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	<title>digitalpublic.de &#187; Die Gesellschaft</title>
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	<description>&#34;Zur ganzen Wahrheit gehören zwei - einer, der sie sagt und einer, der sie versteht.&#34;            Henry David Thoreau</description>
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		<title>Digitale Bohème wird Proletariat?</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 15:33:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist mal wieder soweit. Das Heer der mehr oder weniger freien Arbeiterbienen, die in und um das Netz ihr Geld verdienen, erfährt eine neue Attribution. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a target="_blank" href="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2010/07/schiffbruch.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2595" title="schiffbruch" src="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2010/07/schiffbruch.jpg" alt="" width="352" height="336" /></a>Es ist mal wieder soweit (<a href="http://carta.info/30488/die-industrielle-revolution-teil-2-das-digitale-fliessband/" rel="nofollow" >carta.info</a>).  Das Heer der mehr oder weniger freien Arbeiterbienen, die in und um das  Netz ihr Geld verdienen, erfährt eine neue Attribution. Jetzt werden  sie durch crowdsourcing-Firmen wie <a target="_blank" href="http://www.clickworker.com/" rel="nofollow" >clickworker.com</a> oder <a target="_blank" href="http://www.demandmedia.com/" rel="nofollow" >Demand Media</a> zu  Fließbandarbeitern gestempelt. Und weil heutzutage die Substanz aller  Analogien in wikipedia haust, nimmt man von dort auch gleich noch Fords  Fließband als Urahn des scientific management in Gewahrsam. Denn bei  beiden Anbietern erstellt das fleißige Volk der Texter und Designer  Abertausende an Gebrauchstexten, Artikeln, Übersetzungen und  Ratgeberbeiträgen.</p>
<p>Das mag aus der Sicht von jemandem, der seine Auftraggeber bei den  finanzstarken, parteiunterwanderten öffentlich-rechtlichen Zwangsmedien  weiß, ein legitimes Herabschauen auf die Niederungen mediokrer  Geschäftsmodelle sein. Zu recht wird auf diese Weise die digitale bohème  auf den rechten Platz auf der Hühnerleiter der Arbeitsbienen verwiesen.  Aber ist es inhaltlich in irgendeiner Weise eine neuartige Erkenntnis?  Der Taylorismus als Extremform der entfremdeten Arbeit ist ja nicht  dadurch besonders hervorzuheben, dass ihm Leute freiwillig anheim  fallen. Die engen Vorgaben in Zeit und Umfang sind hier weniger  charakteristisch – eigentlich sogar eher abwesend, “one best way” ist  daher eher zu negieren. Das Zerlegen eines Prozesses in extrem  fragmentierte Einzelschritte passiert gerade nicht, weil möglichst viele  Schritte direkt in die Verantwortung der freiberuflich arbeitenden  Arbeitsbiene verlegt werden. Und zuguterletzt: Die demokratiefeindliche  Art der Vereinzelung der Arbeiter haben diese sich selbst ausgesucht und  bevorzugen offenbar das anonyme Arbeitsumfeld im Web. Und die  Disponibilität der einzelnen Arbeitskräfte ist eher deren freiem Willen  als dem digitalen Fließband geschuldet…</p>
<p>Möchte man also auf solche prekären Arbeitsverhältnisse aus der  Premium-Sicht eines Auftragnehmers monopolistischer Content-Anbieter  herabsehen, dann würde sich die Perspektive eines konstruktiven Blicks  in  die Zukunft anbieten. Das Gegenteil ist der Fall: Allein die  Tatsache, dass Endert uns die Interpretation anbietet, dass eine zweite  stählerne Zeit heraufdämmert, in der nicht Stahl sondern Contentbarone  ihre Villa Hügel errichten, könnte schon sehr viel früher ihren Anfang  genommen haben. Genau genommen beschreibt Endert damit eigentlich eine  Content-Produktion, die mit dem Web im Untergehen begriffen sein könnte  und deren Blütezeit mit Namen wie Mohn, Burda und Springer beschrieben  wäre. Dass sich nun die oben benannten Anbieter anschicken, diesem alten  Content-Adel Tausende entlassener Contentbienen quasi artikelweise zu  vermieten, erinnert auch eher an die Dämmerung der Leiharbeitsfirmen und  weniger an den alten Ford, der seinen Fließbandarbeitern damals  ungeheuer hohe Löhne zahlte.</p>
<p>Es könnte einem so vorkommen, als wenn die neue Arbeiterschaft  einfach aller sozialer Errungenschaften beraubt sei und dies auch noch  als Freiheit empfände. Die demokratische Potenz des Netzes könnte sich  also gar nicht entfalten, weil allein die Abwesenheit der Stechuhr und  der Besitz an den Produktionsmaschinen die digitale bohème dazu  verleitet, einer Simulation von Selbstbestimmung zu erliegen, die durch  freie Meinungsäußerung ein derart dröhnende Kakophonie inflationiert,  dass die Nachfrager sich wieder dem überschaubaren Angebot der wenigen  Contentbarone zuwenden.<br />
Warum nun aber immer noch alle glauben, dass  das Kapital keiner normativen Setzung unterliegen soll, bleibt genauso  unklar wie eine noch immer ausbleibende Begründung des ökonomistischen  Weltbildes. Es scheint, dass die Grundlage des Gehorsams naturrechtlich  anerkannt wird, als wäre das Kapital und seine torkelnde Willkür einfach  eine Art Naturgewalt. Dieser zivilisatorische Offenbarungseid ist aber  mitnichten den Textern und freien Journalisten anzulasten. Es ist ein  Schiffbruch der gesamten Sozial- und Geisteswissenschaft des  Webzeitalters.</p>
<p>Bildnachweis: <a target="_blank" href="http://www.morguefile.com/creative/western4uk" rel="nofollow" >western4uk</a></p>
<p>Crosspost von netzpiloten.de</p>
<p><a target="_blank" href="http://www.morguefile.com/creative/western4uk"><br />
</a></p>
 
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		<title>Was uns wirklich krank macht</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Jun 2010 12:24:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Netz]]></category>
		<category><![CDATA[Die Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist mal wieder soweit. Die Mahner treten gegen die Wünscher an. Fast wäre ich vor Ermüdung eingeschlafen als ich in der FAZ  (wo sonst?) den kritischen Artikel vom eigentlich geschätzten Geert Lovink zum Thema Zeit und Informationsüberflutung via Web las...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a target="_blank" href="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2010/06/fluss1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2589" title="fluss1" src="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2010/06/fluss1.jpg" alt="" width="250" height="167" /></a>Es ist mal wieder soweit. Die Mahner treten gegen die Wünscher an.  Fast wäre ich vor Ermüdung eingeschlafen als ich in der <a href="http://www.faz.net/s/RubCEB3712D41B64C3094E31BDC1446D18E/Doc%7EEC79B7C9C1AD7422C9E37964D1F51D4BA%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html" rel="nofollow" >FAZ</a> (wo sonst?) den kritischen Artikel vom eigentlich geschätzten Geert  Lovink zum Thema Zeit und Informationsüberflutung via Web las. Da ist  die Rede von einem externen Zwang zu Echtzeitplattformen wie twitter und  facebook. Da ist auch die Rede von all den Informationen, die zwar  nicht das Hirn, aber unsere Zeit vermanschen. Auf die andere Seite der  Wünscher haben sich Leute wie Clay Shirky und Jeff Jarvis gestellt und  werfen mit ihrer Zuversicht und Hoffnung um sich, dass es nur so  Feenstaub regnet…<br />
Das Thema Informationsüberflutung ist nirgendwo besser studierbar als  bei diesen beiden Gruppen der Ewiggestrigen. Sie haben so viele Bücher  gelesen, Studien verfasst und Studentenarbeiten korrigiert, dass ihnen  vor lauter kleinsten Differenzierungen Ablagerungen im persönlichen  Wissenshorizont passiert sind. Mentale Plaque, an der die immer gleichen  Ideen hängen bleiben: Man nimmt nur das als Information, was das  eigenen Weltbild stützt.<br />
Man kann sich den persönlichen Wissenshorizont wie ein Flussbett  vorstellen. Der Strom der Informationen und Daten knabbert anfangs an  den Ufern, wenn aber erstmal große Überschwemmungen Auen geschaffen  haben, dann ist das gesamte Flußbett auf ein überschaubares Gebiet  beschränkt, weil die Geschwindigkeit herabgesetzt ist durch die Kurven  des Mäanderns. Mit Glück wächst dann das Wissen in der Breite.</p>
<p>Leider befleißigt sich bisher keiner fluidmechanischer Betrachtungen.  Denn in der tiefen Mitte fließt der Fluß am schnellsten. Das erklärt  auch, warum aus den bekannten Mündern nur noch bekannte Ansichten  wiedergekäut werden.</p>
<p>In der Folge kann man behaupten, dass Expertise darin besteht, dass  Experten nur wenig Informationen aus einem Schwall an Daten benötigen,  um ihre kristallisierten Meinungen bestätigt zu sehen. Sie sind daher  sehr schnell im Einordnen, aber sie sind auch die Sklaven ihres  impliziten Wissens. Denn der Experten-Hintergrund ist ein sehr tiefes  Flußbett, dass das Vorbeirauschen der Inhalte extrem beschleunigt.</p>
<p>Informationsverarbeitung ist im Gehirn bisher noch nicht  postmechanistisch beschrieben worden. Die Ideen Zuses werden zunehmend  von den Netz- und Intelligenzexperten auf Information und die Entstehung  von Wissen angewandt. Aber es gibt keinerlei Anlass zu glauben, dass  Wissen dadurch entsteht, dass Daten mit anderen Daten solange kalkuliert  werden, bis Wahrscheinlichkeiten als Metadaten entstehen und damit  quasi als Emergenzphänomen neue Zusatzinformation aus dem Nichts  auftaucht. Allein der Gedanke, dass das Gehirn Informationen verarbeitet  kann sich ja nur auf Sinnesdaten beziehen. Und spielt es keine Rolle,  ob die im Fernseher, an der Straße oder auf der Kirmes einströmen. Das  Problem könnte sein, dass Information nicht mehr als reines  Außenweltsignal sondern nur noch als codifizierte Sprache oder  gestaltete Filme oder Fotos auf uns einströmen. Dies sind dann  vermittelte Reize, die nicht unmittelbar der Außenwelt sondern der  Innenwelt anderer Menschen entspringen. Das in der Tat ist ein Problem,  dass wird nur noch Gedanken und ästhetische Gestaltung als Reize  aufnehmen. Da wird die Kultur zur Monokultur. Da hilft einfach ein  Spaziergang im Wald. Aber da sind wir schon wieder bei dem  grundsätzlichen Problem, das nicht erst seit dem Web entstanden ist. Die  städtische Kultur nimmt sich besonders wichtig, weil sie enorm mit  Bedeutung aufgeladen ist. Das Netz transportiert diese sensuelle  Deprivation, die mit ästhetischer Überreizung einher geht in alle Ecken  der Welt. Aber daran ist nicht das Netz schuld sondern die Gläubigen der  Religion der Information. Dass diese Religion eine Sekte ist, steht  außer Frage. Ob wir deren goldenem Kalb huldigen, bleibt jedem selbst  überlassen.</p>
<p>Lovink jedenfalls verharrt mit dem italienischen Netzintellektuellen  Franco Berardi weiterhin bei den Grabenkämpfen. In diesem Fall gegen die  marktliberalen Kräfte, wenn er den Italiener in der FAZ folgerndermaßen  zitiert: “Im Marktwettbewerb müssen wir stets die Ersten und Besten  sein. Was wirklich krank macht, ist nicht die Informationsüberflutung,  sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen  Arbeitsbedingungen.“ Das ist nett gegenüber den Bedeutungsvermanschungen  die Schirrmacher mit seiner Hirnvermanschung in die Welt tragen will.  Aber es verstellt noch immer den Blick auf den Kern: unseren Umgang mit  den mentalen Absonderungen der Mitmenschen. Es ist nämlich keineswegs  so, dass man gezwungen ist jede Meinungsäußerung oder jedes Angebot zur  Kommunikation einzuordnen. Es sei denn, man hat Angst etwas zu  verpassen. Das allerdings ist eine längst bekannte behandelbare  pathologische Eigenschaft des modernen Menschen. Einige Intellektuelle  haben sie längst mit Lyotards Buch über das Postmoderne Wissen von 1979  behandelt: Man bewertet Wissen und seine Vorstufen einfach nicht mehr  als Ware. Das könnten endlich auch mal andere probieren. Es hilft sehr  gut gegen Zwangserkrankungen und Phobien. Und man kann getrost den  Zeitgeist seine Bahnen kreisen lassen, ab und zu kommt er wieder mal  vorbei und man kann ihm zuwinken.</p>
<p>Bildnachweis: <a target="_blank" href="http://www.morguefile.com/creative/FlyingPete" rel="nofollow" >FlyingPete</a></p>
<p>Crossposting von netzpiloten.de</p>
 
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		<title>Hallo Leute, es ist Trendtag</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Jun 2010 19:59:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[… alle machen blau von Flensburg bis nach Oberammergau. Was muss mein entzündetes Bedeutungszentrum da erblicken? Einen Blogbeitrag des Trendtags  mit einem Interview mit Prof. Norbert Bolz, dem Robin Hood der schnell geschossenen Sätze. Er gibt von den Bedeutungsreichen und schenkt sich dem Bedeutungsarmen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/5/5b/WyattEarp.jpg" alt="" width="188" height="265" />… alle machen blau von Flensburg bis nach Oberammergau. Was muss mein  entzündetes Bedeutungszentrum da erblicken? Einen Blogbeitrag des <a target="_blank" href="http://www.trendtag.de/blog/prof-norbert-bolz-es-geht-um-spass-an-der-komplexitat/" rel="nofollow" >Trendtags</a> mit einem Interview mit Prof. Norbert Bolz, dem Robin Hood der schnell  geschossenen Sätze. Er gibt von den Bedeutungsreichen und schenkt sich  dem Bedeutungsarmen.</p>
<p>Denn der Trendtag hat auch Stowe Boyd und all die Knowledge Flow  Experten gehört und gelesen und stellt in totaler Unkenntnis des  Konzepts die beiden sich aussschließenden Begriffe “Flow” und “Control”  gemeinsam in den aktuellen Slogan. Warum? Das erklärt eben jener  Professor des <em>Wyatt Earp</em>-Denkens mit rauchenden Colts:</p>
<blockquote><p>“Das Grundproblem ist, dass in der modernen Welt  Stabilität nicht mehr durch feste Strukturen erreicht werden kann,  sondern nur in dynamischen Formen.”</p></blockquote>
<p>Ähm. Lieber junggebliebener Dozent, ein kleiner Blick in das  umstrittene Online-Lexikon Wikipedia hätte Schlimmeres verhindert: <em>Stabilität  ist die Fähigkeit eines Systems, nach einer Störung wieder in den  Ausgangszustand zurückzukehren</em>. Per definitionem ist Stabilität  also nichts Festes – und eine Form schon mal gar nicht sondern ein  Zustand. Aber der begeisterte Selbstdenker macht offenbar keine so  großen Unterschiede zwischen Form und Zustand.</p>
<blockquote><p>Der „Flow“, der Fluss, wird zum Normalzustand. Es gibt  nur noch dynamische Stabilität.</p></blockquote>
<p>Was – wir oben gesehen haben  – ein weißer Schimmel, ein junges Baby,  ein stinkender Munsterkäse ist – eine Tautologie.</p>
<blockquote><p>Wir müssen lernen, mit einem nie abreißenden Strom von  Informationen und Optionen umzugehen.</p></blockquote>
<p>Soll ich das jetzt so verstehen, dass man seit dem Internet nicht  mehr seine Ohren zuklappen kann und auch nicht mehr die Augen schließen  und den Mund halten, wie es unsere Vorfahren – die drei Affen – noch  konnten? Wenn es so ist, dann haben ja alle Kinder, die ihre Kindheit  vor der elektrischen Oma verbracht haben in der Tat einen Vorteil. Aber  dann sind schon die Baby Boomers “Informational Natives”, oder nicht?  Oder ist das wilde Herumzappen im Fernseher kein “nie abreißender Strom  an Information”? Halt. Ich meine mich zu erinnern, dass es auch dort  einen magischen Knopf gibt, auf dem außerirdische Kulturen Symbole wie  I/O oder auch ON/OFF hinterlassen haben.</p>
<blockquote><p>Das gilt bei genauerer Betrachtung genauso für Geldflüsse  wie für die Karrieren der einzelnen Menschen oder für die  Zusammensetzung unserer Lebensgeschichten. All das entfernt sich immer  weiter von selbstverständlichen, festen Strukturen.</p></blockquote>
<p>Da hat der hoch intelligente Professor aber mal messerscharf  analysiert. Früher, als die Fugger und der Papst praktisch die einzigen  waren, die Gelder austauschten, da waren die Flüsse noch sowas von fest.  Und heutzutage fliessen die Mitarbeiter hin und her wie die Wellen am  Strand. Genau das haben Hagel und Boyd mit information und knowledge  flow gemeint… Eine Karriere ist das Herumfliessen der Menschen von einem  Ort zum anderen. Aha.</p>
<p>Und dann kommt der akademische Offenbarungseid. Denn das Flowkonzept  von Mihaly Csikszentmihalyi hat er offenbar nie gelesen oder nie  verstanden. Ja, in den Achtzigern war aber auch noch kein dynamischer  Fluß, weil das Internet noch ganz weit weg war. Das entschuldigt ihn.  Also, der Ungar beschrieb auf der Basis der Arbeiten von Kurt Hahn und  Maria Montessori einen Zustand des Tätigkeitsrauschs, der bei  Risikosportarten genau im mittleren Bereich zwischen Unter- und  Überforderung auftritt. Ältere Leserinnen werden diesen Zustand von  ihren Männern kennen, die an Modelleisenbahnen oder ihren Motorrädern  herumbasteln und für Kaffee, Kuchen oder gar Gespräche in keiner Weise  zugänglich sind. Die Pseudopsychologie spricht von einem Harmoniezustand  zwischen dem limbischen System und dem kortikalen System, zwei  organischen Strukturen im Gehirn, denen seit den 80er Jahren emotionale  bzw. verstandesmäßige Informationsverarbeitung zugeschrieben werden. Da  Harmonie aber keine physische Kategorie ist – außer vielleicht in der  Akustik (Schallwellen!) – kann man solche naturwissenschaftlichen  Entitäten wie Gehirnstrukturen nur unter Zuhilfenahme des esoterischen  Glaubens mit musikalischen Kategorien verbinden. Eigentlich ist Harmonie  eher ein ästhetischer Begriff. Diese Kategorie ist aber nicht anwendbar  auf physikalisch messbare Körper. Denn sie ist die Aneignung derselben  als mentale Repräsentation. Insgesamt ist Csikszentmihalyis Konzept  nicht unumstritten und wird in der trivialen Psychologie der Ratgeber-  und Selbstmanagementbücher oft anzufinden sein ohne besondere  wissenschaftliche Analyse oder Begründung. Schlimm sind dann solche  Verharmlosungen von Zwangserkrankungen, wie Bolz das Konzept hier  exemplarisch mißversteht:</p>
<blockquote><p>Das große Verdienst dieser psychologischen Arbeit ist, zu  zeigen, dass „im Fluss zu sein“ keine Bedrohung ist, sondern der  eigentliche Glückszustand. Als Beispiel könnte man den Workaholic  heranziehen, den man sich nicht als Süchtigen, sondern als glücklichen  Menschen vorstellen kann.[...] Ziel ist, Selbstverwirklichung nicht auf  den Feierabend zu verschieben, sondern dass praktisch die ganze Existenz  in einer solchen Fließbewegung erlebt wird.</p></blockquote>
<p>Was genau all dies mit Flow Control zu tun hat, erschließt sich kaum.  Ein Glück, dass der linksradikale Manuel Castels auch auf dem Trendtag  sprechen wird. Er hatte ja bereits vor 20 Jahren eigenwillige Thesen zum  Web und der Gesellschaft aufgestellt. Ob Herr Bolz das aber inhaltlich  erfassen kann, ist bezweifelbar. Denn auf die Frage, was einem Menschen  die Fähigkeit verleiht, Glück statt Überforderung zu erleben, antwortet  er, sagen wir mal, kreativ.</p>
<blockquote><p>Im Wesentlichen geht es um das Vermögen, mit Unvorhersehbarkeit umgehen  zu können. Man kann prinzipiell nicht voraussagen, wie sich die Dinge  oder das eigene berufliche Schicksal entwickeln. Aber eines ist auf alle  Fälle klar: Egal, was kommt, man muss reaktionsfähig sein. Sicherheit  entsteht nicht mehr von außen, sie muss von innen kommen – als eigene  Reaktionsfähigkeit oder Geis­tesgegenwart. Man könnte auch sagen, es  geht darum, Spaß an der Komplexität zu haben. Es gibt Leute, die Angst  vor der Komplexität haben. Sie wollen alles vereinfachen, sie leben nach  der Devise „Simplify your Life“. Und dann gibt es Menschen, die  Komplexität als Chance sehen, neugierig werden, ein Rätsel lösen wollen.  Das ist der große Mentalitätsunterschied</p></blockquote>
<p>Die Geistesgeschichte kennt diese Unvorhersehbarkeit als Kontingenz,  die in ihrer banalen Form als Zufall in die moderne Denkwelt Einzug  hielt. Aus logischer Sicht bezeichnet es eine Existenz, die weder wahr  noch falsch ist – sogar gar nicht sein könnte. Glück nun angesichts der  menschlichen Schicksalsergebenheit gegenüber den großen Bewegern wie  Gott, Zufall, Naturgesetze oder ähnlichem als reaktionsfähig zu  bezeichnen, rückt das Glück in eine verdächtige Nähe zum Adjektiv <em>lebendig</em>,  denn nur tote (feste?) Materie reagiert nicht auf zufällige Einflüsse  wie Regen, Donner, Liebe oder Beschimpfungen.</p>
<p>Und dann kommt das Wort, ohne das man heute praktisch gar keine  Meinung mehr formulieren kann. <strong>Komplexität</strong>. Bolz  bezeichnet den Spaß an diesem Amalgam aus Elementen und Strukturen als  innere Reaktionsfähigkeit. Und dann entwertet er diejenigen die  vielfältige Gebilde vereinfachen wollen, die aus ineinanderverwobenen  Einzelteilen bestehen, die fast undurchschaubar verheddert sind. Der  Begriff Komplexität ist zum Glück nicht Teil dieser  Vereinfachungstendenz. Ein Glück. Zumindest glaubt Bolz das. Aber wenn  man Komplexität als Rätsel auffasst, mag das stimmig sein. Das ganze  Leben ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten. Und wie man das in  der Prxis umsetzen könne, will der/die Interviewer/in wissen.</p>
<blockquote><p>Natürlich eine gewisse Ausbildung und Bildung. Dann ist  ein großes Maß an Sozialität, also eine Lust an der Geselligkeit,  notwendig. Man muss auch eine Art „Gadgetlover“ sein, also Spaß an den  Kommunikationstechnologien selbst haben. „To work the network“, am  Netzwerk selbst mitarbeiten – wenn man das gern macht und auch kann, hat  man alle Chancen, zu den glücklichen Workaholics zu gehören.</p></blockquote>
<p>Nee, ist klar. Wenn man ein Gadgetlover ist und das Netzwerk melken  kann, ähm werken, nein, also wenn man es arbeiten kann, dann klappt’s  auch mit dem Nachbarn. Genau, und dann wird man ein glücklicher  Zwangskranker, der seine stofflose Sucht ausleben kann, weil die  Gesellschaft – zumindest die Arbeitgeber solcher Charaktere – ihre Spaß  daran haben, wenn einer mit seiner Krankheit für den Profit Anderer  sorgt. Aha.</p>
<blockquote><p>Letztlich heißt das, zu einer Ich-AG zu werden, um ein  früheres Trendtagsthema zu zitieren.</p></blockquote>
<p>Also besser hätte ich das jetzt nicht zusammenfassen können.  Prekariat, dass sich selbst ausbeutet. Glückliche Workalholics. Das  nenne ich mal eine präzise ethische Durchleuchtung des marktliberalen  Menschenbilds. honi soit qui mal y pense.</p>
<p>Wer jetzt nicht weiß, was ich damit meine, dem erklärt Bolz das  haarklein im nächsten Absatz:</p>
<blockquote><p>In Deutschland ist das Sicherheitsdenken historisch sehr  stark verankert. Wir haben eine ungebrochene Tradition von Bismarcks  Sozialgesetzgebung bis zu Hartz IV. Deutschland ist das Land ohne  Revolution. Das bedeutet, dass die Deutschen für ihr „politisches  Wohlverhalten“ erwarten, dass der Staat als sorgender Vater für sie da  ist – egal, was im Leben geschieht. Dieser paternalistische Geist ist  sicher der größte Feind der Zukunftsfähigkeit, den es überhaupt gibt.</p></blockquote>
<p>Richtig. Darin sind sich alle einig, das Gutenbergs bewegliche  Lettern aber auch gar keine Revolution gegenüber der Macht des Vatikans  ausgelöst hat. Ach, Revolutionen könne nicht von einer technischen  Spielerei ausgehen. Oh. Scusi. Das hatte ich vergessen, dass  Revolutionen nur mit Blut und Pulverdampf funktionieren.</p>
<p>Genau, es war nicht die Rationalisierung durch Automatisierung und  Digitalisierung sowie das Verlagern der industriellen Produktion nach  Asien, was die Leute arbeitslos gemacht hat sondern deren Wunsch nach  Vater Staat, der alles bezahlt. Genau so war das! Und die Tatsache, dass  gut ausgebildete Absolventen Jahre lang als Praktikanten und in  Kurzanstellungen ihr Leben dahinfrissten und deshalb keine Familien  gründen oder Häuser bauen, das machen sie auch nur, damit sie von Zeit  zu Zeit auch mal ein bißchen Transferleistungen zwischen zwei Praktika  einstreichen können, weil doch die Eltern nur dann die Wohnungsmiete  übernehmen, wenn die Kinder von ihrem Praktikumsentgelt von 500 EUR  wenigstens das Essen und die Monatskarte selber zahlen mit einem Diplom  und vier Zusatzzertifikaten in der Tasche. Glückliche, arme Workaholics,  die sie sind. Und dann kommt eine Glorie auf Amerika mit seiner  Zweiklassenausbildung, seiner Zweiklassenberufswelt und seinen  Zweiklassenstädten. Dort vermutet Bolz trotz starker kreationistischer  Welterklärungen die alten transatlantischen Tugenden der  ähm…Atlantikbrücke:</p>
<blockquote><p>Die Amerikaner leben eine Vorstellung von  Selbstverwirklichung, die individualistisch und mit der Eroberung des  Neuen verknüpft ist. Dazu kommt ein unzerstörbarer Optimismus in die  technische Verbesserbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite stehen die  Fehlerfreundlichkeit der amerikanischen Kultur und der Glaube, dass  Irrtümer zur Evolution dazu gehören.</p></blockquote>
<p>Und dann kommt der Nachweis, dass das Mittelmaß zwischen Unter- und  Überforderung des ursprünglichen Flow-Konzepts völlig über Bord gegangen  ist in einem großen Fanal des glücklichen Irren, ähm…falsch, es muss ja  jetzt heißen des völlig enthemmten Workaholics:</p>
<blockquote><p>[...] Was versteht man unter Exzellenz? Ich würde dem  Begriff der Exzellenz nicht Perfektion oder Optimierung zuordnen. „Flow“  heißt, dass Geschwindigkeit oft wichtiger ist als Qualität. In einer  modernen Gesellschaft ist die Orientierung an dem, was gut genug ist,  rationaler als die Orientierung am Perfekten. Und zwar, weil nur dann  die erforderlichen Geschwindigkeiten erreicht werden können und damit  die Rechtzeitigkeit von Innovationen, Ideen und Handlungen. Insofern  bedeutet das für mich in keinster Weise einen Widerspruch, sondern ganz  im Gegenteil: Exzellenz besteht gerade darin, zu sehen, was nötig ist.</p></blockquote>
<p>Amen.</p>
<p>Crosspost von netzpiloten.de</p>
 
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		<title>Clay Shirky: Does the internet make us smarter?</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jun 2010 18:47:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Clay Shirky, der berühmte Redner zum Thema Social Web, hat sich einen Werbeartikel zu seinem neuen Buch geschrieben – und zwar im Wall Street Journal. Offenbar spricht er jetzt nicht mehr zur Gemeinde sondern zu seinen zukünftigen Beraterkunden. Das könnte erklären, warum der Artikel so seltsam platt und unausgegoren daherkommt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a target="_blank" href="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2009/03/clay-shirky.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-999" title="clay-shirky" src="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2009/03/clay-shirky.jpg" alt="" width="129" height="129" /></a>Clay Shirky, der berühmte Redner zum Thema Social Web, hat sich einen  Werbeartikel zu seinem neuen Buch geschrieben – und zwar im <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704025304575284973472694334.html" rel="nofollow" >Wall  Street Journal</a>. Offenbar spricht er jetzt nicht mehr zur Gemeinde  sondern zu seinen zukünftigen Beraterkunden. Das könnte erklären, warum  der Artikel so seltsam platt und unausgegoren daherkommt.</p>
<p>Einmal mehr wird die Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg  zum Brandbeschleuniger der Emanzipation der Gesellschaft erklärt. Ohne  den  Buchdruck, so Shirky, wäre der Siegeszug der Reformation kaum so  verlaufen. Das intellektuelle Leben Europas wurde durch die Flut an  Publikationen in tausend Teile zerlegt und Chaos sei die Folge gewesen.  Aus Shirkys Sicht ist das, was folgte, nämlich unsere neue Ordnung des  Geschriebenen in fiktionale und nicht-fiktionale Druckwerke einfach eine  neue Normierung, die das intellektuelle Leben befruchtete und nicht  hemmte. In einem Analogieschluß sieht er auch das Web als so eine  technisch inspirierte Revolution, die durch Wikipedia, ushahidi und  andere Web-Projekte unser intellektuelles Leben auf eine neue Stufe  hebe.</p>
<p>Da kommen mir doch erste Zweifel. Eine derart geringe mentale  Differenzierungsleistung hatte ich Shirky gar nicht zugetraut. Ushahidi  (swahili für Zeugenaussage) ist eine Web Plattform, die 2008 in Kenya  während der Unruhen nach den Wahlen benutzt wurde, um in Echtzeit und  mittels web oder  Handy direkt auf einer Karte auf dieser Website  anzuzeigen, wo gerade Gewaltverbrechen stattfinden. Der Ursprung liegt  im Kenianischen Bürgerjournalismus. 45.000 Menschen machten damals  Gebrauch von diesem Mittel, um dem eigenen Land, Journalisten und den  Politikern den aktuellen Stand darüber zu zeigen, in welchen Regionen  was passierte – direktes, soziales Feedback der Bürger in Echtzeit!  Schutz und Kontrolle von und durch Menschen von nebenan.</p>
<p>Wikipedia ist ein sehr kleiner Zirkel von arrivierten Freiwilligen, die  in jedem Sprachgebiet hoheitlich darüber wachen, was zu einem bestimmten  Begriff im Online-Lexikon steht. Diese Texte sind sehr weit von einer  Echtzeit-Dokumentation der Diskussionen über ihren Inhalt entfernt.  Nicht selten werden die Modernisierungen und Korrekturen, die Fachleute  durchführen wollen, durch die “Alten Hasen” wieder zurückgenommen. Sie  rekrutieren sich nicht selten aus akademischem Personal. In Deutschland  funktioniert das akademische Leben aber noch immer sehr stark nach dem  Prinzip Gehorsam. Das heißt, dass in nicht wenigen Fachbereichen  diejenigen zügig einen Doktorvater bekommen, die sich seinen/Ihren  Wünschen besonders gut anpassen. Das führt nicht selten dazu, dass die  wirklich guten und klugen Köpfe ihre postgradualen Abschlüsse im Ausland  oder an fremden Unis erwerben müssen – oder es einfach aufgeben. Diese  Hierarchiestruktur aus dem 19. Jahrhundert hat sich auch zum großen Teil  bei der Wikipedia etabliert. Bürgerjournalismus, bzw. in diesem Fall  Bürgerexpertise findet also mitnichten in einer vergleichbaren Weise  statt wie bei ushahidi. Auch wenn man die amerikanische Wikipedia etwas  anders sehen muss hinsichtlich der Offenheit der Strukturen.</p>
<p>Der wesentlichw Punkt ist jedoch, dass man keine neue Art von  intellektuellem Leben durch das Web postulieren kann, ohne die  Normierungsphase (fiktionales und nicht fiktionales Schreiben)  abzuwarten, die vom Web ausgeht, wenn der Vergleich zwischen  Gutenberggalaxis und Webgalaxis überhaupt bestand haben soll.</p>
<p>Der Hinweis von Shirky, dass Peer Review (also das Begutachten von  wissenschaftlichen Arbeiten im Kreis der weltweiten wissenschaftlichen  Gemeinde) die Qualität oder Verlässlichkeit der wissenschaftlichen  Revolution via Web regelt, hinkt. Man braucht dieses Argument gar nicht  per Wikipedia zu verlängern. Denn schon im postmodernen Methodenkanon  der Wissenschaftstheorie klappt dieses Postulat als  Verbesserungsmechanismus nur allzu selten. Denn es wird enorm viel  publiziert. Und diejenigen, die wirklich Erfahrung, Expertise und  akademische Renommee (also die Mittel haben) um Zweifel zu überprüfen,  müssen ihrerseits sehr viel Zeit aufwenden, um selber viel Neues zu  publizieren. Zeitmangel und Oberflächlichkeit sind die Folge. Die Flut  der Wissensausflüsse in Wissenschaftsmagazinen hat es schon vor dem Web  gegeben. Und auch die Ohnmacht vieler Fachbereiche, all die Arbeiten  wirklich ausreichend mit Experimenten oder anderen Prüfverfahren auf  Herz und Nieren zu validieren. Da hat das Einbeziehen Freiwilliger bei  Wikipedia in keiner Weise eine neue Qualität entfacht, die auf das  intellektuelle Leben neuartig normierend zurückwirkt. Lediglich der Ton  der “internen” Diskussionen wird bei Wikipedia nicht selten unsachlich,  persönlich und prädemokratisch geführt. Es liegt also eher eine  Regression als eine Weiterentwicklung vor.</p>
<p>Auch der Hinweis auf open source, die ohne Managerkontrolle sozusagen  einfach so aus einer Gemeinschaft Freiwilliger emergiert, läßt den  Hinweis zu, dass Shirky entweder wirklich glaubt was er schreibt oder  eine Mission hat, die er nicht verrät. Gerade die bekannten Open Source  Projekte sind deshalb noch immer erfolgreich, weil sehr wenige Köpfe  entscheiden und kontrollieren, was wie realisiert und integriert wird.  Stellvertretend möge sich der geneigte Leser die Entwicklung von Linux  genauer ansehen. Die Abwesenheit von “managerial control” wie sie Shirky  beschreibt ist dort mitnichten erkennbar sondern – im Gegenteil – ist  der Fokus auf wenige Entscheider eher der Grund für den lang anhaltenden  Erfolg.</p>
<p>Das Problem der Zerstreuung des intellektuellen Fokus, dass schon  Schirrmacher wie eine Monstranz vor sich hertrug, bewertet Shirky als  eien historische Konstante, die auch schon den Buchdruck begleitet  hatte, als er schreibt, dass es bereits 100 Jahre vor den ersten  wissenschaftlichen Magazinen erotische Literatur gab. Ich würde da zwar  eher an anthropologische Konstanten denken oder an Maslows  Bedürfnispyramide, aber Schwamm drüber. Shirky meint, dass die Antwort  auf die mentale Zerstreuung durch die vielen Informationsquellen in  sozialen Strukturen läge. Schirrmachers Ängste würden unterstellen, dass  in der Vergangenheit alles perfekt gelaufen ist hinsichtlich des  Umgangs mit Wissen, dass wir aktuelle Leser nur dummen Quatsch vorfinden  und dass die aktuelle Generation keine neuen Normierungsvorgänge  realisiere.</p>
<p>Shirky erklärt, dass wir kurz vor dem Siegeszug des Web, also in den  Achtzigern des letzten Jahrhunderts deutlich weniger gelesen haben, weil  wir mehr vor der Glotze saßen, womit das erste Argument der  Webpessimisten widerlegt sei. Der gegenwärtige (verwerfliche) Fokus auf  Wegwerf-Medieninhalte hätte anders als sonst eben den Vorzug zum  Wegwerfen gemacht zu sein – man könne also sowohl in Buchläden wie auch  im Web verfolgen, dass der Mist, der überflüssig sei, sehr schnell  wieder verschwinde. Man müsse sich also nur auf das konzentrieren, was  bliebe. Der einzige Stress, dem wir ausgesetzt seien, sei der, dass wir  die Generationen seien, die erlebten, dass alte und neue Institutionen  parallel um unsere Aufmerksamkeit buhlten. Dieser Überfluß aber sei kein  Übel. Wir müssten einfach angesichts der neuen technischen  Möglichkeiten neue Institutionen und neue Fähigkeiten entwickeln wie wir  das schon einmal taten.</p>
<p>Ja, das haben wir eigentlich schon vor 10 Jahren ziemlich genauso  überall gelesen. Leider tun sich gerade diejenigen, die sehr  hoffnungsfroh und voller Zuversicht über die Chancen des Web sprechen,  sehr schwer damit, neuen Fähigkeiten und Institutionen klar zu benennen.  Shirky bleibt ein weiteres Mal im Nebel, den auch schon sein  Counterpart Nicholas Carr verbreitet. Einfach ein paar Projekte  aufzuzählen und in eine Argumentationkette einzubauen, erinnert stark an  das Schirrmachersche Indienstnehmen beliebiger Experimente, um seinen  Meinungen einen positivistischen und damit irgendwie faktischen Anstrich  zu verleihen. Aber Meinungen werden durch Fakten nicht zu begründeten  Annahmen oder gar Hypothesen. Sie müssen auch eine Fähigkeit haben,  Phänomene zu erklären. Diese Aufgabe eines Denkmodells fehlt noch immer –  sowohl bei den Adepten des Web wie bei den Bedenkenträgern. So  verbleibt der intellektuelle Diskurs zum Thema soziale Struktur Web in  einem Sammelsurium aus Kennst-Du-noch-nicht und darauf aufbauenden  Tastbewegungen der Selbstvergewisserung. Macht wenig Zuversicht.</p>
 
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		<title>Was soll nur aus unseren Denkern werden?</title>
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		<pubDate>Wed, 05 May 2010 13:23:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vorgestern gab es in der FAZ einen Text “Was soll nur aus unseren Gehirnen werden?”, der die Schirrmachersche These vom schädlichen Buchdruck, Radio, Fernsehen, Walkman, Internet bestätigen wollte. Ein Neurobiologe der TU Braunschweig namens Martin Korte sollte es richten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2010/05/brain.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2530" title="brain" src="http://www.digitalpublic.de/wp-content/uploads/2010/05/brain.jpg" alt="" width="250" height="244" /></a>Vorgestern gab es in der FAZ einen Text “Was soll nur aus unseren Gehirnen werden?”, der die Schirrmachersche These vom schädlichen <span style="text-decoration: line-through;">Buchdruck, Radio, Fernsehen, Walkman</span>, Internet bestätigen wollte. Ein Neurobiologe der TU Braunschweig namens Martin Korte sollte es richten. Wir erinnern uns: War die Leitwissenschaft in den Siebzigern die Physik, kam in den Achtzigern mit dem Siegeszug der Biologie auch die Psychologie zum Zuge. Sie wollte sich schnell eingliedern in die Reihe der harten Faktenwissenschaften, die aus dem Positivismus hervorgegangen sind. Doch in den Neunzigern wurde klar, dass keiner an der Mathematik und ihren Trivialformen wie Rechnungswesen oder Informatik vorbeikommen konnte. Die Psychologie wurde immer mehr zur Hilfswissenschaft der Neurowissenschaftler aus der Medizin und der Biologie und die Physik bekam grundlegende Probleme über ihren eigentlichen Untersuchungsgegenstand, der sich zunehmend aus der Welt des Messbaren entfernte. Umso angestrengter versuchte man in den Neurowissenschaften mithilfe bildgebender Verfahren das Loch der Messbarkeit von Intelligenz, Wissen oder Lernen durch physiologische Vorgänge in den Bereich des Faktischen als Beweismittel zu erheben. Die dort angewandten Deutungsmethoden der Bildchen bleiben intransparent. Korrelationen zwischen Gedankentätigkeiten und beobachtbaren Stoffwechselvorgängen werden über Nacht in den Stand der Kausalität erhoben.</p>
<p>Da verwundert es nicht, wenn so ein Deutungspriester uns das Neueste über das Monster “Multitasking” nahezubringen versucht. Er muss kognitive Dissonanzen (Unterschiede zwischen Überzeugung und Alltag) abbauen und das kann man am besten via Medien. Die Psychologisierung des Alltags erlebt fröhliche Urständ auf der Basis von Schädelbildern in Echtzeit. Begeben wir uns in die Text-Exegese:</p>
<blockquote><p>Zweifeln hilft beim Lernen, beim Philosophieren, und auch naturwissenschaftlicher Fortschritt wäre ohne ihn kaum denkbar. Darüber hinaus lässt uns diese Geistestätigkeit langsamer altern, da man Entscheidungen bewusster treffen muss, wenn man über den Zweifel den Autopiloten des Handelns und routinierten Denkens verlässt. Bedingt durch den Umstand, dass das Gehirn an seinen Aufgaben wächst und nicht etwa durch eine Schonhaltung gestärkt wird, ist Zweifeln kognitiv lohnend, eine Geistestätigkeit, die uns nicht verlorengehen sollte.</p></blockquote>
<p>Der erste Satz ist eine Verballhornung von Descartes&#8217; methodischem Zweifel. Der Satz über den Alterungsprozess ist in keiner Weise validierbar. Auf dieses Niveau gehe ich nicht weiter ein. Was routiniertes Denken und Autopilot des Handelns bedeuten mag, läßt sich schwer erahnen. Offenbar ist dem Autor Martin Korte bewußt, dass Routinen in der Verarbeitung von Reizen zu einem Verlust von Negentropie führt. Denn Ordnung der Gedanken entsteht durch Offenheit für das täglich Neue im Leben. Das kann jeder Meditationsforscher bestätigen. Routine im Denken ist im Gegenteil das Abprüfen auf bereits Gewußtes, wodurch sehr viel Differenz verloren geht.<br />
Jeder Gestaltheoretiker oder die triviale Form namens Systemtheorie wird das ebenfalls bestätigen. Der Autopilot des Handelns bezieht sich offenbar auf die Tatsache, dass die mentale Instanz in uns, die das Selbstmodell entwirft, mitnichten identisch ist mit der Person. Dieser Instanz jedoch mit Begriffen wie Autopilot eine Autonomie abzusprechen bzw. eine Fremdsteuerung zuzudichten, basiert auf einem Kategorienfehler in der Deutung der neuobiologischen Befunde. Nicht das Selbst oder das Subjekt ist das Zentrum eines Menschen, sondern die Instanz, die zum Zweck der Informationsverarbeitung ein konsistentes Modell des Selbts aufbaut.  Dies geschieht bereits im Mutterleib und in den ersten Stunden nach der Geburt anhand der Zuwendung bzw. Vermeidung der Mutter durch graduell abgestufte Stimulusintensitäten (T.C. Schneirla 1959). Das Gehirn wächst nicht an seinen Aufgaben. Es verbreitert die Basis der Informationsverarbeitung mit zunehmender Differenz der Stimuli. Aufgaben gibt es nicht auf der Hirnebene. Jeder aktuelle Zustand ist immer dann neu, wenn er neu bewertet wird, Das geschieht, wenn er den Brei des abgefilterten Hintergrunds aufgrund intentionaler Akte verläßt oder der Stimulus so intensiv ist, dass kein Element des Subjektmodells zur Relevanz beitragen muss, um “durchgelassen” zu werden.</p>
<blockquote><p>Schon allein unter diesem Gesichtspunkt scheint es gerechtfertigt, unsere Mediennutzung, insbesondere das Internetsurfen, genauer – das heißt: aus neurobiologischer und psychologischer Sicht – unter die Lupe zu nehmen. Ein Hirnforscher verfügt hierbei über eine Perspektive außerhalb der üblichen Diskussion zwischen hysterischer Technikphobie und den Überzeugungen der digital natives, die das Internet längst als Teil ihrer normalen Umwelt akzeptiert haben.</p></blockquote>
<p>Bisher erfolgte noch keine stringente Argumentation, warum das Zweifeln mit dem Surfen im Internet gemeinsam betrachtet, verglichen oder korreliert werden muss. Der Zweifel selbst als Untersuchungsgegenstand hat noch keine Veranlassung erfahren, als Referenz hätte er wenigstens in seinem intensionalen und extensionalen Gehalt erklärt werden müssen. Die von Schirrmacher initialisierte Diskussion um den Schaden durch das Internet bewegt sich also zwischen hysterischer Phobie und grauem Alltag. Aha. Ein Glück, dass hier neutral und objektiv argumentiert wird.</p>
<blockquote><p>Was macht das Internet mit unserem Gehirn? Wie bei allen menschlichen Tätigkeiten, die wir intensiv betreiben, verändert sich bei jeder Benutzung das Gehirn, manchmal sogar dauerhaft und oft länger, als wir dies wahrnehmen. Selbst wenn wir eingeübte Tätigkeiten lange nicht mehr ausgeführt haben, behält das Hirn eine strukturelle Erinnerung an diese Aktivitäten. Aber möglicherweise verändert die Internetnutzung weit mehr als nur unsere Gedächtnisspeicher. Das jedenfalls legen Experimente des Neurowissenschaftlers Gary Small von der University of California in Los Angeles nahe. Seine Ausgangsfrage war simpel: Gibt es sichtbare Unterschiede in der Gehirntätigkeit von internetunerfahrenen Probanden gegenüber den Aktivierungsmustern erfahrener Websurfer?</p>
<p>Das war in der Tat der Fall, vor allem in bestimmten Stirnlappengebieten der Großhirnrinde. Aber das war gar nicht der Clou des Experimentes: Small und seine Mitarbeiter ließen die Novizen für lediglich fünf Tage das Internet nach einem vorgegebenen Arbeitsplan benutzen. Diese kurze Zeit reicht offensichtlich aus, um die Aktivitätsmuster von Anfängern den Aktivitätsmustern erfahrener Nutzer anzugleichen. Das Hirngebiet, welches hier Anpassungsprozesse zeigt, trägt den Namen dorso-lateraler präfrontaler Cortex – es liegt im hinteren seitlichen Teil des vorderen Bereichs des Stirnlappens.</p>
<p>Wichtiger noch als seine Lage sind dessen Funktionen: Es wird in Verbindung gebracht mit strategischem Denken, logischen Analysen und dem Treffen von Entscheidungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine der Kommandozentralen des menschlichen Gehirns.</p></blockquote>
<p>Der erste Satz deutet daraufhin, dass das Internet wie auch das Gehirn ein überschaubares und homogenes Geschehen darstellt. Beides ist in keiner Weise belegbar. Zumal es zu beidem keine für uns zugängliche Außenperspektive gibt. Das Denken kann nicht gedacht werden. Genausowenig wie man das Hören hören kann. Solche Versuche begehen einen grundlegenden formalen logischen Fehler: Sie wollen das zu Beweisende mit sich selbst begründen.</p>
<p>Das Web ist ein virtueller Raum. Virtualität ist das Gegenteil von physisch und  nicht das Gegenteil von real. Physische Entitäten wie Raum, Zeit, Ausdehnung oder Energie greifen hier gar nicht als beschreibende Elemente. Wir benutzen das Gehirn nicht. Es entwirft eine Person, ein Subjekt, damit die Koordination mit der Umwelt konsistent ablaufen kann. Man müsste also folgerichtig sagen, dass das Hirn uns benutzt. Der Begriff der strukturellen Erinnerung ist ein Fehlgriff, der dies plastisch darstellt. Entweder erinnert man sich als Teil des aktuellen Geschehens aktiv an etwas oder außerhalb des Selbstmodells erscheint ein Reiz, der eine Erinnerung auslöst. In beiden Fällen ist der aktuelle Vorgang Auslöser der Erinnerung. Die Struktur als Modell für Zusammenhang liegt außerhalb von uns. Denn das Selbstmodell hat weder aktiven Zugriff auf die uns zufällig gegebene Kontingenz noch ist es in der Lage, Erinnerungsinhalte zu filtern und so nur Bestimmtes regenerieren. Die neuronalen Korrelate sind aktuell mitnichten kausal begründbar. Und die Frage, ob es sichtbare Unterschiede gibt, deutet wieder auf das alte Dilemma. Da man nichts empirisch nachweisen kann, müssen die physikalischen, bildgebenden Apparate herhalten, die allerdings in einer post-mechanistischen Erklärwelt deutlich bedeutungsloser wirken als die Erklärung, dass seit den verschiedenen Konstruktivismen der letzten Jahrzehnte solche Fragestellungen allein daran scheitern, dass jedes Selbst eine eigene Realität, eine eigene Wirkwelt zu jedem gegebenen Moment mit erschafft.<br />
Es gibt demzufolge gar keine reine Information ohne subjektives Genese, die wir zu einem abstrakten kategorischen Bewertungsmuster verarbeiten könnten. Dies schafft eben nur die formale Welt der Mathematik, die hält aber in den Neurowissenschaften auch keinen begründeten Einzug, wenn man Farbmuster vergleicht. Das heißt in der Folge, um allgemeinverbindliche Aussagen über die Internetnutzung zu erhalten, müsste man handfeste organische Defekte des Gehirns mit dem Web korrelieren, um Aussagen auf organischer Basis zu tätigen. Alles andere ist schlicht das Deuten von Bildern. Das war zwar als Rorschach-Test ganz aufschlußreich. Aber aus Sicht der community of scientists ist das Publizieren solcher Deutungen sehr individuelle und hält keiner Wiederholung stand. Wir halten also fest. Das Gehirn ist plastisch und passt sich den Gegebenheit der Präsentation von Reizen an. Dazu brauchte man aber kein Internet. Man hätte dies einfach mit verschieden aufgebauten Lerninhalten per Video, Radio mit struktriertem Lernen und Egenrecherche auf der anderen Seite erreichen können. Das Setting hat in diesem Fall keine Aussagekraft außer der bekannten Weisheit, dass das Hirn sich eben gut anpassen kann. P.S. Das ganze Gehirn ist eine Kommandozentrale. Die verschiedensten Areale können verschiedene Funktionen übernehmen. Was die Durchblutung bestimmter Hirnareale über den Einfluß des Web auf den Mensch aussagen soll bleibt nebulös.</p>
<blockquote><p>Welche Schlüsse kann man aus dem Experiment ziehen? Einerseits ist es erschreckend, wie schnell sich das Gehirn durch neue Tätigkeiten verändern lässt, auf der anderen Seite aber auch beruhigend, denn es zeigt, wie formbar und flexibel dieses vornehme Organ in unserem Kopf ist. Man könnte nun einwenden, dass das Ergebnis trivial ist: Natürlich ändern sich im Gehirn Verarbeitungswege und Aktivitätsmuster, wenn wir etwas lernen und dieses Gelernte abspeichern – wo sollte das Gelernte sonst abgespeichert werden? Bemerkenswert aus meiner Sicht ist jedoch nicht, dass man Veränderungen feststellt, sondern wo sie stattfinden. Die durch den Internetkonsum beeinflussten Areale in der Hirnrinde bestimmen nämlich unsere Art und Weise, Probleme zu lösen, Emotionen zu kontrollieren oder zu erkennen, ebenso wie unsere Konzentration und die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und langfristige Ziele zu verfolgen.</p></blockquote>
<p>Die Bewertung, dass die enorme Plastizität des Gehirns erschreckend oder beruhigend sei, halte ich nicht für einen Schluß sondern eben für eine Deutung eines Sachverhalts unter einer gegebenen Erwartung. Man nennt dies auch Atrribution. Dadurch, dass verstärkte Durchblutung in den besagten Arealen auftritt ist in keiner Weise belegt, dass unsere Art und Weise der Problemlösung durch das Web bestimmt ist. Erhöhter Metabolismus ist in keiner Weise ein eindeutige Ursache für einen bestimmenden Effekt. Aktuell weiß man noch gar nicht, wie Informationsverarbeitung im Gehirn und Stoffwechseln zusammenhängen. Qualitative Aussagen der Kategorie “Dort im Areal ist mehr Stoffwechsel als hier, also ist das Areal bestimmend oder seine von uns zugeschrieben Aufgabe dominant” sind reine Spekulation und halten keiner wissenschafttheoretischen Prüfung stand. Solches Ummünzen von Korrelationen zu manifesten Kausalitäten ist der Religion näher als der Wissenschaft.</p>
<blockquote><p>Untersuchungen haben auch gezeigt, dass der Internetgebrauch unsere analytischen Fähigkeiten und unsere Leistung, mehrere Aufgaben praktisch gleichzeitig auszuführen – Multitasking – ebenso verbessert wie die Geschwindigkeit der Bildverarbeitung im Gehirn. Die schlechte Nachricht dabei ist aber, dass wir Menschen generell schlecht im Multitasking sind. Gemeint ist hier vor allem die Fähigkeit unseres Arbeitsgedächtnisses, parallel Probleme zu bearbeiten, eigene Gedankengänge zu protokollieren oder sich beispielsweise Gegenstände und Zwischensummen bei Kopfrechenaufgaben zu merken. Dieser Teil unserer Gedächtniswerkstatt hat erstaunlich geringe Kapazitäten.</p></blockquote>
<p>Leider werden wir nie erfahren, welche Untersuchungen auf welche Art durchgeführt wurden. Aber um es mal basaler auszudrücken. Der “Internetgebrauch” ist eine reichlich hilflose Beschreibung der Tatsache, dass wir mit einem PC lesen, Bilder und Filme ansehen und zuhören. Die Art und Weise, wie das Internet unsere Art des Lesens, des Sehens und des Zuhörens verändert, wäre in der Tat interessant. Denn  ich würde gerne wissen, wie in den Achtziger Jahren eine Hausfrau vor dem Fernseher bügelte, dabei die Kinder bei den Hausaufgaben beaufsichtigte und nebenbei dem muskulösen Nachbarn beim Rasenmähen zusah, ohne ernste Probleme im Arbeitsgedächtnis zu bekommen. Im Ernst: Wir beginnen gerade, die verschienden Arten der Gedächtnisse des Menschen zu erkunden. Wir sind noch lange nicht soweit, dass wir diese Arten mit direkten Tätigkeiten aktuell und in Echtzeit korrelieren können. Ich muss außerdem zugeben, dass ich nur Computer mit einem einzigen Monitor benutze. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es den Bankern ergeht, die auf vier oder fünf Monitore achten müssen und dabei noch Devisen, Aktien und ähnliches ein- und verkaufen. Aber ich vermute, dass das Gehirn dieser Leute schon vor dem Internet trefflich adaptiert war für diese Aufgaben.</p>
<p>Ich breche hier die Exegese ab, weil substanziell nichts wirklich Neues dazukommt, wer mag, kann das Pamphlet ja <a target="_blank" href="http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc%7EED6B19C9DFE0E424E8C7968156BD568FF%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html" rel="nofollow" title="Link zur FAZ"  target="_blank">hier</a> weiterlesen</p>
<p>Bildnachweis: <a target="_blank" href="http://www.flickr.com/photos/29487767@N02/" rel="nofollow" title="Link zu flickr"  target="_blank">alles-schlumpf</a></p>
<p>Crosspost von netzpiloten.de</p>
 
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