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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

FAQ: Das Internet Manifest – Fragen und Antworten

internetmanifestAha. Ich bin ja nicht der Einzige, der alle paar Monate ein Manifest schreibt. Die Digital Natives haben neulich eines veröffentlicht. Nun also eines, das von der Crème brulée der Webexperten und Webjournalisten gezeichnet wurde.

Ein Grund mehr, einen Blick drauf zu werfen

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Die beschreibende Qualität des Adjektivs “anders” wurde schon vor dem Erfolg des Duos Modern Talking bezweifelt. Der Begriff technologische Realität hingegen ist ein spannende Notion. Wer mal einen Augenblick McLuhans These infrage stellt, dass die Medien die postmodernen Tentakeln der Menschen sind, der kommt in den Genuß der Idee, was die postmoderne Arbeitsweise angesichts der aktuellen Technologien ausmacht. Schreibmaschinen haben kein Korrekturband mehr. Die Inhalte, die in sie hinein gehackt werden, können mit anderen ausgetauscht werden. Alle sind in der Lage, alles das zu lesen, was sie im internen und externen Dantennetz finden. Wenn sie die Zeit dazu haben und die Mittel, das Passende heraus zu suchen. Ich kenne keinen Verlag, der Suchmaschinen als Recherchemittel verbietet. Ich kenne aber Verlagseigentümer, die Newsaggregatoren planen und um sie der Öffentlichkeit besser präsentieren zu können, ihre zukünftigen Mitbewerber ganz undiskret per “profit by regulation”-Strategie entfernen oder behindern wollen. Dabei ist der Journalismus oder das Urheberrecht ähnlich wichtig wie ein Schraubenzieher oder eine Laterne. Ich glaube übrigens nicht, dass Technologie den Journalismus verbessert. Es macht ihn nur glaubwürdiger als Werkzeug der Demokratie, wenn sie benutzt wird, um Transparenz erschaffen. Aber auch “bestmöglich” ist eine Eigenschaft, die ähnlich aussagekräftig ist, wie “anders”.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

Ich behaupte, dass 80% der lesenswerten Websites nicht bekannt sind und daher im Web noch immer die Markennamen über die Art und die Inhalte (Agendasetting) bestimmen. Oligopole begründen ja ihren Ruhm durch Mediokratie. Und die ganzen Eliteschulen, seien es Journalistenschulen oder TUs werden extrem von den wenigen Teilnehmern der Oligopole finanziert durch diverse Stiftungen oder Lehrstühle. Die Veröffentlichung im Netz ist nicht gleichzusetzen mit Rezeption unabhängig von der Investition. Achja, ein bekannter Name entsteht durch Geduld und eine eigene Stimme. Beides ist sehr kostspielig, wenn man eine Familie und ein paar Wünsche hat. Und ein bekanntes Blog kann in Deutschland (noch) keine Familie ernähren.

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

Oder sie warten einfach, bis die Werbetreibenden die Idee der Soial Networks ad absurdum geführt haben und Follower und Freund und Fans einfach verkauft werden und damit Online Reputation “genriert” wird. Zum Dialog empfehle ich mal die Dialogphilosophie des Martin Buber (Ich und Du). Es führt hier etwas zu weit, aber ich kann die Dialogphilosophie nur demjenigen empfehlen, der wirklich verstehen möchte, dass das Sender-Empfänger-Modell der Informationstheorie ungefähr elftausend Lichtjahre vom Dialog entfernt ist.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

Ich möchte darauf hinweisen, dass das Netz bereits beherrscht wird von Kräften, die kein besonderes Interesse daran haben, dass dort autonome Individuen herrschen wie diverse weltweite Kongresse gezeigt haben. Ich achte sehr das demokratische Credo, bezweifle aber, dass speziell in Deutschland die Onlinemedien eine Lanze für freie Strukturen brechen. Ich erinnere nur an diverse Berichterstattungen zum rechstfreien Raum, Zensurmaßnahmen und dem Abmahnwahnsinn. Insofern wäre es mal eine ganz erstrebenswerte Tätigkeit der professionellen Journalisten, den “E-Mail-Ausdruckern”, den “HTML-Mail-Versendern” und den sehr vielen anderen täglichen Webnutzern, die nur mal eben was bei Google suchen, zu erklären, wie im Web Freiheit realisiert werden sollte. Ex negativo wird das kaum funktionieren.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

Das Internet ist definitiv nicht geordnet, weder durch Medienhäuser noch durch sonst jemanden. Bürger richten sich selber Filter ein und Suchmaschinen können Informationsmengen erschließen? Ich bin 10 Jahre im Bereich Wissensmanagement und Suchtechnologien tätig gewesen und kann diese Behauptungen mit einem klaren “Nein” beantworten. Der beste Filter für passende Inhalte sind die Peer Group bei twitter. Keine Technologie ist auch nur annähernd in der Lage, derart gut interessante Inhalte aus dem Wust an DATEN herauszufiltern. Es wäre ganz gut, von einer/einem der positivistischen Damen und Herren eine schlüssige Theorie zum Kontext von Daten, Information und Wissen vorzulegen. Denn Menschen sind mitnichten die Sender und Empfänger der Nachrichtentheorie. Wer möchte kann dazu gerne im Konstruktivismus oder der Sprachphilosophie nachlesen, wie wir Menschen aus Lauten und Wörtern subjektiv und gemeinsam Bedeutungen generieren. Außerdem, wenn Information der Sieg ist, was ist dann der Konflikt der den Krieg zwischen welchen verfeindeten Fronten hervorgerufen hat?

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

Ich verweise auf die oben angeführte Diskussion über Attributionen wie “anders” oder “bestmöglich” oder eben “besser”.

“Die Darstellung von Information als sich ständig veränderndern fortlaufender Prozess” hört sich verdächtig nach einer folk psychology Erklärung für den Begriff der Wahrnehmung an.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

Wenn man schon Jay Rosen sinngemäß zititert mit seinem Modell der “ethics of the link”, dann kann man das auch hinschreiben.

8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

Ich vertrete die Theorie, dass Suchmaschinen und Aggregatoren den Quantitätsjournalismus fördern. Denn den verantwortungsvollen Umgang mit solchen Werkzeugen (siehe ethic of the links oder sogar die Verlagsvorgaben, Blogs als Quellen nicht zu nennen) hat noch keiner in einer Journalistenschule erlernt. Auch hier kann man David Weinberger als Vater von Objektivität durch Transparenz ruhig nennen.

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.

Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

Würden Beteiligung und Informationsfreiheit bereits realisiert sein, wären Parteien überflüssig und wir könnten alle auf der Basis präziser Informationen themenorientiert gemeinsam entscheiden. Der Journalismus ist ein Übergangsphänomen, das sich selbst als Filterfunktion beschreibt also als humaner Algorithmus. Konkludent ergibt sich daraus, dass der Leser allein nicht in der Lage wäre, die Daten so zu vernetzen und zusammen zu denken, dass eine aufgeklärte und mündige Meinung entsteht. Wenn man den Journalismus als etwas betrachtet, was verborgene Informationen den Bürgern zufügt, dann habt ihr Recht, in jedem andern Fall ist Journalismus eine Art Gehhilfe für Menschen, denen unterstellt wird, sie könnten ihr Gehirn nicht selbst “bestmöglich” einsetzen um sich selbst “bestmöglich” über Sachverhalte in Kenntnis zu setzen.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.

Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

Und auch hier erfolgt weder eine extensionale (Umfang) noch intensionale (inhaltlich) Beschreibung dessen, was Journalismus ist oder was er eben leisten sollte (wenn es schon um seine moralische Augaben gehen soll). Wollt Ihr wirklich, dass jeder die Feuerwehr, Polizei und sonstwen behindern kann, indem er oder sie ein öffentliches Interesse anmeldet um seine Neugier zu stillen und dann darüber zu bloggen.  Ich sehe ja den guten Ansatz, aber ein klein wenig Differenz über den Sinn von Pressefreiheit im Alltag und im Besondern mag doch wünschenswert erscheinen. Wie soll es denn praktisch umsetzbar sein, wenn jedes zweite Blog ein EB-Team zu einer Politkerverlautbarung schickt? Ich fände es übrigens sehr erstrebenswert, über die Meinungfreiheit zu diskutieren, damit diese elenden Abmahnungen mittelständischer Firmen realistische Ausmaße annehmen.

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Nicht die Druckerpresse war die Revolution sondern all die Leser und Schreiber. Das Lesen und Schreiben als eine Art Gemeinschaft zu pflegen (cultura) hängt aber nicht mit Prüfungen oder Mengen zusammen. Der Nachweis, dass eine Zunahmen an Informationen zu Freiheit führt, wäre noch zu erbringen. Ich denke Aldous Huxley wäre einer der Lackmustests für etwaige Methoden des Nachweises dieser futuristischen These.

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.

Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.

Postmoderne ist auch kein Geschäftsmodell. Das Geld läßt sich vor allem mit dem Verkauf von Lesern an Werbekunden erzielen. Das Abomodell klappt bei dem WSJ, aber der verzichtet auch nicht auf Werbung. An wen ist dieser Satz gerichtet? An Initiativen wie Zoomer.de und Konsorten, sich mehr anzustrengen? Der Wettstreit besteht zwischen quersubventionierten Webangeboten und reinen Webangeboten, ob der offen ist, kann bezweifelt werden.

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.

Das Urheberrecht ist das erste Recht, das überarbeitet und der herrschenden Praxis angepasst werden sollte. Ob Urheberrechte mit dem Begriff “digitales Eigentum” hinreichend oder notwendig umschrieben werden sollten, kann auch mit einiger Berechtigung bezweifelt werden. Überhaupt ist der Begriff des digitalen Eigentums noch weitaus fragwürdiger als das Urheberrecht – siehe Patentdiskussion. Der Zusatz der Pflicht aus Eigentum kann daher nur saures Aufstoßen verursachen.

14. Das Internet kennt viele Währungen.

Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

Hatten wir das nicht schon in Nummer 12? Wo ist der neue Aspekt?

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

Das Beharren im Netz ist eine neue Qualität im Vergleich zum unvergesslichen Herrn Lohse, der den Kulturteil der Frankfurter unter dem Allerwertesten der Nachbarin vermutete. Wenn ich eine wissenschaftliche Arbeit von 2005 lese, sind 70% der dort verlinkten Inhalte nicht mehr aufzufinden. Außerdem ist die Archivfunktion oft teuer und bei Blogs nicht immer verläßlich. Aus meiner Erfahrung ist gerade die verläßlich und nachvollziehbare Archivierung der Inhalte im Netz (digitale Bibliothek) ein extrem vernachlässigtes Stiefkind der Bruderschaft der “Mehr Information – Mehr Gutes Leben”. Transparenz hat es ja leider nicht zu einem eigenen Punkt gebracht deshalb mein 18. Punkt: Transparenz überragt jede Qualitätsdebatte.

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

Herr Niggemeier hat ja nun gezeigt, wie eine falsche Agenturmeldung wortwörtlich zum falschen Bild publiziert wurde in ca. sechs Zeitungen und Online-Magazinen. Agenturmeldungen sind Massenware, Newsrooms, die für Dutzende Zeitungen eines Medienkonzerns die Nachrichten befüllen sind Massenware. Massenmedien sind Massenware – und zwar genau dann, wenn Journalisten ihre Inhalte als Ware darstellen (lassen). Ich möchte behaupten, dass die Ansprüche nur in sehr begrenzten Bereichen steigen und zwar dort, wo der Umgang mit widersprüchlichen Inhalten erlernt wird. Das ist in vielen Lebensumständen auszuschließen, weil Familie, Vollzeitarbeit und Leistungsfreizeit wenig Muße zum Reflektieren lassen. Und ohne Reflexion erfolt auch keine individuelle Einordnung von Gelesenem sondern nur eine Valisierung an anderem Gelesenem – das ist dann aber kein Herstellen Qualität sondern einfach nur ewiger hermeneutischer Zirkel, der in die Irre führt oder noch eher in die Beliebigkeit und Leere.

17. Alle für alle.

Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

Ach schon wieder eine neue Generation XYZ. Hm, das motiviert mich gar nicht zum Weiterlesen. Und die Generation Wikipedia hat also Quellenkritik mit der Muttermildch eingesogen. Da scheint mir der Wunsch Vater des Gedanken zu sein. Ich möchte diesen Absatz hinterfragen mit folgender Frage: Auf welche Weise kann ein Mensch einen Artikel beim Spiegel, eine Sendung bei Report oder einen Vortrag seines Professors hinterfragen? Geht er so vor, dass zunächst nach den Absichten des Erstellers gefahndet wird, dann nach den Quellen und deren Quellen und den Filtern, die bestimmte Anteil der Quellen ausblenden? Wird dann die Person in ihrer Prägung und Adoleszenz hinterfragt auf psychlogische Motive für bestimmte Texte? Wird die Geschichte der Texte zu dem bestimmten Thema reflektiert? Und wenn das alles passiert, dann möchte ich wissen, mit welchen Mitteln und in welchem zeitlichen Rahmen das stattfindet bei der Generation Wikipedia? In den Blogbeiträgen lese ich nämlich selten etwas über Textkritik und Editierkritik und über die diversen Mittel und Wege Inhalte auf ihre Genese hin zu untersuchen.

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11 Kommentare

  1. Ging mir genauso. Grauenvoll.

  2. “Der Begriff technologische Realität hingegen ist ein spannende Notion.”

    Tut mir leid, aber an dieser Stelle hab ich aufgehört, weiterzulesen.

  3. Es wäre schon schön, über Inhalte zu reden. Aber offenbar zieht diese “Netzwerk ist alles” Inflation genug Leute an. Und wer Journalismus gelernt hat, der muss Leser an Werbetreibende verkaufen, oder Mitglieder für eine neue Gesellschaft, einen neuen Verein oder ähnliches rekrutieren. Mal sehen, was der nächste Teil ist. Ich glaube das Manifest ist nur der Anfang.

    Werde am Samstag um 14:00 im Deutschlandradio (Breitband) zum Manifest ein Streitgespräch mit Niggemeier führen, leider nur 10 Minuten lang…

  4. Das glaube ich auch, “dass 80% der lesenswerten Websites nicht bekannt sind”. Sehr interessante Erweiterung des Manifestes. Für meinen Teil bezweifle ebenso, “dass speziell in Deutschland die Onlinemedien eine Lanze für freie Strukturen brechen”.

    Wir schielen zu sehr auf “die Journalisten”, wie auch “Das Internet Manifest” deutlich macht. Doch die scheren sich nicht weiter, bekommen naturgemäß nicht aus dem Kopf, dass sie es sind, die die Qualität in nur eine einzige Richtung hinausposen können … dürfen sollten.

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