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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Sind Zeitungen systemrelevant? Ein Kommentar zu Heribert Prantl

growthGerade eben erfahre ich über twitter, dass einer der Großmeister des deutschen Journalismus – ich verwende ausnahmsweise nicht das Schimpfwort Qualitätsjournalismus – auf blaetter.de einen Artikel zum Thema der Systemrelevanz der Zeitungen verfasst hat. Ich lese ihn und staune: Die Verwirrung, die die Entwicklungen rund um networked journalism, social web und civil journalism auch in Deutschland anrichten, scheinen verheerender als ich dachte. Und dass zu einer Zeit, wo noch sehr viel Geld mit Papiermedien verdient wird. Es lohnt sich, das Konvolut insgesamt ins Auge zu nehmen:

Ja, Zeitungen sind systemrelevant, und ich kann es beweisen. Sie sind systemrelevanter als die Hypo Real Estate, als die Deutsche und die Dresdner Bank. Sie sind sehr viel systemrelevanter als Opel und Arcandor. Die „Süddeutsche Zeitung“ ist systemrelevant, die FAZ ist es, der „Spiegel“, die „Zeit“, die „Welt“, die „Frankfurter Rundschau“ und die „taz“ sind es. Viele andere sind es auch. Das System, für die sie alle relevant sind, heißt nicht Marktwirtschaft, nicht Finanzsystem und nicht Kapitalismus, sondern Demokratie. Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Zukunft miteinander gestaltet. Und die Presse in all ihren Erscheinungsformen, gedruckt, gesendet, digitalisiert, ist eine ihrer wichtigsten Gestaltungskräfte. Der Beweis für die Systemrelevanz der Presse ist 177 Jahre alt, er beginnt 1832 und dauert bis heute. Er ergibt sich aus der Gesamtgeschichte der deutschen Demokratie.

Eine Affirmation zu Beginn ist immer gut. Nicht reißerisch, aber eben gut. Dieses Gutsein bezieht einen Großteil seiner positiven Tendenz daher, einer größeren Sache zu dienen (Demokratie). Diese Argumentation haben schon andere historisch Bedeutende benutzt, die eben auch nur Gutes wollten. Spannend ist die Tatsache, dass hier der Journalismus nicht einfach nur mentale Funktion zweiter Ordnung (Filterfunktion) sondern als eine kreative Kraft im politischen Raum bezeichnet wird. Das könnte den aufklärerischen Geistern, die Objektivität und Neutralität verlangen, übel aufstoßen. Denn bisher galt Journalismus als Diener der Meinungsbildung Anderer. Bei Prantl soll er gleich selber bildend tätig sein, also die Emergenzfunktion des Neuen aus dem Vorhandenen beginnt nicht im Leser sondern im Schreiber. Das erfordert dann auch eine neu Rezeptionsäthetik der Presse, mal sehen ob Prantl das auch liefert, sonst fehlen seinem Projekt die Fundamente. Es sei denn er ersetzt konstruktive Mängel mit restaurativen Versatzstücken aus der Geschichte, um ein fehlendes theoretisches Fundament historisch zu simulieren. Lesen wir weiter, wie er verfährt.

Diese Geschichte der deutschen Demokratie beginnt 1832 auf dem Hambacher Schloss, bei der ersten deutschen Großdemonstration. Ihr Hauptorganisator war unser journalistischer Urahn Philipp Jakob Siebenpfeiffer, geboren im Revolutionsjahr 1789. Als die Regierung seine Druckerpresse versiegelte, verklagte er sie mit dem Argument, das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von Backöfen. Das ist ein wunderbarer Satz, weil darin die Erkenntnis steckt, dass Pressefreiheit das tägliche Brot ist für die Demokratie. Das ist die Hambacher-Schloss-Erkenntnis von 1832: Pressefreiheit ist das tägliche Brot für die Demokratie.

Die kreationistischen Kräfte der Demokratie liegen in einer Demonstration bürgerlicher Kräfte im Vormärz. Hm. Wenn man es genau betrachtet, liegt der Kern der Opposition darin, dass die freiheitlichen Grundregeln, die in Rheinpfalz herrschten ein Überbleibsel der französischen Revolution waren und diese Bürgerrechte aufs Feinste mit den zentralstaatlich orientierten Machthabern aus Bayern unvereinbar waren, sodass der Alltag eine Art double-bind zwischen bayrischen Allmachtsphantasien und französisch geprägten Bürgern hervorrief. Die Geschichte der Deutschen Demokratie begann also in der französischen Revolution. Denn andere Bürger opponierten gar nicht gegen Zentralregierungen. Der Grund für die Versiegelung war die Zensur (wir hatten da gerade so eine Diskussion mit einer Ministerin). Die Einschränkung der ehemals weitreichenden Bürgerrechte gipfelte in der christlich-bayrisch geprägten Zensur. So etwas Unpatriotisches würde natürlich ein Journalist der Süddeutschen Zeitung geschickt ausklammern. Es kommt noch schlimmer, denn Siebenpfeiffer ließ gar nicht die deutsche Seele hochleben sondern die Seele aller Völker.

Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland – Volkshoheit – Völkerbund hoch!“ Also könnte man mit Fug und Recht behaupten, dass hier bereits der Völkerbund und die europäische Vereinigung Kern der Rede waren und die deutsche Frage sich vor allem um die Souveränität der Bürger als Volk drehte. Dieser Souverän könne dann direkt und offen mit den anderen Nationen rundherum in einem freundschaftlichen Bund (gegen den Deutschen Bund gerichtet!) eine Vereinigung erleben. religere – eine quasireligiöse Vereinigung der Menschen gegen die Trennungen, die Jahrtausende durch wenige Territorien der Adelsfamilien künstlich gespalten waren. Das tägliche Brot des Siebenpfeiffer floh übrigens zusammen mit Wirth in die Schweiz.

Dies ist nicht von ungefähr ein passendes Analogon, dass anschaulich macht, wie ganz anders im Nachkriegsdeutschland die Medien und die Presse eine Demokratie aus dem Boden stampften. Noch während des zweiten Weltkrieges (in Asien) gründeten einige Herren um Emil Carlebach die Frankfurter Rundschau. Ihre Philosphie und ihr Credo fasste er so zusammen: “Oberstes Prinzip ist die antifaschistische Zusammenarbeit. Jeder ist in seinem Ressort selbstständig, hat aber Partei- und andere Sonderinteressen dieser Zusammenarbeit unterzuordnen.” Jeder war in seine Ressort selbständig. Es gab keine Interessen, die aus Richtung Objektleitung (Anzeigenleitung) in die Redaktion regierten. Es gab auch keine Parteibonzen und Industriekapitäne, die mal eben beim Golf mit dem Herausgeber die Zukunft von Redakteuren besiegelten.

Hambach war damals, in den ersten Tagen der deutschen Demokratie, der Boden, in den die Freiheitsbäume gepflanzt wurden. Heute sind diese Freiheitsbäume gut verwurzelt, sie sind groß gewachsen, sie werden gepflegt vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Karlsruhe ist so etwas wie das Hambach unserer Zeit. Und dieses Karlsruhe hat die Systemrelevanz der Presse in großen Urteilen bestätigt. Im „Spiegel“-Urteil von 1965, im „Cicero“-Urteil von 2007: „Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse“ ist ein „Wesenselement des freien Staates“. Und: Die Presse ist ein „ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung“. Das ist nicht ganz so plastisch formuliert wie im Hambacher Schloss, bedeutet aber nichts anderes: Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie.

Ich würde gerne in das Credo einfallen, wenn ich nicht wüßte, dass die SPD mit ihrer Beteiligungsgesellschaft ddvg mit Anteilen an über 70 Tageszeitungen und einigen Radiosendern sowie dem edutainment Verlag Tivola (Lernsoftware für Kinder) und der Zeitschrift Ökotest eben diesem Satz aus Karlsruhe Hohn lacht. Wenn ich nicht wüßte, dass schon diverse Einflußnahmen von Parteien auf Journalisten über diverse Berater- und Moderatorennebenjobs stattfanden. Und noch etwas: Karlsruhe sagt, dass die Presse ein Wesenselement des freien Staates sei – nicht der Demokratie! Demos und Territorium stimmen nicht überein. Oder sollen wir den Nationalismus soweit treiben zu sagen, dass Demokratie ein freier Staat sei? Vielleicht ist gerade die offene Sphäre des Internet ein frühe Form der Neuorientierung in eine poststaatliche Ära der Demokratie. Kein rechtsfreier sondern ein staatenloser Raum. Auch die repetitio des Satzes um die Presse als das tägliche Brot wird nicht profunder, wenn sie von Karlsruhe als Nabelschnur zwischen Volk und Bürger gesetzt wird, denn die Zeitung ist eine Einbahnstraße, die nur etwas verkündet, aber keinen Dialog ermöglicht. Wer ein bißchen in die Geschichte der Demokratie geschaut hat, der wird in Aristoteles’ autonomia erkennen, dass alle an der Meinungsbildung zu beteiligen sind und nicht nur die Einen empfangen, was die Anderen durch Journalisten zu sagen haben. Nebenbei bemerkt, degradiert Karlsruhe die Zeitungen zur PR-Agentur für die Politiker. Oder tragen die Zeitungen den Volksmund zusammen, um in Sitzungen die Politiker über Volkes Meinung zu informieren?

Das täglich Brot geben uns natürlich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sie sind Presse im Sinne des Gesetzes – und werden für das tägliche Brot auch gut entlohnt. Die Anerkennung der Systemrelevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind die Rundfunkgebühren. Verglichen mit dem, was ARD, ZDF, Deutschlandfunk & Co insgesamt schon an Rundfunkgebühren erhalten haben, ist das Milliardenkonjunkturpaket für die Wirtschaft der Jahre 2008/09 nur ein Päckchen, sind die bisherigen staatlichen Ausgaben für die HRE-Bank beinah ein Kleinkredit. Aber für dieses Geld liefert der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur das täglich Brot, sondern auch allerlei Gebäck: Süßzeug, Hörnchen mit Quark und Plunder mit Frischkäse.

OK, die sieben Milliarden, die die Sender Jahr für Jahr in Technik und private Produktionsgesellschaften ehemaliger Mitarbeiter verbraten sind also vergleichbar mit dem Geld, dass der Staat seinen eigenen Landesbanken sowie der bisher inoffziellen Bad Bank namens HRE versenken. Zum Verständnis: Prantl möchte, dass die Medien auch ein Stück vom großen Kuchen abbekommen, den politisch geführte Institutionen sowie die Herrschaften, die über Wohl und Wehe von Politikern verfügen, unter sich aufteilen. Warum? Weil sie schon 2007 die Krise erkannten über die 2003 die ersten Bücher veröffentlicht wurden? Weil die Medien, die Skandale der diversen Einmischungen von Politikern und Industrie in die europäischen Volkswirtschaften eher widerwillig oder gar nicht veröffentlichen. Weil die Medien keinen direkten Kanal für die Bürger hin zu den Politikern offen halten und sich nicht zum Sprachrohr des kleinen Mannes machen? Dafür sollen sie Geld erhalten? Für welches System ist denn eine Presse relevant, deren Inhalte immer mehr von Agenturen und externen kaum verschleierten Arbeitgeber-Instituten stammen?

Staatsfinanzierte Zeitungen ?

Sie glauben jetzt wahrscheinlich, ich hätte mit diesen Ausführungen zur Systemrelevanz der gedruckten Presse mein Plädoyer für deren Staatsfinanzierung oder Staatsunterstützung begonnen. Nein, wirklich nicht. Ich will keine Solidaritätsabgabe für die Presse, keine Staatsbürgschaft, kein Hilfspaket und keinen Notgroschen. Den Zeitungen fehlt es gerade noch, dass es bei ihnen zugeht wie beim ZDF – dass also die politischen Parteien glauben, sie könnten sich nicht nur den Chefredakteur beim ZDF, sondern auch noch den bei der „taz“ aussuchen. Ich will aber vor allem deswegen keine Staatsbürgerschaft, kein staatliches Hilfspaket und keinen Notgroschen für die Zeitungen, weil ich die Not der Zeitungen, über die allenthalben geklagt wird, so nicht sehe. Ich sehe eher einen merkwürdigen journalistischen Dekadentismus, der eine Mischung ist aus Melancholie, Leichtlebigkeit, Weltschmerz und vermeintlicher Ohnmacht gegenüber Anzeigenschwund und Internet, gegenüber dem Stand und dem angeblich unaufhaltsamen Gang der Dinge. Die angebliche Not, die angebliche Existenzkrise, ja Todesnähe der Zeitungen oder gleich gar des professionellen Journalismus, das alles gehört zu den Hysterien, die im Journalismus noch besser gedeihen als anderswo. Der Kikeriki-Journalismus, die aufgeregte Kräherei, die seit einiger Zeit unsere politische Publizistik prägt, kräht nun das eigene Ende herbei. Man schreibt sich sein eigenes fin de siècle. Man schreibt sein eigenes Produkt schlecht, so lange, bis es alle glauben – selbst kluge Leute wie Jürgen Habermas und Dieter Grimm.

Wird jetzt endlich die Diagnose zu einer Differentialdiagnose oder erstickt der aufgeklärte Geist am gleißenden Licht der Erkenntnis? Es ist übrigens kein Wehklagen der Journalisten udn Verlagseigentümer und -lenker. Es ist schlicht der Hilfsreflex, der Mächtige zu Idioten machen soll. Wenn man mit Forderungen nichts erreicht, dann jammert man so lange, bis einer aus dem Bermudadreieck aus Täter, Opfer und Helfer sich aufmacht, seine Position einzunehmen. Man nennt dies ein systemische Aufstellung. Wer gegenüber den Medien steht, ist entweder Täter (bezichtigt sich selbst des Mordes an der Presse) oder er ist ein Retter. Auf diese Weise schiebt man in Gruppen über 2 Personen die Menschen in Rollen und Aufgaben – das Spiel heißt Gruppenhydraulik und klappt immer.

Der Philosoph Jürgen Habermas und Dieter Grimm, der frühere, für die Pressefreiheit zuständige Bundesverfassungsrichter, haben für eine Staatsfinanzierung von Zeitungen geworben. Sie glaubten und glauben an die existenzielle Not von Zeitungen – und ihre Antwort darauf ist eine fast verzweifelte demokratische Liebeserklärung. Wir, die Journalisten, haben sie zumeist ziemlich überheblich zurückgewiesen, nicht selten deshalb, weil eine solche Zurückweisung leichter ist, als die Phantasielosigkeit des eigenen Verlagsmanagements zu beklagen und als überzogene Renditeerwartungen der eigenen Verleger anzuprangern. Überzogene Gewinnerwartungen von Eigentümern sind kein Ausdruck von Not, sondern von Kurzsichtigkeit und Dummheit.

Es ist ja bitteschön nicht so, dass die Zeitungen in Deutschland rote Zahlen schreiben, es ist nicht so, dass sie seit Jahren in der Verlustzone drucken. Sie machen nur nicht mehr so hohe Gewinne wie zuvor. Das kommt in den besten Unternehmen vor, auch in den Unternehmen, für die es kein spezielles Grundrecht gibt. Die Verlage nutzen aber die angebliche Not für überzogene Notwehr. Viele der sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen und Kündigungswellen in deutschen Medienhäusern sind Putativnotwehrexzesse – die zugleich, und das ist das wirklich Tragische, die Basis für künftiges Gedeihen der Presseunternehmen gefährden.

Die deutschen Zeitungen brauchen kein Staatsgeld. Sie brauchen aber Journalisten und Verleger, die ihre Arbeit ordentlich machen. Sie brauchen Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig, selbstkritisch und integer sind. Sie brauchen Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen, die also von ihren Zeitungen mehr wollen als Geld, die stolz sind darauf, dass sie Verleger sind; und denen dieser Stolz mehr bedeutet als ein oder zwei Prozent mehr Gewinn.

Das wirklich Tragische ist die Apathie mit der der Journalismus diesen Verrichtungen beipflichtet. Denn Journalismus ist nicht auf Tageszeitungen oder Verlage angewiesen. Verlage verkaufen eine Leserschaft an Anzeigenkunden. Das gelingt nur über das Vehikel Inhalte – früher noch Gehalt. Wenn nun also Verlage dieses Vehikel auf die Höhe eines Gestells herabstufen, kann man vor dem Ende seines brands noch einen ordentlichen Reibach machen und dann zieht die Karawane weiter. Denn die Eigentümer können auch gut ohne Druckerpressen leben. Es gibt ein Füllhorn an neuen Geschäftsmodellen, wenn man einmal die althergebrachten Produktions- und Absatzprozesse zur Gänze vergisst. An ihre Stelle treten dann die Apothekenzeitung oder andere Simulationen von Medien, die den Kontext von Inhalten, Lesern und Meinungsbildung völlig ins Neverland verlegen. In früheren Zeiten hätte man so etwas wohl als Agitation deklariert.

Die Zeitungsdepression in den Vereinigten Staaten

Die deutsche Publizistik hat sich von der US-Zeitungsdepression lustvoll anstecken lassen. Man tut so, als sei es gottgegeben, dass der state of play in den USA auch der „Stand der Dinge“ in Deutschland ist. Man sieht das amerikanische Zeitungssterben und übersieht zugleich, dass immer noch erstaunliche 50 Prozent aller erwachsenen Amerikaner täglich eine Zeitung aufschlagen. Gleichwohl gibt es die US-Krise natürlich. Lange bevor sich im Herbst 2008 die Banken- und Finanzkrise zuspitzte, steckten 19 der 50 größten US-Zeitungen in roten Zahlen. Wenn es einem Wirtschaftszweig in den USA heute noch schlechter geht als den Banken, dann sind das die Tageszeitungen. Stephan Russ-Mohl, der Journalistik-Professor in Lugano, vermeldet, was die Medienunternehmen mit den Finanzjongleuren von der Wall Street gemein haben: „Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es nur eine einzige Branche, in der sich mit dem eingesetzten Geld noch mehr Geld verdienen ließ [als mit Banken und Zeitungen]: Spielcasinos.“

Was genau sagt dieser Absatz über die Medien der letzten Jahrzehnte aus? Überlegen Sie etwas und lesen bitte erst dann weiter.

Banken, Zeitungen, Spielcasinos: Das sollte den Blick darauf lenken, was zur US-Zeitungsdepression geführt hat. Es war vor allem die Geldsucht. Das US-Zeitungswesen fällt jener Wall-Street-Theorie zum Opfer, wonach man Profite dadurch maximiert, dass man das Produkt minimiert.

Das ist eher die halbe Wahrheit; es ist noch eher nicht mal ein Achtel der Wahrheit. Wie oben bereits gesagt, wurden Leserschaften für sehr viel Geld an Werbekunden verkauft. Das übernahmen in Deutschland spezielle Agenturen, wie die Agentur gwp, heute als iq media des Handelsblatt-Verlages, der sich aktuell mit einem WIWO-Chefredakteur Roland Tichy schmückt, der sich über die mindere Qualität des Caterings im Bundeskanzleramts auslässt und etwaige Kritik an dem Ackermann-Event von “rülpsenden HartzIV-Empfängern” als defiziente Eiterbeulen einer verkommenen Moral disqualifiziert, die sich in lächerlichen political correctness Debatten ergeht. Leider hat diese dumme Bevölkerung keine handfesten Informationen über die Verwicklung der Deutschen Bank in die Bankenkrise von den Medien bekommen, die ECHTE political correctness Debatten aufkommen lassen würde, oder Hinweise darauf, wer mit den deutschen Staatsanleihen seine Bilanzen aufbessert. Es ist nicht allein die Gier der Eigentümer der Medien, es ist noch mehr die faktische Irrelevanz der Medien, die praktisch nichts Essenzielles auf den Tisch der Demokratie legen, dass den Gesellschaftsvertrag einer lobbyverseuchten Quasi-Demokratie in Frage stellen würde. Man ergeht sich in Vereinsmeierei. Das corps zählt mehr als der Einzelne, diese sehr präaufklärerische Sektiererei hat einen Vorzug und einen Nachteil. Das Positive ist im besten Fall der Schutz der Schwachen von den Mächtigen – das Negative liegt offen, nur wer über ausreichende Ellenbogen verfügt und das Grobe der Mehrheit bedient, kann sich durchsetzen.

Die US-Zeitungen sind an die Börse gegangen und dann an der Börse heruntergewirtschaftet worden. Ihr Wert wurde von der Wertschätzung nicht der Leser, sondern der Aktionäre abhängig gemacht. Überall und ständig wurde von den Zeitungen gefordert, ihren Aktienwert zu verbessern. Deswegen gab es Kahlschlagsanierungen, Korrespondentennetze wurden zerschnitten, Büros geschlossen, Redaktionen kastriert, die Druckkosten zu Lasten der gedruckten Inhalte gesenkt. An immer mehr Zeitungen haben die Investmentfonds wesentliche Aktienanteile gehalten. Dass Fondsmanager kein Interesse am Zeitungsmachen haben, liegt auf der Hand. Das war und ist der eine Grund für die US-Zeitungsmisere.

Ein erstes und uneingeschränktes JA.

Der andere Grund hat vielleicht auch mit diesem einen zu tun: Die USZeitungen haben in der Bush-Ära fast komplett versagt. In Washington hat sich – so konstatiert der Pulitzer-Preisträger Russell Baker – „das renommierte Corps der Hauptstadtkorrespondenten mit Lügen abspeisen und zur Hilfstruppe einer Clique neokonservativer Verschwörer machen lassen.“ Die Blogs waren daher nichts anderes als eine demokratische Not- und Selbsthilfe. In Blogs standen die kritischen Analysen und Kommentare gegen Bush und den Irakkrieg, die man in den Zeitungen nicht lesen konnte. Ein guter Journalismus muss wegen der Blogger nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: Er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.

Ein noch deutlicheres JA!

Man kann viel lernen aus der US-Zeitungsdepression. Vor allem, was man tun muss, um nicht in eine solche Depression zu geraten. Und da ist einiges zu nennen: Vielleicht muss zuallererst an die Stelle von Larmoyanz wieder Leidenschaft treten. Ein leidenschaftlicher Journalismus nähme die Manipulationen der Presse durch die Deutsche Bahn AG nicht so gleichgültig hin, wie dies geschieht. Da müsste es einen Aufschrei geben. Aber vielleicht geniert man sich ja, erstens weil man diese Manipulationen mit sich hat machen lassen, und zweitens weil diese nicht von der Presse, sondern von der Privatorganisation „Lobby-Control“ aufgedeckt wurden.

An Machwerken wie Handelsblatt und Wirtschaftswoche wird diese verhaltene Kritik abfallen wie ein Käfer vom pestizidgetränkten Blatt. Investigativer Journalismus muss völlig aus der Triangulierung mit der Werbung herausgedacht werden. Stiftungen, Genossenschaften/Mitgliedschaften aus Lesern und Schreibern oder neue Modelle müssen die unheilige Welt der Anzeigenkunden vollständig aus der Pressefreiheit herausheben. Wer in Zukunft noch glaubwürdige Medien machen will, muss sich einem Schisma beugen: Werbung ja oder nein. Es wird angesichts der enormen Einflussnahmen keine Zwitterwesen geben, die eine unabhängige Berichterstattung überhaupt denkbar erscheinen lassen – das umfasst auch alle Zeitungen aus dem ddvg-Umfeld. All dies erfüllt nicht die Grundanforderungen der Objektivität durch Transparenz und Distanz zu ökonomisch oder politischen Mächten, über die doch berichtet werden soll. Alles was nicht aus dem Dunkelfeld des Verstecks gezerrt werden muss, ist potenziell offene oder verdeckte Werbung.

Dann kommt der herrliche Teil des Prantl-Artikels den der geneigte Leser unbedingt lesen sollte. Ein Credo für den Journalismus im Web und über das Web. Ich bin wieder versöhnt mit Prantls Gedanken.

Hier weiterlesen unbedingt: LESEBEFEHL

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11 Kommentare

  1. Die “antifaschistische Zusammenarbeit” bürgte zwar für eine gewisse Wirtschaftsferne, führte aber zu einer nahtlosen Fortschreibung des seit 1933 in der Presse eingerissenen Konformismus, der Vereinsmeierei und der meuchelnden Seilschaften. Da einige zweifelhafte Gründungsmythen der BRD heute immer noch als konstitutiv verteidigt werden, wird es Zeit, sich mit der Nachkriegszeit intensiv zu beschäftigen. Hier nur ein kleiner Auszug aus dem Saatgut des deutschen Schrebergartens:

    Protokolle Verfassungsausschuß (3. Sitzung), 14. August 1946
    Abg. Dr. Köhler (CDU):
    “Vorläufig ist es also noch so, daß die Amerikaner die Presseerlaubnis erteilen.
    Wenn es so weit ist, daß die Presselizenzen nur von deutscher Seite ausgegeben werden, dann muß die Gewähr bestehen, daß die Lizenzen nur an wirklich einwandfreie Leute gegeben werden. Dann kann die Frage der Pressezensur einer anderen Beurteilung unterworfen werden.”

  2. Ja, es ist die Eröffnungsrede vom 6.Juni 09 zum Jahrestag des NR. Das erscheint zunächst als Makel, ist aber wohl deshalb erst jetzt zu mir gelangt. Denn bisher kam aus dieser Ecken nur ganz Schlimmes zum Web und seinen Möglichkeiten. Ich erinnere mich noch an ein Papier zur PR von einem SWR-Journalisten.
    siehe hier http://www.digitalpublic.de/netzwerk-recherche-beklagt-nahe-der-journalisten-zu-pressesprechern

  3. Randbemerkung: Meines Wissens hat Prantl diesen Text bereits Anfang Juni als Eröffnungsrede der Jahrestagung des Netzwerks Recherche vorgetragen.

  4. Ganz kurz.

    ein ausgezeichneter Artikel von Prantl…. bitte mehr davon

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