header
"Si latet ars, prodest" Ovid

Kritik und Anregungen zum Digital Natives Manifest

DNAnativesHabe das Manifest der DNAdigital gelesen. Es erscheint zumindest im ersten Teil ein Manifest der Differenz zu sein. Das ist per se mal weder gut noch schlecht. Ich habe nur den Eindruck, dass das Anhäufen weitgehend unbestimmter Modebegriffe keine besonders gute Basis für eine Kommunikation mit dem Rest der Gesellschaft ist. Ein Paar Anmerkungen von mir. Ansonsten bitte ich den geneigten Leser dieses Manifest zu würdigen und zu beachten, vor allem all die Experten aus der Kommunikations- und Marketingwelt. Es sollte als Lackmustest dienen für die vielen selbst ernannten Berater, die vorgeben, diese Generation virtuos “bedienen” zu können. Es reicht nicht, zu sagen oder zu schreiben, dass man in den Dialog tritt. Denn einen Dialog muss man mit etwas eröffnen: dem Geben. Ich hoffe, dass den Digital Natives diese Kritik eine kleine Gabe zur Diskussion ist.

Eingeborene der digitalen Netze

Das Manifest der Digital Natives – von Robert Dürhager und Timo Heuer.

Digital Natives denken anders, kommunizieren anders und arbeiten anders als analog geprägte Menschen: online, vernetzt und hierarchiefrei. Ihre Kultur ist im Entstehen, ihre Auswirkungen aber sind erst im Ansatz begriffen. Wie sie die Welt sehen, haben zwei Digital Natives in einer programmatischen Erklärung niedergeschrieben. changeX dokumentiert das Manifest der Digital Natives. / 13.07.09

Wir sind die Assimilanten der digitalen Kultur, unser Leben gestalten wir digital. Dies ist unser Manifest. Es richtet sich an alle, die mit uns kommunizieren oder kollaborieren möchten.

Um es mal vorsichtig zu formulieren. Analog und digital sind zwei Begriffe, die ich euch nicht empfehlen kann als konstituierendes Moment. Digital als Gegenbegriff zu analog bedeutet, dass von einem gegebenen Augenblick eine Probe gemacht wird und diese Probe als Messvorgang auf eine Zeitleiste gebracht wird, die einem vorgegebenen Zeitraster entspricht. Das bedeutet, dass aus der realen Welt ein Stück Zeit und etwas physikalisch Meßbares (Ton oder Bild) herausgetrennt wird, um es nach einem Übertragungsprozess wieder darzustellen. Oft kommen beim Verarbeiten der Zahlenwerte informationsreduzierende Algorithmen ins Spiel (Datenreduktion). Im Gegensatz dazu wäre dann die analoge Abbildung der Welt ein kontinuierliche Aufzeichnung der Gegenwart. Ihr gestaltet Euer Leben aber sicher nicht anhand vieler kleiner meßbarer events. Dieser Gegensatz, der oft so gerne kolportiert wird reduziert, das, was jemanden ausmachen kann, der mit Computern aufwuchs, auf eine sehr enge Schiene: Die Repräsentation der Erlebniswelt als Ton- oder Bildkonserve. Lasst euch nicht auf dieses analog-digital Ding ein. Es geht hier um etwas ganz anders, wenn ich Euch richtig verstehe. Solche Dualismen sind in bezug auf soziales Miteinander leer und ohne Aussage – auch und gerade weil sie so oft inflationiert werden.

Wir sind die Generation Internet
Wir sind die Evolution der Fernseh-Generation, deren gemeinsames Schicksal der Passivität noch heute Kultur und Gesellschaft prägt. Indem das Leben der Zuschauer hinter geschlossenen Türen stattfindet, entwickeln diese in Abgrenzung zur Masse ihre Individualität. Doch während die Fernseh-Generation selbst bei Ausflügen ins interaktive Internet sich hinter Pseudonymen versteckt und weiterhin passiv als (Be-)Sucher Inhalte auf nun neue Weise konsumiert, sind wir es, welche die Interaktivität als (Be-)Nutzer tatsächlich leben. So sind wir Individuen in der Unterschiedlichkeit unserer Netzwerke, immer und überall online, als Peer im Kontakt mit unseren Netzwerken. Die Tauschkultur im Netz ist unser Werk und die offene Gesellschaft unser Ziel.

Evolution ist ein passiver Begriff. Es ist eine biologische Beschreibung dessen was nicht-naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen Schicksal nennen. Es ist unausweichlich, aber es ist ein vielgestaltiger Prozess, der sozusagen eine Parallelstruktur der Lebensgestalten in den jeweiligen Lebensumgebungen umfasst. Die eine oder andere Gestaltung ist schlecht angepasst auf ihre lokale Umgebung und pflanzt sich daher nicht fort. Ihr wollt Euch aber von der Passivität (die dieser Begriff im Extrem beinhaltet) abgrenzen. Es wäre daher klug, diesen Satzbeginn zu überdenken.

Ich hoffe inständig, dass Ihr Euch mit Karl Poppers Werk zur offenen Gesellschaft und eventuelle Bourdieus Gedanken zum Tausch (es gibt noch viele andere Quellen der Wirtschaftssoziologie) auseinandersetzt, um möglichen Fragen zum Manifest zu begegnen. Denn diese Begriffe sind alle schon besetzt. Vielleicht wollt ihr Euch ja aber gerade davon abgrenzen und eigene Entwürfe darlegen.


Das Netz wirkt auf die Welt
Wir Digital Natives verstehen das Virtuelle als Teil der Realität. Auch wenn Virtuelles nicht physisch ist, hat es dennoch einen erheblichen Einfluss auf das Denken und Fühlen. Betrachtet man das Internet als geistigen Lebensraum, so sind dessen Auswirkungen reale Wirklichkeit. Indem wir online sind, flüchten wir nicht vor der Realität, sondern partizipieren an der virtuell erweiterten Realität des 21. Jahrhunderts.

Ich möchte nicht zu tief gehen, aber Ihr befindet Euch in einem Dreieck dessen Ecken beschreibbar sind als 1. mentale Tätigkeit als Gedanken und Sprache (Geist) 2. gewachsene Dinge (Natur) 3. geschaffene Dinge (Technologie). Die virtuelle Welt ist in diesem Dreieck einfach eine Verbindung aus Sprach-Code und geschaffenen Dingen. Die reale gewachsene Welt wird davon nicht unmittelbar tangiert. Ihr braucht Euch daher nicht davon abzugrenzen. Von der Technologie könnt ihr Euch nicht abgrenzen, da es ohne elektrischen Strom diese virtuelle Realität nicht gibt. Es gibt daher auch keinen Lebensraum im Netz sondern einen Sprachraum, vergleichbar einer Region in Deutschland, in der ein Dialekt gesprochen wird. cultura heißt Pflege. Ihr pflegt also im Netz neue Formen der Sprache und des Austauschs. Das ist vergleichbar mit einer sozialen Skulptur an der alle mitarbeiten. Vielleicht kann Euch dabei Joseph Beuys mit seiner Sozialen Plastik inhaltlich weiter helfen.


Netzwerke sind die besseren Problemlöser
Wir arbeiten vernetzt und kollaborieren in dynamischen und offenen Netzwerkteams. In unserem Arbeitsleben spielt die kollektive Intelligenz eine große Rolle. Crowdsourcing ist ein Begriff, der nicht nur unsere Arbeitsweise geprägt hat, sondern unser ganzes Denken. Nicht zuletzt wegen der vielfältigen Kommunikationsinstrumente, von (Micro-)Blogs bis Wikis, können wir jederzeit und zu jedem Thema mit anderen zusammenarbeiten. Eine Arbeit, die uns bisher Stunden gekostet hätte, wird durch ein Micro-Posting zu einer Sache von Minuten. Die Schwierigkeit eines Problems misst sich bei uns nicht am Wissen des Individuums, sondern seiner Fähigkeit zur vernetzten Kommunikation. Abhängig vom Grad der individuellen Vernetzung gelingt es uns, für fast jedes Problem eine Lösung zu finden.
Allerdings funktioniert Crowdsourcing nur, wenn die Arbeit öffentlich zugänglich ist. Wir Digital Natives fordern deshalb die digitale Öffnung und digitale Modernisierung der Arbeitswelt. Zu viele Ideen sind als Interna gestorben. Sie erhielten nie die Chance, die Welt zu verändern oder wenigstens Sympathie für das Unternehmen zu erwirtschaften.

Ohne eine präzise Kenntnis des Begriffs Soziale Netzwerke kann man sich schnell verlaufen in der Sprache der Agenturen und Pseudoexperten – gerade auch wenn das Wort Kollaboration fällt. Weit schwerer wiegt der Begriff der kollektiven Intelligenz, der von Ameisenstaaten und Schwarmbeobachtungen hergeleitet ist, und über dessen Inhalt die Wissenschaftler bis auf einige beschreibende Beobachtungen praktisch nichts wissen. Die einen nutzen ihn als Begriff der Emergenz von höheren Formen von Intelligenz, wenn Lebewesen mit niederer Intelligenz zusammenkommen. Andere betrachten es als Netz von sehr limitierten Agentensystemen, die gemeinsam nach einer Trainingsphase Aufgaben übernehmen können, die durch eben diese Trainigsphase sehr präzise vorgegeben – um nicht zu sagen limitiert – sind. Gerade das Beispiel Wikipedia nimmt zurzeit eine seltsame Entwicklung und deutet an, dass der Umgang mit dem crowdsourcing eine oft sehr rigide Hierarchisierung unter der Oberfläche zeigt (siehe auch Open Source Projekte). Aber: Allein der Begriff der Intelligenz ist etwas, das kein Wissenschaftler im Konsens mit anderen Wissenschaftlern umfassend definiert hat. Da tappen die Neurowissenschaftler noch im derart im Dunklen, dass sie Faktizität nur mit Experimenten schaffen, die sie ohne konsensuelle Grundlagen deuten müssen.


Wir befreien die Arbeit
Klassische Neun-bis-fünf-Uhr-Jobs sind ein Relikt aus den Zeiten der Industrialisierung. Es wird Zeit, die Arbeit von starren Arbeitsmodellen zu befreien. Als Netzwerkindividuen befinden sich unsere globalen Kontakte in verschiedenen Zeitzonen, sodass die klassischen Arbeitszeiten für uns kontraproduktiv sind. Und auch den Arbeitsablauf wollen wir flexibel gestalten können. So lassen sich verschiedene Aufgaben miteinander verknüpfen und damit effizienter und schneller erledigen, wenn nicht sogar Synergieeffekte dafür sorgen, dass inhaltlich neue Ideen gefunden werden.
Genauso arbeiten wir lieber ortsunabhängig an der Stelle, die uns gerade am nützlichsten erscheint. Das kann ein Café, ein Büro oder das Homeoffice sein. Das Internet erlaubt uns, von überall aus mühelos auf arbeitsrelevante Daten und Instrumente zugreifen zu können.
Flexible und öffentliche Arbeitsmöglichkeiten, flache Hierarchien und Mitbestimmung sowie Vertrauen, motivierende Herausforderungen und eine ergebnisorientierte gerechte Bezahlung sind die Arbeitsqualitäten unserer Wahl.

Ich kann auch hier nur bitten, schon bestehende Systeme zu betrachten und anzupassen oder zu verwerfen. Es kann nicht schaden, auf den bestehenden Erfahrungen mit ROWE (Results-Only Work Environment) aufzubauen oder sich abzugrenzen.


Arbeit kann nur privat sein
Unser Wertesystem kennt neben Lohn auch den Wert der Selbstverwirklichung und Eigenmotivation. Zwischen Arbeit und Privatleben zu unterscheiden fällt unter diesen Voraussetzungen schwer. Für uns gehört es zum Alltag, dass viele Angelegenheiten in beide Kategorien fallen und somit immer nach persönlichen Maßstäben und anhand allgemeiner Moralvorstellungen bewertet werden.
Eine Arbeitsstelle messen wir also daran, welche persönlichen Wachstumschancen sie uns eröffnet und wie motivierend ihr Arbeitsumfeld für uns sein kann. An Unternehmen schätzen wir, neben dessen Transparenz und Offenheit, auch den sozialen Umgang mit Arbeitnehmern und Umwelt.

Dazu lasse ich Dan Pink sprechen:


Unsere Verantwortung zur Öffentlichkeit
Weil wir unsere Stärke in der öffentlichen Zusammenarbeit wissen, teilen wir nur zu gerne unser geistiges Kapital und schaffen damit freie Wissensressourcen. Konkurrenzdenken gibt es bei uns nicht, dafür aber Wettbewerb um die besseren Ideen und Reputation für erbrachte Leistung.
Wir kennen das Potenzial von freiem Wissen und fordern deshalb den freien Zugang zu allen steuerlich geförderten Forschungsergebnissen und Lernmaterialien. Gleichzeitig soll es Bildungseinrichtungen finanziell und inhaltlich ermöglicht werden, die zur Verwendung der Informationen notwendige Medienkompetenz an die zukünftigen Generationen vermitteln zu können.
Für uns ist es von großer Wichtigkeit, dass freie Wissensressourcen gefördert, erhalten und für jeden zugänglich gemacht werden. Als Digital Natives unterstützen wir deshalb alle Initiativen, die Informationen und Werkzeuge frei und wiederverwendbar verfügbar machen.
Die neuen Medien verstehen wir allgemein als Chance für eine bessere Welt. Ihre Veranlagung (im Sinne des lateinischen “virtus” für Kraft, Tugend), Informationen zu verteilen und zu verarbeiten, ermöglicht es den Menschen, auf viele neue Arten miteinander zu kommunizieren und sich auszutauschen. So stellt unsere digitale Kultur schon jetzt räumliche, kulturelle und damit auch politische Grenzen infrage und bietet eine echte Chance für einen partizipativ-demokratischen Kosmopolitismus. Denn als Digital Natives sind wir Weltbürger und eine der ersten globalen Generationen. Erste Schritte hin zu einer partizipativ-demokratischen Weltpolitik wären die uneingeschränkte Transparenz politischer Arbeit und Entscheidungsfindung sowie der vielfältige Ausbau der Online-Partizipation.

Das Netz hat eine Kultur
Wir verstehen das Internet als sozialen Kulturraum. Mit unseren realen Identitäten prägen wir dessen Inhalte und mit unseren sozialen Beziehungen dessen Vergesellschaftung. Im Rahmen der Legalität und manchmal auch im konstruktiven Diskurs mit dieser, sind wir hier die Exekutive, ist unsere Moral die Judikative und unser Code die Legislative. Eine vierte Gewalt wählen wir durch unsere Aufmerksamkeit.
In der globalen und diversiven Wirklichkeit unserer Netzwerke verstehen wir Relevanz vor allem als soziale Relevanz. Unsere mehrdimensionalen Netzwerke bieten die Möglichkeit des Erfahrungsaustausches und der gemeinsamen Bewertung. Aufgrund der sozialen Beziehung sind Empfehlungen und Informationen aus einem dieser Netzwerke besonders relevant.
Als Digital Natives sind wir uns bewusst, dass unsere Kultur vom technischen Fortschritt abhängig ist. Genau deswegen nutzen wir frühzeitig technische Innovationen, um einerseits neue Möglichkeiten für unsere Kultur zu erkunden, und andererseits, um mit unserem Feedback Fehlentwicklungen entgegenzuwirken.

Dem Netz gehört die Zukunft
Wie jedes Medium hat auch das Internet seine Schwächen. Durch Interaktivität und Vernetzung lässt sich jedoch Transparenz aufbauen, weswegen das Internet den anderen Massenmedien überlegen ist. Die Möglichkeit der polydirektionalen Kommunikation ermöglicht es zudem, ein vielfältigeres Abbild der Wirklichkeit zu liefern, was das Internet zum passenden Medium einer postmodernen Welt macht. Das Netz etabliert sich zu Recht als Leitmedium und dessen offene Kultur eignet sich wie keine andere als Maßstab für eine gerechte Gesellschaft der Zukunft.

Credits:
Moritz Avenarius, Björn Bauer, Nicole Braun, Andreas Dittes, Anna Dürhager, Bettina Fackelmann, Anne Grabs, Jana Hochberg, Boris Jäger, Alexander Rausch, Christian Spannagel, Dominik Wind, Simon Wind.

Bookmark and Share

Post to Twitter Post to Delicious

2 Kommentare

  1. Kleine Kritik an Deinem Text: Verlinkst Du bitte noch die Quelle des Manifests? ;-)

    Ansonsten würde ich sagen: Wo das Manifest stellenweise (zu) simpel gestrickt ist, fällt Deine Kritik ins andere Extrem! Oder ist es ein Stilmittel der Kritik? Man kann sicher mit Popper, Bourdieu und Joseph Beuys argumentieren. Auch Marx, Schumpeter und Luhmann kann man da noch unterbringen – nur verstehen tut das dann kaum mehr jemand.

    Andererseits: Das Video mit Dan Pink ist natürlich eine perfekte Ergänzung und untermauert die Argumentation der Manifestanten an dieser Stelle sehr gut.

  2. Hatte ich vergessen den Link ist ganz oben. Danke.

    Also wenn jemand den Begriff “offene Gesellschaft” benutzt und Popper dazu ein zweibändiges Werk verfasst hat, dann erwarte ich eine Rezeption – zumindest, dass man den Begriff mal in wikipedia eingibt. Dasselbe eben beim Tauschbegriff, denn es kann ja hier bei nicht einfach gemeint sein, Werke per P2P hin und her zu tauschen. Das wäre nicht nur platt oder simpel. Marx geht aus meiner Sicht nicht mehr, da die postmodernen Entwicklungen mittlerweile soweit sind, dass seine Theorie nicht mehr greift. Aber warum nicht, es geht ja darum, einer Bewegung eine Stimme zu verleihen, die Gehör erhalten will. Von einem Manifest erwarte ich eine Artikulation auf dem Boden der Gegenwart, das umfasst auch und vor allem Begrenzungen und Historie – dann klappts auch mit der Vision.

Schreibe einen Kommentar

Kommentar-Regeln - Rules Of Commentary:

Durch einen Klick auf den Absende-Button stimmt der Kommentierende folgenden Regeln zu:

  • Bitte möglichst reale Klarnamen verwenden (Im Zweifel Vornamen)
  • Keine persönlichen Angriffe

Substanzlose Kommentare, SPAM oder persönliche Angriffe werden gelöscht und ggfls. in Rechnung gestellt. By clicking the Submit-Button, you accept a 500 € fee for any comments that only publish advertisments for products or companies and do not refer to the article or other comments in terms of a discussion.