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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Netzwerk Recherche beklagt Nähe der Journalisten zu Pressesprechern

Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche versteht sich als Wahrer des unabhägigen Journalismus, der zunehmend die unheiligen Verflechtungen innerhalb vieler Gesellschaftsgruppen aufdeckt und anmahnt. Es geht um grundlegende demokratische Werte, denn Journalismus ist die sprichwörtliche 4. Säule unseres Staates. Das ist weder ironisch noch bewundernd gemeint. Angesichts der Debatten in der Medienwelt, die man kurz mit dem Schlagwort des Qualitätsjournalismus zusammenfassen kann, hat man nun ein Positionspaper verfasst und hier veröffentlicht.

altes_telefonOhne ins Detail zu gehen, wird der Status quo beschrieben: Journalisten brauchen Informationen und Pressesprecher in öffentlichen Institutionen und bei Firmen geben nur das raus, was ihrem Arbeitgeber keinen Schaden – oder besser – eine gute Reputation verspricht. Es wird auch auf die Bequemlichkeit vieler Journalisten eingegangen, die die erhaltenen Daten nicht gegenchecken, sondern ungeprüft verwenden. Auch die abnehmende Distanz zwischen Journalisten und Pressesprechern wird beklagt, da letztere ja oft früher Kollegen waren. Mit diesem Herrschaftswissen können sie auch organisatorische oder ökonomische Schwächen in den Redaktionen ausnutzen – Stichwort: Zeitnot. Man wundert sich, wessen Einfluß es zu verdanken ist, dass die ehemals scharfen Eckpunkte der Version von 2005, da gab es schon mal so ein Papier so butterweich, gemeinplätzig und cremig gerührt worden sind…

Es fehlt ein modernes Verständnis der medialen Wirklichkeit

So löblich die Zusammenfassung von längst gewussten, ja zu Gemeinplätzen verkommenen Wirklichkeiten erscheint, es fehlt etwas. Sollte es als Grundlage für eine Diskussion der Thesen dienen, fehlt der analytische Blick auf die Vorder- und Hintergründe solcher Gegebenheiten. Das Aufzeigen von Machtverhältnissen ist ja an sich kein Wert. Die angesprochenen “negativen” Beispiele werden von der Gegenseite wahrscheinlich als Supertrumpf verstanden. Auch der unheilige Kocks hat sich wieder zu Wort gemeldet und auf der Website des Netzwerks seine Senftube gedrückt.

Oder ist Herr Dr. Leif als Verfasser am Ende nicht nur für die Sparkassenstiftung sondern auch für ihn tätig?

So uneingeschränkt positiv ich das rührige Bemühen um vernachlässigte Themen mithilfe von Stipendien des Netzwerks Recherche finde, es bleiben Zweifel an der Veranlassung und dem Ziel des Papiers.

Was ist zu tun? Bevor man einen Zustand beklagt, muss man sich darüber im Klaren sein, von welchem Standpunkt aus man denkt und spricht. In der Wissenschaftstheorie geht es bei der Wahrheitssuche immer um Selbsterhaltung und um die Umstürzung mit Blick auf das Neue. Dabei wird oft auf die relative Potenz des Erkenntnisstrebens abgehoben. Wer immer am Alten festklebt, der mus sich gefallen lassen, des Obskurantismus bezichtigt zu werden, weil er das Neue nicht einordnen will oder kann. Das scheint hier der Fall zu sein.

Ein Journalist schreibt im Auftrag der Redaktion. Sie bietet ihm den Schutz eines im besten Fall finanziell potenten Verlags und erwartet im Gegenzug mitreissende und auflagenstärkende Themen und Recherchen. Ein Pressesprecher muss die Medienresonanz seines Unternehmens kontrollieren. Ist die Firma groß, muß limitierend eingewirkt werden, weil sowieso genug Beachtung vorhanden ist. Ist die Firma klein, muss um Aufmerksamkeit gerungen werden.

Diese letzte Aufgabe deckt sich ziemlich genau mit den Aufgaben eines Journalisten. Ein großer Skandal um die korrpute Vorsitzende des Kleingartenvereins wird in einer Wochenzeitung nicht goutiert. Die Aufmerksamkeit, die Leser und Zuschauer lockt, muss möglichst große Tiere zum Inhalt haben. Genau die stellen aber Pressesprecher an, um sich abzuschotten. Wären sie soziale Geister mit hoher sozialer Kompetenz, bräuchten sie nur eine Pressesekräterin für die Termine und mittlere Orgnisationsaufgaben und machten ansonsten alles selbst. Auch das gibt es.

Neue Zeiten: Social Media beruht auf der Subjektivität der Wirklichkeit

Das alles ist bekannt und befindet sich nicht im Umschwung. Es gibt aber etwas, dass spätestens seit den Achtzigern zunehmend in den Bereich der pseudowisseschaftlichen Quasireligion gehört. Heisenberg wußte schon viel früher davon.

Denn was es nicht gibt, sind Fakten. Der Ruf nach diesem goldenen Kalb verhallt im Nichts. Denn eine Information ist zunächst ohne Kontext nichts weiteres als der Bericht eines Vorgangs. Dass dieser Vorgang von unterschiedlichen Beteiligten oder Betroffenen sehr differenziert betrachtet wird, dürfte nicht nur den Sozialkonstruktivisten offenbar sein. Die reine Lehre der Wirklichkeit namens Faktum ist immer gefärbt, es sei denn der Journalist betreibt investigative Recherchen. Und dann ist die Veranlassung der Recherche und die Person des Journalisten Ursache für eine Bewertung.

Sich also hinzustellen und zu behaupten, es sei verwerflich, dass einseitige Informationen – von wem auch immer – verbreitet werden, ist schlicht ein Verkennung der Verhältnisse und Nachweis mangelhafter Reflexionsfähigkeit. Wahrheit und Wirklichkeit sind nicht erst seit dem Konstruktivismus eine entscheidende Frage der subjektiven  Perspektive.

Der unseelige Hinweis des unseeligen Klaus Kocks zur zeitweiligen Kollaboration zwischen Pressesprechern und Jouranlisten ist hierbei weder sachdienlich noch überhaupt relevant angesichts der Erkenntnis des Netzwerks, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen keine einheitliche Berwertung von Verhältnissen vornehmen. Angesichts eines TV-Berichts aus der Frontalredaktion zu den Marketingmaßnahmen der Pharmaunternehmen, haben sich Jouranlisten einfach ein Medikament, eine Firma und ein Büro ausgesonnen und Objektleiter von Zeitungen eingeladen, um ungeniert die gesetzlichen Bestimmungen zur Werbung für Medikamente zu umgehen. Zumindest in der Simulation für die Kamera. Den Objektleitern wurd jedoch ausreichend Wirklichkeit vorgespiegelt. Das ist Journalismus der Zukunft. Das Spielen mit der Klaviatur der Gier und der niederen Leidenschaften – im Auftrag der guten Sache. Man kann das ethisch verwerfen. Man kann es auch ethisch verwerfen, wissenschaftliche Erkenntnisse um die Relevanz der Fakten zu mißachten.

Zukunftsaussichten der Medien

Ich denke, es wäre noch viel sinnvoller, noch weitaus perfidere Maßnahmen zu ergreifen, um den vielen Gesichtern der Wirklichkeit ans Tageslicht zu bringen. Social Media ist ein trefflicher Weg dazu. Weil dort nämlich auch Insider schreiben, die eine Perspektive einnehmen, die die der Pressesprecher inhaltlich bei weitem übersteigt und tiefer durchdringt. Insofern wird noch eine Menge passieren, was die Aufdeckung von versteckten Aspekten der neomodernen Gesellschaft angeht.

Und dem dümmlichen Hinweis von Kocks kann man nur entgegnen, dass Kollaboration nur in einem funktionierenden Netzwerk wirklich erfolgreich realisierbar ist. Ich bin lange genug im Umfeld Organisationsentwicklung und Wissensmanagement tätig, um zu wissen, dass die meisten Menschen auf die neumodische Frage nach Online-Collaboration nur mit Achseln zucken: “Würde ich gerne machen, wenn ich Zeit hätte.” Es gibt unzählige Beispiele aus dem militärischen Umfeld, den Großbanken und auch der weltgrößten Versicherung, dass es hier eben nicht darum geht mal eben für das Abklären einer Frage jemanden anzurufen. Wer sich nicht in der Zeit um das Netzwerk kümmert, erhält auch in der Not nur Mist statt valider Inhalte. Das ist einer der wesentlichen Gründe für viele aktuelle Probleme. Sein Hinweis:

“Die Kollaboration ist die begrenzte Zusammenarbeit von Gegnern, die darauf achten, sich nicht zu beschädigen”

ist also demnach eine Verhöhnung des Begriffs Kollaboration. Warum sollten auch Pressesprecher und Journalisten zusammenarbeiten? Woran denn? Sie erstellen doch gemeinsam nichts. Außer den Fachverlagen, die einigen Firmen eine Plattform für ihre Selbstbeweihräucherung liefern. Aber das ist ja legitim, dort erwartet ja auch niemand Journalismus. Erschreckend ist, dass das Netzwerk Recherche in diese zynischen Umwertung der Zusammenarbeit einstimmt. Kurz gesagt: Es ist ein absoluter und grundsätzlicher intellektueller Offenbarungseid. Bei Kocks bin ich ja solche unreflektierten und wenig durchdachten Sentenzen für die Golfplatzclaquere gewöhnt, aber dass das Netzwerk sich da noch dranhängt, ist unentschuldbar.

Die Perspektive liegt ja nicht darin, dass man mit den anderen kollaboriert sondern darin, dass man einfach alle Quellen nutzt, die denkbar sind. Wer das nicht tut, hat seine Gründe. Und die werden sich nicht durch Beschreiben des status quo ändern. Vor allem dann nicht, wenn man noch immer – im dritten Jahrtausend – dem uralten magischen Glauben anheim gefallen ist, es gäbe eine, uns alle übersteigende monolithische Kraft namens Objektivität. Das ist aus meiner Sicht der größte Fehler, der hier begangen wird. Ich finde es legitim, Pressesprecher zu sein und die Interessen der Firma zu vertreten. Ich finde es genauso legitim, als Journalist in allen Schichten der Wirklichkeit nach den Brosamen der menschlichen Leidenschaften und intellektuellen Abgründe zu kramen. Beides zusammen zu denken, halte ich allerdings gerade angesichts der jeweils kategorisch unterschiedlichen kommunikativen Veranlassung für naiv. Und da kommt mit folgender Satz des Netzwerk-Vorsitzenden Dr. Leif  als Ergänzung zum oben benannten Kocks-Zitat auch nicht besonders publikationswürdig oder gar problemerhellend oder -lösend vor:

“In diesem Sinne fordert das vorliegende nr-Positionspapier Distanz der Journalisten gegenüber dem ‘wording’ der Pressesprecher und Respekt der Pressesprecher gegenüber dem Informationsauftrag der Journalisten”, so Leif.

Was soll so eine Ergänzung zum Kollaborationsgebrabbel? Will er allen Ernstes sagen, dass ein umformulierter PR-Text über mehr journalistischen Gehalt verfügt als vorher? Oder soll der Pressesprecher gefälligst mehr Zeit für die Belange der vierten demokratischen Säule aufbringen. Also wenn das nicht unter erwachsenen Menschen direkt realisiert wird, können solche Vorschläge doch nur in die Irre führen. Entweder sind die Verhältnisse so, dass man das wirklich den jeweiligen Vertretern der jeweiligen Berufsgruppe einzeln wie im Katechismus auftragen muss oder man überlässt das den aufgeklärten Menschen selbst. Im ersten Fall befinden wir uns in einem prämodernen Gesellschaftssystem und im zweiten in einem System, bei dem alle Berufsgruppen ab einem Einkommen von 3.000 EUR eine sehr teure spezifische Ausbildung erhalten haben, die eine gewisse Intelligenz erfordert.

Zum Schluß noch folgendes:

Omne lumen potest extingui
Intellectus est lumen
Intellectus potest estingui

Alles Licht kann ausgelöscht werden
Der Verstand ist ein Licht
Der Verstand kann ausgelöscht werden

(nach dem 2. Kunstgriff Schopenhauers)

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Folgende Schlagwörter: Die Gesellschaft, Die Kommunikation, Online-PR

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