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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

SpiegelOnline stolpert durch die Mediendebatte #qualitätsjournalismus

Ich kann es nicht mehr hören, lesen oder riechen. Die Einen schreiben den finalen Rettungsschuß für die Zeitungen oder gleich das Böse schlechthin in Form aller Massenmedien und die anderen, tja, also die schreiben eigentlich noch weitaus dünneren Kaffee. Ein gutes Beispiel ist Konrad Lischkas Text auf Spiegel Online. Ich lese seine Beiträge auf telepolis machmal sehr gerne. Umso verdutzter war ich als ich eine Art Beitrag der kleinen PR-Agentur am Rand der Stadt las, wie Thomas Knüwer es wohl nennen würde. Kunde ist wohl die Massenmedien KGaA…

Da wurde dem Damokles sein Schwert aus ihm seiner Scheide rausgezogen und man fuchtelte wild vor den plattgedrückten Nasen der Endzeitstimmungsblogger.

zukunftSein Vademcum des guten Mediums startet klassisch: Stärke die Position Deiner Gegner. Naja, zumindest erklärt er uns, dass es gerade trés chic ist auf Zeitungen und Massenmedien einzudreschen. Muss wohl ein Reflex aus den dunklen Zeiten der gleichgeschalteten Medien sein. Wenn man allerdings die weitgehend parallel geschalteten Medien der letzten Jahre betrachtet, die nicht selten als Distributionskanal für die dpa-news daherkamen, könnte man fast Verständnis mit der Häme haben. Hat Herr Lischka nicht. Dieses dunkle Kapitel der Diskussion um Qualitätsjournalismus bleibt unberührt. Ein Schelm, wer da an den Auftraggeber denkt. Und ein Schelm, der nicht seine Brötchen als Freier Journalist verdient wie Herr Lischka. Denn das, bei allem Respekt, kann man nicht seinem Mut ankreiden, sondern muss in eine ethische Betrachtung derselben Medien einfließen, die er später noch verteidigen wird. Wes Brot ich ess, dieses traurige Kapital hat ja auch die Redaktion von Zapp und einige andere schon erleben dürfen, wie es einem so geht, der mit journalistischer Tiefgründigkeit das eigene Nest nach Flecken absucht und auch noch fündig wird. Herr Lischka wird nicht fündig, soviel sei schon mal verraten.

Und so reibt sich der Leser des Lischka-Texts verwundert die Augen über das folgende Kapital namens “Nur Massenpresse schafft Öfffentlichkeitsdruck”. Ich erspare dem geneigten Leser meine persönliche Meinung zu diesem Präludium der Medienverklärung. Zu den Vor- und Nachteilen der Konditionierungstendenz der Meinungsbildung durch monopolisierte Mediengiganten schreibe ich auch nichts. Zu all den Opfern eben der Lokalzeitungen schreibe ich auch nichts. Ich beziehe auch keine Stellung zu all den gut gemeinten, aber schlecht gemachten Parteinahmen der Journalisten in der Hydraulik der großen und kleinen Politik. Ich halte es da eher mit Hanns-Joachim Friedrichs und überlasse es dem geneigten Leser, die gute Fee des Lokaljournalismus auf ihn oder sie wirken zu lasssen. Zum Glück hat da jeder so seine Erfahrungen gemacht.

Mich treibt ja ein anderes Kapitel um, dass die ganze Bandbreite des intellektuellen Vorgehens des zweiten Jahrtausends kennzeichnet. Es geht um das Thema Facebook und seine lächerlichen Nutzerbedingungen, die hier in ihrer amerikanischen Formulierung weitgehend unwirksam und peinlich sind für ein Unternehmen, dass 500 Millionen Dollar Venture Capital an ein etwas einfältiges Kind verschenkt hat, das noch nicht mal einen fähigen Anwalt von einer Lampe unterscheiden könnte…

Konrad Lischka erkennt in der Skandalisierung der Änderungen der Terms of Use durch www .theconsumerist.com, dass nur das Abgreifen dieses Blogeintrags von Digg (einer Newsplattform ähnlich wie Google News, nur 1367 Mal besser weil von Nutzern zusammengestellt und nicht von Algorithmen) durch das Wall Street Journal so eine große Sache draus wurde.

Tja, Herr Lischka. Ihnen ist das Verständnis für so eine manuelle Newssuche durch echte Menschen nicht nachzuweisen. Es ist auch nicht einsichtig, wieso er soviele tweets auf twitter zu diesem Thema finden sollte bevor das WSJ auch nur einen Krümel Buchstaben zum Thema veröffentlichte. Das wäre ja Recherche gewesen. Und das darf in Deutschland nur ein amtliches Mitglied des Netzwerks Recherche. Herr Lischka ist keine Massenmedium, deshalb konnte er die Relvanz seiner Quellen nicht einschätzen. Es ist ihm auch nicht klar, was das soll, wenn Menschen gemeinsam in den Abertausenden Informationen im Web rühren und in Interessengruppen und -clustern genau die Infos austauschen, die sie als relevant erachten über Blogs, Twitter, identi.ca, mysapce und facebook selbst…

Die Hoheit über ein amtlich verteiltes Inhaltsatom gebührt allein dem Massenmedium. (siehe §987 Relevanzverfassungsgesetz RVerfG) Daher ist das nur massenmedial bestätigte Inhaltsatom in seiner Jemeinigkeit vollständig ontologisch begründet. Ein Zweifel oder gar eine Kritik an dem Absolutheitsanspruch kann nicht außerhalb eines Massenmediums formuliert werden, weil es dann ja von niemanden außer ein paar versprengten Webaktivisten gelesen würde. Da dies außerhalb des amtlich verbrieften demokratischen Auftrags der Massenmedien stattfände, wäre es also quasi ein Qualia der Webbewohner. Da solche subjektiven Wahrnehmungsqualitäten aber nicht in  Schrift und Sprache codifizierbar sind, wäre damit der Nachweis für die Sinnhaftigkeit und lebensbegründende Existenz von der einzigen Relevanz schaffenden Instanz namens Massenmedium ex negativo begründet. Ein Glück, dass er noch nie etwas von Search Advertising gehört hat. Wahrscheinlich ist er einer der drei Internetnutzer, die noch heute auf Bannerwerbung klicken…

Herr Lischka schreibt über Social Media wie ich über Shagya-Araber schreiben würde. Sehr seltsam. Er versteht sich als IT-Journalist. Ist wohl sogar ein Kollege, der auch für heise schreibt. Hm.

Sollte ich ihm erklären, wie in vernetzten Teilöffentlichkeiten Relevanz entsteht. Sollte ich ihm erklären, was der Unterschied zwischen Bedeutung und Relevanz ist? Nein, das wäre arrogant. Außerdem verdiene ich viel Geld mit diesem Wissen. Warum also so etwas hier inflationieren. Lauschen wir lieber dem Meister selbst:

Fazit: Der Grundkonsens, was relevant ist, entsteht heute im Web im Prinzip nach dem alten Massenpresse-Prinzip. Es gibt keinen Mechanismus, der die Relevanz frei verfügbarer Informationen erkennt – das übernehmen Menschen. Und sie finden Gehör, wenn sie sich in einem Medium vor einem leidlich großen, unbestimmten Publikum äußern. Ohne Massenpresse hätte so schnell niemand die Brisanz der Facebook-AGB erkannt oder von der umstrittenen Entfernung einer israelischen Fahne bei einer Demonstration in Duisburg erfahren, über die zuerst das von Journalisten betriebene Blog Ruhrbarone schrieb.

Soso, das alte Massenpresse-Prinzip des seeligen Heraklit wird hier wohl gemeint sein pantha rhei oder welches meint er wohl? Etwas das mit dem alleinigen Recht, öffentlichen Druck auszuüben per Lokalteil? Oder? Also nochmal: Im chaotischen rosa Rauschen des Web entsteht sozusagen top-down die Relevanz durch Massenmedien und die Inhalte kommen aus dem Web von niederen Lebewesen wie Blogs à la theconsumerist.com oder noch niederen Web 2.0-Aggregatoren wie digg…Und emporgehoben werden diese Amöben durch König Midas Berührung, Verzeihung durch König Mediens Berührung zu einem Leben als komplexe Kreatur unter uns wahren Intellektuellen.

Fazit Wittkewitz: Ohne Blog hätte die WSJ einen Scheiss von den Änderungen der AGB erfahren, ohne die Nutzer von digg, hätte das WSJ einen Scheiss erfahren, was die digg-Nutzer nach ganz oben gewählt haben (Er versteht wirklich nicht wie die Relevanz entstanden ist)). Und ohne WSJ hätte es einfach eine andere Zeitung vernutzt, die auch das teure dpa-Abo gegen das billige digg oder rivva eingetauscht hat.

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Folgende Schlagwörter: Krise, medien, Rezension, Social Media

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