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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Wissen macht blöd – Ist der Papst ein Junggeselle?

Die Experten sind sich uneins. Ist Wissen ein jeweils aktueller Zustand oder ist es eine erworbene Eigenschaft, die wie das Gedächtnis häufig abgerufen werden kann. Ist Wissen eigentlich ein Objekt, dass man in Sprache niederlegen kann und mittels diversen informationstheoretischen Verfahren an andere Menschen sendet? Kann man es per Buch von einem Menschen in den Geist eines anderen übertragen oder braucht man die Sprache als zusätzlichen Code zur Schrift, oder Bilder, oder Töne oder alles zusammen?

Wissen ordnet Information in übersichtliche Päckchen?

Photo: faust foundation

Photo: faust foundation

Gestern und heute trafen sich wieder die Damen und Herren Wissensmanager zur Know-Tech, einer Messe des professionellen Umgangs mit Wissen im beruflichen Umfeld. Man spricht über Menschen in einer rasenden Gegenwart, die mit Informationen vollgestopft zu sein scheint. Man diskutiert über Software und Datenbanken, die die Gedanken von klugen Leuten aufbewahren, damit weniger kluge Leute oder Kollegen, die mit anderen Themen befasst sind, die Erkenntnisse erfahren können. Man muss ja nicht denselben Gedanken mehrmals denken. Wir sind ja effektiver, wenn wir alles mal eben protokollieren. Manche sind schon einen Schritt weiter und erklären, man müsse nur den menschlichen Dialog ins Web stellen und schon wäre mit der ganzen Freiheit, die die Tools ermöglichen die Arbeit gleich viel einfacher/besser/effektiver/rationaler/demokratischer. Ganz schlaue machen sich dran, dass Wissen zu vermessen und zu kartographieren in Wissenslandkarten, in die dann noch sozialen Netzwerke eingezeichnet werden. Und der letzte Schrei ist es, den Menschen zu erlauben, in unsicheren Zeiten einfach mal Mehrdeutiges auszuhalten.

Die Gedanken darüber, was Wissen ist, füllen mehrere Meter an Bücherregalen. Da ist von einer Repräsentation der Welt im Geist die Rede, manche sehen sogar Weltmodelle am Werk, die eine kleine Welt2Go in unserem Hirn verorten. Wenn wir genauer hinsehen, dann reflektieren wir ständig das, was um uns ist an dem, was sich in uns gebildet hat – also die Denkgewohnheiten oder Erklärungsmuster.

Wir haben damit einen Hintergrund des Denkens, der durch lange Erfahrung in möglichst vielen Lebensbereichen geprägt ist. Je differenzierter die Muster ausgestaltet sind, desto feinere Details der uns umgebenden Realität nehmen wir bewußt wahr. Man kann diese Muster als kognitive Modelle auffassen. Nun möchten uns die professionellen Wissensmanager nahe legen, dass wir Menschen diese Modelle in Sprache verpacken und dann im Gehirn ins Regal legen. Aus der Lebenswelt entlehnen die Experten die Idee, dass wir Kategorien benutzen wie Kartons und alles was zum Urlaub 2006 gehört in den Karton legen. Darin sind dann Unterkategorien wie ein kleiner Karton mit Fotos, ein größerer Karton mit den Muscheln, dem Aschenbecher vom tollen griechischen Fischrestaurant und der rotglänzenden Flasche Ouzo vom Bürgermeister und so weiter.

Die Pakete mit der Information müssen gestapelt werden und wir brauchen ein Etikett

Nun gibt es aber ein Problem. Was befindet sich im Karton mit dem Etikett “Experten”? Es gibt Leute, die viel wissen, andere die weniger wissen, aber Probleme aus der Welt schaffen. Und dann gibt es noch diejenigen mit den einschlägigen Spezialzeugnissen und -zertifikaten. Keiner weiß anhand dieser Papiere, ob die Inhaber auch gut Probleme lösen, aber die Personalabteilung legt diese Experten immer ganz nach oben. Wer denn im Expertenkarton kramt nimmt zuerst diese. Jeder in einer Firma ist zu einem gewissen Grad Experte, sonst wäre er oder sie gar nicht im Unternehmen. Es ist also völliger Unsinn, so eine Kategorie einzuführen. Die Lösung, man versucht mit großem Aufwand feine Graduierungen von Themen Expertentum und Praxiserfahrung einzuführen. Man macht das auch mit allerlei Dokumenten und anderen Texten. Jeder darf und soll alles bewerten. Man erhofft sich auf diese Weise zu den vielen Tausend Buchstaben in einem Text oder einem Gedächtnis mithilfe der neuen Buchstaben zweiter Ordnung eine Art Navigationsgerät durch das ganze Wissen zu erschaffen.

Sind Kategorien eine Hilfe?

Sie verstehen mein Problem nicht? Kategorisieren sie mal Insekten (Ameise, Biene, Spinne, Assel). Können sie eine Rangordnung angeben? Sie brauchen einen Maßstab – etwa Größe oder Farbe. Aber was sagt das über das einzelne Insekt aus? Was hilft es ihnen, zu wissen, dass eine Ameise kleiner ist als eine Biene? Ist das ein Zugewinn an Wissen? Hat Ordnung einen optimierenden Einfluss auf Wissen? Welches Insekt ist effizienter? Welches weiß mehr? Und mit welcher Insektenart wird die Evolution optimaler? Sie verstehen, dass ich ein besonderer Freund des Wortes optimal bin. Es hat in etwa dieselbe Bedeutung wie naja, oder hm oder tsss. Es gibt übrigens noch viel mehr Wörter, die nur im jeweils aktuellen Zusammenhang einen Sinn verbreiten.

Wenn sie eine Mutter von einem Junggesellen unterscheiden wollen, wird es leichter, denken sie sicher. Ein Junggeselle ist ein unverheirateter Mann. Ist doch klar. Also ist der Papst auch ein Junggeselle. Diese Zusatzinformation zum Papst ist logisch korrekt erschlossen, aber sie enthält keine Information. Ein Mutter ist eine Frau, die ein Kind bekommen hat. Ist auch klar. Und wie sind die Unterkategorien von Müttern? Leihmutter, Stiefmutter, Adoptivmutter…Was haben die eigentlich für eine gemeinsame Eigenschaft? Was trennt sie?

Man sieht sehr schnell, dass das Wissen, das in Worten stecken soll ein wenig schwammig erscheint und auch das hierarchische Ordnen von Wörtern bringt selten einen Gewinn.

Wozu soll das Wissen also gemanaget werden? Können diese Manager uns helfen, wie wir unser kognitives Modell vom Zusammenleben in familiären Gemeinschaften mit dem Begriff Junggeselle oder Mutter abgleichen und was in uns dabei entsteht an Erkenntnis? Wir Menschen denken und Handeln anhand der Modelle, die sich bei uns durch Gewohnheit gebildet haben. Alles wird mit ihnen erschlossen. Deshalb sind auch radikale Änderungen der Aussenwelt zunächst ein Infragstellen der inneren Modelle. Sie bilden einen derart großen Kontrast (viel Information) denen aber noch keine Erfahrungen, also keine Modelle zur Bewertung im Inneren gegenüberstehen, sodass die viele Information einfach verpufft. Die meisten Menschen erleben so etwas als instabile Situation. Praktiker können damit nicht umgehen, weil sie auf ihre Erfahrung angewiesen sind.

Echte Experten wären Menschen, die in unsicheren Zeiten improvisieren können und schnell auf kleine Veränderungen reagieren mit dem Entwerfen neuer Modelle. Aber diese Leute verwirren die Masse der Anderen, weil sie “ständig ihre Meinung ändern”. Sie haben kein standing und gelten als schlechte Führungskräfte, weil sie für sich einen enormen Gestaltungsspielraum geltend machen. Allerdings erwarten sie auch, dass andere um sie herum genauso experimentieren. Aber die vielen Leute, die gerne auf der Basis täglicher Wiederholung ihr Wissen anhäufen, finden das nicht nachahmenswert. Zu sprunghaft. Und so kommt es, dass die Wissenden, die wahren Experten nicht erkenne können: ” Die probieren ja nur rum. Die kennen sich also auch nicht aus”. Und dann wenden sie sich wieder der Autorität der Gewohnheit zu und erkennen die Zeichen der Gegenwart nicht. Wissen hilft also nur wenn sich sehr wenig ändert. Und wenn Entwicklung langsam verläuft. So langsam, dass man sich dran gewöhnt. Wer will schon improvisieren. Mia san mia, gell.

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3 Kommentare

  1. Allein die Frage, ob Wissen ein physiologischer oder mentaler oder anderer Zustand, eine Abstraktion oder ein Modell ist, ist ja noch lange nicht geklärt. Man könnte den Begriff des Wissens auch zureichend mit Energie beschreiben und hätte damit genausowenig ausgesagt.

  2. Goethe’s Spott – mit Ernst aufgewärmt: was Du schwarz auf weiß besitzt, kannst Du getrost nach Hause tragen.

    Dieser ontologische Wissensbegriff gehört in die Tonne – aber der Pudel schleppt ihn immer wieder an…

    Reifikation ad absurdum

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