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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Information Underload

mantasmagorical-fussSeit zehn Jahren stöhnen sich die Artikel und Experten gegenseitig die Hucke voll: Das Web hat eine riesige Informationsflut geboren. Täglich prasseln Abermillionen von Buchstaben, Bilder und Tönen auf uns ein und verrichten irgendwo im Geflecht unserer Synapsen ein heilloses Chaos. Natürlich helfen dagegen allerlei Wundermittel wie Datenbanken, besondere Suchalgorithmen, Datenformate, information design und natürlich immer wieder die ganz radikalen Asketen, die in abenteuerlichen Studien erkennen, das XYZ (der Leser setze hier wahlweise, das Web als Ganzes, Youtube, Soziale Netzwerke und zuletzt twitter) eigentlich abgeschaltet werden müsse, weil es total überflüssige Inhalte verbreite.

Immer wenn man solchen oder ähnlichen Meinungen lauscht, wird man geradezu berauscht von dem inflationären Gebrauch von Begriffen wie Daten, Inhalte, Information, Content oder gar Wissen. Dabei werden gerne mithilfe unbekannter Förmchen aus Daten kleine Informationskuchen gebacken, die bei Genuß zu sofortigem Wissen verhelfen wie einst im Märchen. Dabei kennen wir alle den mütterlichen Rat, dass ein Genuß von zuviel Kuchen schnell zu einem verdorbenen Magen führen kann. In empathischer Sorge um unsere mentale Verdauung eilen dann eben jene Experten heran, die eine mehr oder weniger strenge Informations- oder gar Datendiät verschreiben, indem sie einzelne Regale im Vorratsraum sperren. Entweder darf via Intranet niemand auf Soziale Netzwerke zugreifen oder twitter wird gesperrt oder es gibt eine ganz tolle Suchmaschine, die sogar ein bißchen die Altsysteme mit in das Intranetzeitalter befördert. Manchmal klappt das sogar auch und man muss nicht mehr kryptische Tastenkombinationen erlernen, um in den sogenannten Legacy Systems die besonderen Bedingungen in Altverträge nachzuschauen oder einfach nur den Vertragsbeginn.

So kämpfen sich von der einen Seite die Asketen und von der anderen die Schweizer Messer der Informationswelt gemeinsam und mit rasender Geschwindigkeit auf einen Kulminationspunkt zu. Die Einen rufen Kontrolle und die Anderen wissen, dass Informationskontrolle im Webzeitalter ungefähr das achtfache des amerikanischen Bruttosozialprodukts pro Jahr kosten würde – unter der Vorraussetzung, dass keine neuen Inhaltsanbieter mehr dazu kommen. Seitdem Blogs, posterous, tumblr und twitter die Latte zum online publizieren immer tiefer hängen dürfte dieser Wunsch ins Reich der sieben Zwerge verbannt sein. Kontrolle ist daher obsolet.

Die Fetischisten unter den Informationsexperten sind Journalisten. Sie kümmern sich nicht um das gemeine Datum. Sie bevorzugen das Besondere. Es sollte schon ein vorgebackenes Förmchen aus der Kuchenbäckertradition sein. Etwas, das man mit ein wenig Zuckerguß, ein paar Wallnüssen und einem exotischen Namen als echte Nachricht verkaufen kann. Sie bezeichnen daher ihre Tätigkeit auch als Filterfunktion. Sie probieren manchmal den Sand, oft allerlei Küchlein und rasend gerne ganze Kuchenbleche, die schon vorfabriziert sind von Zulieferern oder anderen Journalisten. Auf diese Weise tragen sie zur Volksgesundheit bei; so sagt man. Jedenfalls sagen das die Bäckerinnungen und die Backzutatenhersteller und die müssen es ja wissen. Zur Filterfunktion der Journalisten und den inflationären Klagen über Information Overload könnte man noch Clay Shirky anführen, der erklärte, dass information overload dasselbe sei wie filter failure, also das Versagen der Filter.

mantasmagorical_burgEs kommt schon vor, dass ein und derselbe Kuchen mehrmals verteilt und gegessen wird. Aber das ist nicht so schlimm wie die Tatsache, dass heutzutage jeder Hinz und Kunz seinen eigenen noch so kleinen Kuchen per twitter anbieten kann. Oft tut er oder sie das sogar nur, um ein oder zwei guten Bekannten einen Gefallen zu tun. Andere Mitleser – Verzeihung Mitesser – haben aber rein gar nichts davon, wenn die sich über diese speziellen individuellen Kuchen austauschen. Man spricht ihnen sogar ab, dass ihre Daten überhaupt die Schöpfungshöhe von Information erreichen. Ganze Studien werden darüber verfasst, dass diese definzienten Formen von Informationskuchen den Alltag verstopfen.

Ist das so? Ist der Klatsch und Tratsch zwischen einzelnen Menschen weniger wert als ein 478.987 Mal abgedruckter kleiner Junge, der in Indien eine gute Tat getan hat und dessen süßes Foto so schön in “Vermischtes aus aller Welt” passt. Wie geht es dem geneigten Leser, wenn er Nachrichten, die er vor zwei Tagen über twitter erfahren hat, die gestern in elf Blogs standen und die er nun in den Abendnachrichten hört?

Wer einmal in Amerika gewesen ist und dort Nachrichten sah, wird mir zustimmen, dass dort nur lokale Inhalte zählen, aufgehübscht durch Nachrichten aus dem fernen Washington oder Hollywood, der Rest der Welt kommt nicht vor. Nicht, dass ich das befürworten würde. Aber die Volksgesundheit scheint wundersame Wege zu gehen.

Wer glaubt, dass Information aus Daten bestehen, die mit einer Referenz wie Lehrbuch, Zeitung, Dozent versehen zu Wissen werden, der irrt. Er träumt einen Traum, der 300 Jahre alt ist. Damals dachte man noch, man könne mithilfe von vielen Buchstaben aus unwissenden Bauerntölpeln ehrenwerte Bürger machen. Wer heute eine der ewig lustigen TV-Befragungen der Bevölkerung zu einem gegebenen Thema anschaut, dem wird das Lachen im Halse stecken bleiben. Daten über den zweiten Weltkrieg, geographische Kenntnisse über die Lage von Bundesländern oder gar die Namen von bestimmten Ministern scheinen ähnlich weit weg von der Lebenswelt zu sein wie die alpha-helix, mathematische Topologie und das tertium non datur. Irgendetwas scheint mit der öffentlichen Meinungsbildung durch Medien mißraten zu sein: Ich schwanke noch zwischen der Bevölkerung und dem Internet – vielleicht gibt es auch jemand anderen, der die Verantwortung trägt, eventuell sind es mehrere.

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