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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Sloterdijk schreibt das Manifest der Leistungspfleger

kroenchen

Im Jahres des Herrn 2009 bekannte sich Petrus zu einem durchschnittlichen Sommer. Alles lief seinen gemächlichen Gang. Die Bevölkerung stöhnte unter der Abwesenheit des Wahlkampfs. Anfang Juni war noch keiner vor dem dräuenden Sommerloch in südliche Gefilde geflohen. Da entwarf eine bekannter Sprachwissenschaftler, der seit vielen Jahrzehnten um Anerkennung in der akademischen Philosophie kämpfte, einen neuen Gesellschaftsvertrag. Er läutete das ein, was man später als Skrotokratie bezeichnete, eine pekuniäre Verdauungslehre des sozialen Körpers.

Wer keine Arbeit hat, soll den Kopp zumachen und schweigend auf sein Almosen warten

Wie so viele Fachfremde vor ihm, die sich in der Weisheit der Ökonomie Meriten erarbeiten wollen, beginnt auch Sloterdijk seine Abhandlung über das ökonomische Gestell unserer Gesellschaft mit Rousseau:

„Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir!, und der Leute fand, die einfältig (simples) genug waren, ihm zu glauben, ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft (société civile).“

Wer immer diesen Satz an den Beginn einer Erklärung zum Wirtschafts- und Sozialleben stellt, hat mindestens eines ausgeblendet: Das Privateigentum erhielt seine Inauguration schon lange vor den Zeiten der Skythen. Denn viele Völker – vor allem die Reitervölker OHNE ortsgebunden strukturierte Gesellschaften – bestatteten ihre Krieger mit deren Privateigentum (Pferd, Schwert, Helm, Sattel und Schmuck). Der Satz von Rousseau ist nett, aber bedeutungslos. Die Aufklärung war mitnichten eine Leuchte der präzisen historischen Wissenschaften. Ihre romantisierende Sicht der Welt kann heute erheitern, aber nichts erhellen, was im Nebel liegt. Aus ihrer Perspektive gelangte auch der Glaube zu uns, dass das Ende des Mittelalters und damit auch der Beginn der Moderne im Auftritt des Individuums besteht. Kurz: Es ist eine willfährige Referenz für allerlei romantisch inspiriertes Gedankengut.

Die Inbesitznahme als Tathandlung des Tüchtigen als Diebstahl oder Leistung zu bezeichnen, geht am Kern der Ökonomie vorbei. Denn diese Wissenschaft bedarf ja der Vorratshaltung. Die bürgerliche Gesellschaft nimmt ihren Anfang also in der Erfindung des Nahrungsspeichers. Denn wer mehr sammelt und erlegt, als er am selben Tag essen kann, der muss sich mit einer besonderen Form der Infrastruktur auseinandersetzen. Das Lagern von Nahrung und das Einteilen der gespeicherten Lebensmittel. Genau hier beginnt nämlich auch die Geschichte des Eigentums der Reitervölker, die die seßhaften Clans und Sippen überfielen, eben weil sie soviel Wertvolles an einem Platz zusammen gestapelt hatten. Der erste Wert des Haushaltens begann also schon weit vor dem Einzäunen von Äckern.

Völlig zurecht bezeichnet Sloterdijk den Rousseauschen Mythos auch als sachfremde und haltlose Begründung der Marxschen Theorien rund um die Frühgeschichte des Kapitalismus. In der Folge führt er aus, dass diese Interpretation des UrUnrechts durch Inbesitznahme des Landes auch zu einer fortdauernden Respektlosigkeit des bürgerlichsten aller Rechte führt, nämlich dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums.

“Von der Respektlosigkeit zur Enteignung ist es nur ein Schritt. Alle Avantgarden verkünden, man müsse mit der Aufteilung der Welt von vorn beginnen.”

Nun könnte Sloterdijk wissen, dass sich der Begriff Bürger von “Burg” ableitet. Das bürgerlichste aller Rechte ist insofern der Schutz (vor den reitenden Horden und Räubern). Aber wie immer in diesen Zeiten der Suche nach Gründungsmythen und Werten, findet sich ein Geist, sie zu einen und zu führen. Sloterdijk legt hier einen bröckeligen Grundstein in eine leicht sumpfige Gegend, um darauf eine Leistungskultur zu bepflanzen, deren Flora und Fauna noch ein wenig im Dunkeln liegt.

Bleiben wir beim Bürger. Sein antiker Ahn, war qua Teilhabe an der Gerichtsbarkeit und der politischen Macht im Stadtstaat ein Bürger. Er war nicht abgelenkt durch das Ansammeln von Gütern, die man im Speicher aufbewahren und nach ökonomischen Gesichtspunkten verteilen konnte. Das übernahmen die Sklaven jener Zeit. So blieb viel Muße für das Diskutieren von rechtlichen und politischen Problemen innerhalb der griechischen polis.

“Wenn Meißel und Schiffchen von selbst sich bewegten, würde die Sklaverei nicht nötig sein.” Aristoteles

Wenn man eine Geschichte der Ökonomie beschreiben wollte, die nicht den Fehler Rousseaus wiederholte, dass Inbesitznahme von Land die Ursache großer Vermögen sei, dann müsste man der kritischen Theorie vorwerfen, dass sie zu zahm agierte. Sie hätte wissen können, dass am Anfang und im Ursprung des modernen Bürgers eine Inbesitznahme von Menschen stand. Die wesentliche Ursache dessen, was wir heute bürgerliche Gesellschaft nennen, war die Sklaverei und nicht das Einzäunen. Wer heute den Besitz als bürgerlichstes aller Rechte kennzeichnet, so wie Sloterdijk es tut, der muss reflektieren auf die Sklaverei als Kern- und Angelpunkt einer bürgerlichen Ökonomie. Das freie Wirtschaften mit der Lebenszeit der griechischen Bürger basierte ja auf der Arbeit der Sklaven. Wenn Sloterdijk diesen nucleus der bürgerlichen Weltentstehung “übersieht”, dann nur, um den lächerlichen Fehler der kritischen Theorie zu brandmarken und dabei die eigenen Geschichtsklitterung als sachgerecht erscheinen zu lassen. Das ist bei einem Sprachwissenschaftler wie ihm verständlich. Sein Text wird durch diesen besonderen Mangel an Reflexion jedoch seltsam eindimensional und tut es an dieser Stelle der kritischen Theorie gleich.

Seine Tiraden gegen Proudhons “Eigentum ist Diebstahl” wie der ganze Gedankenwald rund um die Kleptokratie baut eine Chimäre auf, die in derselben Verblendung wie Sloterdijks Theorie des Bürgerlichen badet: Das Ding gewinnt den Götzenstatus. Das Objekt wird zum Inhalt eines Streits, der das Wirkende mißachtet und negiert wo es nur geht. Das Subjekt, das als Sklave zum Gegenstand wurde, wäre das Zentrum eines verbitterten Jahrtausende währenden Kriegs. Noch die Briten hatten ja ursprünglich die globale Sklavenindustrie der mohammedanischen Herrscher als Grund für ihren Kolonialismus bezeichnet und seinerzeit den Kampf mit dieser Menschenverachtung aufgenommen. Und die Amerikaner, die in den Südstaaten ja bereits eine patriarchialische und damit gemäßigte Form der Sklaverei ausübten, waren es, die erstmals einen Bürgerkrieg um dieses antike Erbe führten. Kein Wunder, dass das Gemeinwesen in der neuen Welt einen ganz anderen Stellenwert erfahren hat als bei uns. An der Geschichte der Integration der Nachfahren der Sklaven in die amerikanischen Gesellschaft können wir in statue nascendi beobachten, wie und ob die Moderne überhaupt die Mittel zur Verfügung hat, die Wunden, die die bürgerliche Welt den Menschen angetan hat, heilen kann.

Es geht nicht um das Einzäunen und den Besitz der Dinge. Es geht um den Besitz eines Selbst. Nur hier kann eine Freiheit begründet sein – positiv wie negativ.

Und wenn Sloterdijk Recht behalten sollte, dass das movens der modernen Gesellschaft im Kreditwesen beheimatet ist, dann erweitert er das Hegelsche Ehepaar aus Knecht und Herr einfach um eine sexuelle Komponente überschießender Energie, die der Knecht vom Herr borgen kann. Die Libido der Ökonomie kann damit geliehen werden um den Preis der permanenten Schwächung der Potenz in der Zukunft. Was bringt dieser neue Gedanke, der Knecht und Herr durch Gläubiger und Schuldner ersetzt in der Wirklichkeit?

Der Eine lebt in einer gesicherten Existenz und verfügt über volle Speicher, die seine Zukunft sichern – er kann sogar etwas abgeben ohne sie zu gefährden. Der Andere braucht Güter, um seine gegenwärtige Existenz zu erhalten und muss dafür seine Zukunftsaussichten mit Zinsen belasten. Da die Zukunft nicht vorhersehbar ist, hat Ersterer keine Problem unabhängig von der Entwicklung. der Gläubiger jedoch kann im besten Fall seine Schuld UND die Zinsen abtragen, im schlechtesten Fall verliert er seine gesamte Existenz. Genau genommen wettet er mit dem Gläubiger um eine gute Zukunft. Wenn der Gläubiger diese gute Zukunft für sehr wahrscheinlich hält, erhöht er die Zinsen, weil er sich einen guten Gewinn erhofft. Wenn er eine schlechte Zukunft vorhersieht, dann erhöht er die Zinsen, um Ausfälle zu neutralisieren.

Der Unterschied zum Sklaventum besteht tatsächlich im Besitz des Selbst. Der Gläubiger kann aus freien Stücken zum Kreditgeber gehen. Sein negative Freiheit, Zu tun und zu lassen was er will, wird erst dann zu einer positiven Freiheit, wenn er die Mittel dazu in Händen hält. In dem Fall, da er sie durch Gläubiger beschafft, kann er zwar handeln, aber er ist gezwungen, mehr zu erwirtschaften, als er für die eigene Zukunft anspeichern muss. Er kann diese gespeicherten Güter aber nicht für die Absicherung der Zukunft einsetzen, sondern muss sie an den Gläubiger abführen. Sodass er in der Summe die ganze Zeit in derselben Situation ist, wie zum Zeitpunkt vor der Kreditaufnahme. Er hat keine sichere Zukunft. Er kann die Wette nicht gewinnen. Aber er kann sich selbst solange der Illusion hingeben, dass er produktiv ist und damit für die Zukunft sorgt, bis äußere Umstände den Kreditgeber zwingen, die Zinsen so stark zu erhöhen, dass die Zusatzprodukte des Nehmers nicht mehr ausreichen. Dann hat der Geber einen Titel und kann vollstrecken. Der Kreditnehmer, vorher NULL besaß, besitzt nun MINUSVERMÖGEN. Minusvermögen ist gespeichertes Gut, das der Kreditgeber in der Zukunft des Nehmers geparkt hat und immer dann abrufen kann, wenn dieser wieder etwas besitzt.

Dieses gespeicherte Gut, dass in Lagern bewacht wird, wurde später als Geld zu einem universalen Speicherplatz umdeklariert und wird heute in der Theorie als Kapital bezeichnet. Die väterliche Sklaverei der Amerikaner in den Südstaaten wird noch heute in einigen Kreisen als Beispiel dafür herhalten wie gut die Besitzer von Kapital, dass sie durch die Sklaverei erhielten und durch geschicktes Speichern und Verleihen erhöhten, mit denen umgehen, die offenbar zum dumm sind für solcherlei Ansammlung von Gütern. Dass dabei eine ethische Komponente mitspielt, die einigen den Gedanken an das Aufhäufen der Arbeitsprodukte Anderer verleidet, kommt bei Sloterdijk nicht vor. Aus der Perspektive Ausbeuter und Ausgebeuteter spricht keine ethische Reflexion. Und um diesem Mangel an transzendentem Überbau etwas entgegenzusetzen, führt er auch folgerichtig an die Stelle eines spekulativen Übergeordneten schnell den Staat ein. Dieser verkrüppelte Gottesbegriff dient ja mit seinen Gottesvaterassoziationen zu allerlei lustigen Thesen zwischen Himmel und Hölle, reich und arm.

Und natürlich kommt in der Folge des absolutistischen und totalitären Herrschers der moderne Staat derart unter die Räder, dass die radikalen Individualisten ihrer Zeit jeweils den Staat oder zumindest seine Regeln als Restalkohol vom absolutistischen Rausch bewerten. Nun haben aber auch die Liberalen und Libertären so einen Rest absolutistische Promille behalten. Es ist das enge Verhältnis des Königs zu seiner Reichweite. “Gebt dem König, was des Königs ist.” Sloterdijk bleibt in dieser Tradtion des Privateigentums als agens und movens der Freiheit seltsam unentwickelt und indifferent.

“Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Dies ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen.”

Denn er führt den Begriff der Produktivität ein. Dabei basiert aber dieser Begriff auf zwei Stromgrößen. Diese charakterisieren sich dadurch, dass sie einen Zeitraum als Bezugshorizont haben. Der Quotient aus Output und Input ist die Produktivität. Bei der Arbeit ist das Ergebnis durch Arbeitsaufwand. Allerdings ist dort nicht der Verschleiß der Menschen oder Maschinen eingerechnet. Bei der Produktivität ist das einfacher, sie ist definiert als Verhältnis aus Produkt zu Kapitaleinsatz. Besteht das Kapital hier aus Geld und nicht aus Maschinen, dann entsteht kein Verschleiß. Menschen die produktiv sind, müssen mit schleichendem Abbau ihrer Produktivität rechnen, eingesetztes Geld hat diesen eingebauten Alterungsfaktor nicht.

“So ist aus der selbstischen und direkten Ausbeutung feudaler Zeiten in der Moderne eine beinahe selbstlose, rechtlich gezügelte Staats-Kleptokratie geworden. Ein moderner Finanzminister ist ein Robin Hood, der den Eid auf die Verfassung geleistet hat. Das Nehmen mit gutem Gewissen, das die öffentliche Hand bezeichnet, rechtfertigt sich, idealtypisch wie pragmatisch, durch seine unverkennbare Nützlichkeit für den sozialen Frieden – um von den übrigen Leistungen des nehmend-gebenden Staats nicht zu reden. Der Korruptionsfaktor hält sich dabei zumeist in mäßigen Grenzen, trotz anderslautenden Hinweisen aus Köln und München. Wer die Gegenprobe zu den hiesigen Zuständen machen möchte, braucht sich nur an die Verhältnisse im postkommunistischen Russland zu erinnern, wo ein Mann ohne Herkunft wie Wladimir Putin sich binnen weniger Dienstjahre an der Spitze des Staates ein Privatvermögen von mehr als zwanzig Milliarden Dollar zusammenstehlen konnte.”

Hier versucht Sloterdijk das manipulative System der staatlichen fluidmechanischen Kontrollorgane für das Element Geld zu diskreditieren in einer Metapher des Dienstahls, die er noch gerade eben bei der kritischen Theorie verworfen hat. Er scheint allen Ernstes davon auszugehen, dass es sich hier um ein Geben und Nehmen handelte, das durch allerlei Bürokratur einen sozial ausgleichenden Nutzen schaffe und stellt das Gelingen ex negativo (der lupenreine Putin)dar. Und da durch Putins Duzfreund Schröder lustige steuerliche Entlastungen der Firfmen um mitterlweile mehr als 10% und Dinge wie Verbriefung und die Zulassung der Hedge-Fonds an der Tagesordnung waren, kann er auch ruhigen Gewissen den Liberalen diese und andere Wohltaten der Deregulierungzugute halten?

Das klingt seltsam, aber nun kommt die sauber komponierte Dauerberieselung endlich zum dramatischen Wasserfall, der leider in einem mentalen Durchfall endete:

“Lebten im ökonomischen Altertum die Reichen unmissverständlich und unmittelbar auf Kosten der Armen, so kann es in der ökonomischen Moderne dahin kommen, dass die Unproduktiven mittelbar auf Kosten der Produktiven leben – und dies zudem auf missverständliche Weise, nämlich so, dass sie gesagt bekommen und glauben, man tue ihnen unrecht und man schulde ihnen mehr.”

Jetzt wird die Gesellschaft nicht mehr in Freie und Unfreie oder Arme und Reiche oder Gläubiger und Schulder gezwängt. Ganz verhaftet im heiligen Dualismus all seiner Werke bestreitet Sloterdijk seine Sicht auf das fundamentalistische Zeitalter mit der Reduktion auf Produktivität. Dadurch bezieht er eine Stromgröße aus der Welt der Kybernetik und Systemtheorie, um sie den Bürgern als Kaisers neue Kleider anzupassen. Und bei dieser Couturiersarbeit mißlingt ihm der ganze schöne Überbau mit seinen persönlichen Kabalen rund um die kritische Theorie. Denn seine Gedanken sind einfach nicht durchdacht oder gar geprüft. Ich zitiere Wikipedia ungern, aber warum es aus Sicht des Kapitals hilfreich ist, unproduktiv zu sein, erfährt man hier:

In aller Regel nimmt die Arbeitsproduktivität mittel- und langfristig zu, während die Kapitalproduktivität eher sinkt wie hier in den OECD-Ländern. Eine bemerkenswerte Ausnahme sind die USA, für welche die OECD ein Wachstum der Kapitalproduktivität 1983 bis 1992 von jahresdurchschnittlich 0,1 % und von 1993 bis 2002 von ebenfalls 0,1 % angibt.

Eine langfristig sinkende Kapitalproduktivität ist problematisch, da dieses bedeutet, dass langfristig die gesamtwirtschaftliche Kapitalrentabilität (Kapitaleinkommen im Verhältnis zum Kapitalstock) nur gehalten werden kann, wenn der Anteil der Arbeitseinkommen am BIP verkleinert wird, wobei dieses natürlich spätestens dann ein Ende hätte, wenn diese Lohnquote den Wert null erreicht hätte.

Es sei denn, Sloterdijk will gar nicht die Reduktion des Anteils Arbeitseinkommens am BIP durch eine geringere Arbeitschaft sondern durch ständig sinkende Löhne erreichen. Dann müsste er das den Volkswirtschaftler erklären, wie er so die Nachfrage im Land mindestens stabil halten will oder gar für “Wachstum sorgen”, die heilige Kuh der Libertären. Er müsste außerdem erklären, dass der Ersatz der  Produktivität der Arbeiter durch Maschinen und Computer Teil der Entsolidarisierungsbemühungen der Unproduktiven ist. Er müsste die postdemokratischen Bewegungen genau bezeichnen, die von denen ausgeht, die Arbeiten wollen (Produktiv sein) aber nicht eingestellt werden. Er müsste auch die Kindererziehung, die Kulturleistung von unbezahlten Künstlern und Musikern einrechnen. Sloterdijk müsste insgesamt das Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot in eines verwandeln, dass zur Folge hätte, dass Produkte nur noch dann ein Preis erzielen, wenn sie die Produktivität von Menschen im Arbeitsleben steigern. Die Arbeitswissenschaften haben nachgewiesen, dass mehr Urlaub, mehr Freiheit, mehr Einfluss und bessere Arbeistbedingungen die Produktivität deutlich steigern und das Angst, Gehorsam und mangelnde Anerkennung der Arbeitsleistung die Produktivität ebenso deutlich reduzieren.

Aber all dies scheinen die Auftraggeber und geistigen Väter von Sloterdijks naiver Gesellschaftstheorie nicht bedacht zu haben. Viele Beispiele aus der Welt der Reichen und Superreichen deuten an, dass ihre soziale Verantwortung gegen Null geht. Die zahlreichen Selbstverpflichtungen aus den letzten Jahren in allerlei gesellschaftlichen Bereichen haben gezeigt, was für einen Nutzen es hat, wenn sich bestimmte Kreise selbst organisieren und kontrollieren in Bezug auf das Abgeben eigener Akkumulationen die über ein Menschenleben hinausreichen (ich meine Beträge über 1 Millionen Euro).

Schade. Er hätte eine wirksame Kritik an der kritischen Theorie in einen tragfähigen Diskussiongrund für eine Gesellschaft ohne Parteiendemokratie und ohne Lobbyismus  und die damit verbundenen enormen Transaktionkosten erweitern können. So bleibt Sloterdijk platt und ohne mentalen Einfluss, da seine Argumente alt und am Ende einfach nur schlicht sind. Ich hätte mir ein furioses Finale gewünscht. Dass die kritische Theorie sich selbst abgeschafft hat, ist offenbar. Dass die Libertären so eine fulminante Grabrede brauchten, bezweifle ich.

Sloterdijk soll seinen Fundamentalliberalismus mit einem Augenzwinkern geschrieben haben, laut seiner eilfertigen Adepten. Und dann kam das große Thilo Sarrazin Tennisturnier und Sloterdijk springt ostentativ dem geknechteten bei:

“Denken wir an den entlarvenden Vorgang, der sich vor wenigen Wochen anlässlich einiger kantiger Formulierungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin entwickelt hat: Weil er so unvorsichtig war, auf die unleugbar vorhandende Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen, ging die ganze Szene der deutschen Berufsempörer auf die Barrikaden, um ihm zu signalisieren: Solche Deutlichkeiten sind unerwünscht. Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen. Sobald einmal ein scharfes Wort aus einem anderen Narrenkäfig laut wird, bricht auf der Stelle eine abgekartete Gruppendynamik los.“

Nun wollten schon die ersten selbst ernannten Mitglieder des Sarrazin-Freundeskreises auch schon erklären, dass er es wohl eher sarkastisch meint. Aber eigentlich wird sein kategorisches Verdikt über die Integration ganz gerne für bare Münze genommen. Es ist bezeichnend, dass die “Integrationsscheu” gerne aus eigener Anschauung festgestellt wird. Gegenüber induktiven Schlüssen im öffentlichen Raum über den öffentlichen Raum bin ich skeptisch – vor allem dann, wenn Außerirdische über einheimische Probleme urteilen.

Dass es sich bei der Integration um gruppenhydraulisches Prozesse handelt, ist in der Tat richtig erkannt. Es könnte aber sein, dass es Gründe gibt, die diese Integrationsscheu bedingen. Es kann auch sein, dass diese Trampelei im Porzellanladen sehr viele gut integrierte Ausländer in Deutschland abschreckt, die man sehr gut in dem noch ausstehenden Diskurs über den größten Feind der Demokratie – den Fundamentalismus – als Gesprächspartner verliert. Aber in seiner holpernden und naiven Art über Religion zu denken, hat das Orakel aus Karlsruhe sowieso wenig Detailfreude gezeigt. Das mag seine Sympathie für Sarrazin erklären. Sloterdijk hat in diesem Schutzreflex für den Bundesbanker und Berlin-Sanierer kaum eine tiefe und profunde Gedankentätigkeit zur Sache dokumentiert sondern einfach die Gutmenschenart des argumentum ad hominem realisiert: “In jedem steckt ein guter Kern, also lasst demjenigen dort seine Meinung und respektiert sie – auch wenn es etwas kantiger ist”. Auch öffentliche Personen haben das Recht auf auf ein Stammtischgepolter. Versuche ich es auch mal. Also nach dem Motto: Germanisten und andere Geisteswissenschaftler sind unproduktiv für die Gesellschaft und produzieren noch nicht mal genug Kinder für die Renten der Zukunft. Die sitzen nur herum und reden in einem Jargon, den eh nur 10.000 Deutsche verstehen. Ihr volkswirtschaftlicher Wert geht gegen null. Wenn die nicht mal ihre Probleme und Sprache an den lebensweltlichen Problemen der Mehrheit ausrichten, dann kann man sagen, dass die Integration dieser selbst ernannten Eliten, die sich in besonders teuren Stadtvierteln verschanzen, gescheitert ist. Sie haben offenbar kein Interesse daran, dass sie Mehrheit sie versteht. Und die hat auch noch ihr sinnloses Studium finanziert, damit die sich ihre fehlende väterliche Anerkennung durch fein ziselierte Sätze wieder zurück zu holen wünschen. Nein, Therapie durch lange Studiengänge und Dissertationen gab es für vernachlässigte Kinder nicht mehr geben. Die sollen gefälligst was Produktives studieren und realisieren und in der freien Wirtschaft arbeiten!



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