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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

FAZ konkt sich durchs Sommerloch

Jetzt ist es passiert. In der FAZ. Der DJV-Vorsitzende Konken hat sich selbst an der Nase herum geführt. Über seinem besonderen Ausweis qualifizierter Recherche über Urheberrecht, Google und das Verlagswesen der Zukunft hatte sich die Blogosphäre bereits ausgelassen. Er erklärte dort, man ziehe gemeinsam an einem Strang mit den Verlegern, wenn es gegen die Gratiskultur im Netz und die Gewinne von Google im Besonderen gehe – vor allem, da Google ja ein Monopol nie gekannter Meinungsmacht darstelle.

Nun ist dem Mann in seinem jugendlichen Elan entgangen, dass er wettert, dass Google zum Einen kräftig an den Texten und Meinungen aus Zeitungen verdiene, an deren Produktion(skosten) es aber nicht beteiligt sei und irrigerweise dadurch ein Meinungsmonopol entstehe. So als würde man dem Kioskbesitzer vorwerfen, er kontrolliere die Meinungen seiner Kunden durch das Verteilen der Zeitungen und würde daran auch noch verdienen, weil er ja auch noch Bonbons und Zigaretten anbiete. Denn zum Anderen wirft er Google vor, auch noch mit Open Source Software wie Android und Chrome OS Geld zu verdienen, Meinungen zu publizieren, Anwendungen Gratis zu verteilen.

konkt-sich-kleinNun hat er aber durch die Rezeption seiner elaborierten Stellungnahme erfahren, was er selbst gesagt und gemeint hat. Offenbar hat er dabei festgestellt worden, dass ihm da einige Wechsstaben verbuchtelt sind und zwar in Tateinheit mit seiner Funktion als Verlagsfunktionär Journalistenfunktionär. Denn irgendwie kann man einen double bind nicht so ganz von der Hand weisen, wenn man seinem natürlichen Gegenspieler (laut Tarifautonomie) die Hand reicht zu einer gemeinsamen Flanke gegen den Verlag Inhalteanbieter Journalistengenossenschaft Suchmaschinenanbieter Google. Also Google behindert jetzt zwar nicht die Recherche der Journalisten so stark, das der DJV einschreiten müsste, um die Google Nutzung in den Redaktionen zu verbieten, oder doch? Aber mit den etlichen Google Apps konkurriert er bereits mit keinem deutschen Verlag. Das ist offenbar schlicht unfair von Google, dass sie nur keine eigenen Anwendungen und keine eigenen Artikel verkaufen. So wird der Kampf gegen der Distributor (Goggle ist so etwas wie das Presse Grosso mit Lieferwagen, deren Werbefläche vermietet wird.)

Dummerweise schreiben die Redaktionen vieler Verlage brav alles ab, was die Agenturen ihnen für teures Geld vermelden, aber diese enorme Schöpfungshöhe erreicht Google durch seine Algorithmen ja nun bisher nicht. Hier könnte jetzt die Erkenntnis einsetzen, das sich vor einigen hundert Jahren in der Mancha ein spanischer Edelmann mitsamt seinem getreuen Diener Konken Sancho Pansa aufmachte, um gegen die Antichristen zu reiten und das Erhabene des Abendlandes zu retten.

Der Edelmann tarifautonome Gegenspieler hat nun dem tarifautonomen Herrn Konken einen Schild geliehen, damit er sich wappnen kann gegen die heulenden Windmühlen:

Akt1:

Zeitungen und Zeitschriften werden derzeit noch nicht voll automatisiert durch Computer erstellt. Ihre Inhalte sind Ergebnisse geistiger Schöpfung von Journalisten und damit durch das gesetzliche Urheberrecht geschützt. Die Nutzung von Beiträgen durch Verlage wird bei angestellten Redakteuren durch Arbeitsvertrag geregelt. In Tarifverträgen sind zudem Vergütungen für den Fall der Weiterverwertung vorgesehen.

Derzeit noch nicht. Was bin ich froh, dass diese Vergütungen für die Weiterverwertung vorgesehen sind. Stellen Sie sich vor, die Journalisten täten dasselbe wie die Lokomotivführer und streikten mal für 4 Wochen um das Eine oder Andere durchzusetzen? Ein Glück, dass die Artikel, die im Web erscheinen und dort mit circa 100 Millionen Werbeeinnahmen pro Jahr irgendjemanden glücklich machen, wenigstens in der Zukunft auch noch eventuell ein oder zwei Journalisten glücklich machen werden. Das könnte vielleicht sogar den Zwang zum Abschreiben der Agenturmeldungen dämpfen. Dann müsste man nicht andauernd und überall dasselbe lesen – bei den Bloggern meine ich natürlich. Die doofen Blogger schreiben plump alles ab ohne zu zahlen. Die Qualitätsjournalisten schreiben ab mit Bezahlung.

Akt2:

Für freie Journalisten ist dagegen das gesetzliche Urhebervertragsrecht das einzige „Arbeitsrecht“. Dieses Gesetz sieht seit dem Jahr 2002 einen gesetzlichen Anspruch auf angemessene Vergütung vor. Die Höhe dieser Vergütung kann durch eine gemeinsame Vergütungsordnung zwischen den Verbänden der Urheber und der Verlage verbindlich festgelegt werden, so das Gesetz. Seit nunmehr sechs Jahren laufen die Verhandlungen zwischen dem Deutschen Journalisten-Verband sowie ver.di mit den Verlegern der Zeitungen und Zeitschriften. Ein Ende ist immer noch nicht absehbar.[...]

Soso. Urhebervertragsrecht als Arbeitsrecht. Kennen Sie ein Urhebervertragsrecht? Das normale, also das real existierende Vertragsrecht setzt voraus, das zum Zeitpunkt der Vertragsunterschrift keine Partei die andere übervorteilt oder durch besondere Maßnahmen ein Ungleichgewicht der Parteien realisiert wie Macht, Druck oder Zwang. Die Autorenvereinbarungen die ich bisher gesehen und teilweise unterzeichnet habe, wurden folgendermaßen “vereinbart”: “Also entweder Sie unterscheiben das so, wie es ist, oder Sie schreiben für jemand anders ihre Texte.” Damals (2000-2004) war ich beim DJV und fragte an, was ich  tun solle. Dort erzählte man mir, man kenne das Problem und sehe in absehbarer Zeit einer grundlegenden Lösung entgegen um wieder ein ausgeglichenes Verhältnis wiederherzustellen, bei dem solche Vereinbarungen wieder verhandelbar seien. Ich könnte wirklich einfach mal bei anderen Verlagen versuchen bessere Konditionen zu ergattern. Soweit zum Engagement.

Akt3:

[...] Für die Freien ist es eine Existenzfrage. Freie Journalisten an Tageszeitungen und Publikumszeitschriften verdienen schon jetzt nur noch durchschnittlich unter 1900 Euro im Monat, wenn sie an Fachzeitschriften arbeiten, rund 2200 Euro. Wegen der für Einzelbeiträge geringen Honorare müssen sie ihre Berichte mehrfach verwerten. Das geht aber nur, wenn Gesetzeslage und Geschäftsbedingungen dieses Recht nicht einschränken.

Wenn ein Freier 2000 EUR verdient und wir mal 250 EUR Krankenkasse bzw. KSK-Beiträge abziehen und 600 EUR Steuern sowie 200 Unkosten für das Heimbüro und Telefon, dann sprechen wir hier von prekären Arbeitsverhältnissen, die unterhalb des Existenzminimums liegen und zusätzlich durch Hartz4 finanziert werden können. Wenn nun diese Leute nebenbei arbeiten indem sie ein Blog schreiben und sich damit bei bestimmten Themen qualifizieren und an Profil gewinnen. Was wird dann aus der Gratiskultur? Eine Reputationskultur. Und wenn die Leser feststellen, dass die Autoren im Web auf ihrem Blog nicht abhängig sind den Interessen der Werbekunden, weil die Google Ads auf ihrer Seite anhand von Stichwörtern im Text geschaltet werden oder eben nicht. Und nicht wegen eines Bekannten, der auf dem Golfplatz einen Wutanfall bekommt. weil seine Firma im Lokalteil diffamiert wurde.

Akt4:

Die Firma [Google] vereinigt in bisher nie gekannter Weise Funktionen als Anbieter von Betriebssystemen für Computer und Handys, Internetsuchdiensten, Inhalten wie komplett digitalisierten Büchern sowie ganz besonders auch die Anzeigenvermittlung. Hier droht ein Monopol mit nie gekannter Meinungsmacht.“ Es sei nicht hinnehmbar, dass die Urheber ohne Zustimmung ihre Werke Google zu dessen kommerziellen Zwecken überließen. (erklärt Konken laut der DJV-Pressemitteilung, die oben verlinkt ist)

Aha. Google hat bald eine Linux-Distribution namens Chrome OS. Google hat ein Handy-Netbook OS namens Android. Und Google hat eine Suchmaschine. Auch Burda hat und hatte Suchmaschinen. Die FAZ hat das FAZ-Institut und veranstalte Management- und PR-Seminare. Der Handelsblatt-Verlag verfügt über eine große Agentur die Werbeplätze vermittelt. Die SPD verfügt über ein ganzes Arsenal an Verlagen und Verlagsbeteiligungen. Manche Zeitungsverlage verfügen über eine enorme Marktmacht und TV-Sender. Es gibt definitiv Gründe, sich Sorgen darüber zu machen, ob und wenn wie Massenmedien noch eine Kontrollaufgaben ausführen können. Da Google jedoch Leser zu Inhalten aller Art – vor allem nichtprofesioneller Art bringt, könnte man Google an genau dieser Stelle eigentlich kaum einen Vorwurf machen. Dass sie sehr viele persönliche Daten sammeln mit ihren vielen Helferlein, könnte ein sachhaltiger Grund sein. Aber da ist kein Meinungsmonopol sondern ein Datennimmersatt am Werk. Denn Google verbreitet gar keine Meinungen außer seinen nie endenden Produktneuvorstellungen, die alle kostenlos angeboten werden. Der Preis ist allerdings der Datenstriptease der Nutzer. Aber das scheint Konken nicht zu interessieren. Die Urheber sind im Allgemeinen froh, dass sie gelesen und verstanden werden. Ersteres erledigt Google für sie, letzteres ein wacher Verstand. Dieser hätte Konken begleiten sollen bei folgendem Absatz:

Akt 5

Sind schon die Verlage oft keine Engel, so gilt dies erst recht für weitere Akteure im Internet. Zahllose Internetseiten, Foren, soziale Netzwerke, wo Beiträge und Fotos freier Journalisten zu finden sind, scheren sich nicht um das Urheberrecht. Freie Journalisten gehen gegen solche Nutzungen vor und können hierfür Schadensersatz erhalten.

Der Nachrichtenaggregator Google News ist dagegen bisher weitgehend unbeschadet von Ansprüchen Dritter geblieben. Dabei ist hier die fast vollautomatische Zeitung schon heute Realität. Einerseits sorgt die Präsenz auf dieser Seite für mehr „Traffic“ bei den dort verlinkten Internetseiten, andererseits übernehmen diese und vergleichbare Angebote einen wichtigen Teil des Anzeigengeschäfts, das die Produktion dieser Inhalte erst möglich macht.

Seltsam. Foren, Webseiten und Sozial Netzwerke sind also Akteure im Web, die das Urheberrecht missachten. Ich kenne Soziale Netzwerke um die sich die Verlage reißen, damit sie deren Inhalte aufnehmen. Denn die Verlage sehen, dass dort die Nutzer sind und sie bieten dort ihre Inhalte an und hoffen so bekannter zu werden. Sie zahlen der Sozialen Netzwerken sogar Geld um dort exklusiv Inhalte anzubieten.

Google jedoch durchforstet mit seinen Crawlern und Spidern all die Webseiten, die Google solches nicht per robots.txt oder meta-eintrag verbieten. Da Google nur Links zu den Inhalten Dritter anbietet kann dort gar kein schädigender Anspruch entstehen. Konken schreibt zu Beginn seines Artikels (s.o), dass Zeitungen noch nicht vollautomatisch erstellt werden. Und dann einige Absätze später hat sich das Web so schnell entwickelt, dass es nun doch “fast vollautomatische Zeitungen” gibt. Er betrachtet also Google News als Fast-Zeitung. Im Sinne des Zusammenpuzzelns von Agenturmeldungen hat er auf ein unheilige Art und Weise sogar recht. Aufgrund dieser seltsamen Bewertung wird auch klar, warum er Google angreift: Er glaubt, dass Google eine globale Zeitung ist. Die machen sich noch nicht einmal die Mühe, die Fremdmeldungen um zu formulieren wie die Legionen von Tageszeitungen. Und zu allem Überfluss gibt es mittlerweile auch kein Monopol mehr, denn jetzt gibt auch noch “vergleichbare Angebote”. Es ist normalerweise nicht mein Stil und Wille soviel zu zitieren. Aber das und wie Konken seine eigene Argumentation selbst zerlegt hat, wollte ich dann doch mal etwas ausführlicher beleuchten. Ich hoffe auf mildernden Umstände Euer Ehren.

Und um jetzt endlich auch mal die bisher wenig mental und kulturell Beglückten zu befrieden, soll das Schlusswort dem persischen Dichter Hafis gehören in der Übersetzung von Friedrich Rückert:

Greife nach dem Glas, das Freuden ist geweiht, und komm…

Schilt nicht weinbefleckte Zecher,
du mit Reinheit angetan!
Denn es werden fremde Sünden
dir ja nicht geschrieben an.

Ob ich fromm sei oder gottlos,
geh und sorge für dich selbst.
Weil am Ende jeder nur, was
er gesät hat, ernten kann.

Schneide du die Hoffnung auf die
ew’ge Gnade mir nicht ab!
Weißt du denn, wer hinterm Vorhang
häßlich oder schön, o Mann?

Nicht zuerst bin ich gefallen
aus der Heiligkeit Gemach,
Denn aus seinen Händen ließ das
Paradies bereits mein Ahn.

Jeder sucht den Freund hier, ob er
nüchtern oder trunken sei,
Und der Liebe sind Moscheen wie
Christenkirchen aufgetan.

Reizend ist der Garten Edens,
aber mach, ich bitte dich,
Dir zu Nutz’ der Weide Schatten
und den grünen Wiesenplan!

Hafis, wenn am Sterbetage
du zur Hand den Becher nimmst,
Tragen sie vom Gau der Schenke
graden Wegs dich himmelan.

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