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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

FREE: Jeder Überfluß kreiert immer auch einen Mangel

anderson_freeChris Anderson ist über jeden Zweifel erhaben. Er ist Chefredakteur des Wired Magazine, einer angesehenen Zeitschrift rund um die digitale Welt, die durch den kongenialen Kevin Kelly berühmt wurde. Eines seiner Bücher (Out of Control: The New Biology of Machines, Social Systems, and the Economic World) war Pflichtlektüre beim Dreh der legendären Trilogie Matrix der Wachowski Brüder. Einen ähnlichen Meteoriteneinschlag, wie in ihn seinerzeit jenes Buch verursachte, mag Anderson im Sinn gehabt haben, als er FREE: The future of a Radical Price schrieb. Allerdings fehlen Anderson die radikalen Thesen, die Kelly einst berühmt und berüchtigt machten.

FREE verdient sich ein Fleißbienchen nach dem anderen und ist ein wahres Kaleidoskop an Rechercheversatzstücken zum Thema Preisbildung und Geschäftsmodelle im Internet. Auf carta bespricht heute Matthias Schwenk dieses Buch und ich deute in einem Kommentar an, dass ich es eigentlich gar nicht rezensieren wollte, da ich nicht glaube, dass es schon fertig ist. Es ist eine schöne Zusammenstellung von Rechercheergebnisse, mit denen man dann nach Vancouver Island oder an die mecklenburgisches Seenplatte fährt und sich seinen Reim draus macht, um eine Reflexionsebene zu erarbeiten auf der man all diese Fakten und Meinungen anhand der eigenen Gedankenwelt anordnet. Man stärkt die Gegenseite so weit wie es geht, um sich seiner Sache sicher zu sein und eröffnet dann in der zweiten Hälfte des Buches seine Sicht der Dinge, persönlich, ausführlich, leidenschaftlich – und am besten anhand einer wirklich tragenden Story. Leider fehlt all dies.

Nicht falsch verstehen. Aus journalistischer Sicht, sind die einzelnen Kapitel als Artikel in einem Themenmagazin teilweise sehr schön geschrieben und wirklich lesenswert. Aber es ist kein Buch.

Aber ich danke Anderson für das Kapitel 12 Nonmonetary Economies.

Es beginnt mit einem Zitat des in Deutschland wenig bekannten Sozialwissenschaftlers Herbert Alexander Simon (er war einer der Experten, die den Marshall-Plan ausarbeiteten):

In einer Welt voller Informationen, bedeutet der Reichtum an Information den Mangel an etwas anderem: Etwas, dass die Informationen verbraucht. Und was Informationen aufbraucht ist eher offensichtlich: Es verzehrt die Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer. Insofern kreiert der Reichtum an Information eine Armut der Aufmerksamkeit.

In diesem Absatz erklärt sich die gesamte Krise der amerikanischen und europäischen Medien der Postmoderne. Allein dieser Satz und das anschließende Kapital hat die Lektüre des Buches aufgewogen. Denn ich kann seit dieser Zeit all den Versuchen, das Drama der postmodernen Welt zu erklären mit dem Lackmus-Satz: Jeder Überfluß kreiert immer auch einen Mangel auf seinen Gehalt testen. Man kann allen Beratern diesen eine Satz von Adam Smith entgegenwerfen, dass Ökonomie, die Wissenschaft von der Auswahl unter Mangelbedingungen ist.

Ob es nun schlau ist, beim Beispiel der Medien, mit “walled gardens” – also umzäunten Websites – den Inhalt der Online-Magazine der Verlage einen Mangel zu erschaffen? Die Antwort ist leicht. Gäbe es keine anderen Inhaltsproduzenten, die vergleichbare Artikel liefern, wäre paid content eine super Sache. Hätten die Journalisten der “Qualitätsmedien” einen Reputationsvorsprung vor bekannten Bloggern, wäre es sogar denkbar. Aber leider haben die Heerscharen der Experten Ende der Neunziger nicht Georg Franck gelesen und erkennen die Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht. Er kam nicht weiter als die Aufmerksamkeit mit der Präsenz in den Medien gleichzusetzen. Aber unter der Maßgabe, dass diese ein kleinster gemeinsamer Nenner wäre, könnte man die Diskussion um die Medien ganz neu stellen. Denn dieser Marktplatz der Reputation wird bisher von der PR-Agenturen mehr oder weniger virtuos bedient. Und hier befindet sich das Konzept des FREE in einer Erklärungsnot, denn ohne Aufmerksamkeit als Produkt mit enormer und steigender Nachfrage, ist heutzutage in vielen Bereichen gar kein Absatz mehr möglich. Die Medien halten den Schlüssel zur postmodernen Ökonomie in der Hand und jammern über die abgewetzten Türen, die nicht mehr zu den hochtechnisierten Schlüsseln passen. Leider kommt Anderson nicht zu dem Schluß, mit diesem alten Hut namens Reputation und Aufmerksamkeit eine neue Theorie zu begründen, die sein Buch und dessen Vorhaben über eine bereits bekannte und erprobte Preistheorie in den Schatten gestellt hätte.

Ich überlasse es dem Leser, das Buch quer zu seinem Vorhaben zu lesen und dort einiges Spannende zu entdecken.

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4 Kommentare

  1. Ja und Nein. Ich hatte angesichts des großen Boheis um das Buch etwas erwartet in Hinsicht auf die Geschäftsmodelle, das etwas mehr visionär ist als diese zugegeben interessante historische Retrospektive bis zum Google. Es wäre schön gewesen, die nächste Generation nach Google stärker in den Blick zu nehmen. Aber vielleicht bin ich von Kelly noch immer die großen Würfe aus der Wired-Richtung gewöhnt.

  2. Das Gute an Andersons Buch ist ja, dass er das Thema nicht wirklich abschliessend bearbeitet hat und somit andere Autoren mit ihren Modellen und Erklärungsansätzen durchaus noch Chancen haben… ;-)

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