header
"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Schirrmacher fordert die Abschaffung der Medien

schirm-backAuf Bild.de findet sich ein Interview mit dem FAZ-Cheffeuilletonisten Schirrmacher, um sein neues Buch anzupreisen. In vielen anderen Artikeln in der On- und Offlinewelt gibt es Rezensionen und sogar im Fernsehen hat er sich in die postbürgerlichen Welten einer Talkshow begeben. Es ist auffällig, dass seine etwas platten und dadurch scheinbar extrem leichtverdaulichen Thesen immer durch einzelne Studien faktiziert werden. Er sucht sich Strömungen in der Gesellschaft und in der postmodernen Anthropologie namens Hirnforschung. Dort pflanzt er seine eigenen Meinungen ein, verallgemeinert sie und sucht immer genau ein bis drei Studien aus den Naturwissenschaften, die seine Thesen belegen mögen. In fast jedem Fall stellt er sich jedoch ein Beinchen oder manchmal sogar eine mehrere hundert Meter hohe Mauer.

Ein Beispiel aus dem BILD-Interview:

BILD: Würden Sie Ihrem Kind erlauben, sein ganzes Leben auf SchülerVZ zu posten?

Schirrmacher: Wenn es ginge, würde ich das verbieten. Das geht aber leider nicht. Deshalb muss man in der Bildung eher darauf achten, dass man ein neues Wissen vermittelt. Ich nenne in dem Buch die Erkenntnisse der amerikanischen Psychologieprofessorin Ellen Langer: Menschen, die für zwei Wochen von allen aktuellen Informationen abgeschieden waren, wurden nachweislich gesünder.

Offenbar ist Schirrmacher im Namen des Herrn unterwegs und verspricht uns heil, wenn er unseren Informationskonsum kritisch analysiert.
Nun. Wenn man dieses Zitat auf seinen Gehalt und dessen Tragweite untersucht, dann hat er mit seinem Buch einen gehörigen Anteil an der Krankheit vieler Menschen beigetragen und macht es mit jedem Artikel und jedem Interview schlimmer. Sogar die zitierte Studie hat Schirrmacher kränker gemacht als er vorher war, enthält sie doch eine enorme Menge an Informationen.

Auf der Rückseite des Buchdeckels findet sich noch ein Hinweis auf die hohe Mission, die den Mann antreibt:

Multitasking ist Körperverletzung.

Apple hat das schon vor Jahren gewusst und deshalb kann das iPhone auch immer nur eine Aufgabe erfüllen. Mehrere Fenster oder Funktionen kann es nicht parallel halten: Entweder telefonieren oder Adressdaten eingeben, entweder twittern oder eine neue Location bei Gowalla anmelden. Mich beschleicht aber ein leiser Zweifel, ob das von Apple als besonderes Feature für die Gesundheit gedacht war. Denn das SchirrmacherPhone gab es schon vor seinem Buch. Aber nun mag es vielleicht auf Krankenschein verschrieben werden für alle Menschen, die von den Nachrichten und tweets ihrer Freunde in den gesundheitlichen Ruin getrieben werden.
Was mir in der Diskussion bisher fehlte, sind die Leute, die schon früher das Telefon klingeln lassen konnten und nicht sofort aufgesprungen sind. Aber zurück zu den Studien.

Ich empfehle nur jedem die “Studien” der Psychologin Ellen J. Langer genau zu studieren, mit denen Schirrmacher vielen seiner Meinungen einen Schein der Faktizität verleiht.

Ein weiteres Beispiel:

Zwei Gruppen von Menschen werden einige Gegenstände präsentiert: eine Verlängerungsschnur, ein Föhn oder eine Kauspielzeug für Hunde. Unter dem Vorwand, eine Verbraucherstudie durchzuführen, werden Gegenstände gezeigt und benannt. Der einen Gruppe sagt man schlicht den Namen des Artikels, der anderen Gruppe benennt man diese Dinge nicht mit einer eindeutigen Aussage sondern mit einem Satz in der Möglichkeitsform: “Das hier könnte ein Föhn sein”. Dann erhalten die Testpersonen Formulare, die sie ausfüllen sollen und Bleistifte dazu. Beiden Gruppen erklärt man, nach einiger Zeit ganz aufgelöst, dass die Anweisungen falsch gewesen seien und keine Formulare mehr da seien und auch keine Radiergummis. Die zweite Gruppe, die unsichere Zuordnungen vonseiten der Wissenschaftler zu den Dingen bekam, kommt auf die glorreiche Idee, doch das Kauspielzeug als Radiergummi zu nehmen. Die erste Gruppe kommt nicht auf diese Idee. (Langer, Piper, Friedus: The Prevention of Mindlessness, 1987)

Wie deutet Schirrmacher das?

Wir lieben die Eindeutigkeit, denn je stärker sie ist, desto stärker unser Gefühl der Kontrolle. Das ist unsere Art, mit Risiken umzugehen. Wir entwickeln dann Routinen, die denen der Computer ähneln.

Risiko kann man abstrakt als das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses und dessen Konsequenz ansehen unter Bezug auf die Abweichung von den selbst oder fremd gesteckten Zielen. Wer keine Absichten verfolgt, lebt also extrem risikolos. Risiken hängen als sehr davon ab, ob man überhaupt offen ist für die Kontingenz des Lebens. Dieser Begriff aus der Philosophie wird oft mit Zufall übersetzt, bedeutet aber eher die Offenheit des Lebens. Wer sich also dafür öffnet, dass das Leben ihm das eine oder andere gute oder schlechte in den Weg stellt, der wird wenig Risiken eingehen, weil er nur sehr laxe Pläne zur Zukunft entworfen hat. Das hat aber rein gar nichts mit Computern zu tun. Es ist eher ein Frage der persönlichen Einstellungen, die aufgrund vieler verschiedener Komponenten entstehen und sich auch nicht selten ändern.

Dann versucht Schirrmacher seinen Terminus von “unsicherer Information” als volle analoge Weltsicht, welche dem defizienten (schwachen) Digitalen des Computers überlegen ist, weiter zu stärken. Das Problem bei all diesen Versuchen, naturwissenschaftliche Binsenweisheiten (die gerne alle paar Jahrzehnte über den Haufen geworfen werden) in das kulturelle Leben zu übertragen, liegt darin, dass viele oft nicht verstehen, dass der Computer damals ein Versuch war, die Operationen des Denkens transparent zu machen. Er war ein Modell zum Verstehen der Denkens.

Die höchste Kunst der Antike war die Astronomie, weil sie den Lauf der Gestirne vorhersagen konnte. Also gottähnliche Dinge wie den Tagesanbruch, Sonnenfinsternis oder Wintersonnenwende vorhersagen konnte (Maya, Azteken, Ägypter – sogar die Cro-Magnon-Menschen vor 100.000 Jahren). Diese Prophetie basierte auf Mathematik. Deshalb galt es als ausgemacht, als man “alles” über die Umwelt wusste, aber nichts über das Denken, dass derjenige, der Rechenoperationen in Maschinen simulieren könnte, derselbe wäre, der die höchste Form des Denkens verstanden hätte.

Dass nun aber nach dem maschinellen Zeitalter (steampunks) das elektronische Zeitalter nicht mit viel und wenig Dampf arbeitete, sondern mit Strom/KeinStrom, dass war eher ein unhintergehbarer Umstand der vorhandenen Technologie und keine freie Entscheidung der Entwickler. Sie wollten noch immer ein Modell des Denkens bauen. Dafür nahmen sie einfach den am besten belegten Gehirnvorgang, das Kalkulieren. Deswegen basieren die modernen Rechenmaschinen aktuell nur auf dem binären Code 0 und 1. Das ist kein Konzept, es ist eine Notwendigkeit. Die Quantencomputer werden auch dreiwertige Logiken zulassen können, möglicherweise sogar sehr viel mehr Grundzustände als drei.

Wenn man nun einen Wellengang eines Tons im Frequenzspektrum mehrere Milliarden Mal pro Sekunde abfragt und in eine Tabelle abträgt dann kann man mit ein bißchen Mathematik die Kurve des analogen Tons digital aufzeichnen als Zahlen und den Ton später wieder mit diesen Zahlen simulieren, ohne dass der Mensch einen Unterschied hört. Die Ungenauigkeit der menschlichen Wahrnehmung ist der Hauptgrund, warum diese Täuschung klappt – und etwas Mathematik. Der Computer liefert nur eine Annäherung an das Original, die uns ausreicht. Er ist mitnichten genau.

Wenn man aber trotzdem die Eindeutigkeit in Schirrmachers Argumentation als Kriterium der unmenschlichen Herrschaft der Computer herausarbeiten will, dann müsste er vor allem eines Tun: Er müsste nachweisen, warum all die vielen Beispiele, die er als Nachweis für seine Eingebungen anführt nur genau die Deutung zulassen, die ihnen angedeihen lässt. Ist nicht sein ganzes Buch voller Eindeutigkeiten? Die digitale Welt der Computer wandelt einfach alle Informationen in Zahlenreihen. Wenn sie sie wieder in wahrnehmbare Töne oder Bilder zurückverwandelt, also von der Festplatte abspielt, dann sind zwischen den gespeicherten Werten unverbundene Löcher, die nur mit mathematischen Gleichungen in einer zufallsgesteuerten Annäherung die Werte zu einem Strom von Tönen verbinden. Das ist mir allemal sympathischer und nachvollziehbarer als ein Schirrmacher, der seine Ideen mit Quasi Messwerten (Studien) speicherbar macht und nachher Querverbindungen herstellt, ohne das Verfahren zu nennen, dessen er sich bedient.

Und genau dieses Verfahren ist es, dass auch die Menschen vor der ungesunden Informationsflut rettet. Es ist das Vermögen sich anzupassen. Manche passen sich so gut an die sich ändernden Verhältnisse an, dass sie viele Nachkommen bekommen. Das hat zur Folge, dass ihre Gene in die nächsten Generationen getragen werden. Es kann sogar sein, dass manche von denen eine besondere Genmutation erlebt haben und deshalb besonders nutzbringend mit bestimmten Entwicklungen umgehen können. Aber das ist keine Generationenfrage sondern eine der individuellen Veranlagung, der Übung und der Robustheit. Auch der grundlegende Zweifel am Glaubensmodell der Zahlenkirche, die in der Statistik ihre Hohepriester weiß, ist kein Nachweis für irgendetwas außer der Entscheidung für eine der Millionen Möglichkeiten, die Welt zu deuten.

Journalisten und Wissenschaftler haben oft eines gemeinsam. Sie sind der Ansicht, dass Informationen, also das Pressen von Gedanken in Schriftcode, einen besonderen Stellenwert in der Überlebensstrategie der Menschheit hat. Das ist aber nicht nachzuweisen. Es ist aber nachzuweisen, dass der Austausch mit anderen in der Gruppe seit dem Neandertaler einen enormen Überlebensvorteil bedeutet. Und das Netz fördert den Austausch mit Menschen. Und wenn man statt per E-Mail nur mit einigen nun per twitter mit Hunderten kommuniziert, kann das den Vorteil stärken oder schwächen. Aber das einfach Herausbrüllen von Meinungen der Wissenschaftler oder Journalisten hat diesen Vorteil nicht und wird deshalb immer nur eine geduldete Form des Ausdrucks sein. Die wahre Kunst und der echte Vorteil ist das Hin und Herr der Informationen zwischen den Menschen. Dort wächst auch die Kultur am schnellsten und am erfolgreichsten.

Wenn Schirrmacher also seine eigenen Deutungen der Studien ernst nähme, müsste er aus humanitären Gründen darauf verzichten, weiter mehr Informationen zu verbreiten. Er könnte mit dem Unterlassen solcher verhinderten Kinderbücher und dem Appell an alle Verleger, die Masse der Informationen auf den Stand von 1920 zurückzuführen einen Beitrag zur Volksgesundheit leisten, der mich dazu veranlassen würde, ihn für das Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen.

Bookmark and Share

Post to Twitter Post to Delicious

9 Kommentare

  1. Ja, der Schirrmacher möchte gern ein bißchen Erregung produzieren. Ich glaube, er lässt sich schon vom krakeelenden Mainstream, der im Web ein wenig anders ist als im RL, anstecken oder versucht ihn zu bedienen. Die RTL2_Zuschauer werden sein Buch weder kennen noch je lesen. Ist kein Harry Potter drauf.

  2. Ich denke, es kommt doch eher darauf an, welcher Art die Publikation der Informationen und die Informationen selbst sind: Wenn man nur Bild usw. liest oder halbseriöse Nachrichtenmagazine auf RTL2 schaut, ist doch klar, dass man bekloppt wird… Kann mir einfach nicht vorstellen, dass mehrere Sichtweisen auf ein Problem, bzw. Ereignis dumm und krank machen. Mir ging es an der Uni eher so, dass viele unterschiedliche Stellungnahmen erst eine ansatzweise komplette Darstellung ergeben haben…

  3. Schirrmacher betreibt ja kein Webbashing in dem Buch sondern eher ein Informationsflut-Bashing, wie man sowohl im Buch als auch im Interview bei edge sehr gut erfahren kann. Wenn man den Post oben aufmerksam liest, dann erkennt man, dass sich dieser direkt auf dieses Informationsflut-Bashing bezieht, da es dem Autor vorwirft, selbst Teil der Informationsinflationierer zu sein.

    Seine Glaubwürdigkeit würde den Bereich des Diskutablen erreichen, wenn er selbst die Konsquenzen seiner “Erkenntnisse” ziehen würde. Das kann man weder von seiner Tätigkeit bei der FAZ noch im Buch erkennen. Insofern bleibt der Eindruck, dass es nur um einen kruden und plumpen Alarmismus geht, um das Buch zu verkaufen und sich als Talkshow-Gast zu präsentieren. Einer profunden Diskussion halten die zusammengestückelten Studiendeutungen und die Plattitüden nicht stand.

    Insofern sind grundlegende wissenschaftsheoretische, diskursive und aussagenlogische der Hauptgrund für das intentionale Scheitern des Buches und nicht diese eine Seite des Buches, die gerne als Webbashing beschrieben wird und einfach nur als PR-Alarmknopf installiert wurde. Der Post oben geht daher auf andere Aussagen des Buches ein.

  4. Es treten doch Zweifel auf, ob das Buch von Schirrmacher wirklich gelesen wurde. Es sind schlicht viele treffende Argumente drin, und das simple Argument des Web-bashings zieht nicht immer.
    Nicht alles Analysten sind “Computer-Hasser”.
    Ich war selbst 15 Jahre Entwicklungsleiter SW.

  5. Na deswegen “Bastard” … Postman & Weizenbaum hatten sich mit der Materie schon früher (natürlich ohne Wissen um die Web-2.0-Revolution) auseinander gesetzt. Sie waren Vordenker, Schirrmacher ist nur ein Nachdenker – der mit der Fülle der Fakten überhaupt nicht zurechtkommt.

    Postman hatte durchaus einige valide Punkte (Ablenkung und Verblödung durch unreflektierten Medienkonsum) – mein persönlicher Kritikpunkt wäre, daß seiner Meinung nach die Schriftkultur die überlegene wäre. Klarer Buchwurm …

    Was mich an Schirrmacher und all den “etablierten Journalisten” die sich zu Medienkritikern aufschwingen auf die Palme bringt ist, daß Ihnen die verehrten Kollegen so eine breite Plattform bieten seinen Käse zu verbreiten.

    Vertreter der old School blamieren sich andauern mit der versuchten Demontage der neuen Medien, an denen sie selbst nicht “mitgebaut” (buchstabieren sie mal Ha-Te-Em-Ehl) oder selbst “mitmachen” (und da reicht ein Twitter oder Facebook-Account sicherlich auch nicht aus).

    Auf der anderen Seite hilft das Gesabber von selbsternannten Social Media Gurus a la Lobo auch nicht. Insbesondere die PR-Brigade & Agentur-Hengste sabbern derzeit um die Wette in die Tastahuren.

  6. Da kann ich nicht ganz folgen. Postman kann ich nicht ernst nehmen. Das liegt nicht an seinem Lehrerberuf, sondern seinen unreflektierten Polemiken. Das rückt ihn die Nähe von Schirrmacher, ja. Aber Weizenbaum habe ich als reflektierten Menschen kennen gelernt, der über deutlich mehr Differenz verfügte, als Schirrmacher und Postman zusammen. Ich bin in vielen Punkt nicht seiner Meinung halte diese aber für sorgfältig erwogen und überdacht. Das kann ich den anderen beiden Personen nicht “vorwerfen”.

  7. Schirrmacher – der Bastard aus der Ehe von Neil Postman und Joseph Weizenbaum?

Trackbacks

  1. Tweets die Schirrmacher fordert die Abschaffung der Medien | digitalpublic.de erwähnt -- Topsy.com

Schreibe einen Kommentar

Kommentar-Regeln - Rules Of Commentary:

Durch einen Klick auf den Absende-Button stimmt der Kommentierende folgenden Regeln zu:

  • Bitte möglichst reale Klarnamen verwenden (Im Zweifel Vornamen)
  • Keine persönlichen Angriffe

Substanzlose Kommentare, SPAM oder persönliche Angriffe werden gelöscht und ggfls. in Rechnung gestellt. By clicking the Submit-Button, you accept a 500 € fee for any comments that only publish advertisments for products or companies and do not refer to the article or other comments in terms of a discussion.