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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Netztheorie: Netzluft macht frei?

Photo:  KConnors

Photo: KConnors

Die Versuche, eine Netztheorie auf der Metapher der Stadt aufzubauen sind Legion. Ob man die Geschichte des Turmbaus zu Babel als böses Omen dieser Entwicklung betrachtet, oder Kants Hausbau der Vernunft als begrenzende Gedanken einsetzt, das Bild der Stadt hat viel Charme. Vor allem deshalb, weil man es als ein Zusammenballen betrachten kann, das ähnlich wie die Sprache, die Schrift oder das Denken an sich aus dem sozialen Austausch erst seine Bedeutung erfährt. Wie die befestigten keltischen Lager (oppidum) die Vorräte schützen – und im Angriffsfall auch die umliegenden Bauernfamilien – so schützen Lexika, Enzyklopädien und Bibliotheken diese sozial entstandenen Begriffe und ihre Bedeutungen als Vorrat der Kultur. Sie begründen auch das geistige Territorium der Macht.

Mit dem Internet aber entstehen Favelas. Die Landbevölkerung, die zumeist nicht in die hohe Kunst der Sprach- und Schriftverwaltung eingeübt ist, sucht ihr Glück in dem beschützenden Areal der Stadtmauern namens Internet. Die Hohepriester der Wissenschaften lassen sie gewähren, weil sie die akademischen Kreise nicht gefährden. Aber die Schreiber und mittleren Beamten aus der Presse und Zeitungswelt bekommen es mit der Angst. Denn die Slums wachsen verdächtig nahe an ihre Bürgerhäuser.

Da Staat und Stadt beide in ihrer Bedeutung das Feste bzw. die Festung (lo stato) haben, werden sich nun diese mittleren Einwohner der Festung überlegen, wie sie ihre Position sichern. Denn früher war ja eben die Mauer die klare Trennung der umherziehenden und vagabundierenden Tagelöhner von den schriftbegabten Städtern. Nun haben sie aber ohne Kampf und ohne Eroberung einfach als Hilfesuchende Unterschlupf gefunden und nutzen die Stadt für ihre Zwecke. Damit ist das Sicherheitsversprechen der ehemals geschlossenen Gemeinde infrage gestellt.

Was noch weitaus schlimmer ist: Innen und Außen haben sich aufgelöst. Die dialektische Weltsicht ist dadurch zerstört worden. Damit ist auch ein ganzer Deutungshorizont im Umbruch. Die ehemals außen Lebenden haben zusätzlich noch ihre ehemalige Auslieferung an das Schicksal als Selbstbestimmung und Unabhängigkeit mit in die engen Regeln der Burg importiert.

Das Internet ist gerade in diesem Stadium, dass die unprofessionellen Schreiber und Denker in die Burg des akademischen und verlegerisch sanktionierten Publizierens eingebrochen sind und Inhalte, Bedeutung und Meinungen sich wie die Viren in jedem Text und jedem Artikel verbreiten. Innen und Außen wird vermischt und zernichtet. Die Macht müsste es richten. Aber die Großen dieser Welt haben ja eigentlich wenig Interesse an den kleinen Mittelzentren eines Territoriums. Dafür hat man ja seine Verwalter.

Denn die Pharaonen hatten ihre Städte nicht an den Vorratslagern positioniert. Sie postierten dort eben ihre Verwalter, die bis an die Zähen bewaffnet waren. Die entscheidende Kräfte der postindustriellen Gesellschaft postieren die Medien genauso, dass bestimmte Themen und Trends durch die vorbeiziehenden Karawanen verbreitet werden. Das findet an den Kreuzungen der Handeltreibenden statt und nicht in den Verwaltungszentren der Staatoberhäupter. Das gemeine Volk informiert sich entsprechend der königlich gewünschten Märchen und Geschichten. Die Kontrolle behalten sie über die königlichen Siegelbewahrer, die heute als Journalistenschule das Siegel der Objektivität und Filterhoheit erhalten. Aber die einströmenden Horden treiben sich lieber in den keltischen Hainen herum, wo sie eigene Versammlungen abhalten und die Botschaften der vielen Karawanenführer vergleichen. Tausend Leser – tausend Stimmen.

Auf diese Weise entsteht eine neue Art der Transparenz; man kann erkennen, welche Nachricht von wem mit welcher Absicht gefärbt wurden. Die Herrscher schicken aus dem Verwaltunsgzenturm (urbs) schnell Hunderte von Siegelbewahrern aus, die die Redner in den befestigten Hainen der Verwirrung bezichtigen. Außerdem weisen sie nach, dass bestimmte Geschichten, die verglichen wurden, mit dem königlichen Siegel gezeichnet waren. Sie verbieten das Vergleichen der Botschaften, indem sie jeden nicht autorisierten Gebrauch der königlichen Nachrichten untersagen. Diese Regeln dürfen sie deshalb aufstellen, weil sie aus einer höheren Schicht des babelschen Turms stammen. Ihre Verfasstheit ist näher am Himmel, ist abstrakter, denn sie haben das Reich der Menschen bis zum Horizont im Auge. Sie begründen diese Hoheit über die Regeln mit der schweren Last, die auf ihnen liegt, weil sie so eine enorme Verantwortung für so eine unüberschaubare Masse an Menschen tragen. Und wer die Vorteile der Zugehörigkeit zum Bürgertum (zur Gemeinschaft) genießen will, der muss sich dem Siegel des Gesetzes beugen. Die Betrachtung und Bewertung der Botschaften der herrschenden Familien ist weder Aufgabe des Bürgers noch überhaupt seiner Ausbildung angemessen.

Seine Freiheit besteht darin, seinen Wirkungskreis frei zu wählen, seine Meinung zu formulieren und sich zu versammeln und den frei gewählten herrschenden Familien die Abstimmungsergebnisse zu übermitteln. Durch das Netz aber reisst dieser Kontakt der Herrschenden zu den Bürgern, der durch die Medien institutionell vermittelt zu sein schien, vollends ab. Das ganze Volk ist im Netz (also im in einer ständigen Versammlung irgendow in der Stadt) und die Siegelbewahrer (Medien) kommen nicht mehr mit. Zuviele Stimmen, zuviele Versammlungen, ein stetiger Fluß der Abstimmungen verhindert das Kanalisieren und Ausdeuten des Volkes. Das professionelle Dem-Volk-aufs-Maul-Schauen hat seine Aufgabe verloren.

Die Siegelbewahrer erkennen, dass jedes Stadtviertel eigene Siegel entwirft und sich die Viertel untereinander auf Regeln einigen. Damit werden die Siegelbewahrer der einzelnen politischen Parteien überflüssig. Das erkennen auch die Parteien als herrschende Familien. Sie überlassen es den Medien, erste Notstandsgesetze anzuregen. Denn Selbstverwaltung kann kein Verwalter dulden – und erst recht keine Autorität, die vom gnädigen Teilen ihrer ureigenen Kunst der Macht lebt. Nähmen die Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand, wäre der Gehorsam obsolet und damit die jahrtausendealte Tradition der Macht. Dann wären die Herrscher – einfach nur Menschen.

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11 Kommentare

  1. Es ist ein strukturelles Grundbeben. Das Volk gelangt in die Beobachterposition anstelle der professionellen Volksbeobachter: Verlag in jeder Hütte, Kritik den Palästen …

  2. Sorry, Deine Abend hier verschlafen …

    In Teutonia sind die Blogger im Endeffekt alle Loboisten: stark im Rauschen, schwach im Aktionismus.

    Was andere Regionen angeht, so müßte man das wirklich Land für Land machen.

    Für Länder ohne demokratische Kultur und öffentliche Systemkritik sind Blogs sicherlich wichtig und eine Bereicherung. Frage mich aber nur, wieviele zum Beispiel arme Ägypter, Unter- & Mittelschichten tatsächlich Zugriff haben?

    Natürlich stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklung (blabla …), aber ich befürchte, daß der Mousetivismus als faule Form der Demokratie die Menschen noch mehr von der wahren politik entfernt (a la “Ich hab mein Kreuz gemacht und hab bei Facebook dafür gestimmt”) …

  3. @orangeguru
    slacktivism ist das eine, aber in vielen Ländern der Erde haben Blogs wirklich eine demokratische Plattform geschaffen, die verletzbar und gefährlich für die Autoren ist, weil so etwas politisch nicht gewollt ist. Diese sehr starke demokratische Rolle von Blogs, die letztlich in Projekten globalvoices, ushahidi oder pembazuka eine Institution finden, ist mächtiger als viele denken. Das heißt nicht, dass es in Deutschland ähnlich mächtige Blogs gäbe. Aber warten wir es ab, mit jedem neuen Skandal kann das passieren und die schwarz-gelde Regierung ist fleißig dabei, neue Skandale zu produzieren (Privatisierung der Lebensrisiken zum Wohle der Versicherungen, Entsolidarisierung, Banken-HartzIV, kreative Förderung der Jüngsten ohne soziale Einbindung, Kürzungen und Schuldenverbote, abenteuerlicher Umgang mit Medizin und Pharmawelt). Wir werden sehen.

    @Matthias
    Nein, es wird niemand etwas richten – außer etwas hinrichten. Das Schirrmacher den Filteroffenbarungseid des Qualitätsjournalismus geleistet hat, hat er offenbar ohne mentale Achtsamkeit – das ganze Geschäftsmodell des Berufszweigs Journalismus ad acta gelegt. Insofern bleibt allein deshlab nichts Anderes als eine differenzierte Vernetzung via SNS oder eben twitter, um eine gute Versorgung mit guten Inhalten zu gewährleisten. Frage mich allerdings, wer dann die Recherche übernimmt, also die Arbeit, die die ganzen Informationsfilterer in den Redaktionen überhaupt erst ermöglicht hat. Denn das kann mir keiner erzählen, dass die Recherche in den Redaktionssesseln stattfand. In Summa: Was machen die Freien Autoren und Produzenten?

    Die Politiker brauchen uns nicht zu kümmern, die quacken eh nur das nach, was ihnen die Lobbyisten einflüstern. Da reicht es die Verlautbarungen und Studien der Verbände aufmerksam zu lesen, um zu wissen, was drei Monate später aus den Politikermündern gekrochen kommt. Ich brauche diese PR zweiter Ordnung übrigens so dringend wie sechs neue Füße.

  4. Ich war da auch schon optimistischer ob des Paradigmenwechsels und des augenscheinlichen Umstands, dass die “alten Siegelbewahrer” überflüssig würden.

    Inzwischen denke ich nicht mehr ganz so radikal. Das Mediengeschäft wandelt sich zweifellos und wird kleinteiliger, vielschichtiger. Aber die Blogger allein werden es nicht richten. Es wird auch weiterhin ein paar große Medienhäuser geben, die Content geschickt in diverse Kanäle (mit Schwerpunkt Web) leiten und diesen auch monetarisieren.

    Die Politik, die heute noch um ihren Einfluss in den Medien zittert, wird schon bald erkennen, dass sie selbst zum Medium werden kann: Obama macht es ja vor auf whitehouse.gov. Selbst in Russland hat man das bereits verstanden und Präsident Medwedew videobloggt mittlerweile so fleißig wie sein amerikanischer Kollege, nur vielleicht nicht so eloquent in der Erscheinung.

  5. Das ist ja eigentlich die Frage, ob wir mit einem Paradigma zurechtkommen. Aus meiner Sicht ist die Frage noch immer nicht ganz klar, ob es einfach ein Ersatz für Klatsch und Tratsch ist, also das Web sowohl das Telefon als auch das Papier neu erfindet. Das würde für eine graduelle Entwicklung sprechen und im paradigma bleiben. Wäre es aber anders und die vielbeschworene Emergenz träte auf und das Web würde ontologisch Neues hervorrufen, dann hätten wir hier wohl eher einen Syntagmawechsel. Denn dann hätten wir die Dimensionen vertauscht, wie Stowe Boyd neulich in Amsterdam und heute in Hannover erklärte, wäre der Einzelne die neue Gruppe und Zeit wäre der neue Raum. Die Links lese ich dann morgen mal in Ruhe, die letzten drei Tage waren etwas absorbing…

  6. Die Metaphern sind klar gewählt und mächtig – doch kommen sie dem aktuellen Paradigmawechsel (Ha!) auch wirklich nahe?

    Sind die Begrifflichkeiten / Mechnismen wie Siegelbewahrer, Bauern und Könige nicht die ersten Opfer des Dekonstruktivismus des Netz?

    Das Netz als Gleichmacher (im Guten wie im Schlechten) ist eine harsche Herrscherin. Ich stimme Dir absolut zu, daß die Knochen der alten Garde knirschen vor Angst. Doch in Zeiten der Transformation ist das “normal” wie verständlich.

    Auf der anderen Seite werden die alten Siegelbewahrer durch neue ersetzt bzw. müssen sich den Kuchen teilen, der Journalist mit dem Blogger, der Pressesprecher mit dem Social Media Experten …

    Momentan sprechen “wir” – die digital profilierte Elite – all zu viel über die Auflösung der alten Strukturen und die finalen Verteilungskämpfe des Mediasaurus.

    Es gibt zu wenig Aktivismus, technische, soziale und politische Experimente, um die neuen Möglichkeiten auszuloten. Jeder wartet ab was passiert, um dann auf den rollenden Zug aufzuspringen. Eisenbahningenieure und Investoren der digitalen Zukunft sind rar. Die Horden der Twitterbesserwisser zertweeten jede Form von Aktionismus ohne wirklich zu partizipieren – ein Retweet ist kein soziales oder politisches Engagement. Es ist öder Mousetivismus …

    http://ultraorange.net/2007/09/24/mousetivism/

    http://ultraorange.net/2009/01/22/the-first-digital-american-president-is-here-and-generation-twitter-pads-itself-on-the-shoulder/

    Im Endeffekt IMHO kommen wir auf die klassische Frage zurück: Alle Macht geht vom Volke aus – doch was wenn das Volk kein Interesse daran hat? Machtgebrauch basiert auf Engagement … doch die Zahl der politisch aktiven Bürger wird mit all den digitalen Gimmicks nicht höher, stattdessen nimmt die Verrauschung zu.

  7. Dass die Türken wieder vor Wien stünden, um die Stadt per Rip-Off zu plündern, das scheint tatsächlich die fixe Idee mancher Verleger zu sein …

  8. Es wird interessant, ob und wie die Pharaonen in Berlin die Siegelbewahrer auf Distanz halten. Aber vielleicht sind wir auch schon soweit, dass die potemkinschen Dörfer der Presse als vierter Macht im Staat einfach eingerissen werden und die Pressevertreter den Stab des Hofmarschalls auf den Boden knallen und die Liste der Eingeladenen vorlesen, den Empfang bei Hofe durchführen und dann schließen sich wieder die Pforten und wir können nur noch via Räuberleiter einen Blick in die verbotene Stadt erhaschen.

  9. Yep – es geht im Kern um die Deutungshoheit abgehalfterter medialer Hoheiten, und nicht nur um ein ökonomisches ‘Geschäftsmodell’. Es ist ein strukturelles Grundbeben. Das Volk gelangt in die Beobachterposition anstelle der professionellen Volksbeobachter: Verlag in jeder Hütte, Kritik den Palästen …

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