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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Medien als Geiseln

CanettiLieber eine sichere Kirche voll von Gläubigen als die unsichere ganze Welt.“ Elias Canetti

Wer die letzten Tage eine Zeitung aufgeschlagen hat oder den Fernseher abends einschaltete kam nicht umhin, an das Stockholmsyndrom zu denken. Da war ein Mann zu sehen oder zu lesen, der kostenlos mit aufwendig abgezirkelten Stammtischparolen für ein Machwerk werben konnte, das weder inhaltlich noch methodisch Innovatives zur gesellschaftlichen Diskussion beitragen kann. Und die Geiseln hatten ein wirkliches Interesse an den unlauteren Motiven des Geiselnehmers – sie waren fast versucht, etwas zutiefst Menschliches in ihm zu finden. Fast wie der schwarze Ring, der brandneue Verein der philantropischen Täterschützer.

Man könnte an die alten Interessensgruppen denken, die Ressentiments schüren wollen, um von ihren Geschäften abzulenken, man könnte auch an die hochnotpeinliche Bewegung der heiligen Inquisition denken, die im Gewand des ewigen Bürgerlichen auf der Suche nach der Mitte den Einen oder Anderen auf den Scheiterhaufen der traditionellen Presseerzeugnisse stellt. Alles was im Wandel begriffen ist, muss ja dort sowieso schon seit Jahrzehnten immer wieder mit mental fragwürdigen Brandbeschleunigern zum Lodern gebracht werden…

Das Schlimmste an dieser ganzen Misere ist die Indienstnahme aller (Qualitäts)Medien zum Zwecke der Profilneurose. Der arme Mann ist offensichtlich verwirrt. Seine Thesen sind in keiner Weise aus dem Zettelkasten der souveränen Gedankentätigkeit erwachsene Bonmots oder gar luzide Hinweise auf übersehene Gegebenheiten, die der aktuellen Debatte über den demografischen Wandel, das besondere urbane Leben oder die kulturtheoretischen Metabetrachtungen einen besonderen Spin oder etwa ein neue Perspektive liefern. Es ist eine lustige Verhohnepipelung statistischer Analyseverfahren zum Zwecke der fadenscheinigen Substantiierung kruder Meinungen. Damit schafft er Sicherheit in amorphen Zeiten. Funktioniert unabhängiger Qualitätsjournalismus eigentlich immer so, dass Bild und Spiegel Texte aus Dingsbums-Büchern nur dann vorab publizieren dürfen, wenn sie ihre journalistische Filterfunktion vorher an der Garderobe einer Vertragsstrafe abgeben, die ihnen 50.ooo EUR aufbrummt, falls sie irgendwas an den Texten vorab kritisieren, wie Oberjournalist Reitz von der WAZ das freundlicherweise auch dem letzten Qualitätsjournalisten in Hamburg ins Stammbuch schrieb? Rezensionen, wer braucht die schon – in Hamburg jedenfalls keiner. Man könnte ein Schelm werden, würde man Böses über Spiegel und Bild denken. Aber man kann sich sicher sein, dass beide Publikationsorgane und deren Vertreter sich derart offensichtlich als käuflich erwiesen haben, dass eine ernsthafte Würdigung weiterer Beiträge aus dieser Ecke zum Thema Qualitätsjournalismus sich fürderhin erübrigen. Danke für dieses konkrete Beispiel von verwesender Notwendigkeit für die öffentlichen Meinungsbildung. Ein Exhumierung der vierten Gewalt erscheint derzeit unnötig.

Es ist sicher so, dass viele Menschen sich freuen, dass ihre eigenen Projektionen alias Ängste endlich von einem Outlaw der Politikszene inszeniert werden. Mit seinem Sprachtick, also, und der offensichtlich, also, vom Anerkennungszwang geschundenen Seele, also, erscheint er so unangreifbar, dass man ihm, dem krakeelenden Kranken, eigentlich nichts krumm nehmen dürfte. Wer wollte schon auf einem seelisch Beeinträchtigten rumtrampeln? Aber er sublimiert seine Phobien öffentlich zu einem Bestseller. Respekt, oder?

Aber an genau dieser Stelle versagen fast alle Medien. Denn ganz wie das Rezept der Bildzeitung funktioniert auch diese Simulation eines öffentlichen Diskurses. Es wird einfach eine strategische Projektion vorgenommen: Man schaut dem Volk aufs Maul (oder tut zumindest so) und erklärt der Bevölkerung seine ganzen Phobien als rational begründetes Verhalten in einer irren Welt. Dass die Mehrfachbelastung, die enorm niedrige Kaufkraft der Löhne und der Leistungsdruck die Menschen zermürbt, steht zu keiner Zeit zur Debatte. Dass es am einfachsten ist, die Schwächsten einer Gesellschaft mit den Projektionen der ubiquitären Ängsten der Mittelschicht zu belästigen, ist Journalisten auch nicht eingefallen. Also bläst man in das Horn, das Sarrazin den Herren und Damen Qualitäts-Informationsfiltern hinstellt. Damit stellt man dann eine kognitive Konsonanz im Volk her. Und mit der ewig schmerzenden Dissonanz mit dem rationalen aufgeklärten Umfeld der rhetorisch geschulten und souveränen Journalisten, Lehrer, Politiker und anderen Menschen des öffentlichen Lebens ist es vorbei. Der Mob wird zum thinktank.

Irgendeine Angst ist fast immer da (wovon sonst leben die Versicherungen), wenn sogar die Medien das sagen, dann muss die Angst von dem Fremden an sich her kommen. Wie sollte sie auch von den inneren Antrieben herkommen, die man aus Gründen der sozialen Masken jahrelang verdrängt hat? Das innnere Kind, der Freiheitswille, der Wunsch aus dem Alltagstrott ausbzubrechen, der stille Haß auf den Ehepartner, die Unlust am Job – für all das müssen jetzt die Fremden gerade stehen.

Endlich sagt mal einer, wie es wirklich ist. Und an genau dieser Stelle zerfällt das gesamte Kartenhaus des herrschaftsfreien Diskurses von Herrn Habermas. Denn das Caféhaus ist aufgeklärt und spiegelt sich nur seine Sattheit auf dem Boden der hart arbeitenden Malocher. Wenn aber Einer diese heiligen Räume betritt und deren Ängste in ein rationales Kleid einnäht mithilfe der Statistik, die aus Blut und Scheiße Wahrheit zaubern kann, dann ist der Diskurs auf einmal zu einer Satire seiner selbst verkommen. Denn die Grundlage der Herrschaftsfreiheit lag in einem unausgesprochenen, kaum Egalitarismus der Bildungsbürger untereinander, einer mentalen Apartheid qua Schulbildung. Dieser Zwang liegt nicht auf so einem Herrn. Er ist vogelfrei, und er weiß das. Deshalb schürt er die sowieso vorhanden Ressentiments, die auf der Basis von Unterlassung gedeihen konnten. Unterlassung in den Schulen, in den Amtsstuben, in den Personalbüros, in den Vereinen, in den Parteien und in der Regierungsarbeit ganzer Dekaden von Politikern.

Wer das verstehen will, der möge sich noch einmal Elias Canettis Hauptwerk “Masse und Macht” aufmerksam ansehen.

Crosspost von netzpiloten.de

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6 Kommentare

  1. Faktisch wirkt sich das so aus, obwohl ich kaum glaube, dass er das mit seinem statistischen Ratatouille beabsichtigt hat.

  2. @ Chat Atkins

    Man muss ab er zugeben, dass durch dieses Buch sehr elegant von der sozialen Spaltung und der Bankenkrise und ihren Auswirkungen auf die Bevölkerung abgelenkt worden ist. Seltsam, dass gerade ein Bundesbanker…

    ähem.

  3. Diese aufgeklärten Akademiker selbst fühlen sich zunehmend diffus bedroht. Das erklärt die Bereitschaft der Mandarine, sich von jedem rational begründeten Diskurs zu verabschieden. An den Universitäten schrumpfen die Fachbereiche, in den Redaktionen ertönt das Ritzeratze an allen Schreibtischstühlen, auch in den Führungsetagen der Industrie gilt plötzlich jenes Hire & Fire, das sie bisher nur an anderen exekutierten …

  4. @PiereS

    Ist Ihnen aufgefallen, dass in den letzten 10 Jahren die Einkommen der Arbeitnehmer/Angestellten minimal gesunken sind, während in demselben Zeitraum die Vermögen um mehr als 100% gewachsen sind.

    Könnte es sein, dass es ein bestimmte Gruppe von Menschen gibt, die davon profitiert, einen Keil zwischen die Armen und die ganz Armen zu treiben, während viele Migranten die so genannten Problembezirke verlassen, weil sie es sich leisten können? Es ist zu keiner Zeit ein Problem der Zuwanderung, aber es war schon immer ein Problem der Armut. Denn anders als die gutsituierten und gut ausgebildeten Iraner und Afghanen, die in den Westen kommen, sind sehr viele türkische und levantinische “Gastarbeiter” in den Siebzigern nicht mit einem abgeschlossenen Studium in der Tasche bei uns angekommen. Es verwundert daher nicht, dass ihre Kinder nicht so einen großen schulischen Erfolg hatten. Darin unterscheidet sich bei ihnen nichts im Vergleich zu den genuin deutschen Kindern aus bildungsfernen Schichten.

    Der WDR-Film hat also in keiner Weise etwas mit den seltsamen ethnischen Herleitungen zur Xenophobie zu tun. Vielleicht machen sie sich die Mühe und versuchen nachzulesen, wie Phobien entstehen. Und wie erklären sie die Tatsache, dass viele Türken, die hier gute Ausbildungen abgeschlossen haben, wieder in die Türkei gehen. Liegt es daran, dass sie dort einen höheren Lebensstandard haben, dass dort die Kaufkraft höher ist, dass das Wirtschaftswachstum dort enorm Anstiege verzeichnet? Wer seine Ängste rationalisiert, wird sicher noch mehr von ihnen vertreiben. Warum sollten wir die hier auch haben sollen. Etwa wegen der Steuern, wegen der Rente oder weil wir immer weniger werden? Warum sollte man überhaupt gut ausgebildete Leute im Land halten? Vielleicht deswegen, weil dann diese Schulen wieder mit Leuten gefüllt werden, die sehen, dass man es auch schaffen kann, wenn man sich anstrengt.

    Außerdem hätten die Türken wenigstens mal Integrationsklassen in den Schulen zum Deutschlernen einrichten können als sie damals gekommen sind. Wieso sollte das eine Politik machen? Die haben doch gerade 3 Dekaden lang das gesamte Geld aus den Sozialsystemen in Steuererleichterungen umgeleitet…

  5. Warum so aufgeblasen? Vielleicht tut´s ja die Beschreibung des normalen Lebens und heiße Luft ist nicht mal geistige Nahrung. Ich denke eher der Autor ist die Geisel … von irgendwas? Schicken Sie doch zur Praxis Ihre Kinder auf die Hauptschule in Essen und dann reden wir mal darüber:
    http://www.daserste.de/doku/beitrag_dyn~uid,heuhbfd4r1wrc00h~cm.asp
    Wiederholung 16.9.2010 22h im WDR

  6. Das ist das treffendste das ich hierzu gelesen habe. Es ist verwunderlich und abstoßend wie viele vermeintlich aufgeklärte und liberale Akademiker in das irgendwie-hat-er-ja-recht fallen und den faktischen und methodischen Unsinn zwar erkennen, in der Sache aber trotzdem andächtig nicken. Doch da hilft auch keine Zwangslektüre von Masse und Macht…

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