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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Was uns wirklich krank macht

Es ist mal wieder soweit. Die Mahner treten gegen die Wünscher an. Fast wäre ich vor Ermüdung eingeschlafen als ich in der FAZ (wo sonst?) den kritischen Artikel vom eigentlich geschätzten Geert Lovink zum Thema Zeit und Informationsüberflutung via Web las. Bei solchen Artikeln überegt man manchmal doch glatt, ob man nicht noch eine Versicherung abschließt, z.B. bei den Kollegen von TopTarif (zur Seite). Man kann nie wissen, ob nicht doch mal ein Mensch vor Langeweile stirbt. Da ist die Rede von einem externen Zwang zu Echtzeitplattformen wie twitter und facebook. Da ist auch die Rede von all den Informationen, die zwar nicht das Hirn, aber unsere Zeit vermanschen. Auf die andere Seite der Wünscher haben sich Leute wie Clay Shirky und Jeff Jarvis gestellt und werfen mit ihrer Zuversicht und Hoffnung um sich, dass es nur so Feenstaub regnet…
Das Thema Informationsüberflutung ist nirgendwo besser studierbar als bei diesen beiden Gruppen der Ewiggestrigen. Sie haben so viele Bücher gelesen, Studien verfasst und Studentenarbeiten korrigiert, dass ihnen vor lauter kleinsten Differenzierungen Ablagerungen im persönlichen Wissenshorizont passiert sind. Mentale Plaque, an der die immer gleichen Ideen hängen bleiben: Man nimmt nur das als Information, was das eigenen Weltbild stützt.
Man kann sich den persönlichen Wissenshorizont wie ein Flussbett vorstellen. Der Strom der Informationen und Daten knabbert anfangs an den Ufern, wenn aber erstmal große Überschwemmungen Auen geschaffen haben, dann ist das gesamte Flußbett auf ein überschaubares Gebiet beschränkt, weil die Geschwindigkeit herabgesetzt ist durch die Kurven des Mäanderns. Mit Glück wächst dann das Wissen in der Breite.

Leider befleißigt sich bisher keiner fluidmechanischer Betrachtungen. Denn in der tiefen Mitte fließt der Fluß am schnellsten. Das erklärt auch, warum aus den bekannten Mündern nur noch bekannte Ansichten wiedergekäut werden.

In der Folge kann man behaupten, dass Expertise darin besteht, dass Experten nur wenig Informationen aus einem Schwall an Daten benötigen, um ihre kristallisierten Meinungen bestätigt zu sehen. Sie sind daher sehr schnell im Einordnen, aber sie sind auch die Sklaven ihres impliziten Wissens. Denn der Experten-Hintergrund ist ein sehr tiefes Flußbett, dass das Vorbeirauschen der Inhalte extrem beschleunigt.

Informationsverarbeitung ist im Gehirn bisher noch nicht postmechanistisch beschrieben worden. Die Ideen Zuses werden zunehmend von den Netz- und Intelligenzexperten auf Information und die Entstehung von Wissen angewandt. Aber es gibt keinerlei Anlass zu glauben, dass Wissen dadurch entsteht, dass Daten mit anderen Daten solange kalkuliert werden, bis Wahrscheinlichkeiten als Metadaten entstehen und damit quasi als Emergenzphänomen neue Zusatzinformation aus dem Nichts auftaucht. Allein der Gedanke, dass das Gehirn Informationen verarbeitet kann sich ja nur auf Sinnesdaten beziehen. Und spielt es keine Rolle, ob die im Fernseher, an der Straße oder auf der Kirmes einströmen. Das Problem könnte sein, dass Information nicht mehr als reines Außenweltsignal sondern nur noch als codifizierte Sprache oder gestaltete Filme oder Fotos auf uns einströmen. Dies sind dann vermittelte Reize, die nicht unmittelbar der Außenwelt sondern der Innenwelt anderer Menschen entspringen. Das in der Tat ist ein Problem, dass wird nur noch Gedanken und ästhetische Gestaltung als Reize aufnehmen. Da wird die Kultur zur Monokultur. Da hilft einfach ein Spaziergang im Wald. Aber da sind wir schon wieder bei dem grundsätzlichen Problem, das nicht erst seit dem Web entstanden ist. Die städtische Kultur nimmt sich besonders wichtig, weil sie enorm mit Bedeutung aufgeladen ist. Das Netz transportiert diese sensuelle Deprivation, die mit ästhetischer Überreizung einher geht in alle Ecken der Welt. Aber daran ist nicht das Netz schuld sondern die Gläubigen der Religion der Information. Dass diese Religion eine Sekte ist, steht außer Frage. Ob wir deren goldenem Kalb huldigen, bleibt jedem selbst überlassen.

Lovink jedenfalls verharrt mit dem italienischen Netzintellektuellen Franco Berardi weiterhin bei den Grabenkämpfen. In diesem Fall gegen die marktliberalen Kräfte, wenn er den Italiener in der FAZ folgerndermaßen zitiert: “Im Marktwettbewerb müssen wir stets die Ersten und Besten sein. Was wirklich krank macht, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.“ Das ist nett gegenüber den Bedeutungsvermanschungen die Schirrmacher mit seiner Hirnvermanschung in die Welt tragen will. Aber es verstellt noch immer den Blick auf den Kern: unseren Umgang mit den mentalen Absonderungen der Mitmenschen. Es ist nämlich keineswegs so, dass man gezwungen ist jede Meinungsäußerung oder jedes Angebot zur Kommunikation einzuordnen. Es sei denn, man hat Angst etwas zu verpassen. Das allerdings ist eine längst bekannte behandelbare pathologische Eigenschaft des modernen Menschen. Einige Intellektuelle haben sie längst mit Lyotards Buch über das Postmoderne Wissen von 1979 behandelt: Man bewertet Wissen und seine Vorstufen einfach nicht mehr als Ware. Das könnten endlich auch mal andere probieren. Es hilft sehr gut gegen Zwangserkrankungen und Phobien. Und man kann getrost den Zeitgeist seine Bahnen kreisen lassen, ab und zu kommt er wieder mal vorbei und man kann ihm zuwinken.

Bildnachweis: FlyingPete

Crossposting von netzpiloten.de

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5 Kommentare

  1. Das mit dem ‘Köcheln’ ist sicherlich richtig, nur geht das nach dem Witwe-Bolte-Prinzip: ‘Wofür sie besonders schwärmen, ist Altes ewig aufzuwärmen’. Es ist also gerade kein frischer Diskurs, der dort vor sich hin köchelt, sondern ein betäubend duftender Eintopf aus gut abgehangenen Mantras oder käsig gewordenen Glaubenssätzen. Von Haute Cuisine verstehen insbesondere die Geisteswissenschaften heute nichts mehr, obwohl sich die C-IV-Meisterköche dort unentwegt untereinander Michelin-Sterne verleihen und auch ab und zu mal den Habermas als Gegenpapst zum erschröcklichen Voodootum eines chaotischen Zeitgeistes auf die Rampe rollen. Sie haben Begriffe, aber nichts begriffen …

  2. Man könnte denken, dass die lustlos zu gespielten Bälle auf den vermeintlichen Gegner dazu dienen, ein Theater für Leser und Gesellschaft aufzuführen, um einen intellektuellen Diskurs auf kleiner Flamme zu köcheln, denn man immer wieder mit Versatzstücken aufkochen kann, wenn mal ein Thema in basale Strukturen oder gar die Existenzfrage abzugleiten droht…

  3. Es gibt ein kathedergestütztes Monopol auf beamtete Informationsauswertung. Das allerdings ist extrem bedroht – anders ausgedrückt: Die Kiste mit den angegangenen Mandarinen riecht immer fauliger.

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