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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Sind Journalisten die Verkehrsschilder im Informationsfluß?

signsDie holländische Stadt Drachten hat es vorgemacht.

Dort haben wagemutige Beamte alle Verkehrsschilder abmontiert und beobachtet, was passiert.

Das Ergebnis war dramatisch, denn die Verkehrssicherheit hat zugenommen. Weniger Unfälle, besserer Verkehrsfluss und natürlich zufriedene Bürger. Die Stadt ist seit 2006 teil eines europaweiten Verkehrsprojekts mit dem klingenden Namen „Unsafe is safe! Unsicher ist Sicher.

Was sich anhört wie ein anarchistischer Schlachtruf, wurde also in Brüssel ausgeheckt und scheint ein Plan zu sein, der hoffen lässt. Denn die vermeintlich chaotischen Verhältnisse auf den Straßen dieser Welt sind immer dann übersichtlich und wenig komplex, wenn man sie direkt vor Ort regelt.

Es liegt also weniger Anarchie als viel mehr ein Geruch von Dezentralisierung in der Luft.

Beim Internet streiten sich die Geister noch, ob eine Revolution in der Luft liegt. Dezentralisierung heißt in der digitalen Welt Social Media. Das ist der Teil des Internet, der von den Nutzern selbst geschrieben wird. Das Amateurweb. Je einfacher die Technologie bedienbar ist, desto mehr Inhalte wandern ins Netz. Zuerst die Wikis, bei denen sich Freaks und Geeks über spezielle Themen gegenseitig schlau gemacht haben, dann die Blogs über Wein, Erziehung oder Gott und die Welt und nun Texte im Sekundentakt bei twitter oder Google Wave.

Dabei ist seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die Kapazität von Prozessoren, Datenspeicherung und Datenübertragung um das Zehnmillionenfache angestiegen. Und man kann nicht behaupten, es wäre in jener Zeit besonders wenig publiziert worden. Die allgemeine Wirtschaftslehre sagt uns bei so einem Überfluss muss es irgendwo auch einen Mangel geben. Vor 28 Jahren der Computerexperte Herbert Simon erkannt, dass dieser Mangel unsere Beachtung ist. Wir haben gar keine Zeit mehr, das, was wir lesen überhaupt zu beachten oder zu bewerten. Nicht die Technik ist teuer sondern die Zeit, die Menschen brauchen, um zu schreiben und zu lesen. In der Folge kosten überflüssige Inhalte Aufmerksamkeit und damit Geld – beides knappe Güter.

Das Verhalten der Verlage, die den gesamten Fluss der Informationen durch den Schilderwald der Journalisten lenken wollen, erscheint daher etwas altmodisch. Vielleicht können wir uns das auch gar nicht mehr leisten bei der täglichen Informationsflut. Es mag unsicher erscheinen, die Masse der Daten den Menschen zu überlassen. Aber gerade im holländischen Städtchen Drachten haben wir gelernt, dass man vor Ort sehr gut entscheiden kann, welche Information man braucht und welche nicht. Warum sollten nicht die Orte und Gemeinden ihre eigenen Nachrichten produzieren und den Rest den Spezialisten in der ganzen Welt überlassen? Wichtig ist, dass jederzeit der Zugang zu allen Quellen gegeben ist.


Viele glauben, dass man mithilfe eines besonderen Algorithmus aus Wissen, Information und Aufmerksamkeit den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Softwareanbieter und Werbeleute wollen mittels social software den Stream of Klatsch und Tratsch anzapfen. Sie versuchen, die Arbeit und das Leben im digitalen Alltag abzubilden. Dabei werden Unmengen von Festplatten vollgeschrieben. Die Informationsatome werden auf ihren Gehalt untersucht und gefiltert: Nachrichten, Meinungen, strafbare Aussagen, Firmengeheimnisse und Sonstiges.

Alle Experten stürzt sich auf die Aufmerksamkeit der Menschen im Netz. Sie vergessen dabei die Tiefe der Informationen. Da das neue Bild des Wissens nicht mehr als Regalmeter aufgefasst wird sondern als ständig strömender Fluss, versagen alle Lern- und Bildungskonzepte vollständig. Die Folge ist ein unablässiges Schimpfen der Pädagogen auf die neue Sicht der Dinge.

Aber auch dieses Geschrei lenkt alle Blicke auf die neue Welt des Echtzeitweb und vergisst den eigentlichen Vorgang des Entstehens von Information oder Wissen. Der liegt nämlich nicht darin, im stillen Kämmerlein zu sitzen und seitenweise schlaue Dinge zu schreiben. Die Intelligenz liegt in der Differenz, also im Unterschied zwischen den Dingen. Wer die kleinen aber feinen Details erkennen kann, der gilt als klug. Dazu muss man aber sowohl im Flow aus twittermeldungen und Facebook-Stati wie im Strom des Lesens von Büchern einzelne Muster und ihren Hintergrund erkennen.

Und nur, wer alles mit wachem Blick an sich vorbeiziehen lässt, der kann einzelne Gemeinsamkeiten erkennen. Wir glauben, dass mit Wikipedia und der wisdom of the crowd, also der Weisheit der Massen etwas Neues entstanden ist, das sozusagen aus dem nichts auftauchte und eine neue soziale Intelligenz darstellt. In Wahrheit schreiben bei Wikipedia klassisch ausgebildete Autoren zumeist das hin, was sich früher oder aktuell angesichts ihrer Lektüre eingeprägt hat. Und auch viele Textbeiträge in Blogs erhalten ihren finalen Schliff oft auf der Basis anerkannter Lehrmeinungen aus der Schul- und Universitätsumfeld. Lassen wir uns nicht von der Technologie täuschen. Die Nutzung muss erst revolutionär anders werden.

Denn bisher hatten wir noch gar nicht das Vergnügen mit einer Weisheit der Massen. Dazu müssten wir einfach mal die Verkehrsschilder beiseite legen, die uns bisher Glauben machten, dass Wissen nur durch professionelle Filter entstehen kann. Warum sollen nicht die Bürger entscheiden, was im Lokalblatt stehen soll? Warum sollen nicht die engagiertesten Blogger zu einem Themenbereich ein gemeinsames “Lehrbuch“ verfassen. Unsafe is safe! Wenn es im Verkehr zu weniger Unfällen geführt hat, kann es beim Umgang mit Informationen nicht dümmer machen.

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