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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Wachstum – There must be some kind a way out of here – Smart Growth Manifesto

Pest und Cholera regieren die Gazetten. Die Finanzkrise. Und schon schwingen sie sich wieder auf, das fahle Ergebnis des jahrelangen Lebens auf Pump erneut in die bewährten Hände der Geldverleiher in den großen Glastürmen zu legen. Allen voran die Volksvertreter. Da werden Scharaden gezeigt und bizarre Maskentänze aufgeführt. Und der alte Schlachtruf geht um:

Wir haben derzeit alles unter Kontrolle.”

growthWer an dieser Aussage zweifelt, tut dies in trauter Zweisamkeit bei einem Chablis nach dem herrlichen Steinbutt im schnuckeligen Restaurant um die Ecke. Noch immer bekommen Bankmitarbeiter Bonuszahlungen und auch die Cayennedichte nimmt nicht ab. Zugegeben, die abendlichen Tagesschau-Zahlen tröpfeln aus allen Branchenrohren. Aber ankommen tut bisher wenig. Das täuscht gewaltig. Erleben wird doch gerade das Ende eines gewaltigen Drogenrauschs. Oder glauben Sie, dass man jahrelang völlig nüchtern auf drei Bildschirme gleichzeitig schauen kann und dabei noch Dutzenden Kunden Devisen, Derivate und Wagenladungen an Schweinehälften verhökert?

Das glauben Sie nicht? Es kommt noch besser: Ich verstehe nicht, wie sich Menschen für Hunderte Euro eine XBOX oder Playstation3 kaufen, um dort eine Kaugummigitarre anzuschließen, die aus einem Stück Plastik und sechs Tasten besteht. Für das Geld kann man sich eine sehr gute echte Gitarre kaufen und noch 10 Stunden Gitarrenunterricht dazu. Aber viele haben eines unterschätzt. Bei den GuitarHeros kann man schicke Töne sozusagen in einem Nachmittag hervorzaubern. Kostet praktisch keine Kraft und es ermöglicht das sichere Ausblenden der eigenen Grenzen. Man erlebt sich mit seinen bescheidenen Fähigkeiten gar nicht selbst, sondern nur das sklavische Einhalten von vorgegebenem rhythmischen Tippen und Anschlagen von Tasten – inklusive direktem Feedback, wie weit man von der Vorgabe entfernt ist. Null Chance zu einer Art Interpretation oder Improvisation. Da würde man dann auch gleich seinem Selbst begegnen. Wer will das schon?
Oder um es mit John Elster zu sagen:

Handlungen der Selbstverwirklichung steigern sich stetig: Sie werden angenehmer, je mehr man sich bereits mit ihnen beschäftigt hat. Genau Entgegengesetztes trifft auf den Verbrauch zu. Um anhaltendes Vergnügen durch Konsum zu erleben, ist eine Vielfalt der Reize notwendig. Dies jedoch ist andererseits ein Hindernis zur erfolgreichen Selbstverwirklichung, weil es einen davon abhält, reifere und lohnendere Stufen des Handelns zu erleben.

Genauso haben sich die vielen heißgelaufenen Mitarbeiter aus nicht wenigen Branchen verhalten. Genau das wurde von den Kunden erwartet und durch niemals endende Kredite finanziert. Die Diagnose scheint mittlerweile klar, der Turbokapitalismus ist nicht an dem Rausch oder der Geschwindigkeit gestorben sondern er verschied an völliger Substanzlosigkeit. Da wo ein Rückgrat oder Skelett hätte sein können, befand sich einfach ein Mechanismus, der bei Nachfrage ein stabiles Knochengerüst simulierte. Da kaum einer nachfragte, wurden aus der Simulation mit der Zeit alle Erinnerungen an den eigentlichen Mechanismus gelöscht. Das Vorbild, dass es nachzuahmen galt, war entwichen wie die Luft aus einem alten schrumpeligen Ballon. Die Gitarre mit sechs Saiten und einer 65cm langen Mensur zum Teilen der harmonischen Obertöne wurde in eine Schreibmaschine zum Umhängen verwandelt. Es besteht kein Kontakt mehr. Statt der Verbindung aus Gehör, Händen und der Gitarre wurde eine Transaktion zwischen den Fingern und zwei Variablen eines Datenbankfeldes: TRUE oder FALSE.

Wenn man dem zurzeit wohl wichtigsten jungen Denker der westlichen Hemisphäre, Umair Haque, Glauben schenken kann, dann liegt unser Heil wieder in einer Rückbesinnung auf Wachstum. Und zwar kein simuliertes Wachstum und auch keine Überschwemmung an Transaktionen sondern etwas Neues.

Smart Growth Manifesto

In seinem SMART GROWTH MANIFESTO, beschreibt Haque vier Säulen einer neuen Bewegung, die sich dem Wachstum verschreibt. Wir wären gut beraten, hielten wir uns daran:

  1. Ergebnisse – nicht Einkommen. Dummes Wachstum generiert dummes Einkommen – und sind wir heute reicher als wir gestern waren? Kluges Wachstum kommt durch Menschen und zeigt, dass es ihnen besser statt schlechter geht. Wachstum besteht nicht darin, wieviel Kram eine Wirtschaft ausstoßen kann. Kluges Wachstum misst die Ergebnisse von Leuten – nicht nur ihre Einkommen. Sind die Menschen gesünder, fitter, klüger und glücklicher? Die Volkswirtschaften, die einfach nur nach Finanzzahlen bewertet werden, das haben wir auf die harte Tour erfahren, scheitern häufig darin, Bedeutung zu schaffen, außer für die wenig Mathematiker unter uns. Es sind die greifbaren menschlichen Ergebnisse, die die Meßlatte der authentischen Wertentwicklung sind.
  2. Verbindungen – nicht Transaktionen. Dummes Wachstum achtet darauf, was durch die Rohre der Weltwirtschaft fließt: der Umfang des Handels. Sinnvolles Wachstum schaut darauf, wie und warum Rohre geformt werden, und warum einige wichtiger sind als andere:  die Qualität von Verbindungen zählt. Das neue Wachstum schaut nicht auf Transaktionen auf der globalen, regionalen oder nationalen Ebene – zum Beispiel wieviel der Welthandel gewachsen ist –  sondern darauf, wie lokale und globale Beziehungen Erfindungen und Innovationen antreiben. Ohne die Beziehungen des silicon valley, die die Entwicklung der Computerwelt und des Internets antreiben, wäre der Umfanges des Handels zwischen Taiwan, Japan und China nur ein Bruchteil dessen, was er  ist. Kluges Wachstum bemüht sich, Verbindung und Gemeinschaft zu stärken – weil das Ziel nicht gerade darin besteht, nur zu verkaufen, sondern etwas gemeinsam zu erschaffen und zusammenzuarbeiten.
  3. Menschen – nicht Produkte. Das nächste Mal, wenn Sie einen Ewiggestrigen hören, der über “das Produkt”, spricht, sagen Sie ihm, das 20. Jahrhundert endete bereits vor einem Jahrzehnt. Smartes Wachstum wird nicht dadurch angetrieben, Produkt nach vorne zu pushen. Vielmehr geht es um Sachkenntnis, Hingabe und um die Kreativität der Leute. Was ist der Unterschied? Alles. Die Globalisierung, die von sinnentleerten McJobs gesteuert ist versus die Globalisierung, die durch kluges Unternehmertum, Risikokapital und radikale Innovation geprägt ist. Menschen statt Produkte bedeutet einen neuen Fokus auf die Beweglichkeit der Arbeit und Arbeiter, Investition in Menschen, Arbeitsmarkt-Standards und Leistungsfähigkeit des Arbeitsmarktes. Kluges Wachstum wird nicht durch das Kapital angetrieben, das die niedrigsten Arbeitskosten sucht, sondern dadurch, dass die Arbeit die Macht erhält, genau dass Kapital zu suchen, das den Arbeitenden am besten unterstützt beim Kreieren, Erfinden und Erneuern.
  4. Kreativität – nicht Produktivität. Oh,oh: Kreativität ist ein unanständiges Wort im wirtschaftlichen Kontext. Warum? Weil es schwer zu messen, zu managen und zu formen ist. Stattdessen konzentrieren sich Wirtschaftswissenschaftler lieber auf Produktivität – und die Folge ist dummes Wachstum. Kluges Wachstum konzentriert sich auf kreatives Wirtschaften – weil Kreativität das ist, was uns mitteilt, dass Konkurrenz neue Werte schafft, anstatt gerade die alten Wert untereinander auszutauschen. Was ist kreatives Wirtschaften? Die Antwort liegt darin, wie viele neue Industrien, Märkte, Branchen und Segmente eine Wirtschaft erschaffen kann. Denken Sie, dass China die Welt retten wird? Denken Sie lieber nochmal darüber nach: Es ist wirtschaftlich produktiv, aber es ist alles andere als wirtschaftlich kreativ. Kluges Wachstum ist kreativ – nicht bloß produktiv.

Kapitalismus 2.0 kann nicht betrieben werden mit Wachstum 1.0: Das ist der Grund, warum das Rennen um kluges Wachstum unabwendbar ist. Der ökonomische Druck ist einfach zu groß – das Potenzial der Wertschöpfung in einer durch Wertevernichtung zerfetzten Welt.

Und zum Schluß ein Beispiel für die Verbindung dessen, was in der Welt 1.0 nicht ging, viel Spaß:

Autor: Jörg Wittkewitz. Übersetzung des Texts von Umair Haque durch Jörg Wittkewitz. Alle Rechte vorbehalten. Small Growth Manifesto ist ein Text von Umair Haque, der im Blog von Harvard Business Publishing unter folgender URL erschienen ist: http://blogs.harvardbusiness.org/haque/2009/01/davos_discussing_a_depression.html
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Folgende Schlagwörter: Die Gesellschaft, Kritik, Politik

1 Kommentar

  1. Leider kennen nur wenige in Deutschland Haque, also ich kannte ihn nicht, habe aber jetzt mal rumgegoogelt. Scheint ja ein ganz aufgewecktes Kerlchen zu sein. War überrascht, dass sich Harvard solche Paradiesvögel leistet. Wie auch immer, in Europa sehe ich derzeit schwarz für einen Neuanfang. Die meisten – und da schließe ich jetzt mal viele “Experten” mit ein – verstehen so einen Ansatz gar nicht, weil er gleich auf ihr Leben direkt durchschlagen würde. Die haben da eine mentale Mauer, damit solche Denkunmöglichkeiten nicht ihr Reihenendhaus zerstören in seiner Unmöglichkeit, Sinn zu stiften. Darauf will der Haque ja wohl raus: es soll Sinn machen. Hier macht noch der Papst den Sinn und für die ganz liberalen ist es vielleicht der Ulli Wickert. Beide sind intellektuell einige Lichtjahre von solchen Gedanken und deren Konsequenzen entfernt. Ob das in den USA klappt? Auch da habe ich so meine Zweifel, ehrlich gesagt. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Schönes Wochenende trotzdem

    Günther

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