Medientage: Dinosaurier finden den riesigen Meteoriten ganz bezaubernd
Auf den Medientagen in München hat es erneut ein Wiederkäuerpanel gegeben. Zum gefühlt 297. Mal wurde die völlig überflüssige Frage gestellt, ob Papier oder LCD-Monitore die bessere Grundlage für Recherche und Distribution von Nachrichten sind.
Zum gefühlt 297. Mal hat keiner über die Abwesenheit der Leser diskutiert. Manchmal reden welche über die goldenen Zeiten der Kleinanzeigen und Stellenangebote damals 1985. Aber bei der Diskussion über Rechteverwerter (alias Verlage), Schreiberlinge (alias Journalisten und Blogger) und Werbekunden hat man den öffentlich als goldenes Kalb gebrandmarkten Verursacher von Massenmedien völlig vergessen. Es ist die scheue Spezies des Lesers.
Das ganz neue Neu wird jetzt noch neuer
Da wird neu strukturiert, neu organisiert, neu gelauncht und alles wird total erneuert. Alles? Nein. Ein kleines unbeugsames Dorf namens Gehalt und Strategie bleibt eisern bei seinen alten Göttern. Sollen doch die irren Römer die ganze Welt um uns neu anstreichen. Mia san mia wie der Bayer sagt. Denn mia haben den geheimnisvollen Zaubertrank. Und so zeigt Jeff Jarvis, der mittlerweile qua dpa zum Internet-Guru gekrönt wurde (er ist übrigens jemand, der sich viele Gedanken um Journalismus im Web-Zeitalter macht und daher die im Web erfolgreichste Firma beobachtet hat), in seinem tweet das ganze Dilemma der Qualitätsdebatte. Drei von vier “Artikeln” über seinen Auftritt verdienen den “Grünen Punkt” als recycleter Content. Und auch meedia wiederholt die alten Kamellen von link economy etc. pp. ohne auf das Thema und die spannenden Diskussionen anzuknüpfen. Warum auch. Wir haben ja den Zaubertrank, in den Markwort schon als Kind gefallen ist: Qualitätsjournalismus.
Es ist wirklich noch immer so, dass alle glauben, dass der Wert einer Zeitung im Journalismus läge. Wir wissen, dass der Gewinn aus den Kleinanzeigen und den Stellenageboten kam. Der Wert bestand immer darin, eine bestimmte Klientel in ihren Vorurteilen zu bedienen. Wie waren die Schreihälse laut, wenn es mal einer wagte, in einem großen Hamburger Magazin plötzlich erzkonservative Werte einzuziehen und die Hälfte der Leserschaft vor den Kopf zu stoßen. Noch heute überholt dieses Magazin den wahren erzkonservativen Cicero manchmal auf der Standspur.
Zeitungen für den Leser oder vom Leser?
Oder als neulich Roger de Weck den Feuilletonchef einer Frankfurter Zeitung darauf hinwies, dass sie gefährlich nahe am Boulevardjournalismus operiere. Ist es besonders wertvoll, wenn einem das Wasser so nahe an der Lippe steht, dass man überall nach neuen Absatzmärkten fischt? Sogar fast verschenkte Bordexemplare und Probeabos werden dazu benutzt, um Qualitätsjournalismus noch weiter in seichte und trübe Gewässer zu ziehen. Gäbe es echte Qualität, dann könnte man sie daran erkennen, dass sie rar wäre. Und rare Güter sind teuer. Preisbildung. Meinen Sie?
Wer schon mal in den Staaten war, der weiß, welche Nachrichten dort rar sind: Internationale Nachrichten. In keiner TV-Nachrichtensendung und in keiner Zeitung kommen internationale Ereignisse vor – außer Erdbeben, Tsunamis oder ein Mitglied der amerikanischen Regierung ist irgendwo in Übersee. Warum? Es würde kein Amerikaner dafür bezahlen. Die Qualität des Journalismus beruht auf einem einfachen Prinzip. Der Leser ist der Herausgeber. Er entscheidet über das, was gedruckt wird. Sonst keiner. Das ist der Grund, warum die BILD-Zeitung auch mit einem Getränkeautomaten als Chefredakteur so glänzende Erfolge feiern würde. Drei mal verlorenes Kind, zwei abbe Arme, eine Sechslingsgeburt, vier Arbeitslose auf dem Weg in den Himmel und ein frisch enthülltes Geheimnis eines C-Promis plus Fußballergebnisse und Trainergerüchte reichen.
Eine Prise brand eins gefällig? Mehr oder weniger vernebelte Firmenstories unter dem Deckmantel eines Themenhefts. Immer mit guten Teasern und fast immer mit brüllend personalisierten und/oder trivialisierten Aufbereitungen vermeintlich hipper oder zukünftig hipper Themen. Es geht dabei nicht um Aufklärung sondern um das narrative Element (Infotainment heißt das im TV). Man muss auf eine geschickte Weise Firmenportraits malen, die nicht so plump als Gründerstory daherkommen. Nein, diese Firmen haben Philosophie/Askese/Konflikt/Diversifikation/Evolution unter der Haube.
Oder die FAZ? Freie Fahrt für freie Banken und Versicherungen. Wir deregulieren das Land solange verbal bis wir das ganze Dilemma unserer Liberalisierungsarien in die Arme von hilflosen Politikern überantworten, die ihrerseits die Verantwortung wieder an die Experten abgeben, die die Dilemmata hervorgerufen haben unter lautem Beifall eben dieser FAZ die jetzt den Vater Staat als liebenden Patriarch entdeckt hat.
Sind Presseorgane die schlechteren Parteien?
Erkennen Sie einen Analogie? Ja, da haben Sie Recht. Die Parteien sind ganz genauso. Die sagen nur das, was die hören wollen, die sie wählen wollen. Und dann kommt die Wahl. Und dann kommt das böse Wort: Wirklichkeit. Wir würden gerne was tun, wie wir versprochen haben, aber die Sachzwänge.
Das ist auch das Problem der Medien, die Sachzwänge. Und so schreiben weiterhin professionelle Stammtischler für Amateure an der Theke. Zufällig passiert dann mal ein Heft, das über neue Technologien berichtet, die nur von einem Hersteller sind. Oder Qualitätsmagazine nutzen Hautkrankheiten um über den Zustand ihrer Selbstüberschätzung hinweg zu senden. Und die Magazine nutzen weiterhin dpa Meldungen um die 30-40% eigenen Inhalte gekonnt als glitzerndes Lametta zu drapieren.
Und damit man das alles nicht merkt, diskutieren sie ganz feste mit den jungen Blöden über das tolle/böse/schnelle/oberflächliche/hilfreiche Web. Denn wer über Papier und digitale Distribution streitet, der braucht nicht über die öffentliche Willensbildung und den Informationsauftrag zu reden. Man kann ja hilfsweise auf den Hilfweisen verweisen. Habermas wehrt sich ja nicht mehr. Und Lyotard? Wer ist das? Ein Fußballspieler aus Marseille oder Lyon?
Die Medien der Zukunft sind frisch, neu und – anders?
Und Blogs sind ganz anders? Wirklich?
Und Ziesemer möchte seine Korrespondenten in 5 Jahren noch bezahlen können und die allwissende Professorin Meckel erklärt, dass Print nun exklusiv und teuer werden muss. Bei Ziesemer kann man das verstehen, die machen jetzt die brennenden Innovationen von 2000 nach mit TabloidFormat und viel mehr NEU. Meckel fällt nix Besseres ein, als den Wiedeking zu machen. Wenn schon in den roten Zahlen, dann wenigstens mit sehr teuren Produkten. Leider gibt es keine russischen Mafiosi, die exklusive Zeitungen aus mundgelecktem Nilpapyrus mit kniegeklöppelten Büttenapplikationen in Schildpattschuber goutieren.
Wie erklären wir denen, dass die meisten Menschen ohne Zeitung gar keine Frühstückspause, keine Zugfahrt, keinen Friseurbesuch, kein Wartezimmer oder gar einen Sonntagmorgen im Bett aushalten können. Allerdings reicht für jedes Bedürfnis eine Anzahl von 2-3 Zeitungen. Da wir nur noch wenige Hobbys für Reiche haben (Segeln, Villen, Sportwagen) und nur ein Hobby für fast Arme (Sport), kann man die benötigte Zahl der Wochenzeitungen mit 3 bezifffern und die der Magazine mit 12 plus 2 für 24monatige Trends wie Kochen. Oder gibt es Trinkerzeitungen? Und bitte, können wir der armen SPD, die ja schon wohlwissend ein zweites Standbein in der Tageszeitungsindustrie hat, einfach die Last der Politik abnehmen und ein virtuelles mentales Altersheim für alle Angestellten und Arbeiter zwischen 6.00 Uhr und 14.00 Uhr einrichten – wahlweise in der Pause abzurufen. Dann übernehmen die einfach eine Tageszeitung für das ganze Land mit einer Mantelredaktion beim ehemaligen Schröderspezi Diplom-Sozialarbeiter Hombach. Die Zeitung mit den vier Buchstaben soll sich nicht grämen. Sie wird weiterhin unter die Marlboro, die Schrippen, die Pulle Korn geklemmt und mitgelesen. Denn fürs stille Örtchen braucht man ja schließlich auch was.



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