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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Wikipedia: Wer Relevanz und Referenz verwechselt

Ein ewiger Streit rund um Wikipedia ist die Entscheidung darüber, welche Inhalte bleiben dürfen oder neu aufgenommen werden. Es gibt zwei Ebenen: Texte, die editiert bzw. aktualisiert werden und ganz neue Texte zu bisher unbeschriebenen Dingen und Sachverhalten. Neulich führte Wikipedia unter Federführung der Deutschen eine Hierarchie der Autoren ein, sodass altgediente Wikipedianer (admins) die Änderungen neuer Nutzer dominieren können. Das führt auf lange Sicht zu einem Inzestmodell des geschlossenen Kulturkreises. Das ist eine sehr sinnvolle Methode, um in einige Jahren den Weg für neue Online-Enzyklopädien zu öffnen. Eine noch bessere und schnellere Methode besteht darin, einfach weniger neue Inhalte zuzulassen.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn man die Zahl der Administratoren mit besonderen Rechten beschränkt, dann muss auch der zu überwachende Inhalt beschränkt werden.

Nun ist der Aufschrei groß. Die zwei Vertreter der alten Erkenntnis-Philosophie Alles-muss-rein=Inkludisten und ihre vermeintlichen Gegenspieler Nur-das-Wichtige=Exkludisten haben beide ein Problem. Ihre Argumentationen sind ohne weitere intellektuelle Begründung passiert. Die Einen verwechseln Relevanz mit Referenz und erklären, dass nur Inhalte mit belegbaren Quellen (in der Holzmedienwelt) von Belang sind. Sie leben noch in dem Weltbild, das Journalisten gerade schmerzlich vermissen: Was auf Papier veröffentlicht wurde, hat einen Wert. Ihre “Gegenspieler” begründen neue Artikel allein mit der Tatsache, dass Menschen daran arbeiten und daher ein Interesse der Masse besteht. Sie laufen Gefahr, enorme Redundanz zu produzieren und den Suchenden in ein Netz aus Ähnlichem zu verstricken. Dabei ist nicht die Übersicht das Problem, sondern Tiefe und die essenzielle interne Verlinkung. Aber das ist das geringste aller Probleme rund um Faktenwissen.

WikipediaBeide Lager aber begehen einen Kategorienfehler. Denn eine Enzyklopädie kann aus antikem Verständnis eine alltagsorientierte Einführung oder Hinführung zu höherem Wissen sein – was in gewissem Sinne durch die Querverweise am Ende eines Eintrags belegbar wäre. Wenn diese Links dort unten wirklich zu sachgerechten Zielen führen würden und nicht bloß den Text darüber belegten. Die ersten Enzyklopädisten um Diderot und d’Alembert, die die Deutungsmacht der Kirche durch eine alphabetisierte Ordnung des verschrifteten akademischen Gedächtnisses im Auge hatten, waren im Namen der Freiheit unterwegs. Der Philosoph Hegel wollte aus dieser Emanzipation der Aufklärung ein grundsätzliches Unterfangen stricken: Nichts Geringeres als ein System des menschlichen Wissens sollte es sein. Nun sind System aber Modelle einer Wirklichkeit. Jedes Subjekt verfügt aber über mehrere Modelle je emotionaler Verstricktheit. Was mir heute als ausgeschlafenem Geits sinnvoll erscheint, kann nach einem Streit im Büro, einem langen Stau und schlechtem Essen zu einer Unerträglichkeit werden. Ich habe diese Relevanzproblematik hier etwas ausführlicher beschrieben.

Das Problem an all diesen Vorhaben ist aber, dass Wissen nicht repräsentierbar ist. Repräsentation ist das Verhältnis zwischen einem Zeichen (Laut, Bild, Wort) und dem, was wir semantischen Gehalt (also Essenz einer Bedeutung) nennen. Nun ist es aber so, dass das Auge das Sehen nicht sehen kann und das Ohr das Hören nicht hören. Deshalb kann auch das Denken nicht das Wissen wissen. Dies ist ein so genannter kategorialer Fehler, in diesem besonderen Fall ist es auch gleichzeitig ein logischer Fehler. Man nennt ihn Zirkelschluß.

Wikipedia ist insofern keine Darstellung von Wissen sondern einfach eine Bibliothek online, die nicht in einzelne Bücher und damit in Perspektiven einzelner Autoren getrennt werden kann. Das erscheint zunächst als ein Art soziale Plastik. Aber die Menschen sind solche gemeinschaftlichen Werke nicht gewöhnt. Das hat zur Folge, dass sie improvisieren. Manche können das gut. Waren früher Buchdeckel zwischen den verschiedenen Meinungen sind es heute die dominanten Editoren bei Wikipedia, die ein lemma (einen Artikel) und die Änderungswünsche dazu überwachen und beurteilen. Es entsteht also das Gegenteil einer community of science, wie wir sie in den letzten Dekaden sogar interdisziplinär erlebten.  Zu Beginn durfte jeder auf der Landkarte des westlichen menschlichen Gedächtnisses seine Pflöcke einrammen und es entstanden heiße Debatten rund um Löschungsanträge und Änderungen. Heutzutage ist mit der Sonderstellung einiger weniger Editoren eine Hierarchie etabliert, die unter dem Vorwand der Übersicht für eine Reinigung sorgt. Das macht dann Sinn, wenn Idioten und Schwachköpfe ihre Kritzeleien vom Schulhof nach Wikipedia retten wollen. Es ist dann schwachsinnig, wenn andere Idioten die Mangelsituation bei Buchseiten oder Bücherregalen als Begründung für Begrenzung anführen oder noch sinnloser auf die Übersicht rekurrieren. Denn Übersicht erfordert einen Horizont, der den Sichtbereich einengt. Im Netz gibt es aber gar keine Dimensionen.

Und so argumentieren auch die anderen Schwachköpfe, die glauben, dass diese bisher nicht physikalisch beschriebene Welt im Web mit allem Denkbaren vollgeschrieben werden sollte. Wenn die Wikipedianer schlau wären, dann würden sie alles Mögliche zulassen und nach einigen Monaten des Monitorings feststellen, dass es Bereiche gibt, die sehr sehr selten genutzt werden. Diese Bereiche könnte man dann an alte, schlechter angebundene Serverfarmen übergeben oder in ein statisches Archiv überführen, wo sie gegen Geld oder andere sinnvolle Güter angesehen werden könnten oder auf ewig meditieren – bis ein guter Geist eine Änderung anfordert.

Dies wäre eine Abbildung des Lernens und Entlernens analog zum Menschen. Leider scheint aber bei wikipedia kein Konzept vorzuliegen, dass sich um den Kontext zwischen Lernen und Wissen kümmert. und so diskutieren weiterhin falsche Argumente gegen andere falsche Argumente und produzieren dadurch sachfremde Diskussionen, die niemandem helfen und einen sympatischen aber naiven Umgang mit menschlichem Faktenwissen dokumentieren, der wenig überzeugend erscheint. Es wäre vielleicht ganz gut, wenn mindestens einer der Verantwortlichen mal David Weinbergers Buch “everything is miscellaneous” liest. Wenn derjenige sich dann auch noch kleines bißchen mit den Begriffen Wissensrepäsentation und dem Zusammenhang zwischen Lernen und Wissen befassen würde, könnte man den Eindruck bekommen, dass das Verantwortungsgefühl der Wikimedia Foundation auch in wissenschaftlichen und sachgerechten Bahnen verläuft. Ich würde es dem Projekt wünschen. Im Moment verhält es sich so, als rufe es danach, dass endlich Konkurrenz auftaucht, damit es eine externe Evolution erfährt. Ich muss allerdings zugeben, das Evolution manchmal tödlich ist für einige Spezies.

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10 Kommentare

  1. Ja, es ist sicher ein Spiegel der verschiedenen Sichten und insofern auch ein Nachweis für die Relevanz des Sozialkonstruktivismus von Wissen. Man kann auch an Enkulturierungsprozess sozusagen im Stadium des Entstehens denken (in statue nascend). Das Problem bei Wikimedia ist allerdings, dass sie Heterarchien und Hierarchien noch nicht angemessen verbinden können, weil ihnen schlicht das Wissen fehlt. Das ist aber nicht deren Verantwortung. Akademisch geprägte Menschen sind vor allem deshalb in akademischen Bereichen erfolgreich, weil sie bestimmte Dozenten und/oder Doktorväter respektieren und deren Vorhaben teilweise unter Selbstaufgabe realisieren. Sie erhalten dann einen Teil der Deutungs- und Forschungshoheit, die die politische Kaste an sie weitergibt. Das ist ein Erbe aus der Welt der Arbeitsteilung und des citoyens gleichermaßen. Denn mit der Aufgabe, zu forschen erhalten sie eine enorme Freiheit, die nur durch den Zwang zur Publikation und zur Teilnahme an Kongressen ein Regulativ erhält. Es gibt also im Rahmen der Diskussionen rund um Artikel oder gar Löschungen keine Diskussionen, die auf dem Niveau zwischen den Artikeln bekannter Wissenschaftspublikationen laufen. Insofern ist Wikipedia ein halbes Ei. Man hat die Hierarchie der Wissenschaftswelt in Form der Doktorväter, die entscheiden, was in dem Kanon der Wissenschaftswelt einen Rang erhält. Es gibt aber keine Diskussion auf Augenhöhe, wo sich mehrere Versionen oder Modelle parallel behaupten, bis dasjenige mit höherem Erklärungsumfang sich durchsetzt. Insofern genügt Wikipedia nicht den modernen Ansrpüchen der Wissenschaftstheorie, da es keine funktionierenden Wettbewerb der Ideen gibt. Das ist schade, aber nicht so schlimm, wenn man gar nicht den Anspruch erhebt, den aktuellen Wissensstand in bestimmten Bereichen abzubilden. Aber es ist vor allem NICHT wissenschaftlich. Wenn man nun also das hohe Ross verläßt, dann muss man sich orientieren an einem pragmatischen Nutzwert oder eben patriarchalischen Vorgaben. Die Amis tun Ersteres, die Deutschen Letzteres. Die Folge: Wer englisch gut versteht, schaut zuerst auf der englischsprachigen Site nach und dann manchmal auch auf der Deutsche. So mache ich es und viele andere auch. Insofern kann man sagen, dass die deutsche Version eben eine andere Klientel adressiert. Sie ist mehr für Schüler und bildungsferne Schichten. Das ist aber glaube ich nicht intendiert. Die Menschen stimmen eben mit den Füßen ab.

  2. Wikipedia ist keine Enzyklopädie im klassischen Sinne. Enzyklopädien (versteht man diese als alltagsorientierte Einführung oder Hinführung zu höherem Wissen, oder als Deutungsmacht von Wissen) sind ebenso nur Mißverständnisse. Die aktuelle Debatte legt den Finger in die Tatsache, daß es keine Tatsachen gibt, sondern nur 6 Milliarden Weltperspektiven, die je nach Alkoholpegel und Grad der Magenfüllung auch noch schwanken können. Manchmal gibt es scheinbare Kohärenz zwischen diesen Weltperspektiven – und die Wikipedia könnte ein wertvolles Werkzeug sein, diese Kohärenz aufzuspüren, um diese 6 Milliarden Perspektiven einer konstruktiveren Nutzung zuzuführen, anstatt die Welt weiterhin durch die Mechanismen von Zwangsdeutungsmächten wie Kirche, Partei oder Verein wahrzunehmen. Das erfordert von den Admins der Wikipedia (in ihrer aktuellen Struktur) aber auch, auf ihren eigenen Anspruch von Deutungsmacht verzichten zu lernen – auch davon, was die Wikipedia ist (oder ihrer Meinung nach sein soll). Es ergibt sich übrigens bereits aus der Lizenz, unter welcher die Inhalte der Artikel der Wikipedia stehen, daß sie eine Kollektion multipler Weltsichten ist.

  3. Danke für den Satz “Wissen ist nicht repräsentierbar”, eine ewige und leidige Diskussion des “Wissensmanagements”,sofern es das überhaupt gibt :-) Bei Wikipedia geht es aber in der gegenwärtigen Situation um Macht bzw. Machtverlust ;-)

  4. Bin gerne dabei, was braucht Ihr für einen Input? Ich habe den Eindruck, dass es dort sehr wenig Willen zu Wissensmanagement gibt und die Idee der Hierarchie sehr gefeatured wird. Dort müsste wahrscheinlich zunächst grundlegende Arbeit gemacht werden, um den Editoren das Zerstörerische an planerischem Vorgehen aufzuzeigen. Das ist bei universitär-geprägten Leuten in Deutschland schwer, weil sie im Gegensatz zu den USA nur über Gehorsam zur Diss oder Habilitation kommen und diese Prägung dann auch z. Bsp. bei Wikipedia als pädagogische Maßnahme einzubringen.

  5. Die Wikipedia sammelt gegenwärtig Ideen zur Weiterentwicklung. Vielleicht willst du deinen Gedanken einspeisen. Die Hoffnung, durch neue Internetlexika (Forks der WP) neue Artikel loswerden zu können, hat die Administratoren der WP freilich bisher getrogen.
    Ich gehöre bei WP zu den Inkludisten und habe – unter WP-Namen – eine Art Löschmoratorium für Artikel von Neuwikipedianern vorgeschlagen. Es hängt aber alles am Verwaltungsaufwand.

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