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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Von Web 2.0 zu Enterprise 2.0 – Die Anfänge -Teil I

Früher war das Web ein Haufen Seiten mit ein paar Links zu anderen Seiten – Hypertext genannt. Dann kam man auf die Idee, dass es ein prima Ort sei für das Ablegen von Informationen jeglicher Art. Alles wurde zum Thema. Aber auch durch die Verlinkung wurde aus diesen vielen Inhalten kein Wissen. Wikipedia ist heutzutage das Lexikon, also das kulturelle Gedächtnis des Internet. Obwohl viele Artikel kontrovers diskutiert wurden, erscheint es vielen als Referenz.

Firmen verfügen auch über eine Art Gedächtnis, das ist ein wichtiger Teil des Firmenwissens. Aber eben nur ein Teil. Denn was früher in Akten stand, liegt heute in Archiven und Registerschränken namens Retrieval- oder Suchmaschinen. Oft weiß jedoch ein unbekannter Kollege mehr über einen Vorgang Bescheid als man selbst oder die Daten in Archiven offenbaren. Dann führte man intern gelbe Seiten ein, also Listen mit Mitarbeiterprofilen. Das hilft beim Finden, aber hilft es auch bei der Kooperation? Menschen, die täglich im Web sind, sind da einen Schritt weiter: Sie sind vernetzt in Facebook, Myspace oder über Bookmarkdienste wie delicious oder gar Smart Bookmarking wie Qitera. Wie können Firmen das soziale Netz, das nunmehr Menschen und nicht mehr Seiten und Daten verlinkt, sinnvoll und effektiv im Büroalltag einsetzen?

Im Herbst 2005 ereignete sich bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW) eine kleine Revolution. Man hatte gerade für alle Mitarbeiter im IT-Bereich neue Features wie Wiki, Blogs und ein Instant Messaging – ähnlich wie ICQ – eingeführt. Sofort stellte sich heraus, dass eine ganz wichtige Funktion am Wiki fehlte. Man wußte nicht, wer gerade online war und daran arbeitete. Diese Form der aktuellen Übersicht darüber, wer gerade am Rechner saß, wurde aber dringend gebraucht. Denn Kollegen könnten dann bei Fragen zu einem Abschnitt oder einer Formulierung sofort über den Instant Messenger das Wissen auffrischen. Am 11.Oktober 2005 um 10:44 Uhr schrieb ein Londoner IT-Mitarbeiter folgendes in sein Blog:

… jetzt geht es darum, alles rauszuholen aus den neuen Funktionen: Die Anwesenheitsanzeige zum Beispiel könnte man leicht im Wiki einbauen, wenn man den Link unten zu einem Image-Tag hinzufügen würde. Das Icon könnte schöner sein, aber es erfüllt seinen Zweck.

Um 11:48 Uhr kommentiert ein Kollege diesen Eintrag:

Cool, Ich habe Deinen Link mal genommen und die Anwesenheitsanzeige in das Wiki eingebastelt. Ich lasse es Myrto [Lazopoulou, Chefin der Abteilung User-Centered Design bei DrKW] wissen und frage, ob sie es ein bißchen ansprechender machen können.

Innerhalb von 64 Minuten wurde eine Anwesenheitsanzeige realisiert, ohne Projektdefinition, ohne Planung, einfach direkt nach der Formulierung des Bedarfs folgte die Lösung und wurde dann der eigentlich zuständigen Person präsentiert. So beginnt der wichtigste Artikel zum Thema Enterprise 2.0 von Andrew P. McAfee im MIT Sloan Management Review aus dem Jahr 2006. Wie immer an so einer Stelle kommt nun der Einschub, wie denn nun Web 2.0 als gedankliche Grundlage von Enterprise 2.0 überhaupt begriffen werden kann. Wer will, kann also den nächsten Absatz getrost überspringen.

Die Ursprünge von Enterprise 2.0 liegen in Web 2.0

Früher wurde Information nur von einzelnen Großorganisationen verbreitet. Verlage, Rundfunkanstalten und große öffentliche oder private Institutionen verfügten über das Geld, ihre Inhalte in großer Auflage oder Sender zu verbreiten. Dann kamen der PC und das Web in die Häuser. Wieder dominierten Firmen wie AOL oder Yahoo den Zugang zu Informationen. Zu den Inhaltsmonopolen gesellten sich Zugangsmonopole. Analog verhielt es sich in den Firmen. Großdatenbanken lösten in den Siebzigern die Lochkarten ab. Man musste sein Zeit an dem Datenbankrechner quasi mieten. Ähnliches kennen einige von uns noch vom Abteilungsdrucker oder Druckerraum je Etage. Sie wurden dann durch das so genannte Client-Server Modell abgelöst. Ein Großrechner im Keller versorgt viele kleine (Clients) mit den nötigen Inhalten. Dann kamen viele System in den Achtzigern und Neunzigern dazu. Das Netzwerk unterlag den enormen Belastungen. Daher nutzte man nun einfach dieselben Netzwerkprotokolle und -dienste wie im Web. Das erleichtert den Umgang mit dem Client-Server Modell und es ermöglichte den Zugang zum Web von jedem Bürorechner aus, was früher nur ganz wenigen Abteilungen überhaupt möglich und erlaubt war.

Web 2.0 begann erst dann, als es einfach zu bedienende freie Software gab, die das Publizieren im Web praktisch jedem ermöglichte, der über einfache Computerkenntnisse verfügt. Wer mit Facebook umgehen kann, der kann sich auch bei blogger.de oder wordpress.com ein eigenes Blog erstellen. Und damit besteht nun die Möglichkeit, das einerseits jeder Inhalte schreiben kann und andererseits jeder Webnuter diese Inhalte lesen könnte. Wenn er die Website kennt. Aber mit Twitter kann man ja heutzutage jede Website in Sekunden im Weltall bekannt machen. Im Web wird mit den Füßen abgestimmt. Wer viel gelesen wird, erhält Anerkennung, vielelicht sogar Geld, da er oder sie Werbung auf dem Blog schalten kann und so ein Einkommen hat.

Herkunft und Einflüsse

Wir fassen zusammen: Frei zugängliche Netze, einfaches Publizieren und schnelles Bewerten der Inhalte durch andere Nutzer. Das ist im Groben der Kern von Web 2.0. Eigentlich muss man noch etwas wesentliches Hinzufügen, das 1998 mit Shawn Fannings Napster bekannt wurde: Die Idee per Peer2Peer-Netzwerk einfach Inhalte zu speichern, von denen keiner je sagen konnte, wo genau sie sich eigentlich in diesem Netzwerk aufhielten. Die Idee vom Netz als Betriebssystem – oder etwas schwächer ausgedrückt – als riesiger Datenspeicher war damit auf einen Schlag bekannt geworden. Dass es sich um MP3-Daten handelt, die dem Urheberrecht unterlagen, war ideengeschichtlich irrelevant. Und ein zweite Idee sollte man dazu denken: Open Source, also das Erstellen von hilfreicher, kostenloser Software zum Wohle aller. Auch hier war nur Anerkennung der Lohn. Allerdings muss man sagen, dass im Zuge der Open Source Bewegung sehr viel Geld verdient wurde mit Dienstleistungen und Anpassungen der Software. So philantropisch der Ansatz war und ist, weltfremd ist man dort nicht.

Wiki, Blog, Soziale Netzwerke wie Myspace oder gar RSS-Feeds: Das sind typische Begriffe für Anwendungen, die mit Web 2.0 in Zusammenhang gebracht werden. Warum gab es aber Web 2.0 nicht schon vor 10 Jahren?  Nun 1998 gab es schon Web 2.0 in Form von Ansätzen und Experimenten  (s.o)  wenn wir an Napster denken oder das gerade entstehende Mozilla-Projekt, das heute in Form von Firebird, Thunderbird und Open Office bekannt ist. Nur hat man damals die Werkzeuge gemeinschaftlich entworfen (Mozilla) oder gemeinschaftlich gespeichert (Napster). Web 2.0 jedoch fokussiert die Inhalte – den Content – und weniger die Tools. Man muss jedoch immer beides zusammen denken, denn ohne freie Werkzeuge wie beispielsweise WordPress oder Drupal wäre Web 2.0 undenkbar. Es handelt sich also um die Nutzung des Web mit freier Software zur Verbreitung freier Inhalte. Deshalb ist auch der Zugang per DSL, Kabelmodem oder UMTS oder ähnlichem so eminent wichtig. Denn das ist die einzige aber entscheidene Komponente, die noch nicht frei ist – abgesehen von einigen leider sehr vergessenen Projekten wie FreeWLAN oder freifunk.net.

Autor: Jörg Wittkewitz. Alle Rechte vorbehalten.
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Folgende Schlagwörter: Enterprise 2.0, Sozial, Web 2.0, Wissensmanagement

2 Kommentare

  1. Hi Günter, ich wollte dir erst antworten, wenn der zweite Teil draußen ist: Da ist er. Marketingbegriff stimmt bei einigen Firmen sicher. Die Idee verliert aber dadurch nicht an Wert. Denn das stupide Beschleunigen von Arbeitsabläufen durch IT hat nun hoffentlich ein Ende. Weil man mit anderen zusammen sinnvoller, effizienter und vor allem unterstützend tätig wird. Die Bewertungen der eigenen Inhalte können motivieren, weil Anerkennung eine der wenigen Motivationen sind, die wir zur Arbeit mitbringen. Was der Chef nicht leistet, kann dann das Team übernehmen und was das eigene Team nicht versteht, dass nutzt dann dem fremden Kollegen aus einer anderen Abteilung. Der wiederum gibt mir auch positives Feedback. Kann nicht schaden. Wir werden sehen wie es umgesetzt wird. Die ersten Erfolge sind da, siehe Daimlerblog…und vodafone.

  2. Ich halte Web 2.0 ja für einen Marketingbegriff. Allerdings liest man überall, das diesen Begriff ein Mitarbeiter eines Computerverlages namens O’reilly für eine Messe ersonnen hat. Also war es wohl mehr der Versuch, einen Trend zu gründen. Ist offensichtlich geglückt. Jetzt zumindest versteh ich ein bißchen mehr, wo es her kommt, aber was es ist, ist mir immer noch nicht so richtig klar. Ich hoffe, du schreibst das noch in deine nächsten Teile. Weil Wiki und Blog kann es ja nicht sein. Wie soll ein Firma damit effizienter werden, frage ich mich und wann hätte irgendeiner die Zeit, da was reinzuschreiben und was vor allem?

    fragt sich

    Günther Wehrmann

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