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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

McKinsey entdeckt das Web2.0 und staunt

Die Firma, die sonst mit der 30% Keule durch die Firmen tobt, um die Staubmäuse aus den Abteilungen zu treiben, hat das Web 2.0 entdeckt.

antik1Man hat in den letzten zwei Jahren 50 Early Adopters beobachtet (oder gar begleitet?) heißt es im offiziellen Publikationsorgan. Man beobachtete unabhängig einige Manager dabei, wie sie (erfolgreiche) Bemühungen hinsichtlich der Partizipation am Arbeitsplatz in die Tat umsetzten. Das tönt spannend. Es deutet aber auch an, dass man mal wieder versucht, entlang der Linie zu arbeiten, was in Netzwerken weder erfolgversprechend, noch konstruktiv noch überhaupt sinnvoll erscheint. Aber wer jahrzehntelang die alten Hierarchiestrukturen gepredigt und betoniert hat, kann wohl den neuen Ansatz in seiner grundlegenden Andersartigkeit weder akzeptieren noch überhaupt verstehen. Mal sehen.

Sie haben herausgefunden, dass einige Faktoren für die erfolgreiche Einführung erfoderlich sind, da ansonsten alles für die Katz ist. Und wie erwartet bei McKinsey: Blame it on the B and C Level.

Im Wortlaut hört es sich so an:

Executives who are suspicious or uncomfortable with perceived changes or risks often call off these efforts. Others fail because managers simply don’t know how to encourage the type of participation that will produce meaningful results.

Die dummen Manager hören also mit Web 2.0 Projekten auf, wenn Risiken und Nebenwirkungen drohen, oder sie versagen, weil sie die die richtige und erfolgversprechend Partizipation nicht in ihre Mitarbeiter reinkriegen. OK. Das klingt jetzt etwas stark oberflächlich und nährt den Verdacht, dass sie über das Entstehen und Funktionieren von Netzwerken wenig nachgedacht haben.

Und was macht man, wenn man etwas Neues und qualitativ anderes nicht versteht, weil es neue Denkkategorie erfordert? Man läßt sich darauf ein und improvisiert, um zu verstehen? Nein, lieber Leser, sowas Abseitiges würden Sie vielleicht tun. McKinsey nicht! Die schauen erstmal, wie antike IT mit dem neuen Phänomen umgeht, umging, umgegangen worden wären würde…

Web 2.0, the latest wave in corporate technology adoptions, could have a more far-reaching organizational impact than technologies adopted in the 1990s—such as enterprise resource planning (ERP), customer relationship management (CRM), and supply chain management (Exhibit 1). The latest Web tools have a strong bottom-up element and engage a broad base of workers. They also demand a mind-set different from that of earlier IT programs, which were instituted primarily by edicts from senior managers.

Web 2.0 ist aus Sicht McKinsey also ein technologischer Trend. So eine Feststellung vereinsamt die Experten natürlich ein wenig. Ich kenne niemanden in der aktuellen Diskussion, der sich zu so einer eher falschen als verengenden Aussagen hinreißen lassen würde. Und tatsächlich, im zweiten Teil des Satzes kommt ein wichtiger Begriff ins Spiel, nämlich Revolution, oder im Managementdeutsch bottom-up. Aber für McKinsey ist und bleibt es ein Element der Tools und nicht eine soziale Folge derselben. Das erscheint mir ein zentraler Denkfehler der teuren Berater zu sein, der exorbitante Folgen zeitigen kann. Die Revolution wird dann angedeutet in dem Satz, dass die für den Einsatz der Tools erforderliche Geisteshaltung anders sein muss als das bloße Errrichten von IT- Werkzeugen früherer Zeiten. Das Donnergrollen im Hintergrund deutet sich vorsichtig an. Man bedenke, dass hier immerhin jemand spricht, der es gewohnt ist, qua Tagessatz und Anzahl der Doktorhüte, jeden Aufsichstrat zum Schweigen zubringen, um die Interessen der Eigentümer durchzusetzen. Jetzt kommt eine spannende Grafik:

mcdisney1Diese Grafik erläutert dem staunenden Zuschauer was für einen Sachverhalt? Erwartungsgemäß im alten Weltbild wie mit Betonschuhen verankert, listet man auf diesem Graphen links den Grad an Produktivität und rechts die Zeitleiste. Auf der linken Linie tragen die exklusiven Denker schlicht eine seit den Neunzigern steigende Produktivität durch ERP, SCM und Konsorten ab. (Wer eine SAP-Einführung erlebt hat, wird verstehen, warum die Kurve so tief unten beginnt, aber nicht, warum sie so hoch steigt.)

Warum die rcchte Kurve bei Collaboration – die McKinseys werden doch Groupware und Web 2.0 nicht synonym setzen – bei den “neuen Technologien so weit oben beginnt, erschließt sich nicht. Etwa weil ERP schon den Boden für partizipative Kooperation geebnet hat? Warum sie genauso verlaufen soll, wie bei den Einführungen der vorgenannten Tools ist schlicht eine Komplexitätsreduktion, die ich in den Bereich der Dummheit verorten würde. Stützende Hinweise auf diese Vermutung erhalte ich durch die abenteuerliche Beschriftung: User groups can form unexpectedly (!) sowie noch weitaus schlimmer  Technology investment often a lightweight overlay to existing infrastructure.

Um es klar zu sagen: Oben wird beschrieben, dass es offenbar nicht trivial ist eine Kultur der Partizipation zu “installieren” und hier wird so getan, als müsse man eine bereits funktionierende und völlig frei selbstorganisierte Mitarbeiterschaft nur noch mit ein bißchen Technologie unterstützen und klappt das schon mit dem Abmelken der “Weisheit der Massen”. Das ist eine infame, weil in die Irre führende Komplexitätsreduktion der Vorgänge rund um ein partizipatives Modell der Kooperation in der Arbeitswelt – mit oder ohne IT-Technologie. Ich will jetzt keine systemtheoretische oder gar sozialkonstruktivistische Diskussion vom Zaum brechen, aber ein  Hinweis sei gestattet. Es bedarf mehr als eine leichtgewichtigen IT-Technologie, um Menschen zu einem vertrauenswollen Austausch ihres Wissens zu veranlassen. Es sei auch der Hinweis erlaubt, dass es sich um Co-Creation handelt, also die berühmten Community-Tools aus der Web 2.0 Welt kaum sinnvoll Anwendnung finden werden, weil im, professionellen Umfeld nicht alle Tangoliebhaber und Aquarienfreunde zusammenarbeiten sollen sondern gemeinsam Inhalte erstellt werden müssen, was etwas qualitativ Anderes ist als einfach Web 2.0 in Firmen einzubasteln.

Im nächsten Teil geht es weiter in der Exegese der heilgen Bücher von McKinsey zu Web 2.0…

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Folgende Schlagwörter: consulting, social software, Social Web

2 Kommentare

  1. Hallo Michael,

    wenn es mal nur die C-Level wären, ich habe den Eindruck, dass gerade Aufsichtsräte und Vorstände bei den genannten sehr viel Verantwortung parken. Das kann sehr gut, sein, wenn ein gutes Team anrückt. Bei den drei genannten ist aber mindestens ein Name dabei, der eher für Skandale und tote Projekte bekannt ist…

    Jörg

  2. McKinsey, Cap Gemini, Accenture – die haben wir doch alle so gern…

    schade nur, dass Namedropping dieser Art für viele C-Level Executives noch immer sehr ueberzeugend ist…

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