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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Rezension: The Big Switch von Nicholas Carr

Nicholas Carr hat schon vor einiger Zeit mit seinem Bestseller Does IT matter für Aufsehen in der IT-Welt gesorgt. Er war Chefredakteur des Harvard Business Review und schrieb für viele bedeutende amerikanische Magazine. Sein neuestes Werk The Big Switch: Der große Wandel: Die Vernetzung der Welt von Edison bis Google fokussiert das World Wide Web als World Wide Computer. Damit könnte das Web zum Versorgungsnetz für Daten aller Art werden. Schon vor einigen Jahren boten sogenannte ASP-Firmen Software oder Datenspeicherung online an. Seit dem Siegeszug der Online Communities wie die Flickr für Fotos oder Youtube für Videos nutzen Privatleute das Web, um ihre Information und Daten mit netzbasierten Programmen zu bearbeiten oder zu speichern. Auch große Player wie IBM und Microsoft versuchen seit langem, ihre Kunden in ihre Rechenzentren zu locken und lokale Rechenkapazität auf Mietbasis ins Web zu verlagern.

Carr sieht darin eine Analogie zur Energieerzeugung. In der industriellen Revolution wuchsen die Firmen am schnellsten, die ihre eigene Energie erzeugten mithilfe von Wasserkraft oder Dampfmaschinen. Diese dezentralen Energiequellen wurden dann sukzessive abgelöst durch den universellen Strom, der nicht mehr mechanisch übertragen werden musste und dank Teslas Engagement für den Wechselstrom such über große Strecken transportierbar war. Die Märkte wurden befreit von den wenigen Großindustriellen und viele kleine Firmen konnten mithilfe des Stroms produzieren und Dienste anbieten. Nicht zuletzt die serielle Fertigung eines Henry Ford basiert auf der elektrischen Energie.

Einen ähnlichen Quantensprung sieht Carr nun in dem allgegenwärtigen Web, dass Daten genauso gut und zuverlässig verteilt, wie Edisons erste Stromnetzwerke in Chicago. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Information aus dr Steckdose Firmen und Privatleute entlastet. Wer braucht einen PC oder gar einen Server, wenn man ganze Anwendungen damt Datenspeicherung im Netz mieten kann.

Soweit so gut. Im Zuge der Elektrifizierung gab es plötzlich Hunderttausende neue Arbeitsplätze, nicht zuletzt in den Verwaltungen, die mit Lochkarten die neuen ökonomischen Imperien steuerten. Im Webzeitalter gibt es auch Hunderttausende Wissensarbeiter, die tagtäglich das Netz mit ihren Informationen, Bewertungen und Millionen von Querverweisen befüllen. Allerdings ohne bezahlt zu werden. Sie tun das freiwillig. Sie wollen Anerkennung von der globalen Gemeinde derjenigen, die die gleichen Interessen haben. Aus der billigen Elektrizität wurde eine Massenwohlstand geboren. Aus der billigen Rechenleistung droht eine Massenenttäuschung zu werden. Denn eine einzelne Person kann mit einem Dating-Portal mehr Kunden bedienen, als ein ähnliches Datingportal, das von Dutzenden Redakteuren betreut wird. Man muss der Erste sein, oder der Beste, der eine Idee online umsetzt. Es gibt kein Pardon im Web.

Nach einem Parforceritt durch die amerikanische Industriegeschichte der letzten 150 Jahre landet Carr in einem überschwenglichen Credo für die webbasierte Verwaltung aller Informationen und Daten. Dann jedoch macht er auf die Schattenseiten der Entwicklung aufmerksam. Leider schenkt er dem digital gap, also dem Abgrund zwischen gebildeten und kaum gebildeten Webnutzern keine weitere Beachtung. Er geht auch nicht auf die Entwicklungen in Afrika, Asien und Südamerika ein, die das Handy als Plattform fürs Internet nutzen. So bleibt sein Fokus sehr auf die zivilisierten Länder beschränkt, diese Limitierung ist jedoch gewollt. Denn er will mit seinem zunächst sehr positivistischen Essay auf die drohende Zukunft vorbereiten, die nur für sehr wenige Auserwählte einen Glückskeks bereithält. Es ist in der Summe ein Abgesang auf die demokratische Kraft des Web. Man sollte diese verstörenden Warnung ernst nehmen. Das Buch ist kürzlich sogar in Deutsch erschienen bei REDLINE in Hamburg und ist unter www.mitp.de zu beziehen.

Autor: Jörg Wittkewitz. Alle Rechte vorbehalten.
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Folgende Schlagwörter: Bücher, Rezension, Web 2.0, Web 3.0

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