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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

FOCAS09: Medien liefern keine Nachrichten sondern begründen und ermöglichen Gespräche

Früher gab es ein einfaches Modell:

Man musste Inhalte recherchieren, Fakten checken und dann losschreiben. So enstanden aus vielen gelesenen Texten, Meinungen von Experten als Referenzen und der Erfahrung und dem Wissen der Journalisten die langen Artikel in den Magazinen und Zeitungen. Diese Aufgabe war schwer, denn es war nicht leicht an Themen, Quellen und Material zu kommen.

Das war die Bronzene Ära der Nachrichtenindustrie. Dann kamen die Sender aus Radio und Fernsehen und die Silberne Ära begann, denn plötzlich war fast alles und jeder in der Lage ins Fernsehen zu kommen. Man musste eine Eigenschaft erfüllen: noch nicht on air gewesen zu sein. Ersatzweise war auch ein Nachrichtenwert Ursache für die Verbreitung eines Inhalts oder einer Person via Antenne.

Der Nachrichtenwert war in etwa das, was die Redaktionskonferenz und/oder der CvD als Priorität betrachteten. Je nach Selbstverständnis des Senders oder Zeitung konnten das eher konservative oder eher gesellschaftskritische Inhalte sein. Erkennbar war meistens, dass es sich um eine simulierte Objektivität handeln musste, die die Entscheidung für oder gegen einen Inhalt leitete. Ihre Legitimation erhielt so eine Entscheidung mit Parametern wie staatstragend, international wirkend, aus Erfahrung wichtig oder eben schlicht deshalb, weil andere Medien im In- und Ausland es auch brachten. Dann bestand regelmäßig die Aufgabe darin, besonders einzigartig die Inhalte aufzubereiten, die viele andere auch brachten. Man kann das mit dem Bearbeiten von Rohdiamanten vergleichen.

latGoldene Zeiten für Medien

Wer aktuell die Diskussion auf dem Forum on Communication and Society des Aspen Instituts (FOCAS) verfolgt, dem wird offenbar, dass wir uns in einem goldenen Zeitalter der Medien befinden. Anders als uns das einige Miesepeter weismachen wollen, ist die Situation für interessierte Menschen besser als je zuvor. Gut, ich muss zugeben, dass sich die Menschen mittlerweile nicht mehr dadurch überzeugen lassen, dass eine Nachricht von einem Redakteur verfasst wurde, der vorher sechs Jahre in Bukarest war und dann acht Jahre in Australien als Korrespondent arbeitete. Auch der Hinweis auf eine Journalistenschule hilft da wenig, da auf diese Weise wenig Sachverstand zu gewissen Themen substanziiert wird. Folgen wir also der Idee der Amerikaner, dass das System des News-Broadcastings erweitert wird. Um was wird es erweitert? Clay Shirky fasste es so schön zusammen in dem Satz, dass eigentlich keine der neuen und alten Möglichkeiten im Web Bestand haben könnte, aber alle zusammen eine gute Chance hätten, richtig gut zu werden. Auffällig ist, dass die schwindende Meinungsmacht der Besitzer der Druckmaschinen und Verlage den Begriff der Meinungsmacht an sich verändert.

Hyperpersonalized Newsstream

Das Netz erleben wir immer mehr als einen Newsstream. War es früher noch Google, das die Leser an die jeweiligen Quellen im Netz verteilte und dafür Werbeeinnahmen verbuchte, sind nunmehr Echtzeitströme von mehr oder weniger relevanten Inhalten die Quelle der Nachrichten, Inspiration und des Klatschs. So fließen im Realtime Web Nachrichten, Meinungen, Bewertungen, Empfehlungen und Persönliches zu einem Amalgam zusammen. Die Geschäftsmodelle müssen sich an diese Gewohnheiten anpassen. Amerikanische Verlage versuchen es mit dem Freemiummodell, bei dem nur die allgemeinen Nachrichten kostenlos sind, Hintergrundstories(AP) und lokale Inhalte(diverse Verlage) werden dann kostenpflichtig. NPR empfiehlt auf der Basis des demokratisierten Zugangs der Menschen zu Inhalten eine engere Bindung zwischen den Produzenten der Nachrichten und den Konsumenten über Mitgliedschaften – beispielsweise nach dem Genossenschaftsmodell. Dies kann auch die Unabhängigkeit der Autoren gegenüber den werbenden Firmen verbessern. Denn nicht alle amerikanischen Medienmacher sehen eine neutrale Zukunft der Medien wie es die BBC vorlebt. Marissa Mayer von Google fokussierte auf das Engagement der Hörer, Leser und Zuschauer mit dem Terminus “hyperpersonalized newsstream”, den sie einerseits als Mittel sieht, um die Menschen zu aktivieren hinsichtlich der selbst gewählten Nachrichtenthemen und damit auf der anderen Seite für die Anbieter dadurch soviel Mehrwert anzubieten, dass dieser Strom auch bezahlt wird. Wer also die Inhalte aus einem hypothetischen MyGoogleNews selbst zusammenstellen will, der müsste dann einfach bezahlen. Es ist klar das diese Aggregatorensicht aus der Googlerichtung kommt. Klingt auf den ersten Blick toll. Es fragt sich nur auf welcher Basis dann das Geld verteilt werden sollte.

newsContent ist der begriffsstutzige Bruder von Inhalt und der entfernte Verwandte von Gehalt

Robert Rosenthal nahm einfach diejenigen in den Blick, die den echten Mehrwert und den Nutzen für Leser erstellen könnten. Denn aus seiner Sicht des investigativen Journalisten kommt der Wert nicht aus Modellen und der Aggregation von Inhalten sondern aus der Qualität der Arbeit der Autoren und Journalisten. Wer and dieser Stelle investiere, sei zukunftsfähig und könne aufgrund des begehrten Angebots überhaupt erst experiementieren mit Geschäftsmodellen. An dieser Stelle muss ich für ihn Stellung beziehen. Denn allzu oft haben wir hier in Deutschland festgestellt, dass Verlage mit äußerst mediokrem angebot und mittelmäßiger Performance verschiedenste Modelle ausprobierten und diese dann verwarfen mit Hinweis auf die mangelnde Rentabilität. Wenn ich ein schlechtes Fahrwerk, einen mittelmäßgen Motor und eine billige Innenraumaustattung in acht verschiedenen Karrosserien zu verkaufen versuche, dann hilft weder eine innovative Brandingagentur aus Berlin-Mitte noch eine 200 Millionen Euro teure Werbekampagne.

Was macht der Leser, wenn der Artikel zuende ist?

Das größte Problem der Zeitungen und Zeitschriften ist nicht der schleichende Rückgang an Auflage (wir kennen ja die vielen umsatzlosen Bordexemplare und kostenfreien Miniabos). Es geht darum, dass der Leser am Ende des Artikels Fragen hat, Anmerkungen öffentlich machen will oder einfach Zusatzinformationen haben will. Diese Konversation, die Netz oft mehr Umfang ausmacht als die eigentlichen Texte, die ist es, die in Zukunft den Unterschied macht zwischen einer Objektivität, die ganz feudal aufgrund historisch gewachsener Autorität der Journalistenschule oder der zugehörigkeit zum Sender oder der Zeitung entsteht oder eben der Objektivität, die mit David Weinberger durch Transparenz erscheint. Der Autor stellt alle Quellen dar und überlässt dem interessierten Leser noch Zusatzinformationen, um seine Meinung besser zu fundieren oder um dem Leser eine ganz andere Bewertung zu ermöglichen. Oft diskutieren die Konsumenten der News dann untereinander weiter und ergänzen sich gegenseitig. Das ist dann wirklich eine öffentliche Meinungsbildung und erfüllt damit endlich den ideologischen Unterbau der Aufklärung den die Elitejournalisten kaum einlösen konnten, da ihnen die demokratische Referenz der völlig ergebnisoffenen Diskussion der Themen abging. Sie verstanden sich als Filter oder Wachhunde, die an der Pforte stehen und bestimmte Botschaften einlassen und andere nicht. Das zugrundeliegende Menschenbild war das eines unmündigen Bürgers. Jetzt, zu einer Zeit, wo die Postmoderne abgedankt hat (das Individuum ist durch diverse Entwicklungen in seiner Macht relativiert worden) beginnen wir über das Vehikel der Informationen und Nachrichten eine virtuelle agora zu bauen, um dort auf diesem digitalen Marktplatz, Neuigkeiten zu erhaschen, einzukaufen und Klatsch und Tratsch auszutauschen – eingeklemmt zwischen Ewigkeit und Augenblick.

Digitale Ökonomie ist Quatsch

Wer denkt, dass die Verhältnisse zwischen Nachfrage und Angebot einem Wandel unterliegen, sucht die falsche Frage in der richtigen Gegend. Es geht nicht um den Wert, den eine Nachricht oder ein Musikstück für jemanden hat, sondern um den Weg zum Konsumenten. Wenn die Beziehung zwischen der Firma und dem Nachfragenden auf einer transparenten und offenen Weise passiert, dann kann sogar eine Glucke wie Apple, die mitnichten einen Ruf als Liebhaber offener Produkte oder Plattformen genießt, viel Erfolg haben. Die Kunden wissen ganz genau, was sie für ihr Geld bekommen. Anders ist das bei versteckten Kosten wie dem Kindle, der aufgrund seiner Anbindung an ein Mobilnetz nicht nur Kosten für die ebooks verursacht sondern eben auch für die Verbindung. Außerdem verhindert der kindle auch die direkte Verbindung von Kunden zum Anbieter (Buchverlag). Eine Applikation für das iPhone mag durch Apple kontrolliert und eingeschränkt sein, aber der Ersteller kann direkt mit seinen Kunden in Kontakt treten. Man muß also von einer Kontaktökonomie sprechen. Werbeagenturen und große Firmen glauben noch immer, dass sie sich hinter Plakatwänden, Versandhäusern oder Einzelhändlern verstecken können. Damit verhindern sie nur den Kontakt, den andere suchen. Über kurz oder lang werden die obsiegen, die diesen direkten Weg gehen und sich dem Markt stellen, und zwar da, wo er stattfindet. Das gilt erst recht für die Anbieter von Inhalten. Wenn die Verlage alle Kosten für das Drucken und Verteilen wie Druckmaschinen oder das PresseGrosso einsparen würden und einfach jedem Abonennten einen Kindle, ein Handy oder ähnliches geben würden mit einem günstigen Mobiltarif, würden sehr schnell extreme Gewinne realisiert werden, weil die Kosten des Industriezeitalters verschwinden würden. Und in Gottes Namen: Wer will, kann täglich ein oder zwei Artikel markieren und erhält am Ende des Monats einen personalsierten Digest ausgedruckt nach Hause zu einem kleinen Sonderpreise als Premium-Abonnent.

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