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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Sozialolympiade: Der Fall Mario Raab… ähm, nein Stefan Barth

Immer wenn ich meinen Sohn besuche, begegnet mir die Fernsehwelt. Ein Paralleluniversum, das sich irgendwo zwischen Schulhof und Schichtwechsel eine soziale Nische eingerichtet hat. Mein Sohn ist zwölf und schaut samstags die Sendung “Schlag den Raab”. Nicht, weil sie total super oder spannend wäre, aber von Donnerstagnacht bis Sonntagabend haben die Sender alle einen Nichtangriffspakt. Keiner zeigt etwas Interessantes oder Spannendes und alle kommen mit den geringstmöglichen Kosten durchs Wochenende und können gleichzeitig die höchsten Werbeumsätze verbuchen, weil uns mündigen Bürgern nix Anderes einfällt außer Komasaufen, Grölen im Chor in rundlichen, halboffenen Gebäuden oder sogar deliktischen Vergehen. Wer diesen herrlichen Tätigkeiten aus bildungsnahen Gründen oder mit anderen Entschuldigungen fern bleibt, der muss ins Theater, sich im cocooning üben, wenn er oder sie frisch verliebt ist (oder sogar beide), Essen gehen oder eben fernsehen.

bario-maarthBei dieser Sendung sieht man Mario Raab und Stefan Barth in einer Person umeinander hüpfen und sich darin üben, so zu tun, einige exotische Sportarten oder Spiele nicht zu kennen. Ein Studiogast, der das postmoderne Bild des perfekten Athleten in Beruf, Freizeit, Familie und sozialer Kompetenz abgibt, empfiehlt sich als Projektionsfläche für all die Wünsche und eben auch gehemmten Aggressionen, die der nicht ganz so athletische Normalmensch statt jener Überangepasstheit mit sich herum tragen muss.

Dieser Mensch, der kein sozialer oder gar mentaler Athlet ist, konnte am letzten Samstag erkennen, was passiert, wenn die Effizienzgäule mit der Menschheit durchgehen. Ein frömmiger Jünger der Bruderschaft der Klassenbesten hatte sich aufgemacht, dem Allzeitklassenbesten, der mittlerweile seinen Ehrgeiz in eine Millionen-Euro-Maschine verwandelt hatte, in einen Haufen normalen Menschen zu verwandeln.

Wir konnten Zeuge sein, bei der Metamorphose eines egomanen TV-Stars der bildungsfernen Schichten zum bemitleidenswerten Welterklärer, der um die Ecke an der Bushhaltestelle den kleinen Mädchen seine bierfahnengeschwängerte Deutung der politischen Geschehnisse anvertraut.

Das wollte die TV Nation nicht. Ein Männchen, das alle Tugenden der Tapferkeit und Weisheit auf sich vereinte. Zugegeben, die Gerechtigkeit und das Maßhalten waren nicht sein Metier. Aber wer in einer Gesellschaft aufwächst, in der das Maßhalten beim Sport oder der Schule als Schwäche gilt, der kann gar kein glücklicher Mensch sein, wenn sein Gehorsam den vorgegebenen Leistungspfaden der Küchen- und Schulpädagogen folgt.

Und auch in der Arbeitswelt, wird mittlerweile die Arbeit von acht Schultern auf vier verteilt und zusätzlich noch das Pensum erhöht, mit dem süffisanten Zusatz, das im Ausgleich aber auch die Qualität der Arbeit deutlich erhöht werden müsse.

Wir waren alle Zeugen eines charakterlichen Infarkts, der mustergültig genauso in Hunderten Familien, Schulen und Firmen abläuft. Es kommen nur die Menschen nach oben, die sich genauso verhalten wie eben jener Hans-Martin.

Wer diesen Unsympath aus vollem Herzen gehasst hat, der tat das, weil er ein Archetyp für das ist, was marktliberale und reaktionäre Kräfte als Wille zur Leistung bezeichnen würden. Er selbst hat nur das getan, was in der Arbeitsplatzbeschreibung dieses Abends stand: Mach den anderen platt und gewinne die Belohnung dafür.

Viele Zuschauer haben in dafür gehasst. Aber all die, die auch ihre Freizeit zum Schlachtfeld des Leistungssports, die einen Sportverein zur privaten Olympiade umgestalten oder ihre Familie zu sozialen Höchstleistungen zwingen, die werden in einfach als einen von ihnen erkannt haben.

Es sind die Leute, die im Brioni-Anzug mit gegeltem Haar in ihren Porsche-Jahreswagen steigen und sich jahrelang für die Schmach des Eckenstehens auf dem Schulhof rächen – mit Höchstgehorsam bis zur Höchstleistung. Und dann kommt die fürchterliche Rache als Abteilungsleiter, Chef oder eben Hans- Martin.

Es liegt an uns, solches Verhalten mit Geld zu belohnen. Wir hätten die Mittel, leistungssüchtige Menschen therapeutisch zu behandeln. Es gibt gute Therapien.
Die Beste ist – keine Belohung. Wie wir aus der Wissenschaft der verhaltenbasierten Ökonomie wissen, sind die Ergebnisse von Menschen mit hohen Belohungen deutlich schlechter als die Ergebnisse der Leute, die nur eine mittlere oder gar keine Belohnung erhalten.

Vielleicht ist es auch gut, wenn Leute besonders heiß laufen, sie einfach mal kalt zu stellen. Aus der Distanz eines sabbaticals sieht manches anders aus. In einer Gesellschaft, die solche Süchtigen produziert, die jedes letzte Tröpfchen Adrenalin aus ihren 24 Stunden quetschen, kann auf Dauer nichts anderes als ein großer Haufen Hans-Martins zu werden.

Die, die sich besonders ertappt gefühlt haben, haben ihre Abscheu natürlich am lautesten dargestellt. Sie sollten die ersten sein, beim überprüfen der Tatsache, ob sie ihre eigene Persönlichkeit bereits bis zur Unkenntlichkeit mit sozialen Rollen, Trainingseinheiten oder Gutmenschentum profiliert haben

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1 Kommentar

  1. das bild finde ich cool :)

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