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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Digital 2.0: Obama – Social Media als Beginn direkter Demokratie – Dolchstoß für Verlage, Sender und Staaten?

“Wir haben eine Tradition, wie wir über den Präsidenten berichten”, erinnerte Bill Pante, ein ziemlich genervter amerikanischer TV-Journalist der ersten Stunde, Obamas neuen Regierungssprecher Robert Gibbs auf der ersten Pressekonferenz. Denn um diese Tradition schert sich der neue Präsident kaum. Das hat Folgen. Die Relevanz der klassischen Medien nimmt nicht nur ab, weil seit der Social Media Bewegung jeder in seinem eigenen Blog seine eigene “Zeitung” online stellen kann und nur noch die Leser und Zuschauer über das Wohl und Wehe entscheiden. Der neue US-Präsident forciert diese Bewegung auch noch mit seiner Art, eben diese klassischen Hofberichterstatter und professionellen Kritiker auszuschließen. Ob das direkte Demokratie mithilfe des Web ist oder das Umgehen der immer noch mächtigen und potenziell kritischen Massenmedien, bleibt abzuwarten.




Social Media

Ob auf facebook, myspace oder eben Obamas eigenes Whitehouse-Blog der neue amerikanische Präsident geht  den direkten Weg zu seinen Wählern. Macon Phillips, Obamas Mann für das Web, der auch schon während des Wahlkampes die Online-Fäden zog, erklärte zum Blog: “Wir werden alle Gesetze außer den Notfallgesetzen jeweils fünf Tage lang auf der Website veröffentlichen, um der Öffentlichkeit Gelegenheit zu geben, sie zu prüfen und zu kommentieren, bevor der Präsident sie unterzeichnet.” Es bedeutet nicht nur, dass die Bevölkerung endlich die Gelegenheit bekommt, Informationen aus Erster Hand zu erhalten. Sie werden auch ohne Medienfilter veröffentlicht. Die traditionellen Medien werden also der Möglichkeit enthoben, wesentliche Informationen bevorzugt zu enthalten. Und was noch wichtiger ist: Alle können sich nun ihre Gedanken zu Gesetzesentwürfen selber machen und die Bewertungen in Blogs und auf Social Nets selbst vornehmen. Die berühmte vierte Säule des politischen Journalismus erscheint damit unter den schweren Erdebebenstößen Obamas zu schwanken. Allerdings fühlt man sich auch ein bißchen an Coyote & Roadrunner und die Erdbebenpillen (im Clip unten ca. bei 3:00 Minuten) erinnert:





Freie Fahrt für freie Inhalte

Denn ein direkter Kontakt zu den Massenmedien bedeutet natürlich auch eine gewisse Vorhersehbarkeit und Kontrolle der Reaktionen. Es ist ja nicht nur einmal passiert, dass unliebsame Journalisten und Autoren, die für Medien schrieben, die den Demokraten oder Republikanern nahe standen, einfach ins Archiv versetzt wurden oder Schlimmeres. Wenn nun aber viele Informationen direkt ins Netz fliessen, werden sie auch dort verarbeitet. Das Netz verfügt allerdings – im Gegensatz zu den ständig dahinschmelzenden Redaktionen – über Millionen von Rechercheuren und Abermillionen von Bewertern, die aus einer einfachen Informationen binnen Stunden eine packende Story oder gar einen Staatsakt machen können. Wie das geht? Wer Interesse an der Macht Sozialer Netzwerke hat, der lese folgendes, sehr gutes Buch aufmerksam:
Clay Shirky – Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations.
Es kann also gut sein, dass die direkte Demokratie nach dem Vorbild der Grassroots-Bewegung auch ihre schwierigen und unberechenbaren Seiten recht bald zeigen kann. Denn bei der Grassrootsbewegung geht es nicht nur um die Transparenz der Politik gegenüber der Gesellschaft sondern auch um die Durchlässigkeit des direkten demokratischen Willens hinsichtlich des Machtapparats. Sollte Obama an dieser Stelle nur eine semipermeable Membran (nur in eine Richtung durchlässig) im Blick haben, könnte die Hoffnung der Massen in einen Sturm des Zorns münden. Und so sind auch die Mahner und Zweifler an Obamas Web-Demokratie schon gefunden.


Kritik, Zweifel und neue Märkte

Dave Winer, Erfinder des RSS-Feeds, findet, dass die ausgeschaltete Kommentarfunktion beim Whitehouse-Blog schon ein übles Beispiel für das alte web 1.0 sei, also das “Einbahnstraßen-Web“, dass eben nur das Publizieren und nicht die freie Bewertungsmöglichkeit der Inhalte vorsah. Dem hält allerdings der Verleger Tim O’Reilly entegegen, dass er sehr wohl schon offiziell veröffentlichte Videos von Obama mit über 35.000 Kommentaren gesehen habe, aber das Problem darin sehe, wie man denn überhaupt daraus Wesentliches geordnet bekomme, um sinnvoll darauf zu reagieren zu können.
Über solche Technologien, das soziale Web zu analysieren und Inhalte zu normalisieren, verfügen erst wenige Firmen wie beispielsweise 30Digits.com.Aufgrund deren Erfahrungen bei Lösungen im Umfeld von Polizei, Marktforschung und internen Wissensmanagementprojekten wären sie prädestiniert. Aber da bisher noch kein internationaler Reputationsschaden entstanden ist durch Social Networking, wird wohl die Marktbeobachtung von den Social Nets erst in einigen Monaten, in Europa wohl erst in einem Jahr ein plötzlich boomender Markt werden, der in den nächsten Jahren den aktuellen Markt an Bannerwerbung um einige Einheiten in den Schatten stellen wird. Man braucht eben immer erst einen prominenten Fall, um die Tragweite dessen zu begreifen, dass die Glaubwürdigkeit der Leser und Zuschauer gerade in Lichtgeschwindigkeit von traditionellen Medien zu den kleinen und spezialisiertern Blogs und Nutzern sozialer Plattformen überläuft.


Modell für Direkte Demokratie?

Das hat mehrere Gründe. Zum Einen natürlich die klassische Neophobie der Europäer. Zum anderen der humanistische Dünkel der Sozialkonstruktivisten und die Hörigkeit der angewandten Mathematik gegenüber, die schlicht keine Statistken zu den Auswirkungen des Social Web publiziert. Ein weiteres strukturelles Problem der Medien kommt hinzu:  Die klassischen Journalistenschulen bilden ihre Schüler nach dem Prinzip des Generalisten aus. Wer im Lokalteil einer Zeitung angefangen hat, kennt jedes Ressort ein bißchen und kann sich dann nachher on the job für spezielle Aufgaben qualifizieren. Das hat klare Vorteile für die Verlage und Sender. Die Spezialisierung wird dann meistens nach der Erstausbildung vorgenommen, also dem Studium der Volkswirtschaft, Medienwissenschaften oder Kunstgeschichte. Was viele gute Blogger aber diesen Meisterschülern der Journaille voraus haben, ist die Tatsache, dass sie im wahren Leben des erwählten Themengebiets schon erklekliche Erfahrungen gesammelt haben.
Im besten Fall sind sie daher eine Art öffentlich lernender Berater für schwierige Fälle. Nicht wenige haben schon Bücher veröffentlicht und nutzen ein Blog eher als Recherchemaschine denn als Einkommensmittel.  Sie verarbeiten Informationen nicht hinsichtlich der Leserschaft sondern hinsichtlich der persönlichen Perspektive auf den Inhalt. Das kann manche Leser vergrätzen oder es kann völlig neue Ideen hervorrufen. In jedem Fall passiert es mit viel mehr Freiheit für Leser und Autoren gleichermaßen. Das nächste Blog ist einen Klick entfernt. Und auch der nächste (amerikanische) Präsident ist einen Klick entfernt. Denn das werden nun alle Interessengruppen gelernt haben: Vernetzt Euch im Web und bildet eine große Masse, einen großen Schwarm an aufgeklärten Bürgern. Die Schwarmintelligenz ist sicher in der Lage binnen Minuten oder Stunden, die Gefolgschaft zu jemandem aufzukünden und im großen Ozean einfach weiterzuschwimmen. Im Zweifel ganz ohne Führung. Denn die Kollektive Intelligenz übersteigt die der Berater von Politikern um den Faktor 100. Es könnte sein, dass nunmehr im und durch das Web ein Modell geschaffen wird, wie sich die Demokratie auf hoher See neu zusammenbauen kann – und zwar ohne Führungspersönlichkeiten.

Obama I: Obamas Soziale Werkzeuge

Obama II: Obamas Konzepte für Online-PR und Online-Marketing nutzen

Obama III: Social Media als Beginn direkter Demokratie


Autor: Jörg Wittkewitz. Alle Rechte Vorbehalten.
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Folgende Schlagwörter: Die Gesellschaft, Obama, Politik, Social Media, social software, Social Web, Sozial

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