mitarbeiter sind begeistert.”

Tötet Cloud Computing best of breed?

Auf dieser Ebene würde E 2.0 dann nicht mehr verkauft werden können. Denn dann hieße es, was läuft auf der Cloud Plattform, für die sich die Firma vor Jahren entschieden hatte. Die Gründe die für Cloud Computing sprechen (Skalierung, kontrollierbare Wartungskosten, agile Entwicklung von Projekten und Softwareapplikationen) könnte sich ganz schnell ins Gegenteil wenden. Die Übersicht und Kontrolle wäre futsch. Die Freiheit der Entscheidung nach funktionalen Gesichtspunkten wäre vorbei. Ich gebe zu, dass Firmen diesen letzten best-of-breed-Ansatz auch mit der Entscheidung für Gigantlösungen wie Outlook/Sharepoint und Notes/Domino/WebSphere schon lange verlassen haben.

Aber E 2.0 könnte eigentlich ein Weg sein, um die Abteilungen und Projekte wieder zu ermutigen, aus einem Blumenstrauß an Applikationen im Intranet die passende zu wählen und auszuprobieren.

Und der normale Nutzer, was hat der davon?

Was denkt da der geneigte Leser?

Macht doch sowieso keiner, weil im Alltag gar keine Zeit und Chance besteht, so etwas auszutesten, außerdem haben 12 Projektmitglieder immer auch zwölf Meinungen zu einem Tool. Da kommt man sowieso nicht auf einen grünen Zweig.

Und genau für diese Art der Unmündigkeit ist Cloud Computing eine echte Hoffung. Drei Anbieter, drei halbherzige APIs und ein oder zwei Standards an die sich eh keiner außer den 125364 mittelständischen Goldpartnern hält. Das alles hatten wir schon mal, haben es noch.

Vielleicht aber ist Cloud Computing mit all seiner Faszination der schnellen Umsetzung ohne Rücksicht auf vorhandene firmeneigene Strukturen, mit einer robusten und verlässlichen Basis inklusive praktische Tools für Entwickler und sogar erfahrene Laien, die mal eben ein Wiki oder eine laconica-Instanz für eine Abteilung aufsetzen, eine echte Offenbarung für die Akzeptanz des Computers als Werkzeug, das Zeit und Arbeit spart und nicht noch benötigt. Aber diese Erwartung kann eben auch einige alte und neue Anbieter verleiten zum alten Marktgebaren des Dealers, der genau weiß, dass seine Kunden immer wieder kommen werden (müssen).

Und dann hätten wir eine großartige Chance verspielt, das Versprechen, das Computer dem Menschen das Leben erleichtern, endlich einmal wenigstens ein bißchen einzulösen

Bookmark and Share

Post to Twitter Post to Delicious

Folgende Schlagwörter: Arbeitswelt, Enterprise 2.0, Web 2.0, Web 3.0

1 Kommentar

Trackbacks

  1. Lock-in « KMU Planer

Schreibe einen Kommentar

Kommentar-Regeln - Rules Of Commentary:

Durch einen Klick auf den Absende-Button stimmt der Kommentierende folgenden Regeln zu:

  • Bitte möglichst reale Klarnamen verwenden (Im Zweifel Vornamen)
  • Keine persönlichen Angriffe

Substanzlose Kommentare, SPAM oder persönliche Angriffe werden gelöscht und ggfls. in Rechnung gestellt. By clicking the Submit-Button, you accept a 500 € fee for any comments that only publish advertisments for products or companies and do not refer to the article or other comments in terms of a discussion.