Wikipedia: Crowdsourcing hat seine Grenzen – sozial und psychologisch
Das Großprojekt in Sachen Weisheit der Massen bekommt langsam Husten. Wikipedia hatte einst Kilometer von dicken schweren Lexika im Vorbeigehen aus den Wohnzimmern der westlichen Welt und bald auch der östlichen Welt geräumt. Zunächst wurden die dicken Wäzer wie die Encyclopedia Britannica oder der Brockhaus durch Microsofts Encarta ersetzt. Dann verschwand dieses heute weitgehend unbekannte Produkt von Microsoft unheimlich heimlich. Wikipedia ist das einzige bekannte Lexikon heute – wenn man die breite Masse der Menschen und ihre Nutzung als Maßstab hernimmt. Und Google ist der Portier, der alle Leute dahin schickt. Wer sich die Mühe macht, herauszufinden, wie der Suchriese die einzelnen Artikel von Wikipedia zu den Suchbegriffen wertet, der wird staunen. Man könnte denken, dass Google ohne Wikipedia keine wichtigen Inhalte mehr hat, auf die verwiesen werden könnte.
Wikipedia ist das Gedächtnis hinter Google – auch hinter unserem Wissen?
Vor allem die Damen und Herren, die sich SEO, also die Optimierung von Webseiten auf die Fahnen schreiben. Denn Wikipedia ist mitnichten darauf optimiert, dass die Seiten gut gefunden werden. Es verweisen einfach nur unheimlich viele Webseiten auf dieses Online-Lexikon. Es ist zur digitalen Referenz des heutigen Wissens geworden. Aber der Stern wird trübe.
Nach einem unglaublichen Anstieg an registrierten Nutzern und einem teilweise kaum nachvollziehbaren Run auf einige Themen, scheint der Zenith der kostenlosen Autoren erreicht. Mit über 3 Millionen englischen Artikeln, die Hunderttausende Autoren erstellt haben, verzeichnen die Hüter der englischen Variante einen Rückgang der Beteiligung. Wikipedia war immer das Paradebeispiel für Crowdsourcing. Was ist passiert?
Kann Wissen überhaupt ein Gemeinschaftsgut sein oder werden?
Farhad Manjoo hat im Time Magazine vom 23.09.09 Wikipedia mit einer Kaninchenpopulation verglichen, die die vorhandenen Vorräte aufgebraucht hat und einem dramatischen Zusammenbruch der Bevölkerung entegegensieht. Er erkärt, dass Wikipedia bis 2007 ständig neue Autoren bekam, die sehr viele neue Artikel schrieben. Seit 2007 jedoch wird der Zuwachs an Artikeln und Autoren merklich langsamer und erreicht ein Plateau. Das Gemeinschaftswissen scheint seinen notwendigen Umfang erreicht zu haben. Wissen wir nun alles, was wir wissen wollen?
Geht es nun nur noch in die Tiefe? Denn jetzt wird an vielen Stellen bis ins kleinste Detail hinein manchmal wie versessen diskutiert und verfeinert. Das schreckt einige ab. In einer NPR-Radiosendung gestern erklärte eine Autorin, die wie viele Autoren von Wikipedia einen akademischen Hintergrund hat, dass sie sich anmeldete, um einige grobe Fehler in einem ansonsten guten Artikel zu begradigen und nebenbei ein paar wichtige neue Fakten unterzubringen und grammatikalische Fehler zu beseitigen. Nachdem man alles wieder rückgängig machte, was sie veränderte hatte, wurden Teile ihrer Sätze umformuliert und unter anderem Autorennamen sozusagen zum Plagiat. Verschiedene Versuche, “ihre” Teile unter ihrem Namen zu “retten”, schlugen fehl.
Dieses Vorkommnis bebildert ganz gut, was passiert, wenn bestimmte Charaktere durch solche Angebote im Web angezogen werden. Sie erhoffen sich Anerkennung ihrer Arbeit, die sie vielleicht als Assistent oder Post-Doc sonst nicht bekommen. Aber gerade die besondere Art und Weise, wie unsere Gesellschaft diese Spezialisten züchtet, verhindert aber oft, das sie eine offene und gemeinschaftlich orientierte Arbeit zufriedenstellend abschliessen. Wikipedia is not amused, aber will man diese altgedienten fleißigen Bienchen einfach entsorgen? Und wenn wie?
Ist Wissen eine demokratische Tugend?
Die Tatsache, dass Wikipedia neulich erst eine Hierachie einführte, die es bestimmten altgedienten Nutzern erlaubt, ihre Sicht der Dinge durchzusetzen und neue Änderungen radikal zurückzustutzen, deutet auf zweierlei: Die Masse ist nicht deswegen weiser weil es viele sind, sondern weil es eine offene Plattform gibt und im großen und ganzen Toleranz geübt wird. So kann sich über einen längeren Zeitraum die Qualität der einzelnen Elemente verbessern, weil zunächst die Plätze (Ressourcen) genutzt werden, die noch nicht abgegrast sind. Wenn dann alle Plätze belegt sind, und die Prärie voller Kaninchen wimmelt, dann wird um jeden Zentimenter verbissen gekämpft. Ein ganz normale Stressreaktion bei sozialer Enge.
Zum Zweiten fällt auf, dass nur die Autoren einen langem Atem beweisen, die sich in etwas verbissen hatten und sich damit identifizierten. Wenn sie dann besonders lange an einem Thema arbeiteten, fühlten sie eine Art Verantwortung für Inhalte über den langen Prozess des Wachstums, der durch neue Dahergelaufene nur gestört wird, die meinen “im Vorbeigehen” die Welt ändern zu können. Diese Identifikation ist der größte Motivator und Feind der Crowdsourcingprojekte, denn er bedeutet geistigen und sozialen Stillstand ab einem gewissen Sättigungsgrad des Wissenshungers. Kasernenmentalität und Kadavergehorsam könnte man überspitzt formulieren.
Wir kennen das übrigens auch von den Beißreflexen, wenn jemand an so Granitpfeilern der modernen Welt rüttelt wie Parteien, Massenmedien oder Bildung. Dann kommen die watchdogs aus den Hütten und ziehen an ihrer Kette bis zum Letzten. Manche pfiffigen Zeitgenossen kennen die Länge der Kette genau und stellen sich einen Meter weiter und ketzen, was das Zeug hält.
9 Kommentare
Trackbacks
- Tweets die Wikipedia: Crowdsourcing hat seine Grenzen – sozial und psychologisch | digitalpublic.de erwähnt -- Topsy.com
- Wikipedia - Ein Spiegel der Zeit? | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0



http://de.globalvoicesonline.org/





Ich würde die Wikipedia nicht so schnell abschreiben, denn es ist weit und breit keine Alternative in Sicht. Das Lexikon ist praktisch ein Monopolist im Internet und kann sich als solcher (unfreiwillig) viel erlauben.
Die Klage, dass sachkundige Autoren praktisch zurückgewiesen werden, wenn sie bestimmte Artikel der Wikipedia auch nur graduell verbessern wollen, hört man in letzter Zeit öfter. Das ist zwar bedauerlich, aus der Binnensicht des Wikis aber auch verständlich: Lange Jahre haben sich (viele) Akademiker gescheut, an der Wikipedia mitzuschreiben. Jetzt, wo das Lexikon etabliert ist, kommen sie mit ihrem Wissen – und stoßen auf die trotzige Ablehnung der “Kämpfer” der ersten Stunde.
Das ist aber nur eine weitere Etappe, die es zu bewältigen gilt. Die Wikipedia könnte daran scheitern und so einem Konkurrenzprodukt den Weg bereiten (vielleicht Google “Knol”), oder eine tragfähige Synthese zwischen Quantität (der alten Kämpfer) und Qualität (neuerer Fachexperten) finden.
Ich schreibe Wikipedia gar nicht ab. Es geht nur um das Vorstellen von einigen Entwicklungen rund um das größte und bekannteste Crwodsourcing-Projekt der Welt. Es ist ja immerhin denkbar, dass es in anderen Kulturkreisen ganz anders zugeht als bei der englischen Wikipedia. Auch die Legionen von Büchern zu den digital natives fokussieren ja auch nur einen ganz bestimmten Kulturkreis und verallgemeinern dort extrem. Genauso könnte und sollte man hier daraufhinweisen, dass es sich um ein Phänomen in der westlich geprägten Welt rund um Akademiker handelt. Dass kann in andere sozioökonomischen und vor allem anderen geographischen Bereichen ganz anders sein.
Ich habe den Eindruck, dass Wikipedia in bestimmten Bereichen inhaltich stehen blieben könnte, weil neue Erkenntnisse und aktuelle Forschungsbereiche möglicherweise nicht ausreichend abgebildet werden können. Oder, was noch schlimmer wäre, vorherige Erkenntnisse, die noch aus der prädigitalen Ära der Wissenschaften stammen, als überholt bewertet werden, weil Publikationen ein zu altes Datum quasi als Malus mitbringen…
In summa: Der Prozess des Vertiefens und Bewertens ist weitaus schwieriger als das Zusammentragen von bloßen Fakten. Denn eine Diskussion über verschiedene Methoden und Verfahren von Forschung findet selten bei Wikipedia statt. Aber genau dieses “in statue nascendi” der Erkenntnisse zu einem Thema wäre als Reflektionseben am ertragreichsten für Interessenten.
Man kann sich also versteigen zu der Behauptung, dass – anders als bei den vielen Crowdsourcing-Wettbewerben zu einem gegebenen Problem – das Zusammentragen von Fakten und Informationen wie bei Wikipedia immer ein Blick in den Rückspiegel ist und mehr oder weniger weit in die Vergangenheit reicht. Denn disruptive Erkenntnisse in bestimmten Fachbereichen würden die alten Recken nicht durchlassen, weil es ihr Weltbild und damit ihr wissenschaftliches Fundament erschüttern könnte. Insofern kann man Wikipedia als hemmendes Element beim Erkenntnisprozess verstehen, trotz oder gerade wegen des Einbeziehens so vieler Köpfe und Herzen.
Ich weiß nicht! Ich habe auch einige Artikel bei Wikipedia beigetragen und in anderen Artikel editiert. Das habe ich nun keineswegs darum gemacht, um meinen Namen in der Wikipedia stehen zu haben, wiewohl ich sicher nicht frei von Stolz bin. Ich habe das teilweise getan, weil zu den Themen, zu denen ich geschrieben habe, bestenfalls in Fachbüchern etwas zu finden war, nicht aber in irgend einem Nachschlagewerk (inklusive Brockhaus und Schülerduden). Ich habe Artikel auch angelegt, oder verbessert, weil ich mir auf diese Weise über die entsprechenden Themen, die mich ja auch interessiert haben, auseinandersetzten mußte. Ich habe bei der Erstellung der Artikel gelernt.
Ich habe es auch erlebt, wie manche, aber nicht alle, Artikel, die ich angefangen habe, oder auch komplett überarbeitet habe, wiederum von anderen Autoren komplett überarbeitet wurden. Das mag auf den ersten Blick für mich als Autor schmerzhaft sein. Ich habe allerdings in der Mehrheit der Fälle festgestellt, das der Artikel dadurch besser geworden ist.
Wenn ich (inzwischen) bei Wikipedia kaum noch etwas mache, liegt es auch daran, das ich, jedenfalls momentan, kaum etwas neues zu schreiben hätte.
Wenn jemand, nur um des Ruhmes willen bei Wikipedia schreibt, macht er etwas falsch, und er/sie tut mir leid. Der größte Vorteil, den ich durch die von mir initierten und geschriebenen Artikel habe ist, das ich das, was mich an Denkarbeit gekostet hat, jederzeit wiederfinden kann.
Es ist wahrscheinlich sogar eher die Ausnahme, dass Leute dort nur etwas schreiben, um Ruhm zu erlangen. Aber es ist schon seltsam, dass wenig Frauen dort schreiben. Mein Artikel soll eigentlich ein Anlass sein, über das nachzudenken, was passiert, wenn mehrere an einem Artikel arbeiten. Welche Meinungen setzen sich durch? Die Meinung dessen, der am längsten Editor in diesem Themenfeld ist oder die desjenigen, der aktuelle und eventuell unbequemen Inhalte einstellt.
Was ist das überhaupt für ein Zustand, wenn ein Artikel besser geworden ist?
Du hast wohl recht, am meisten profitieren diejenigen, die aktiv zum Artikel beigetragen haben, auch und gerade, wenn ihr Änderungen wieder aktualisiert werden. Vielleicht sollte man aus dem Realtimeweb den Begriff des Flow oder Stream übernehmen für etwas, das wir bisher Wissen nennen und in Bücher einsperren…
Ich glaube, hier liegt ein weit verbreiteter Irrtum vor. Es gibt diese ominöse “Schwarmintelligenz” bei Wikipedia (zumindest nicht in der deutschsprachigen – aber zwischen den Sprachversionen trennen schafft ja leider kaum Jemand) gar nicht. Der Großteil der Artikel wird von einer oder wenigen Personen verfasst. Und diese sind meist sehr firm in ihrem Thema (schlimm ist es immer, wenn sie es doch nicht sind). Der Schwarm kommt dann in der Nachbearbeitung, bei der Rechtschreibung, der Grammatik, dem Ausdruck, den Transkriptionen. Hier ist der “Schwarm” sehr brauchbar.
Ich finde es immer wieder albern, wenn von Außen der Untergang der Wikipedia herbei geschrieben wird. Das wird es schon seit Jahren. und sie geht dennoch nicht an ihrem Inhalt unter. Im Gegenteil. Das Wachstum hat sich etwas verlangsamt – aber das ist auch gut so. Es ist jedoch nicht gestoppt. Dafür wächst die Qualität andauernd an. Es gibt immer Häufiger ein Engagement aus der akademischen Welt. Und das ist auch nötig. Es gibt kaum einen Studenten, der nicht als erstes in die Wikipedia schaut (und das ist auch völlig akzeptabel, es darf aber nur ein erster Einstieg bleiben). Nur müssen auch die Dozenten mehr tun anstatt nur meckern. Wikipedia bekommt man nicht mehr weg. Und auch die Dozenten, auch Lehrer, sind gefordert dafür zu sorgen, daß die Artikel das Niveau haben, das zumindest die Schüler, aber auch Studenten für einen ersten Einstieg brauchen.
Ich finde es schade, daß beispielsweise auch einer dieser Stelle hier noch nicht verstanden wurde, daß sich unsere Wissensgesellschaft ändert. Herr Wittkewitz, die Zeiten ändern sich. Das Internet revolutioniert alles. Auch das Wissen, auch die Bildung. Das kann man auch nicht zurück schreiben.
Schwarmintelligenz ist nicht dasselbe wie Crowdsourcing. Das würden Sie bei einem flüchtigen Blick bei Wikipedia bereits beim Querlesen erkennen können. Schwarmintelligenz gibt es überhaupt gar nicht bei Wesen mit höherer Intelligenz, also Lebewesen mit abstrakten Kognitionen. Die Übertragung dieser Koordinationlesitung auf Menschen läßt sich – wenn überhaupt – nur auf Bewegungsmuster im Raum übertragen aber nicht auch kognitive Funktionen mit Symbolen wie z.Bsp. das Schreiben.
Ich kann auch nicht erkennen, dass ich einen Abgesang auf Wikipedia verfasst habe.
Woher wissen Sie, dass ich mich außerhalb der Wikipedia befinde?
Ich war viele Jahr im Bereich Wissensmanagement tätig und kann ein bißchen beurteilen, inwiefern Wissen und Internet miteinander korrelieren. Die Anzeichen gehen nicht in Richtung Revolution.
Und den Begriff der Wissensgesellschaft als neue Evolutionsstufe der Dienstleistungsgesellschaft können sie eher auf Indien und China anwenden. Diese Entwicklung geht seit diversen Entscheidungen im u.a. Bildungssektor zu den Kosten eines Studiums (Semestergeld), Frontalunterricht wie im 19.Jhrdt, Angst als Motivator in Unternehmen sowie zögerlicher Abbau von Hierachien an Westeuropa vorbei. Es ist nicht das Internet sondern Offenheit und Freiheit, was Wissen fördert. Das das Internet ein hervorragendes Mittel ist, um Freiheit zu begrenzen durch Kontrolle und Überwachung, könnten sie wissen, wenn sie Russland, China, Iran, USA (patriot act), und nicht zuletzt unser Land etwas aufmerksamer betrachten.
Ich erkenne wohl ihren moralischen und gutmenschlichen Ansatz, kann das aber nicht realiter in der Masse der Menschen und vor allem im politischen Willen vieler Gesellschaften wieder erkennen.
Sehr gut beobachtet. Zwar findet sich diese Tendenz zum Archivieren des Bestehenden noch nicht überall in der deutschsprachigen Wikipedia, aber für ein Mitmachprojekt ist „die Verhältnisse zum Tanzen bringen…“, angesagt. Ich denke die Wikimedia Foundation hat das Problem erkannt und versucht gegenzusteuern. Es wird sicher nicht weltweit zu einem Stillstand kommen, in einigen Sprachversionen aber sicher schon. Die Frage ist jetzt nur, ob im deutschprachigen Raum die Tendenz eher in Richtung aufs Bewahren geht oder in Richtung auf Neues wagen? Denn letztlich ist die Wikipedia ein Spiegel der Gesellschaft.
MfG Robert