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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Wenn Journalisten über die Zwillingserde namens Web nachdenken

Quelle: http://morguefile.com/archive/browse/#/?author=jesus-is-lord

Der Schirrmacher von der FAZ hat einen Web-Ritterschlag bekommen – er wurde von Nicholas Carr geadelt(der mit der Cloud Computing Bibel namens Big Switch). Schirrmacher hatte ein längeres, englisches Interview bei edge.org gegeben. Jetzt, zwei Wochen später schreibt Carr einen hymnischen Beitrag über das Interview, dass ich vor einigen Tagen kopfschüttelnd nach ein paar Minuten ausgestellt hatte. Zeit, es doch nochmal genauer anzusehen bzw. das Transkript durchzulesen.

Es war wie immer. Ein Offenbarung in Dilettantismus. Da lesen diese Herren unter dem Einfluß von Google und Internet Bücher über das philosophische Leib-Seele-Problem, oder allgemeiner die Philosophie des Geistes und schon haben sie klare Vorstellungen und Problemfelder vor sich, die den Bereich Wissen und Digitalisierung umreissen. Aber gehen wir ins Detail:

The question I am asking myself [which] arose through work and through discussion with other people, and especially watching other people, watching them act and behave and talk, [is] how technology, the Internet and the modern systems, has now apparently changed human behavior, the way humans express themselves, and the way humans think in real life … And you encounter this not only in a theoretical way, but when you meet people, when suddenly people start forgetting things, when suddenly people depend on their gadgets, and other stuff, to remember certain things. This is the beginning, its just an experience. But if you think about it and you think about your own behavior, you suddenly realize that something fundamental is going on.”

Ja, in den alten Tagen, als die Menschen noch einzelne Zettel oder ihr TimeSystem unterm Arm hatten oder noch früher, als jeder schwere Steintafeln mit den täglichen Einkäufen herumtragen mussten. Da hatten die Menschen noch ganz andere Gedächtniskapazitäten als heute. Man wird regelrecht dumm durch all dieses Ersetzen von Papier durch Datenbanken und Textfiles. Das leuchtet ein? Ja, tut es das? Ist der Ersatz von Papier durch Monitore Ursache für anderes Denken oder eine Veränderung des Gehirns? Wo findet überhaupt denken statt? Im Gehirn, in Synapsen, auf molekularer Ebene oder auf elektrischer? Warum können die Physiker die grundsätzlichen Fragen nach Raum und zeit nicht abschließend erklären? Und wenn die Dimensionen Raum, Zeit und Energie abschließend erklärbar wären, könnten wir dann auch das Denken, das Gedächtnis oder das Wissen erklären?

Nun, eine besonders schlaue Schicht von Intellektuellen hält das jahrelange Patt der Physiker nicht mehr aus, bis die Stringtheorie oder gar quantenmechanische Erklärungen der gesamten Welt nachgereicht werden können. Sie stürzen sich – im Jahr des Darwinismus auf die andere Leitnaturwissenschaft. Die ist zwar noch stärker auf die Physik angewiesen, kann aber auch ohne deren basale Erkenntnisse hübsche Modelle produzieren. Allen voran eben die Evolution. Da sie als Schöpfungsmythos auch noch holitischen Ansprüchen genügt, kann man eben die nehmen, seit die lahmen Raumzeitquerelen die Hirnforschung und andere im tüchtigen Fortschritt der Moderne behindern.

Schirrmacher:

As we know, information is fed by attention, so we have not enough attention, not enough food for all this information. And, as we know — this is the old Darwinian thought, the moment when Darwin started reading Malthus — when you have a conflict between a population explosion and not enough food, then Darwinian selection starts. And Darwinian systems start to change situations. And so what interests me is that we are, because we have the Internet, now entering a phase where Darwinian structures, where Darwinian dynamics, Darwinian selection, apparently attacks ideas themselves: what to remember, what not to remember, which idea is stronger, which idea is weaker.

Das ungelöste Rätsel namens Information löst der FAZ-Mann elegant mit dem Satz, das sie durch Aufmerksamkeit genährt wird. Diese steile These mag für einen Zeitungsmann verständlich sein, entbehrt in dieser Verkürzung aber jeder gedanklichen Begründung – es sei denn, man erlaubt ein “wie wir alle wissen” als zulässige Begründung für den sehr schwierigen Begriff Information. Da es erst vor kurzem überhaupt zu dem Versuch gekommen ist, diesen Begriff interdisziplinär zu begründen, wäre die Annäherung der semiotischen Theorie und der Informationstheorie zu der intensionalen Bestimmung (Begriffsinhalt) als Bedeutung eines gemeinsam genutzten Übermittungscodes (Sprache, Schrift, Bild). Diese Information erfährt in der Konsequenz ihre “Futter” durch den Gebrauch mehrerer Menschen in der Art, dass eine Übereinstimmung erzielt wird. Beispiel: Die Information im Wort Krebs wird erst dann klar, wenn mehrere Menschen ihren Kontext, also ihren Gebrauch des Wortes offenbaren. “Austausch” wäre also die basale Bedingung und nicht Aufmerksamkeit. Denn ich kann chinesische Schriftzeichen mit Wonne betrachten, aber ihr Sinn erschließt sich nur mir selbst, wenn ich ihren Gebrauch nicht verstehe. Ich entwerfe also einen privaten Gebrauch nach Schönheit, Formensprache oder Größe etc – ein inneres Modell, das dann eben nicht Information ist, weil ich es nicht mitteile.

Und dann kommt Schirrmacher mit den Vermassungsphänomenen, die nun gar nichts mit Evolution zu tun haben. Denn Darwins Evolution postuliert ja gerade, das bestimmte angeborene Eigenschaften angesichts spezifischer lokaler Gegebenheiten eine höhere Tendenz zur Fortpflanzung haben. Zunächst sind die Variationen per Zufall entstanden und dann selektiert der lokale Kontext die Gene, die sich am meisten fortpflanzen. Die Selektion ist also immer dort vorhanden, wo spezifische lokale Gegebenheiten wie das Klima, die Vegetation und eventuelle Feinde oder Wettbewerber eine Benachteilugung oder Bevorzugung für bestimmte phänotypische Ausprägungen einer Spezies bedeuten. Schirrmacher hat also Darwins Idee gar nicht verstanden. Er begeht noch nicht einmal den Fehler Lamarcks.

Der Gedanke, dass das Internet als Ersatz für die langsamen Briefe und Bücher, nun einen revolutionären oder kategorialen Einfluss auf Idee hat ist schlicht dumm. Denn weder das Medium, noch die Umgebung stellt nach Darwin einen Vorteil für Organismen dar. Nur dann, wenn die Fortpflanzung bestimmter Eigenschaften behindert oder befördert wird. Aber allein das Ineinsetzen von Genen und Memen (Gedanken) ist schon ein unzulässige Konzepltualisierung von Darwins Theorien auf die Ebene mentaler Gehalte. Denn die Gene stellen einen Bauplan (Genotyp) dar, den man als Informationsgrundlage für spätere Erscheinungen (Phänotyp) als Individuuen darlegen kann. Ein Mem, also das gedachte mentale Analogon zum Gen hat aber gar nicht nicht so eine Grundlage, deren Erscheinung zufällig ans Tageslicht kommt. Denn es ist mitnichten so, dass man – wenn man alle Gene eines Organismus kennt – auf den Phänotyp schließen kann. Das ist eines der Probleme der Paläontologen. Sie haben zwar Genmaterial der Dinosaurier, aber können auf dieser Basis keine Aussagen über das Aussehen machen. Diese Theorie des Memkonzepts, die Daniel C. Dennet vertritt, denn Schirrmacher ja im Interview auch nennt, ist also defizient in ihrem Erklärungsmodell.

Und dann kommt Schirrmacher – ohne es explizit zu nennen – zu Schelling und Hegel mit dem Modell des Weltgeist. Darauf berufen sich ja mittlerweile viele Apologeten der digitalen Wissensmaschine namens Web. Google hat ja das Ziel, diesen Weltgeist mit seinen Werkzeugen zu bauen, deshlab sollen ja möglichst viele Inhalte aus Websites und nun auch durch Picasa, Gmail, Google Docs und neuerdings auch Wave in die Maschien eingespeist werden. Der Denkfehler in diesem Vorhaben wurde schon vor vielen Jahrzehnten von Gilbert Ryle offen gelegt:

Ein Südseeinsulaner sieht seinem ersten Fußballspiel zu. Man erklärt ihm die Funktion des Torwarts, der Stürmer, Verteidiger, des Schiedsrichters usw. Nach einer Weile sagt er:

“Aber da ist doch niemand, der den berühmten Mannschaftsgeist beisteuert. Ich sehe, wer angreift, wer verteidigt, wer die Verbindung herstellt usw.; aber wessen Rolle ist es, den Mannschaftsgeist zu liefern?”

Ryle nennt dies einen Kategorienfehler. Maschinen können zu keiner Zeit eine korrekte Kategorie angeben. Sie entsteht immer erst im Menschen aufgrund seiner aktuellen Situation. Insofern sind auch alle Spiele mit der Zeit, die bei Computerfreaks sehr beliebt sind, einfach nur mathematische Modelle ohne das leitende Axiom. Und Schlüsse ohne leitendes Axiom (aktueller Hintergrund des Nutzers) mögen formallogisch stringent sein, aber sie sind ohne Relevanz.

Schirrmacher folgt anderen Beobachtungen:

Gerd Gigerenzer, to whom I talked and who I find a fascinating thinker, put it in such a way that thinking itself somehow leaves the brain and uses a platform outside of the human body. And that’s the Internet and it’s the cloud. And very soon we will have the brain in the cloud. And this raises the question of the importance of thoughts. For centuries, what was important for me was decided in my brain. But now, apparently, it will be decided somewhere else.

Nun kommen einige mysteriöse Querverweise ins Spiel. Das Denken verläßt das Gehirn. Wer weiter oben aufmerksam gelesen hat, wird verstehen, dass das Denken als Probehandlung auf der Basis früherer Erfahrungen oder Gespräche immer schon auf die vergangene Interaktion mit Menschen rekurrieren musste, um überhaupt Teil des Welt- und Umweltmodelles eines Menschen zu sein. Tagträumereien, in denen rosa Elefanten Auto fahren, verschmähte Geliebte zurückkommen o.ä. zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie die reale Welt transzendieren. Leider werden sie nicht als Wissen bezeichnet, aber das ist eine andere Diskussion.

Dieses ganze Cloud und Internet Gefasel ist höchstens ein Vehikel, wie Menschen, die eine naive (Descartsche) Vorstellung von mentalen Vorgängen haben, den nächsten Schritt in die Philosophie des Geistes im 20. Jahrhundert machen. Aber die Welt ist schon etwas weiter. Denn im 3. Jahrtausend ist der Denker selbst, also das so genannte Selbst ein Modell, dass entworfen wird, um verschiedene Verrichtungen im Alltag zu leisten. Es ist nicht stündlich notwendig, wie wir aus den nächtlichen Träumen wissen. Aber diese Diskussion wird für Schirrmacher sicher schon zu schwierig, denn dann müsste er verstehen oder noch bessser akzeptieren, dass er nicht Produzent seiner Gedanken ist sondern einfach nur Träger. Und dass er alles beweisen würde, was er denkt, nur um sein Selbstmodell nicht existentiell zu gefährden. Aber das man auch dieses Modell namens Selbst als Simulation bezeichnen kann wie jedes ordentliche Computerspiel auch.

Insofern ist das Web nicht einfach eine zweite Welt. Auch wir sind nicht einfach Konstrukteure unserer persönlichen Welt. Wir sind Konstrukteure eines Modells, dass unsere phänomenologischen Inhalte (das was wir wahrnehmen) zu einem Ganzen zusammen fasst. Und das gelingt am besten mit anderen zusammen. Wer es allein und auf eigene Faust versucht, der wird das, was wir “irre” oder “verrückt” nennen. Das kann mitten unter uns geschehen. Und zwar immer dann, wenn Eltern keinen Zugang zu ihren unmittelbaren Urteilen haben (Gefühle) sondern jedes Geschehen in eine rationale Struktur einbetten, die ihr Selbstmodell als Abwehr vor zu viel Aussenwelt aufgebaut haben (Charakter/Persönlichkeit). Die kleinen Menschen erleben dann keinen direkten Kontakt ihrer unreflektierten eigenen Gefühle mit anderen Gefühlen. Sie bauen viel zu früh einen Charakter auf, der sich eigentlich erst hinterher auf der Basis gespiegelter Gefühle entstehen sollte.

Es besteht die Gefahr, das sehr viele Menschen dieses Internet als ein Medium begreifen, dass diesen direkten Kontakt hervorragend ersetzen kann. Das mag stimmen, aber nur für Leute, die vorher eine angemessen Persönlichkeit auf der Basis echten gefühlsbetonten Kontakts in der Kindheit entwickeln konnten. Alle anderen werden das Netz nicht als Wissensnetz benutzen sondern als Simulation solcher Beziehungen ohne die Angst echten Gefühlen zu begegnen, die sie selbst nie bei anderen und sich erlebten sondern nur in Vermittlung durch Medien wie TV, Büchern oder eben dem Web.

Dabei ist es interessant, dass Menschen die Dinge am besten behalten können, die zusammen mit positiven oder negativen Gefühlen erlebt wurden. Das Gedächtnis ist also existentiell angewiesen auf ein stabiles Zentrum, dass die Horizont für neue Erkentnisse, Erfahrungen und Ideen setzt.

Die Tatsache, dass Menschen den Computer als eine Hierarchie bauten, die komplexe Aufgaben in kleinen Schritte zerlegte, hat Einfluß auf unser Denken über das Denken. Denn wer glaubt, dass das alle Theorien über mentale Prozesse sind, der schränkt die Philosphie des Geistes derart ein, dass nur naoch das Gültigkeit hat, was auch maschinell umsetzbar ist. Bereits mehrwertige Logiken, Heterarchien oder gar parallele Prozesee überschreiten dann schon die Idee des menschlichen Denkens. Das ist Quatsch. Wenn der Computer eines Tages statt den beiden Zuständen 0 und 1 noch mehr “Aggregatzustände” enthält, dann können wir wieder über die Macht der Wissensmaschine nachdenken. Bis dahin ist der digitale Weltgeist auf dem mentalen Niveau eines Fötus.



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4 Kommentare

  1. Der gute alte Paradigmenwechsel… Den hatte ich schon fast vergessen. Meine Antwort damals war dann immer: Wir brauchen mehrere Syntagmata ohne den monotheistischen Holismus-Kram. Dann kam die Systemtheorie und wir hatten wieder einen neuen Götzen durch Dorf zu tragen. Allerdings glänzt das System noch immer nicht so schön, wie die verfälschenden Trivialisierungen von Darwin, von denen ich mittlerweile sagen würde, dass die besseren wenigstens in einem Lamarckismus landen, die schlechteren werden von Chef-Feuilletonisten zu einem mentalen Amalgam aus Hab-ich-mal-gelesen-Weltbildern verwurstet. Ich kriege da einfach Hirn-Plaque, wenn ich sowas höre oder lese…

  2. Aloha! Der Artikel muss Dir ganz schön auf den Zeiger gegangen sein, wenn Du mit derartiger Inbrunst dagegen tastest?

    Was so im Zusammenhang zur schönen neuen Internetwelt, neuen Denken und – mein Lieblingsgaul aus den 80zigern – Paradigmawechsel so zusammengeschrieben wird ist Waffenschein-verdächtig …

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