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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Menschen und Buchstaben: Wenn Kinder Medienimperien zum Einsturz bringen

Bevor wir die Medien sezieren, sollten wir das Skalpell etwas schärfen.

Laut Roland Burkart sind Massenmedien jene Medien, die durch Vervielfältigen und Verbreiten qua Schrift, Bild oder Ton Informationen vermitteln und somit öffentlich an ein anonymes Publikum weitergeben. Wir kennen dies als Presse und Rundfunk.

Ein Massenmedium charakterisiert sich also durch sein Hinwenden an eine unbestimmte Masse, die nicht beschränkt ist durch aktive Auswahl der Empfänger oder Leser. Nach dieser Definition ist jede Website ein Massenmedium, die den Zutritt nicht durch Logins oder ander Beschränkungen begrenzt.

Was sind Massenmedien?

Immer dann, wenn die Rezipienten, also die Zuhörer, Leser oder Zuschauer gar nicht begrenzbar sind, handelt es sich um ein Massenmedium. Soweit zur extensionalen Bestimmung des Begriffs.

Eine intensionale Bestimmung ist ungleich schwerer. Viele verwechseln die Kanäle (Print, Funk, Internet) mit dem Medium selbst. Das ist genauso verwirrend, wie die Codizes einer Information (Bild, Ton, Schrift) mit dem Inhalt gleichzusetzen. In den aktuell inflationären Expertendiskussionen um die Medien erscheint selten eine semiotische Grundbildung oder gar ein sprachwissenschaftliches Gerüst vorzuherrschen. Noch seltener erscheint eine sozialwissenschaftliche Basis in Betracht gezogen zu werden.

Der absolute Bodensatz ist dann eine vulgäre Form der Begriffsintension unter dem Primat des Pragmatismus: soziale, politische und ökonomische Funktionen der Massenmedien. Dabei werden die allseits beliebten Zirkel, Treppen und üblichen systemischen Emergenzphänomen erkannt; das Ganze gipfelt dann in der Herstellung von Öffentlichkeit durch Massenmedien.

book1Geschichte der Publikationen

Beginnen wir also klassisch-historisch bei Gutenberg. Als die Mönche erkannten, dass seine Maschine ihr Primat als Besitzer und Wahrer der Schriften bedrohte, verteufelten sie das aufkeimende Druckerhandwerk mit allerlei Beschimpfungen. War doch für sie das Fertigen der Kopien von Manuskripten einerseits ein direkter Weg, seine Sünde loszuwerden und andererseits für die Klöster und Bruderschaften der Besitz und die Kontrolle über bestimmte Bücher – und in der Folge auch die Kontrolle über die Verbreitung der Gedanken, die sich darin befanden.

Verbreitung von Inhalten

Es gibt also drei Ebenen: 1. Die grundlegende Idee als Manuskript. 2. Die Kopie dieser Ideen als kalligraphisches Handwerk oder später als Buchdruckhandwerk und 3. Die Aufnahme der Ideen durch den Leser als Rezeption der Gedanken des ursprünglichen Autors.

Solange man die Kopien selbst durchführte, konnte man bestimmte Stellen eines Buches ändern, ohne das jemand etwas merkte, da das Original zumeist in den Klosterbibliotheken verwahrt blieb.

Massenmedien unterscheiden sich von Büchern nur hinsichtlich weniger Aspekte:

Es gibt viele Autoren, die einer Zeitung oder einem Sender zuarbeiten. Diese werden oft arbeitsteilig nach Wissensgebieten aufgeteilt wie bei der Erstellung eines Universallexikons.

Es gibt Mittelsmänner, die den Mittelsmännern zweiter Ordnung vorschreiben, welche Kategorien in welchem Schreibstil und mit welchem Fokus bearbeitet werden.(Herausgeber)

Es gibt Mittelsmänner zweiter Ordnung, die die Produkte der Autoren edieren und in Kategorien fassen sowie gefällige Zusammenfassung texten.(Redaktions- und Ressortleiter)

Es gibt Mittelsmänner dritter Ordnung, die nur Informationen sammeln, ordnen und an andere Mittelsmänner verteilen. (Agenturen)

Die Idee eines Autors wird oft solange überarbeitet, bis sie massenkompatibel erscheint.

latDie Produktion wird künstlich gesteigert durch Verschenken oder Fast-Verschenken von Einzelausgaben in hohen Stückzahlen, damit neben dem Einzelpreis noch Werbeeinnahmen erzielt werden, die auf der Idee der Reichweite basieren. Reichweite ist eine definierte Anzahl an Lesern einer bestimmten Leserschaft. Denn die anonyme Masse in den modernen Massenmedien ist keine Masse wie in der oben angeführten Definition. Es sind Teilöffentlichkeiten, soziale Gruppen, Sinusmillieus und ähnliche Hypothesen über Gruppenphänomene, die sich für bestimmte Teile einer Massenpublikation interessieren sollen.

Öffentliche Sender werden durch Zwangsabgaben finanziert. Überschüsse fließen in kommunale Projekte, die den Sendern neue Aufträge generieren. Private Sender dürfen zwischen den Werbepausen eine Art inhaltliches Programm simulieren.

Und das Internet? Was macht nun das Netz anders?

Das Netz ist Schreibmaschine, Druckmaschine, Kommisionierung, Logistik und Kiosk in einem.

Vor vielen Jahren, in den Achtzigern begannen in Amerika die ersten Zeitungen damit, ihre Printausgaben 1:1 ins Netz zu stellen. Die teure und langsame Datenübertragung und die eingeschränkten Navigationsmöglichkeiten beschränkten die Rezeption. Aber es gab eine neue Art der Produktion. Statt viel Papier und Druckmaschinen konnte nun direkt ohne die Verzögerung des Druckvorgangs und ohne die Kosten des Drucks, mit geringeren logistischen Kosten aufseiten der Verleger und mit Ausschalten des Einzehandels (Mittelmänner!) die Idee des Autors und alle Bearbeitunsgschritte der internen Verlagsmittelsmänner elektronisch und netzbasiert ablaufen. Der Medienbruch zwischen Erstellen, Verbreiten und Lesen wurde aufgehoben. Als dann das Web mit den Browsern wie Mosaic oder Netscape das Darstellen der Texte um Bilder und später Ton und Videos erweiterte, hatte sich eine weitere Revolution unmerklich in die Realität umgesetzt.

Social Media

Mit Zunahme der Fähigkeiten der computeraffinen Menschen und dem anschließenden Vereinfachen durch Anwendungen wie Websitebaukästen und Weblogs stieg die Anzahl an Autoren im Web exponentiell. Hatten früher noch Agenturen, Sender oder Verlage als einzige direkten Zugang zu aktuellen oder relevanten Inhalten, verbreiterte sich die Basis an zugänglichen Informationen rasend schnell. Auch Dank des Web-Bibliothekars Google. Jeder konnte und kann heutzutage fast alles Lesen und veröffentlichen. Die Voraussetzung sind demokratische Verhältnisse, gute Sprachkenntnisse (auch Fremdsprachen!) und ein Geschick im Umgang mit der Flut an guten und schlechten Inhalten.

Twitter und Co.

Neben dieser Persistenzschicht (bleibende Daten) an Inhalten auf privaten und kommerziellen Websites und Blogs entwickelte sich bald eine zweite Schicht an Bedeutung. Kommentare ermöglichten nach Vorbild des Leserbriefs direkten Kontakt der Leser mit Autor und anderen Lesern. Diese Entwicklung wurde durch viele kommerzielle Sender und Verlage zuerst verschlafen und dann überbewertet. Und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als sich diese Ebene in eine Art ad-hoc-Publikation über andere Webinhalte entwickelte. Twitter ist so eine Plattform, die relative und sehr persönliche Metadaten zu bestehenden Webinhalten liefert und so präziser als jede Suchmaschine über die Rezeption von Bekannten, Gleichgesinnten und Freunden die Inhalte sortiert und ordnet.

Bedeutung ist nicht Relevanz

Der Erfinder des Web als digitaler Bibliothek, Tim Berners-Lee, hatte zu Beginn des 3. Jahrtausends den Fehler der Mönche aus dem Mittelater wiederholt, als er ganz in bibliothekarischer Weise das alte Denken in die neue Zeit zu retten versuchte. Das semantische Web sollte alle Inhalte im Netz maschinenlesbar miteinander verbinden.

Auch die Mönche wollten unter sich bleiben und den Menschen die Entscheidung abnehmen (vorenthalten), was Inhalte mit Bedeutung seien und was nicht. Dabei bedachte Berners-Lee genausowenig wie die Mönche, dass nur Menschen in der Lage sind, für Menschen zu entscheiden, was von Bedeutung ist. Er hatte, wie viele andere gedacht, dass der Relevanzbegriff aus der Informationswissenschaft, der soviel wie Bedeutsamkeit eines Dings in Bezug auf andere (in diesem Fall Inhaltsdinge wie Webseiten oder Dokumente) meint, dasselbe sei wie Bedeutung.

Dies ist eine unzulässige Verkürzung, die den gesamten mißlichen Umgang mit dem Internet aus Sicht des Begriffs Massenmedium plastisch darstellbar macht und das Herumlavieren nicht weniger Texte und Vorträge begründet.

Information und Bedeutung

Informationsqualität besteht aus dem sogenannten Eigenwert einer Information (also der Angemessenheit des Inhalts an die zu beschreibenden Verhältnisse, dem inhaltlichen Umfang der Darstellungsfähigkeit eines Texts und nicht zuletzt der Glaubwürdigkeit), dann kommt der Kontext dazu also die Einbettung einer Infomation in andere oder die Fähigkeit andere Inhalte widerspruchsfrei zu integrieren. Daran schließt sich die Interpretationsfähigkeit und die Verständlichkeit an und aus technischer und politischer Sicht der Zugang.

Aus der Linguistik ergibt sich, dass Bedeutung an sich immer eine subjektive Institution ist. Dort kennt man den Begriff der sekundären Bedeutung. Also das runde Viereck oder Pegasus des Bernard Bolzano, die es ja nicht gibt (siehe oben, solche Begriffe erfüllen nicht das Gebot der Wirklichkeit und Widerspruchsfreiheit), die aber sehr wohl eine Bedeutung haben – je nach Vorwissen.

clay-shirkyEin ähnliches Mißverständis ergibt sich bei der aktuellen Diskussion um die Medien. Clay Shirky hat es unlängst schön in einem Text zusammengefasst. “Wenn 14-Jährige in der Freizeit mit einem Computer in der Lage sind, Geschäftsmodelle von Konzernen in ein Nichts aufzulösen, weil sie die Inhalte lieben und nicht weil sie etwas zerstören wollen, dann hat die Firma ein Problem.” Und nicht der Jugendliche.

Da nur Menschen in der Lage sind, etwas Bedeutung zu verschaffen – und das geschieht durch Mit-teilen (TEILEN!) – wird jede Idee, Inhalte hinter Mauern zu verschliessen, nur dazu führen, dass die Inhalte überhaupt nicht rezipiert werden. Dann brauchen sie aber auch nicht produziert zu werden. Wer also seine Inhalte einschließt, entbindet sich selbst vom Marktgeschehen. Diese gilt für Massenmedien. Bei Spezialanbietern sieht die Sache anders aus. Aber sie bedienen ja auch nicht die Massen sondern fokussieren eine bestimmte Empfänger/Lesergruppe.

Anders als Shirky würde ich das Web nicht als eine Revolution á la Gutenbergs Druckmaschine bezeichnen. Denn wir hatten vor dem Web schon Vervielfältigung. Was sich aber geändert hat, ist die Tatsache, dass im Zeitalter von Social Media die Menschen im selben Medium in dem sie Informationen finden, sich auch (dialogisch) über deren Bedeutung austauschen, seit Twitter sogar in 1:n und n:n -Beziehungen und praktisch in Echtzeit. Früher waren Metadaten zu Inhalten eine Konzession an die Maschinen wie Google oder andere Suchtechnologien. Diese Art von statischen Metadaten brauchen nicht. Wir produzieren in unseren vermeintlich unwichtigen Kommentaren bessere weil aktuelle und an den historischen Kontext angepasste Metadaten.

Was ist eigentlich los?

Wikipedia ist bei fast allen denkbaren Begriffen, die man bei Google eingeben kann unter den ersten 5 Treffern. Den Rest sucht der Webnutzer sich über seine Freunde und Gleichgesinnte bei sozialen Netzwerken wie Facebook oder sozialen Messagenetzen wie Twitter.

Relevanz ist gut für die Informationstheorie,Menschen brauchen Bedeutung.

Bedeutung ist entweder der Gebrauch von Worten durch Menschen, oder/und ist eine Art Referenz, auf die Bezug genommen wird. Die eigentliche Aufgabe einer Bedeutung, dass eine Hauptbedeutung (Denotation) mit allen Konnotationen (Nebenbedeutungen) jemals durch ein Medium, einen Text oder gar ein Computerprogramm zu leisten wäre, ist ein Reduktion der realen Komplexität, die zwar aus technischer Sicht wünschbar sein kann, aber vollständig surreal, wenn nicht sogar pathologisch erscheint.

In einem ähnlichen Feld muss man die Bestrebungen der Verlage sehen, angesichts von Millionen von Blogs und Webseiten, eine bedeutungsstiftende Institution sein zu wollen und sich diese mit Geld aufwerten zu lassen. Jede funktionierende Peergroup leistet diese Aufgabe präziser und wirklichkeitsnäher und liefert dazu noch eine transparente Interpretationsebene.

Genau diese Ebene wird in den Massenmedien durch die Mittelsmänner der ersten bis dritten Ordnung vollständig undurchsichtig und damit im Kern undemokratisch.

Denn genau hier setzen allzu oft politische und lobbyistische Hebel an. Das macht aus einem Massenmedium einen Schwanz, der mit dem Hund wedelt. Der Tod der Massenmedien wird ein einfacher Drogentod gewesen sein. Die Spritze mit der Aufschrift “Relevanz” wird noch gut sichtbar im Arm stecken.

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Folgende Schlagwörter: Bücher, Konzepte, Krise, Kritik, medien, Wissen 2.0

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