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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Germany’s last Geschäftsmodell

Wer kennt es nicht, das Einkloppen auf die Holzmedien, die Musikverlage, die Autohersteller, die Politiker, die Lobbyisten, die XYZ…

Neulich hat sich mal wieder ein Verlegerdobermann aus der westdeutschen Provinz im “Burda”-Umhang versucht und auf die schlimmen Verhältnisse im Web eingedroschen. Allerdings musste Burda das tun, weil genau das Geschäftsmodell, das er beim vermeintlich Bösen Dämon Google anprangerte, Wochen später selber als neues Geschäftsfeld vorstellte. Rupert Murdoch, der internationale Medientycoon machte das auch unlängst zusammen mit dem AP-Chef Tom Curley. Was Letzterer allerdings im Gegensatz zu den deutschen Kollegen genau wußte, war die Tatsache, dass es eine Inflation an Inhalten im Web gibt. Nachrichten ist aktuell das schlimmstmögliche Geschäftsmodell im Web. Das Netz erstickt dran.

zukunft-zeichenWarum? Alle Zeitungen, die eine Online-Präsenz haben, verbreiten auf dieser Nachrichten, die sie extern bei Agenturen einkaufen. Dadurch sinkt die Relevanz der Inhalte gegen Null. Und den Lesern wird durch vergleichen (man nennt das kritischen Konsum) mit sechs Klicks schnell klar, worin eigentlich die Arbeit der Zeitschriftenverlage bisher bestand: Externe Autoren mit Honoraren beleidigen, die journalistische Exkrementik befördern. Lokale Inhalte werden von den Vereinen, Firmen und Veranstaltern selbst geschrieben und zur Veröffentlichung im Lokalteil eingereicht samt Foto – ich nenne das gern die Erfindung der lokalen Schwarm-PR. Das geht soweit, dass wir uns früher immer einen Spaß daraus machten, extra Fehler einzubauen oder zweideutige Sätze, um zu testen, ob Lokalredakteure im Büro noch lesen oder schon wohnen. Gerade große Regionalzeitungen sind da weitgehend imprägniert und reduzieren ihren redaktionellen Einfluß auf die Auswahl der Bilder (aufgepasst und mitgedacht liebe Taubenzüchtervereine, wer mehrere hochaufgelöste Dateien mitschickt, erhöht die Abruckdrate um 200%, weil der Redakteur Auswählen durfte (hoheitliche Auswahl, die: Berufsethos eines Journalisten ist das Filtern (Auswählen) von Informationen aus einem Überangebot).

In einem herrlichen Beitrag hat Christian Jakubetz gestern die seltsamen Verhältnisse in dieser westdeutschen Provinz (s.o.) ins rechte Licht gerückt und dabei so ganz nebenbei die Finger in die Wunde der aktuellen Krise gelegt, die verschiedene Branchen heimsucht. Es sind nicht immer Umsatzeinbrüche, die diese Krise begeleiten, es ist das schleichende Abwenden der Kunden von überkommenen Geschäftsmodellen, wie in der Autoindustrie oder das Partizipationsmodell “politische Partei”, die ihren Zenit lange überschritten hatten. Und nun stehen die Verantwortlichen vor etwas , dass auch für die gesamte Wirtschaft gilt.

Man nennt es noch etwas wissenschaftlich verklausuliert “Evolution”. Dummerweise haben einige Menschen mit mediokrem Mittelschulabschluß den Slogan dieses Welterklärungsmodells mit “Überleben des Fittesten” übersetzt und das Leistungsprinzip darin erkannt. Dabei bedeutet “survival of the fittest” das Überleben des Bestangepassten. Nun ist Anpassung in etwa das Gegenteil von Gehorsam. Es bedeutet, dass ein Lebewesen ja nach den Umständen die Möglichkeit hat, alternativ zu reagieren. Es verhält sich also nicht nach Mustern oder Befehlen, die ihm sozial oder per Expertise eingeprägt sind, sondern es entwickelt im besten Fall eine Methode ganz neu – anhand der aktuellen Situation. Das erfordert Achtsamkeit und und ein flexibles Inventar an Handlungen.

Die superschlauen Berater nennen das neumodisch Improvisation und bemühen Jazzmusiker, um jedem das zu erklären, was er sich in 9-13 Jahren Schulbesuch mühsam abtrainieren musste: Das Erfinden von Ausreden, das spontane Herbeifaseln von Erklärungen mit genauem Blick auf die Mimik des Lehrers, ob man eher näher oder weiter von der Lösung entfernt faselt. Die Systemtheoretiker kommen dann daher und faseln ihrerseits von Mustererkennung und Resonanzen und verkaufen allerlei Tand rund um neuartige Sozialgraphen, die Menschen und Soziale Körper nach Werten, Normen und Ideen strukturieren können sollen. ACHTUNG! All dies ist überholtes Denken aus dem letzten Jahrtausend.

Der einzige, der einer Firma sagen kann, wo es lang geht, ist der Kunde selbst. Leider spricht er in tausend Stimmen. Auch die rhetorisch mehr oder weniger begabten Berater rund um das Thema Babel 2.0 sind hier keine besonders guten Helfer. Aber sie haben einen Vorteil: Sie haben erkannt, dass die systematische, statistische oder stochastische Bewertung von Menschen und ihren Lebensentwürfen Schmuck am Nachthemd sind. Wer glaubt, mit den linearen oder zirkulären Modellen der aktuellen Wissenschaftlergeneration wirklich Relevantes zu erfahren, sollte sich umgehend ärztlich untersuchen lassen. Denn niemand fährt auf der Autobahn mit dem Blick in den Rückspiegel, auch dann nicht, wenn der Rückspiegel alle Prüfinstitute mit einem “sehr gut” verlassen hat.

Wir schauen nach vorne. Und zu einer Zeit, als es noch keine Navis gab, kamen wir auch an unser Ziel. Wie das ging? Fragen! Einfach die Leute am Straßenrand fragen. Dazu muss man natürlich freundlich sein und gegebenfalls etwas aufschreiben oder die Leute bitten, Details zu erklären. Was man dazu braucht? Etwas Zeit und die Einsicht, dass man weder Marktführer noch Weltmarktführer noch Technologieführer ist, sondern einfach eine Firma auf dem Weg in die Zukunft.

Achja, kennen Sie die muskelbepackten Fittesten aus dem Freibad, die vor lauter potenzieller Kraft kaum gehen können? So ähnlich ergeht es gerade auch den Buchverlagen. Deshalb zeigen diese jungen Leute hier, wie es auch anders geht mit Interview: Einfach anderen Leuten ermöglichen, kostenlos Fachbücher online zu lesen. Das ist kein Geschäftsmodell? Tja, für hochdotierte Experten in Fachverlagen mag das stimmen, für die neue Welt des klaren Kundennutzens klappt es gut.

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4 Kommentare

  1. Richtig. In der Wirtschaft haben wir dies auch gesehen. Sei es einfach durch Unternehmen die sich breit aufstellen (Diversifikation) oder andere die sich Effizient an die derzeitigen Umweltbedingungen anpassen (Gewinnmaximierung auf Grundlage der geltenden Umweltbedingungen). Natürlich, läuft dieser Prozess anders ab als in der Natur, weil sie stärker intrinsisch motiviert sind. Auch in der Natur können diese Mutationen extrinsisch oder intrinsisch beeinflusst sein, obwohl hier natürlich vorher keine Zielausprägung statt findet. Obwohl davon auszugehen ist, wenn wir uns die Autopoesis der Zellen ansehen, jede Anpassung extrinsischer Natur als Anpassung auf die Umwelt angesehen werden kann (weitgefasst). Demnach haben wir es eigentlich immer mit der Anpassung auf Umweltumstände zu tun. Die Wirtschaft als System muss sich auf veränderten Umweltzustände in der Gesellschaft und Politik einstellen und die Unternehmen können mit unterschiedlichen Strategien agieren, aber ohne aus den Prämissen des Wirtschaftssystems aussteigen. Nur weil jetzt teilweise das Geld von den Werbern und nicht von Endkonsumenten direkt kommt (Free-Modell) ist dies keine grundsätzliche Veränderung der Prämissen in der Wirtschaft. Schließlich ist dieses Modell auch nicht wirklich neu, wie Zigaretten Bildchen zeigen. Ich möchte mich am Schluss für die etwas Wirre Darstellung entschuldigen, aber ich bin gerade auf dem Sprung ;)

  2. Ist die Evolution nicht eigentlich blind? Im Wirtschaftssystem sehe ich wenig parallele blinde Entwicklungen von denen einige begünstigt und andere schlechte Fortpflanzungschancen haben. Im Gegenteil, dass was lange Fruchtbarkeit gewährleistet wird angesichts veränderter Umweltbedingungen künstlich in neue Generationen transferiert, ohne dass es bevorzugt als Partner gesucht würde. Phänotyp und Genotyp sind noch immer und werden auch immer zwei ganz verschiedene Kategorien sein, die man aus meiner Sicht nicht unbedingt funktional aufeinander beziehen kann. Vor allem deshalb nicht, weil ja davon auszugehen ist, das Varianz zunächst auf Mutation beruht und nicht auf der Umwelt oder deren Veränderung. Die Selektion der Natur ist ja kein aktiver Prozess, oder?

  3. Ich würde dem widersprechen, dass es nicht möglich ist, mit statistischen Rechnungen dem Kunden näher zu kommen. Viel mehr funktionieren die gebräuchlichen Hochrechnungen nicht mehr, weil Sie den medialen Mix meistens gar nicht oder nur schlecht darstellen. Wir haben es mit einer Evolution zu tun. Dadurch verändert sich das Wirtschaftssystem nur bedingt. Wie im Genpool waren bloß viele zu ihm gehörende Strategien deaktiviert, weil sie zur Umfeld nicht gepasst haben. Jetzt werden diese wichtiger. Das Problem der heutigen Wirtschaft ist, dass man in den Unternehmen oft diese leftover DNA gelöscht hat, um Schlank zu bleiben… aber gerade schlanke Unternehmen funktionieren nur in einer sehr spezifischen Umwelt und die wandelt sich gerade. Die zu stark ausdifferenzierten Spezien, die ihren überflüssigen Genpool ausgelöscht haben, werden daher arge Probleme bekommen… Schlimm ist das nicht und die Welt geht davon auch nicht unter. Sie dreht sich weiter. Mit ähnlichen statistischen Mitteln wird außerdem gerade die Klimakatastrophe herbeigerufen… Glauben wir nicht alles, was fehlerhafte Statistik uns sagt.

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