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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Verleger schaffen sich selbst ab: Wie Massenmedien zu Nischenprodukten werden

Aosta

Photo: ClaudioT

Neulich auf den Zeitschriftentagen setzte ein Jurist aus dem Hause Kirch das Verleger-Leistungsschutzrecht analog dem Leistungsschutzrecht der Werkvermittler, das die besonderen Leistungen im technischen und wirtschaftlichen Bereich schützt. Kein Wunder, denn Rundfunk ist sehr teuer. Die Sendeanlagen für Radio oder Fernsehen verschlingen Millionen und werden alle paar Jahre mit oft fadenscheinigen Begründungen vollständig ersetzt. Wer die jahrelangen Diskussion um die digitalen Videoformate und Codecs bei Videokameras der öffentlichen Sender verfolgte, wird verstehen, dass solche Grabenkriege, die nicht selten mit besonderen Beziehungen zu Lieferanten zu begründen sind, enorme Kosten verursachen.

Da die deutsche Bevölkerung per Gesetz zur Bezahlung solcher Eitelkeiten verpflichtet wurde, läßt sich dagegen nicht rechtlich vorgehen. Auch bei den Diskussionen um die neuen HD-Standards oder das digitale Radio rund um die EBU-Empfehlungen und die Süppchen der diversen europäischen Rundfunk- und TV Sender wird offenbar, wie wenig die Interessen der Konsumenten – oder neudeutsch – Nutzer bzw. user bei Entscheidungen in Betracht gezogen werden.

Man könnte es mit den Aufwänden im Druckmaschinenwesen vergleichen. Zumindest tun das die Verleger. Ich glaube, dass der Vergleich hinkt, aber due Crux liegt ganz woanders. Denn das Leistungsschutzrecht der Werkvermittler schützt nicht deren Texte im Netz. Ein Film oder eine Tonaufnahme sind einfach teurer und aufwändiger als das Schreiben eines Artikels. Es sind mehr Menschen beteiligt, es gibt mehr Schaden, wenn es nicht klappt; und man kann nicht einfach – wie beim Textdokument des Autors – die Aufnahmen 1:1 ins Netz stellen. Man braucht den Schnitt, eine Erzählerstimme, das enorm teure professionelle Equipment (eine TV-Kamera kostet mindestens 8-20.000 Euro ohne Objektive, die gerne ab 10.000 erst anfangen; ein Tonstudio beginnt erst bei 50.000 EUR überhaupt den Namen zu verdienen.)

Nun sollen also laut Koalitionsvertrag die Verlage im Web nicht schlechter gestellt sein als andere Werkvermittler. Damit sind Film- und Musikproduktionsfirmen sowie die Rundfunkanstalten gemeint. Diese genießen für ihre besonderen Leistungen rund um die Produktion oder die Verbreitung der Inhalte den Schutz des Urheberrechts. Eigentlich schützt dieses Gesetz zunächst die enge Bindung des Werks an den Urheber.

Dieser tritt aber bisher nicht direkt mit dem Endkunden in Kontakt. Außer im Internet, denn nur dort ist das bundesweit und sogar global möglich.

Das Urheberrecht räumt dem Urheber keinen unmittelbaren Anspruch gegen den Nutzer (Konsumenten) des Werkes ein, sondern nur gegen die – zumeist gewerblichen Verwerter des Werkes, die ihrerseits die dem Urheber zustehende Vergütung auf das von den Konsumenten erhobene Entgelt (Kaufpreis, Eintritts, GEZ etc.) umlegen.

Wenn aber mit dem Internet die technischen Hürden für die letzte Meile zum Kunden quasi kostenlos überbrückt wird, dann kann jeder mit einem Blog, einer günstigen Verkaufsplattform wie Books on demand/Amazon und die eigener Werbung mit selbst gestalteten eigenen Bannern bei einer Website der eigenen Wahl zum Verleger werden, oder gar durch Mundpropaganda. Dann wird es taghell in  den Chefetagen einiger Großverlage, die bisher durch das Bündeln vieler Artikel und Themen ein Produkt bastelten, das zwar große Reichweite bedeutet, aber jeder musste Dutzende Artikel mitkaufen, die er oder sie nie lesen würde. Im Web aber wird der Autor ohne großen organisatorischen und wirtschaftlichen Aufwand selbst Verleger – und dient mit seinem Thema demjenigen, der eben nur das lesen will. Soviel Kundennutzen bei derart geringen Kosten ist verdächtig. Da muss Mutti helfen mit dem Leistungsschutzrecht. Aber ist der Schutz als Werkvermittler überhaupt schlau gewählt?

Da die Radio- und Fernsehsender ihre Inhalte auch ins Netz stellen, müssten sie also auch besondere Leistungsschutzrechte erhalten für diese günstige Zweitverwertung im Netz – und zwar für die Texte UND die Filme und Tonbeiträge. Denn ein Text ist ein Text, seine Gestaltung als Fernsehbeitrag oder Radiofeature ist noch eine zusätzliche (bereits leistungsgeschützte) Leistung mit hohem personalen und wirtschaftlichen Aufwand.

Die Verleger springen also sehr kurz, wenn sie glauben, dass sie sich einen Gefallen damit tun, jeden einzelnen Satz unter dieses Leistungsschutzrecht zu stellen, im Versuch das Zitatrecht oder gar das Paperboy-Urteil des BGH auszuhebeln. Wobei ich immer anmerken muss, dass es keine hoch qualifizierte oder extrem aufwändige organsatorische Leistung ist, bestehende Text im Netz zu publizieren und zu verbreiten, wie Millionen von Amateurwebsites zeigen, die zum großen Teil in erstaunlicher technischer Qualität Texte veröffentlichen. Einstellen von Texten in CMS, die es ja in hoher Qualität als Open Source gibt, wäre somit keine schützenswerte Tat.

Allein die Texte selbst liefern den enormen qualitativen Vorsprung mancher Webpublikation vor anderen. Nicht umsonst gewinnen daher selten die Websites großer Verlage die Online-Grimmepreise. Denn auch dort beim Kürlaufen der Onlineangebote haben die Verlage nicht immer klare Vorteile vor den Amateurprojekten bzw. genossenschaftsähnlichen Autorengemeinschaften.

Wenn es also so ein Leistungsschutzrecht gäbe, dann müssten die Verlage ihre Texte verbarrikadieren. Denn die öffentliche Meinungsbildung findet zu einem großen Teil unter Verwendung öffentlich zugänglicher Inhalt statt. Wer aber einen Text nicht in die Öffentlichkeit bringt, der genießt auch nicht den besonderen Schutz für veröffentlichte Werke, die ja als Grundlage für öffentliche Meinungsbildung gedacht sind. Wenn Zeitungen bestimmte Nachrichten nutzten oder Inhalte zitieren, die exklusiv von Sendern kämen, und wenn diese auch auf den Websites veröffentlicht würden, dann müssten die Verlage als gewerbliche Nutzer dafür zahlen. Oder die Sender gründeten eine neue Verwertungsgesellschaft für ihre Inhalte, die sie (unter großem organisatorischem und technischem Aufwand?) im Netz verbreiten. Der Verlag müsste dann nachweisen, dass sein Inhalt noch vor dem Webauftritt des Senders online war, um diesen Zahlungen zu entgehen? Das Alles erscheint eher wie der ewige Krieg zwischen Verlagen und den öffentlich-rechtlichen Sendern – die Blogger und die Netzcommunity sind wohl nur Nebelkerzen als gezielte Desinformation.

Die Verleger argumentieren weiter, dass nur sie marktreife Produkte anbieten können, da nur sie das wirtschaftliche Risiko des Produzierenlassens von Inhalten und das Publizieren im Netz beherrschten. Wie oben bereits angeführt lesen aber viele Menschen lieber die Kommentar ihre Freunde zu einem Thema. Interessante Inhalte können also nicht nur von professionellen Journalisten  stammen sondern sind zunehmend auch Produkte der Leser selbst – ob als Posting bei twitter, als Statusmedlung bei sozialen Netzwerken oder in Langform auf einem persönlichen Blog.

Das Zusammenbündeln verschiedenster Inhalte zu unterschiedlichen Themen als “Produkt” ist aber im Online-Markt gar nicht interessant, weshalb Hundertschaften von Ökonomen und Experten den Verlagen klarzumachen versuchen, dass das Heil der Online-Publikation nur noch im Special-Interest-Bereich liegt (Aktieninformation, Ratgeber, Prono etc.). Und wenn Verleger glauben, dass ihr Bauchladen im Netz nicht konkurrenzfähig ist zu den Spezialdiensten, dann haben sie Recht. Aber ist es vor allem deswegen, weil jeder seine eigene Meinung im Netz formulieren und publizieren kann.

Das Netz ist eben ein Konversationsmedium geworden. Die Verleger glauben noch immer, das Netz sei eine Art digitales Papier. Das mag in bestimmten Bereichen stimmen, wo das Netz als Archiv gilt, siehe Wikipedia, aber auch und gerade dort bewegt sich der Informationsfluß. Danah Boyd hat gestern auf der Web 2.0 Expo erklärt, dass die Zeiten vorbei sind an denen es feste Publikationsformen im netz gab, die analog zur gedruckten Welt funtktionieren. Die Inhalte und Nachrichten fließen durch das Web und verändern sich dabei ständig. Jede Zusatzinformation , jede Expertenmeinung erweitert eine Nachricht oder einen Artikel in multidimensionaler Weise. Wer will, der kann sich eine Momentaufnahmen als PDF-Seite oder eben als HTML-Seiten ausdrucken oder als Website statisch machen. Der Kern des Netzes ist jedoch der Meinungsbildungsprozess vor den Augen aller im besten fluidmechanischen Sinn: In der Mitte des Flusses ist die Fließgeschwindigkeit am höchsten. Wer das Wasser anhalten will begeht einen logischen Fehler und ist nicht geschaffen für etwas, das ständig in Bewegung ist. Heraklit hatte es schon vor langer Zeit erkannt: “phanta rhei” – alles fließt.

Wenn die Verleger aber meinen, sie wollen ihre Momentaufnahmen des öffentlichen Willens- und Meinungsbildungsprozesses als besondere Leistung schützen lassen – nur zu. Das Wasser sucht sich andere Wege, es fließt immer zu Tal und überwindet jeden Widerstand. Im Zweifel wird es einfach das gesamte Geschäftsmodell der Momentaufnahmen wegspülen.


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5 Kommentare

  1. Naja, man muss den Journalisten zugute halten, dass viel von ihnen heute dieselbe Arbeit verrichten, die früher 2-5 Journalisten taten. Das ist weder förderlich für die Recherche noch verbessert sich so die sprachliche Qualität. Außerdem muss man bedenken, dass mehr als 60% der meisten Zeitungen auf der Basis von Agenturmedlungen entstehen – oft nur mit leichten redaktionellen Änderungen. Es sind also zumeist Redakteure und nicht mehr Journalisten, die in den Zeitungen sitzen. Nicht ohne Grund wird die journalistische Arbeit ausgelagert an Freie von denen nicht wenige oft mit Wissen der Redaktionen für Firmen und Verbände tätig sind.

    Ich habe früher auch für Firmen und Magazine geschrieben und kenne viele meiner Kollegen, die die Interessenskonflikte nie empfunden haben bzw. sie zu Geld machten, manche mit und andere ohne Skrupel.

    Gerade Redaktionsbüros, die Beilage oder Sonderhefte redaktionelle vorbereiten bzw. realisieren sind da nicht selten näher an PR Agenturen als am Verlag. Und dann gibt es noch starken Einfluß bestimmter Werbekunden, Freunde von Verlegern oder Verbände, die teilweise sehr tief in den redaktionellen Alltag und die Heftplanung eingreifen. All das ist schon seit Jahrzehnten so. Aber je mehr Onlinequellen erscheinen, die für ein Thema stehen, desto besser werden die Vergleichsmöglichkeiten. Oft ist es nicht der Preis sondern die inhaltliche Tiefe, die für kleine unbekannte Zeitungen und Blogger sprechen. Insofern zähle ich die rührigen kleinen Projekte aus der Verlagswelt in der dritten Reihe heute mehr denn je mit einigen Bloggern zusammen zu einer neuen Idee der Inhaltevermittlung:

    “Journalism as a word is loaded because of the ministry it invokes. The
    profession that, since Watergate, has laid claim to it. That ministry is
    now a diaspora. Much like after the Gutenberg revolution the ministry
    lost its authority in interpreting the bible. Martin Luther showed us
    how. In reaction many journalists cling even tighter to that word. What
    we need to preserve isn’t newspapers. I’d argue it isn’t even
    ‘journalism’ as we understand it. What we need to save is something
    else. Something more fundamental. The ability for communities to be
    informed with honest information and then to mobilize based on that
    information.”

    David Cohn (spot.us)

  2. Sehr gut geschrieben, bei dem Tempo was das Wasser z.Z. an den Tag legt dauert es nicht mehr lange und wir werden sehen ob die Verlage im Wasser stillstehen können.

    Die Verlage recherchieren mir nicht mehr genug, es gibt viele Blogs die zwar weniger Artikel am Tag schreiben aber dafür nicht nur den scheiß den die andere Zeitung schon gebracht hat. Wenn man sich die heutigen Artikeldurchliest wird man schnell feststellen das alle nur noch das gleiche schreiben es kommt nur drauf an wer die Geschichte als erstes geschrieben hat. Die anderen kopieren, Zitieren und verwerten ohne Quellenhinweise oder Links.

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  1. stilstand» Blogarchiv » Beerdigung der Öffentlichkeit

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