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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Soft Skills 2.0 – Wenn zuhören nicht reicht…

Jetzt erreicht das Thema Social Software die Firmen. Wir haben schon lange Wikis, höre ich welche murren. Was schreibt der da?

Ein Wiki ist ein Werkzeug, um gemeinsam Themen kontinuierlich zu bearbeiten. Gute Wikis ermöglichen sogar das Darstellen des inhaltlichen Wachstums zu bestimmten Themen. Sowas kennen Sie nicht?

Hören Sie denn nicht zu? Hört Ihr Wiki nicht zu? Bei Ihnen in der Firma werden nur die Änderungen mitgeloggt. Wer wann an welcher Stelle etwas verändert hat. Und die alte Version wird abgelegt. Wird sie sicher abgelegt und ist nachher durchsuchbar? Kann man später genau sehen, wer an welcher Stelle gute oder schlechte Inhalte eingefügt hat, die dann verschwanden? Wurden Probleme eines Projekts einfach getilgt?

Ihr Wiki kann also gar nicht zuhören. Es ist nur ein wachsender Kollegblock und ein Protokoll über fast jeden (erwünschten) Eintrag…

hafenWirklich zuhören

Social Software sollte doch aber soziale Fähigkeiten abbilden oder zumindest ermöglichen. Kennen Sie eine soziale Fähigkeit, die für den Aufbau von Wissen und Verständnis besser geeignet ist als das Zuhören? Ich meine damit nicht das Hinhören und gleichzeitige Schweigen. Ich meine eine Atmosphäre, die es dem Gegenüber ermöglicht, ihre oder seine Sicht der Dinge darzulegen.

Was das soll? Menschen tendieren dazu anzunehmen, dass alles, was sie sagen dazu verwandt wird, sie einzuschätzen. Das ist nicht falsch, aber nur die halbe Seite der Medaille. Einige sind ganz verrückt auf Beachtung. Sie reden viel, um irgendwie Wertschätzung zu erlangen. Wer ihnen zuhört, gibt ihnen das Gefühl, wichtig zu sein. Andere sind vorsichtiger. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Meinung ihnen vorgehalten werden kann.

Manager haben das gelernt und einige neigen dazu, das Zuhören zu simulieren. Das kann darin gipfeln, dass sie eine vertrauensvolle Atmosphäre erschaffen können und Mitarbeiter sich sicher fühlen. Manchmal klappt das gut, auch wenn es gar nicht wirklich echt ist. Viele merken von sich selber gar nicht, dass es nicht authentisch ist. Das hat zur Folge, das sensiblere Gemüter diese Gesprächstpartner meiden. Die anderen merken auch bald, dass man immer dann willkommen ist, wenn man kein Problem “mitbringt”. Solche Aspekte werden leider in den leidigen Diskussionen um Unternehmenskultur ausgeklammert. Sie erscheinen zu marginal. Und gerade die extreme Fokussierung vieler Personaler auf Formalitäten, die einerseits abprüfbar und anderseits leicht dokumentierbar sind, verschärfen solche Entwicklungen noch.

Es kann noch schlimmer kommen, wenn das Gegenüber die Probleme öffentlich darstellt, um einen Kollegen oder Mitarbeiter zu diskreditieren als jemanden, der mit seinen Problemen “wohl nicht selbst zurecht” kommt oder gerne mal Probleme hat.

Oder wenn der Vorgesetzte nach einiger Zeit zum Mitarbeiter kommt, ihm jovial auf die Schulter klopft und feststellt, dass mit der Zeit sich irgendwie alles von selbst zurecht rückt. Das ist besonders dann schlimm, wenn beide wissen, das eine sehr lange Zeit verstrichen war, bevor man den Mut fasste, zum Kollegen oder Vorgesetzten zu gehen.

Auch das schweigende Zuhören mit verschränkten Armen und der Hinweis, man würde sich der Sache annehmen, bis man dann im Newsletter oder in einer großen Diskussionrunde wieder davon hört, natürlich anonymisiert, aber alle Beteiligten wissen, wer da was “geplappert” hat – auch das steigert nicht das Vertrauen in Vorgesetzte, Kollegen und Mitarbeiter.

Und wer jetzt glaubt, diese Vorgehensweisen würden in kleinen Firmen weniger oder mit neuen Chefs besser werde, der irrt. Gewohnheiten und Umgangsweisen in Organisationen sind weitaus stabiler als es den Anschein hat und befinden sich in einer anderen Kategorie als die Menschen. Früher hätte man das noch mit Systemtheorie erklärt und Elemente und Strukturen herbeizitiert, die solche immanenten Phänomene erklären sollten. Man hätte verwiesen auf etwas Immaterielles, das im sozialen Körper stecke.

Eine andere Schule hätte erklärt, dass Sprache Knoten in Relationsnetzen bilden würde. Da wäre dann die Kommunikation innerhalb von Abteilungen oder ganzen Konzernen auf Herz und Nieren geprüft worden.

Es ist dabei deutlich, dass in all diesen Tätigkeiten einfach nur eine weitere Abstraktionsebene eingeführt wird, die die Terminologie enthält die die Herren und Damen Systemtheoretiker und Sozialkonstruktivisten und Wortspieler bestens beherrschen. Das macht ihnen das Bauen von Erklärungs- und Handlungsmodellen so einfach.

Das was vor ihnen liegt, wird vollständig in einer Infaltion von Bedeutung zweiter Ordnung aufgehoben und so nimmt das Delegieren von Mißständen an die Spezialisten seinen verhängnisvollen Lauf.

Zurück bleiben die Mitarbeiter, Vorgesetzten und Kollegen. Zurück bleiben auch viele ungesagte Wörter und Ideen, weil das Vertrauen zerstört ist, weil es nie bestand oder weil es opportun ist, keins zu haben.

Um es mit Rachel E. Happe zu sagen:” In a world where things are speeding up, this is one area where we need to slow down or we won’t actually hear anything. It’s not about getting bigger ears, it’s about getting a bigger heart.”

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Folgende Schlagwörter: Arbeitswelt, Die Gesellschaft, Die Kommunikation, Konzepte, Kritik, social software, Sozial, Wissensmanagement

2 Kommentare

  1. Den Menschen geht es immer um den Menschen, im abstrakten und im manifest-materiellen Sinne. Er oder sie kann darüber nicht hinaus. Ich verstehe den Begriff Marktübersättigung nicht ganz, es gibt noch 4 Milliarden Menschen, die Markt kaum kennen, da kann man eigentlich nicht von Übersättigung sprechen. Viel mehr von einer katastrophalen Konzentration der Märkte. Und dieser Wahn nach Spezifikation in allen Dimensionen des modernen Denkens verliert den aktuellen, historischen und sozialen Kontext per Definition und ist auch noch stolz darauf. Es gibt und gab andere Bewegungen die Marcel Mauss und auch Dürkheim gezeigt haben…

    Der Feedreader ist so eingestellt, dass er immer nur die Titel plus Kurzusammenfassung enthält. Er erfüllt damit nur die Funktion eines Push-Mediums als Angebotsübersicht. Ganz nach der reinen Lehre des Internet sucht sich der Feedabonnent dann das raus was interessiert und landet auf dieser Seite und belohnt den Autor vielleicht mit einem Kommentar…

  2. Der Punkt ist doch, es geht hier um den MENSCH :) Nicht mehr und nicht weniger.
    Erleben wir durch die allgemeine Marktübersättigung in allen Sektoren nun einen Umschwung in dem wieder der MENSCH als solches mit seiner Persönlichkeit im Vordergrund steht und durch Vertrauenswürdigkeit und Liebe zu seinen Mitmenschen “gewinnt” ?

    Das mag nun überspannt klingen, gerade deswegen weil man damit ja sagen möchte dass es in der Vergangenheit nicht so wahr, was wiederum irgendwie schockierend ist…

    Transparenz & Co.

    PS: Ist das hier so eingestellt dass mein FeedReader immer nur die Headline oder so runterlädt? Is bissl nervig :/

    Viele Grüße
    Tobias

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