header
"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Wenn Netze werken

Der Aufenthalt und die Nutzung sozialer Netzwerke im Web werden immer wichtiger – sowohl auf individueller wie auch auf organisatorischer Ebene. Das passiert nicht zur Zufriedenheit aller. Widerstände und negative Reaktionen auf diese Netzwerke und ihre umfangreichen Potenziale sind keine Seltenheit. Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, hat vor ein paar Tagen das Ende der digitalen Privatsphäre ausgerufen und das Echo war geteilt. Das ist kaum verwunderlich. Nach einer bizarren Änderung der Nutzungsbedingungen im letzten Jahr hatte gerade Facebook eine sehr fein granulierbare Rechteverwaltung für hochgeladene Inhalte eingeführt. Das macht das ökonomische Nutzen der riesigen “Kundenzahlen” nicht eben einfacher. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Scam- und Hoax-Gruppen, die nichts anderes tun, als bei den sozialen Netzwerken ihre Werbebotschaften unter das Volk zu bringen.

Eigentlich kommt die Idee hinter diesen Netzwerken aus dem klassischen Verhalten, das wir schon seit Jahrzehnten im Geschäftsverkehr kennen: Endlose Kontaktlisten mit unzähligen Visitenkarten zu erstellen, um die eigenen Interessen mithilfe eben dieser vielen Personen durchzusetzen. Die Visitenkartenschnüffler haben schon früher durch intensive Sammelaktivitäten und aufgeregtes Schleimen von sich reden gemacht.

Was viele bisher nicht verstanden haben: Es geht eben in dieser enorm schnellebigen Zeit nicht mehr darum, einfach endlose Listen von Kontakten zu sammeln, sondern sich genau diejenigen Leute auszusuchen, von denen man aktuell viel lernen kann und mit denen man gemeinsam Probleme lösen kann. Verfügbare und offene Menschen mit den Fähigkeiten, die im Moment substanziell sind für eine Aufgabe, gilt es zu finden und zu binden. Die Kontakte an sich sind nicht besonders wertvoll – es geht um die Teilnahme an bestimmten Informationsumgebungen, Wissensflüssen und Experten-Communities. Die finden aber in den sozialen Netzwerken gar nicht statt. Dort geht es zumeist sehr privat zu. Manche sind sogar überlaufen von freelancern auf der Suche nach Aufträgen.

Mann kann aber in den ganzen Diskussionsforen, Gruppen, Fanseiten und Plattformen gar nicht erkennen, welche Fähigkeiten jemand “mit der Hand am Arm” – also im Projekt hat. John Hagel III fasst dies darin zusammen, dass er das Dilemma darin sieht, dass man via sozialem Netzwerk gar nicht auf das stille Wissen (tacit knowledge) also das Hintergrundwissen einer Person zugreifen kann, weil es sich eben gerade nicht in Zertifikaten und dem Auflisten von Stufen der beruflichen Laufbahn wiederspiegelt. An derselben Stelle, können unterschiedlich Menschen völlig diametral unterschiedliche Erlebnisse und Erfahrungen mitnehmen und diese wiederum ganz anders später umsetzen.

“weak ties” können nur durch gemeinsame Erlebnisse fruchtbar werden

Um solche Einschätzungen von Fähigkeiten vorzunehmen, nutzen “weak ties”, also lose Bindungen überhaupt gar nichts, weil man jemanden nur präzise einschätzen kann, wenn man sie oder ihn lange kennt. Große Datenbanken mit umfassenden Tabellen über Menschen helfen dabei wenig.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist die eigene Attraktivität. Ist eine Firma oder ein Projekt nicht nur erwünscht sondern erhofft oder gar als Auszeichnung bewertbar, dann leisten die Menschen ganz anders. Da helfen auch finanzielle Anreize wenig. Viele verstehen deshalb auch nicht, warum die – in qualitativer Hinsicht nicht immer überzeugenden, aber immer sehr teuren – Produkte von Apple einen reißenden Absatz finden. Sie sind einfach sehr attraktiv.
Wenn man das falsch versteht, dann wird Netzwerken zu einem schleimenden Manipulieren von künstlichen menschenähnlichen Profilneurotikern. Denn wenn der attraktiven Fassade keine attraktive Substanz entspricht, entsteht Wut, weil man den Betrug – und dadurch eine persönliche Beleidigung – spürt.

Aber es ist genau der andere Ansatz, der sowohl Apple (zumindest in Teilen) als auch den erfolgreichen Netzwerkern zum Erfolg verhilft: Es geht um das neugierige Herantasten an die Bedürfnisse des Gegenübers. Wie aber erfährt man die wirklich wichtigen, oft verletzlichen Schwachstellen einer Person? Es ist einfach, aber für moderne karrierebewußte Menschen fast unmöglich: Man muss sich selbst als halbgar, als unfertig, als verbesserbar darstellen und eigene Schwächen offen darlegen. Nur so ermöglicht man es dem Anderen sich auch in seiner ganzen Breite zu öffnen. Nur wer verletzlich ist, ist attraktiv für andere Verletzliche. Und auf dieser Basis kann ein offener Dialog über die klaren Anforderungen in einer gemeinsamen Kooperation entstehen. Das ist Netzwerken im postheroischen Zeitalter. Leider verstehen manche diese Offenheit als Dummheit und dreschen ihre Performance-Phrasen.

Wenn man aber erst einmal gemeinsamen Grund gefunden hat im Unperfekten und Verbesserungswürdigen, dann kann man gemeinsam die Stärken bündeln, und diese Schwächen angehen. Eine bessere Ist-Analyse als der neugierige und offene Umgang mit anderen ist kaum denkbar und zugleich die beste Basis für fundamentale Besserung. Denn wer sein Hintergrundwissen nicht genau kennt – und das trifft auf uns alle zu – der ist erst bei einer offenen Schilderung der Lage dazu imstande, seine Fähigkeiten und sein Wissen in praktischer oder theoretischer Hilfe einzusetzen. So funktioniert auch gutes Selbstmanagement.

So ganz nebenbei finden so auch fruchtbare Beziehungen statt, weil auf dieser offenen Basis auch Vertrauen entstehen kann. So eine Kooperation, die mit einer konstruktiven Arbeit auf der Basis eines offenen Umgangs realisiert wird, bindet die losen Enden von Personen anhand von gemeinsamen Erfahrungen zu einem echten Netzwerk, dass intuitiv sich immer an denjenigen wendet, der in bestimmten vergleichbaren Situationen die Sache zum besseren wendet. Diese Offenheit und Neugier ist ein soziales Netzwerk, das ohne Strom und touchscreen enorme Erfolge zeitigt. Und Facebook, Xing und Konsorten können das bleiben was sie sind: Gestelle die diese Qualitäten aufnehmen können, aber nicht hervorrufen.
Bildnachweis: Clara Natoli

Bookmark and Share

Post to Twitter Post to Delicious

7 Kommentare

  1. Es geht mir da weniger um den Gemeinsinn, als die Grundlage des Gemeinsinns, der darin besteht, die moderne Hybris der Wissenschaften hinter sich zu lassen und abseits der modellierten rationalen Welterklärung im HierUndJetzt mit anderen die Grenzen des Individuums einzusehen, anzuerkennen und das als Grundlage des koordinierten Tuns und Denkens zu begreifen.

    Ich kenne sehr viele Leute, die SNS wie Facebook nutzen um weit entfernte Freunde und Verwandte zu kontakten und dort auch den Kontakt zu halten, das ersetzt aber nicht den nahen Bekanntenkreis sondern ergänzt ihn “nur”.

    Slacktivism ist sicher kein dolles Mittel, aber in einer demokratisch gestrickten Geselschaftsumgebung ein Weg aus marginalen Minderheiten mehrheitsfähige Thesen und Modelle in die Mitte zu tragen. Ob das dort dann auch unmittelbare Auswirklungen hat, ist eh aus Sicht der langsamen historischen Bewegungen zu bezweifeln, aber auch die Montagsdemos in Leipzig haben nicht mit einem Big Bang begonnen und sind vllt. gerade deshalb so wirksam gewesen…

  2. “Wenn man aber erst einmal gemeinsamen Grund gefunden hat im Unperfekten und Verbesserungswürdigen, dann kann man gemeinsam die Stärken bündeln, und diese Schwächen angehen.”

    Klassischer Gemeinsinn? Altruismus? Homo Communities?

    IMHO je technischer, “schlauer” und zielgruppenzerfaserter das Lifenet wird, desto mehr saugt es dem Mensch- & Zusammensein die Energie und Initiative ab. Siehe zum Beispiel die ganzen Facebook-Slaves, die so schrecklich viel am Klicken & Checken sind, daß sie gar nimmer zum “Zusammensein” kommen.

    Zum gemeinsamen Grund noch: der Mousetivismus hat sich größtenteils als sehr zahnlos erwiesen. In einem Forum zu tasten oder großkortzig auf [iLike] zu klicken ist moderner Ablasshandel …

Trackbacks

  1. Tweets die Wenn Netze werken | digitalpublic.de erwähnt -- Topsy.com
  2. uberVU - social comments
  3. KoopTech » Methode » Jörg Wittkewitz über Bedingungen für Kooperation
  4. synapsenschnappsen » Blog Archive » Linkdump for 22. Januar 2010
  5. Wenn Netze werken

Schreibe einen Kommentar

Kommentar-Regeln - Rules Of Commentary:

Durch einen Klick auf den Absende-Button stimmt der Kommentierende folgenden Regeln zu:

  • Bitte möglichst reale Klarnamen verwenden (Im Zweifel Vornamen)
  • Keine persönlichen Angriffe

Substanzlose Kommentare, SPAM oder persönliche Angriffe werden gelöscht und ggfls. in Rechnung gestellt. By clicking the Submit-Button, you accept a 500 € fee for any comments that only publish advertisments for products or companies and do not refer to the article or other comments in terms of a discussion.