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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Medienkonzepte: Killerspieler läuft Amok in Landshuter Gericht

bombNun ist es wieder soweit. Eine Person hat mehrere andere schwer oder gar tödlich verletzt, indem er wild um sich schoß. Da es ein Mann war, muss es ich wohl um einen Adepten der Killerspiele handeln. Ganz bestimmt war er auch Mitglied der örtlichen Schützengarde und hat schon ein paar Pokale für seinen Verein nach Hause geholt.

Monokausales Laientheater kommt als vierte Macht des Staates daher

So oder ähnlich könnten die “Berichte” der professionellen Journalisten zusammengefasst werden. Seit einigen Monaten, eigentlich seit Jahren geht der Geist der schnellen und monokausalen Berichterstattung durchs Land. Das ist so gewollt, hört man auf Kongressen und Tagen der Medienkritik, weil die professionellen Journalisten aus Rundfunk und Print das so gelernt haben:einer Wirkung wird eine Ursache zugeordnet, das gilt als objektiv, weil es der formalen Logik nachgeahmt ist. Zunächst wird berichtet, was faktisch unbestreitbar ist. Da der Leserschaft aber nicht unterstellt wird/werden kann/werden soll, dass sie selbst die nötigen Schlüsse aus den Fakten zieht, liefern die professionellen Journalisten die Ursachenzuschreibungen gleich mit. Diese werden untermauert mit einem besonderen Kniff, den man bei den Ausbildungen der Journalisten gleich mitlehrt: Man muss für jede Meinung mindestens einen Zitatgeber liefern. Am besten noch einen Beteiligten, eventuell einen Wissenschaftler oder in der Not ein sogenanntes Kollegengespräch, also ein Interview mit einem anderen Journalisten.

Sind Medien ein modernes Mittel zur Meinungsbildung?

Im Zeitalter der aufgeklärten Medien liefert man auf diese Weise das journalistische Pendant zu einem objektiven Wahrheitsbegriff. Mehr fundierte Meinungen je Artikel ermöglichen einem guten Journalisten das Beleuchten eines Sachverhalts aus allen denkbaren Perspektiven. Soweit ist der Ansatz eigentlich unantastbar für Kritik formuliert. Allerdings schleichen sich gerne handwerkliche oder gar manipulative Fehler ein: es werden nur tendenzielle Meinungen in den Artikel integriert, die auch die Grundhaltung des Autors stützen. Oder es werden defiziente Formen einer oppositionellen Meinung dargestellt und damit erhalten abweichende Fremdmeinungen eine schwache bis unzugängliche Darstellung. Diese Form der simulierten Objektivität lernen viele Journalisten von mediokren rhetorischen Talenten aus der Politik und Wirtschaft, die wai alle allabendlich im TV bewundern dürfen.

Der Kern einer grundlegenden Kritik an diesem Simulieren eines aufgeklärten Geistes im Hause des Journalismus müsste jedoch fundamental ansetzen. Denn der eigentliche Skandal an diesem Verfahren liegt darin, dass spätestens seit den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts dem letzten Akademiker klar sein muss, dass es ein neutrale Objektivität gar nicht gibt – zumindest ist sie den Menschen nicht per Wahrnehmung oder Erkenntnis zugänglich.

Was sind objektive Informationen?

Warum ist das so? Die Wahrnehmungslehre – jeder kennt die Grafiken aus der Wahrnehmungspsychologie – und auch der wache und gesunde Menschenverstand zeigen uns die aktuellen Welt- und Umgebungsdaten immer in einem persönlichen Kontext. Das bedeutet, dass wir alles was wir erfahren und erleben immer in Zusammenhang mit dem wahrnehmen, was wir schon früher mal erlebt haben. Auf dieser Basis filtern wir bzw. unser Nervensystem alle eingehenden Daten auf bestimmte Muster. So wird die unendliche Datenflut des Moments vorsortiert in die Kategorien “Passt-zu-meinen-bisherigen-Erlebnissen” und “Passt-nicht-zu-meinem-bisherigen-Erlebnissen”.  Alles was ein gewisses Maß an Differenz enthält, wird als Information erkannt, alles was zuviel Differenz enthält, kann keinem Muster zugeordnet werden und verunsichert den Vorgang den wir Subjekt oder Charakter oder Persönlichkeit nennen und der vereinfacht gesagt alles mit großer Differenz in dem Gefäß Emotion beurteilt und alles mit kleiner Differenz in den Aktenordnern des Verstandes ablegt. Allzugroße Differenz wird als Nichtinformation einfach gar nicht zugeordnet und verbliebt als Fragezeichen in unserem Gedächtnis und kann später in kreativen Prozessen hilfreich werden oder es wird als Affekthandlung “entladen”.

Konstruktivismus

Man braucht gar nicht mit Heisenberg die Unschärferelation zu bemühen, um zu erklären, dass allein unsere Betrachtung der Gegebenheiten einen enormen Einfluss auf das Geschehen hat. Es ist noch viel näher am Menschen selbst die Verarbeitungsinstanz, die uns eine Objektivität der Sachverhalte gar nicht zugänglich macht, da wir alles unter dem Licht der persönlichen Vergangenheit sortieren. Diese ist eben nun mal eine höchst subjektive Angelegenheit. Es gibt keine zwei Menschen mit denselben Erlebnissen. Das erklärt zwar, warum man sich sozusagen blind mit den Leuten versteht, die mit einem selbst viele Jahre des Lebenweges gegangen sind, aber es erklärt auch, warum Neues in unserem Denken kaum Platz finden kann, ohne mit den Spinnenweben der alten Zeit in Kontakt zu kommen. Wir erleben also immer nur eine durch die individuelle Historie vermittelte Sicht auf die Gegenwart. Auf dieser Grundlage haben viele kluge Köpfe alle Arten von Konstruktivismus begründet. Sie alle eint die Idee, dass der Mensch sich seine Realität jeweils selbst erschafft und ohne besondere Anstrengung diesen Realitätstunnel niemals verläßt.

lat

LA Times

Das ist soweit keine besondere Neuigkeit für viele Leser. Aber in den meisten sogenannten ernsthaften Professionen und bei den seriösen Journalisten der staatlichen Sendeanstalten und vieler Printerzeugnisse sind diese Erkenntnisse noch nicht in eine praktische Methodenlehre des modernen Journalismus eingegangen.

Und jetzt kommt der smarte Mob – Web 2.0

Aus dieser Perspektive wird klar, dass die Welt der seriösen Medien ein starkes Unbehagen befällt, wenn sie beobachtet, dass mittels der neuen Medien und der Web 2.0 Demokratisierung des Kanals Internet Tausende Menschen ihre Realitätstunnel in Blogs, Twitterbeiträgen und Kommentaren via Internet verbreiten und damit die kanonische Deutungsmacht der Medien nicht nur in Frage stellen sondern einfach in eine Reihe beliebiger Angebote abschwächen. Der Hinweis der Medienpaten auf die kostenlosen und daher wohl auch wertlosen Blogartikel greift natürlich zu kurz. Denn es handelt sich um einen Paradigmenwechsel, der schon vor Jahrzehnten begann und nunmehr aufgrund der technischen Möglichkeiten der Masse zu einer vielgestaltigen Sicht auf die Sachverhalte einlädt. Ursache dafür ist also weniger die Technik als viel mehr das Unvermögen der hoheitlichen Medienbeauftragten, die Erkenntnis, dass es viele Sichten auf dasselbe Ding gibt, in eine eigene postmoderne journalistische Methodologie umzusetzen.

Jetzt ist es zu spät. Eine Referenz für die Relevanz von Inhalten liegt nun nicht mehr in der Peakintelligenz, die jemand irgendwann abgeleistet hat, um eine Journalistenschule gut abzuschliessen. Heute muss man immer sehr gut und begründet darlegen, was man warum und mit welchen Absichten gesagt und gedacht hat, damit der Leser Transparenz erreicht.

Da aber viele Leser und Zuschauer nur unterhalten werden wollen und gar kein Interesse an eigenen Ansichten und Schlußfolgerungen haben, muss es auch weiterhin eine unaufgeklärte Informationsmaschine geben, die dem Unmündigen sein Inhaltebreichen schön löffelweise in den Munsch schiebt und das Lätzchen gleich mitliefert. Insofern gibt es in dieser Übergangszeit ein Zwei-Klassen-Informationswelt. Das erinnert frappant an die Anfänge des Fernsehens und der alte Satz gilt noch immer: Die Dummern werden dümmer und die Klugen klüger. Das schöne und andere am Web ist nur, dass es jetzt möglich ist, in seiner Peer-Gruppe globale Mitstreiter zu finden und mit einer Gruppe Gleichgesinnter bis ans andere Ende des Denkbaren zu reiten, wo sich allerdings auch schon Hundertschaften aufhalten.

Und die Verbreitung monokausaler Theorien entlarvt weniger den Konsum-Journalisten als viel mehr denjenigen, der noch mit einem mentalen Lätzchen um den Hals durchs Land läuft und nach einfachen und kurzen Finalsätzen verlangt, wo schwierige Konditional- und Konzessivphrasen angebracht wären. Das mentale Prekariat ist viel weiter verbreitet als das pekuniäre.

Wie hieß es noch bei Benn: Glück bedeutet, dumm zu sein und Arbeit zu haben.

Achja, fast hätte ich es vergessen: Es gibt ja einige Medienvertreter, die das Bloggen als Teufelszeug abtun. Entweder weil dort schlecht recherchiert wird oder weil dort nicht zwischen Bericht und Meinung unterschieden wird oder ähnliches. Zunächst muss man dabei natürlich konstatieren, dass bei so einem Vergleich zwischen bezahlter Liga und Amateurspielern nur die Amateure gewinnen können und nie der Vergleichende selbst. Die professionellen Ligaspieler bloggen oft auch selbst, ich erinnere mich sogar, dass ein Oberstleutnant des ZDF selber bloggt und trotzdem – oder deshalb? – auf anderen Bloggern rumhackt. Es scheint also wirklich noch das alte Denken zu sein wie ehemals in Marathon: Der Überbringer der Botschaft wird erschossen.

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Folgende Schlagwörter: Die Gesellschaft, Konzepte, medien, people, Social Web, Web 2.0

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