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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Qualitätsjournalismus: Transparenz ist die neue Objektivität – von David Weinberger

Dieser Text ist meine Übersetzung des Originaltexts von David Weinberger (danke an David für die Erlaubnis, ihn zu übersetzen und hier zu veröffentlichen). Mehr zu Weinberger hier sowie unten im Video zum Vortrag auf der PDF09 (Keynote).

d-weinberger“Ein Freund bat mich, genauer zu erklären, was ich meinte, als ich anläßlich der PDF09 folgenden Ausdruck gebrauchte “transparency is the new objectivity” (Transparenz ist die neue Objektivität). Zunächst muss ich mich dafür entschuldigen, erneut das alte Klischèe zu nutzen “X ist das neue Y”. Zweitens meine ich damit, dass Transparenz nun in einer Ökologie des Wissens zumindest teilweise die Rolle einnimmt, die man früher der Objektivität zugedacht hat.

[Die Aufklärung entmachtete die religiösen Weltbeweise und erschuf in der Folge den neuen naturwissenschaftlichen "Gott" der Objektivität.]

Außerhalb des wissenschaftlichen Bereichs ist die Objektivität heutzutage alles andere als etwas Erstrebenswertes und selbst dort gilt sie als eher ungenau und schemenhaft. Das Problem mit der Objektivität liegt darin, dass sie versucht zu zeigen wie die Welt ist, wenn man keinen besonderen Standpunkt einnimmt, was ungefähr dasselbe ist, wie sich zu fragen, wie etwas im Dunkeln aussehen würde. Nichtsdestotrotz, Objektivität – auch als unerreichbares Ziel – diente uns als Modell dafür, wie wir Informationen unser Vertrauen schenken können – speziell in Bezug auf die moderne Presselandschaft.

Man kann das erkennen in den ersten Widerständen der Zeitungen gegen die Welt der Blogs erkennen. Man erklärte uns, das Blogger ihren Ansichten folgten und die Journalisten uns objektive Informationen liefern würden. Natürlich, wenn man nicht glaubt, dass Objektivität realisierbar ist, dann nimmt man an, dass der Anspruch nach Objektivität die offensichtlichen Vorurteile verdeckt. Das genau war es, was ich meinte, als ich 2004 während einer Blogger Presse Konferenz bei der Democratic National Convention mit dem Pulitzer-Preisträger Walter Mears sprach und ihn fragte, wen er denn als Präsident unterstützen würde. Er antwortete: ” Wenn ich ihnen das erzähle, wie können sie mir dann vertrauen?” Worauf ich meinerseits fragte, wie wir ihm glauben könnten, was er bloggen würde, wenn er sich nicht erklärte.

Dies ist eine Bedeutung von Transparenz ist die neue Objektivität. Was wir bisher immer als objektiv annahmen, weil wir den Autor als objektiv einschätzten, können wir nun bewerten durch die Texte eines Autors in denen er oder sie die Quellen und Werte reflektiert, die ihn oder sie zu einer Position bewegen. Transparenz gibt dem Leser die Informationen, die bisher unausgesprochenen Vorlieben und Tendenzen aufzudecken und abzulösen. Transparenz erlaubt so eine Zuverlässigkeit, die eigentlich die Objektivität lieferte.

Der Umbruch ist, nun, epochal.

Objektivität war bisher ein Ankerpunkt für den Glauben: Wenn die Quelle objektiv ist und gut informiert, dann hat man ausreichend Grund, ihr zu glauben. Diese Objektivität eines Reporters ist der Haltepunkt für Nachfragen des Lesers. Das war Teil des besonderen Begriffs Qualitätsjournalismus mit dem manche Zeitungen eine hohen Wert für sich in Anspruch nahmen: Lieber Leser! Man kann nicht glauben, was man in einem schrägen Tabloid-Magazin liest, aber unsere Nachrichten sind objektiv, daher brauchst Du nicht weiter nachzuforschen. Bewertungssysteme arbeiten nach demselben Referenz-Prinzip: Wenn man einmal eine Referenzauthorität erreicht hat, die sagt: “Ich weiß es. Du kannst es glauben” – dann ist Schluß. Ende der Geschichte.

Wir dachten bisher immer, das wäre der Weg, wie Wissen funktioniere, aber es stellt sich heraus, dass Papier so funktioniert. Transparenz wächst in einem zusammenhängenden und verknüpften Medium, wo man direkt sehen kann wie die Verbindungen zwischen den ersten Informationen und der finalen Version sind. Papier hat seine Probleme mit Querverweisen. Man kann mit Fußnoten eine Menge erreichen, aber es ist aufwendig und zeitraubend und resultiert häufiger in Versagen als in Erfolgen. Also, während des Zeitalters des Papiers, waren wir daran gewöhnt, dass die Authorität in Form eines Stopschildes kommt, dass uns signalisiert: Du hast eine Quelle erreicht, deren Zuverlässigkeit keine weiteren Nachforschungen mehr nötig macht.

Im Zeitalter der Links nutzen wir noch immer Empfehlungen, Zeugnisse und vertrauen auf Authoritäten. Dies sind unentbehrliche Wege, um Wissen zu erweitern, da wir so Dinge wissen können, die ein Einzelner unmöglich bestätigen könnte. Aber, in zunehmendem Maße trifft die Tatsache zu, dass Empfehlungen und Authoritäten nur noch für Wissen als Massenware zu, eben das, was eigentlich schon festgestellt wurde und worüber man eigentlich nicht mehr diskutieren muss. An den Enden des Wissens – bei den Analysen und der Kontextualisierung von denen die Journalisten sagen, dass genau darin ihr besonderer Wert liege – eben dort brauchen, wollen und wünschen wir Transparenz. Transparenz kann innerhalb eines Texts die bisher unausgesprochenen Werte und Annahmen, die einen Artikel argumentativ mitgestalten, für den Leser sichtbar machen. Transparenz – die integrierte Möglichkeit, einen veröffentlichten Text zu durchschauen – gibt uns mehr Gründe gibt, einen Bericht zu glauben als es die Objektivität tat.

In der Tat, Transparenz fasst Objektivität zusammen. Jeder, der Letztere für sich bzw. seine Texte in Anspruch nimmt, sollte bereit sein, uns einen Blick auf seine Quellen, Meinungsverschiedenheiten und persönliche Werte und Annahmen ermöglichen, die normalerweise gerne ausgeklammert werden.

Objektivität ohne Transparenz wird zunehmend wie Arroganz aussehen – und danach wie Dummheit. Warum sollten wir dem vertrauen, was eine Person – auch mit den besten Absichten – als wahr darstellt, wenn wir stattdessen ein ganze Netz aus Beweisen, Ideen und Argumenten haben könnten?

Kurz gesagt: Objektivität is ein Mechanismus für Vertrauen, wenn ein Medium keine direkten Verknüpfungen (Links) beherrscht. Nun kann unser Medium das.”

Hier der Vortrag auf der PDF09:

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