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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Netzexperten sind ethnozentristisch

Seit einiger Zeit verfolge ich die engagierten Diskussionen rund um das Web als Mittel um zu (der Leser setze hier eine große Idee ein). Da die Gesellschaft, in der wir leben, einem ständigen Wandel unterliegt, fallen damit schon mal die Experten aus dem Raster meiner Anerkennung, die sich nicht zu schade sind, diese ewigen sozialen Veränderungen auf das Netz als Ursache zu beziehen. Noch weitaus größere Probleme habe ich, wenn der Begriff der Kultur in diesem Zusammenhang fällt. Denn Kultur kommt nicht nur aus dem Latinischen cultura (Pflege und Ausbilden), sondern hängt auch eng mit Kolonie zusammen. Die Wissenschaft ist sich nicht einig darüber, ob damit eher das gemeint ist, was allen Menschen zu kommt oder eher das, was bestimmten Gruppen oder Epochen aus einer distanzierten Perspektiven als einheitliche Eigenschaften von außen zugesprochen wird. Da wir als aktive Netznutzer keine Außenperspektive haben und das Netz sowieso nur 5-10% der Weltbevölkerung zur gewünschten Nutzung zur Verfügung steht, ist dieser Begriff im Kern ein Fehlgriff. Denn weder ist das Web eine strukturelle anthropologische Konstante bei den Menschen wie etwa der Nahrungsspeicher oder die Erziehung der Kinder, noch könnten wir von außen auf die Epoche des Web oder Eingeborenen von Webistan schauen. Diese Selbstdistanzierung oder historische Rückschau steht uns gar nicht zur Verfügung. Ähnlich verhält es sich ja mit dem Begriff der Intelligenz, der sich bis heute einer verständlichen und vor allem weitgehend übereinstimmenden Definition entzogen hat. Leider ist das für einige Zeitgenossen kein Grund, diesen kaum wissenschaftlich bezwingbaren Gedanken der Intelligenz nicht als Basis für andere Erklärungen zu nutzen. Kunststück – wer wüßte, was Intelligenz ist, der könnte auch das Hören hören oder das Sehen sehen.

Mit dem Mikroskop auf die Bevölkerung zielen

Aber kommen wir zurück zu der Gesellschaft. Diese Zusammenfassung von rund 80 Millionen Deutschen zu einem Untersuchungsgegenstand ist in bezug auf das Web eine meistens unzulässige Verallgemeinerung, denn rund 40 Millionen, also rund die Hälfte nutzen das Web kaum bis gar nicht. Trotzdem finden sich immer wieder seriöse Wissenschaftler, die ihren Werkzeugkoffer mit Messinstrumenten aufschlagen, ein wenig an der Bevölkerung herum messen und dann eine Diagnose stellen, die verblüffend oft auch von einer Therapie begleitet wird. Diese ungefragten Anamnesehelden und Sozial-Therapeuten verfolgen Ziele, die selten über das Profilieren als Berater oder Experte hinaus gehen.

Das ist insoweit nett, da auf diese Weise die Entscheider aus Politik und Wirtschaft jeglicher Verantwortung enthoben sind, da sie bei Nichtgefallen oder Fehleinschätzung einfach auf den Kreis der Experten verweisen (Ausschuß, Kommission oder Arbeitskreis) und schulterzuckend und mit vollem Ernst darlegen können, dass man die besten Köpfe eingekauft hatte. Was sind nun aber diese besten Köpfe?

Ich hatte auf der re:publica10 die Gelegenheit, eine Menge an Sprechern zuzuhören. Einige bezeichnen sich selbst als erfahrene Berater, weil sie eine Vergangenheit mitbringen, die sich leicht mit einem gegebenen Thema assoziieren läßt. Andere tragen einfach das Thema vor, das ihnen seit langem im Kopf und im Handeln umgeht und eine dritte Gruppe scheint zu den Universalgenies zu gehören. Die werden binnen Jahresfrist zu jeder Sau Chefexperte, die die Medien durchs Dorf jagen. Die vierte Gruppe rekrutiert sich oft aus der ersten oder der letzten Gruppe und versucht, selber Themen zu setzen. Wer ein Schlagwort erfindet, das andere lang und breit diskutieren, der gilt im nachhinein als kompetent genug, eine seriöse Bewertung abzugeben.

Je Experte desto weniger Alltagsnutzer

In Bezug auf das Web und die Gesellschaft werden dabei meistens diejenigen vergessen, um die es sich drehen soll: Die Nutzer und mehr noch die Noch-Nicht-Nutzer. Und, liebe Leute, Befragungen sind mitnichten ein Akt der Erkenntnis sondern das Zeichnen von Blättern für die Rorschachtests der akademischen Deuter. Als die alte Frontlinie zwischen konservativen Kräften und linksliberalen Aufklärungshelden zerbrach und in den 70er und 80er Jahren in Kalifornien die technolibertären Hippies das marktliberale Credo der Konsumisten mit dem Freiheitsgedanken der bürgerlichen Revolution verbanden, schien die Welt in Ordnung. Ein dritter Weg war gefunden: Das Individuum musste nur durch strenge Selbstbefreiung, dazu gehörte auch ungezwungener Konsum von immateriellen Gütern wie Therapiewochenenden oder Befreiungskursen und das Genießen guter Produkte sein Karma in eine Balance bringen und schon waren die Marktwirtschaft und revolutionäre Menschenverbesserungstheorien vereint.

Auf dieser Basis gedieh das subversive Konsumieren von Netzcommunity zu einer Mischung aus Revolution und Selbstentblößung. Denn über die Telefonnummer des Modems mit dem man sich einloggte, war fast jeder 1:1 identifizierbar. Da half weder das anonyme usenet noch abenteuerliche Kampfnamen aus der Komikwelt. Aber die Illusion des freien Raumes im virtuellen Netz war perfekt. Da aber einige Hacker und Cracker wirklich die Freiheit erlangten und machen konnte, was sie wollten und mit welchen Daten sie wollten, wurde schnell allen klar, dass es vielleicht doch eine ordnende Instanz gibt, die auch im digitalen Netz die alten Regeln bewahrte. Im Kern hatte sich also nichts an den Machtverhältnissen geändert, nur das die freien Datennutzer recht bald eine Armada an polizeilichen Institutionen an die Seite gestellt bekamen, die exakt dasselbe abbildeten, was wir auch in der berührbaren Gesellschaft der menschlichen Körper vorfinden.

Nun hat sich auf technologischer Ebene in deutlich langsamerem Tempo die Verbreitung von Buchstaben per Papier zu einer Verbreitung per Bits im Netz gewandelt. Und schon kommen die ersten Experten und deuten uns die gesellschaftlichen Auswirkungen. Aus meiner Pespektive kämpft im Mantel der Netzdiskussion noch immer der konservative Flügel in Gestalt der neuen Bürgerlichkeit gegen den fortschrittsgläubigen Flügel der professionellen Aufklärer und Menschenverbesserer. Dazwischen stehen die technolibertären Menschen (zumeist Männer) die noch immer glauben, dass mehr Technologie auch mehr Potenz realisiert. Wofür diese Potenz eingesetzt werden soll, hängt dann von Einflüsterungen der anderen beiden Seiten ab. Die Einen wollen die Welt verbessern, die anderen möchten diese beste aller Welt so schön wie möglich erhalten.

Während wir diese leeren Diskussionen und noch leereren Weltdefinitionen in Dutzenden Reden über uns ergehen lassen müssen, werden Blogger in China oder im Iran eingesperrt oder gar ermordet. In Russland übernimmt die Führungselite klammheimlich die Meinungsführerschaft in der Bloggerwelt und Amerika ist sich nicht zu dumm, eine 5-Millionen-Dollar Initiative für Bürgermedien ausgerechnet mithilfe des Außenministeriums im Mittleren Osten zu implementieren.

Eine Bitte um etwas mehr Rücksicht mit Leuten, die echte Risiken eingehen

Es ist also deutlich erkennbar, dass die neue Transparenz der Sozialen Medien deutlich Anzeichen erkennen lässt, dass Dissidenten und Andersdenkende sich mit diesen Mitteln um Kopf und Kragen bringen, weil sie so schön leicht identifizierbar sind. Und uns fällt nichts Besseres ein, als Projekte wie wikileaks als “ganz nett” zu bezeichnen, die als Einzige überhaupt versuchen, den Informantenschutz in dieser schönen neuen post-privacy Welt durchzusetzen. Und dann höre ich mir von einem Organisationspsychologen verstaubte systemtheoretische Kenntnisse aus den Achtziger Jahren an, die uns den “brandneuen” Kulturkampf im Internet zwischen Konservativen und Linken als neues gesellschaftliches Phänomen verkaufen. Ich höre mir an, wie technoliberale Web-Experten noch immer den Glauben an die gute akademische Verursachung  des dezentralen Netzwerks namens Arpanet verkaufen und nicht wenige junge und alte Denker glauben, es wäre gut für alle, was ihrer Karriere zu mehr Schwung verholfen hat. Gerade diese Adepten der neuen Offenheit, von Mark Zuckerberg über Jeff Jarvis bis Christian Heller scheinen in keiner Weise zu verstehen, dass es Millionen von Menschen gibt, die extrem negative Folgen erleben würden, wenn sie alle Daten und Gedanken in ihrem Kopf einfach selbstlos der Allgemeinheit übereignen. Aber am meisten wurmt mich deren Unterstellung, dass es offenbar ein böser Wille ist, der ihnen kritisch vorhält, dass nicht jeder profitiert von einer Selbstentblößung. Nur weil sie daran glauben, dass einem immer dann Gutes widerfährt, wenn man selber Gutes will, muss man ihnen ja nicht auf diesem messianischen Weg folgen in das heilige Land, wo aus Daten und Informationen einfach so eine emanzipierte und machtvolle Gesellschaft erwächst. Etwas mehr Differenzierung könnte man schon erwarten. Aber die dialektische Vorgehensweise der Systemtheorie mag vielen den Blick auf die mehrwertige Bedeutung von Beobachtetem und Erdachtem verunmöglichen. Manchmal ist die Reduktion von Komplexität in Modellen und Metaphern eben der erste Schritt in die Irre…

Bildnachweis: pjhudson, ardelfin

Crosspost von netzpiloten.de

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Folgende Schlagwörter: Netztheorie

7 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Hinweis auf Tom Wolfe, hab ich wieder ein Buch mahr auf den beiden Packen neben meinem Bett. Ich meinte jedoch den Prediger John Perry Barlow und seine Jünger…wir schrieben das Jahr 1996 und es hieß
    gucci

  2. Ein wichtiger Beitrag, weil die darin vorgebrachten Gedanken tatsächlich oft genug übersehen werden. Personen wie Mark Zuckerberg oder auch die Twitter-Gründer haben vermutlich keine Vorstellung davon, wie die Lebensverhältnisse unter anderen politischen Bedingungen sein können, wenn ein einziges falsches Wort eine Person auf Jahre ins Gefängnis bringen kann.

    Andererseits schafft das Internet zusammen mit den Social Networks, die gerade en vogue sind, im globalen Maßstab eine eigentümliche Situation: Hier die technologisch avancierten USA, in denen die Privatsphäre zumindest im digitalen Sinn gerade irgendwie abgeschafft (oder überwunden?) wird, dort Länder wie der Iran, Nordkorea oder Venezuela, wo relativ kleine Eliten rigoros den Ton angeben und den technologischen Fortschritt nur so weit zulassen, wie er ihren eigenen Zielen dient und ihn ansonsten abschalten bzw. ausblenden.

    Disparitäten koexistierten immer schon, waren aber in früheren Zeiten nie so offensichtlich und daher meist auch kein Problem. Heute dagegen gibt es so etwas wie Weltöffentlichkeit und einen Weltmarkt. In der Folge kalkulieren Unternehmen wie Google oder Facebook mit “Weltmarktanteilen” und die “Rücksicht mit Leuten, die echte Risiken eingehen” fällt schnell unter den Tisch…

  3. Vielen Dank für den Hinweis auf Tom Wolfe, hab ich wieder ein Buch mahr auf den beiden Packen neben meinem Bett. Ich meinte jedoch den Prediger John Perry Barlow und seine Jünger…wir schrieben das Jahr 1996 und es hieß
    “A declaration of independence of cyberspace” und war der Vorläufer des unseligen hiesigen Internet Manifests…

  4. Widerspruch in einem Punkt: Die frühen kalifornischen Web-Pioniere kamen nicht aus der Hippie-Bewegung. Es waren physikalisch ausgebildete Leute aus der amerikanischen Halbleiter-Industrie, die nur zufällig ebenfalls in Kalifornien gelandet waren. Für sie war überhaupt kein hippiesker Lebenstil typisch, sondern 16-Stunden-Arbeitstage und Speed, Cola und Pizza als Drogen, dazu Feldbett im Büro. Frauen waren entbehrlich, die kosteten nur Zeit. Eher ein asketischer Lebensstil also. Mit ‘Sex, Drugs & Rock ‘n’ Roll’ hatten die goldenen Zeiten der Web-Frühzeit nichts am Hut. Der Tom Wolfe hat mal ‘ne ganz gute Reportage über diese soziale Genese geschrieben – hier enthalten:

    http://www.amazon.de/wie-die-Welt-sah/dp/3442152410/ref=sr_1_16?ie=UTF8&s=books&qid=1272207051&sr=1-16

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