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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

In was für einer digitalen Gegenwart leben wir? Irgendwas mit Inhalt

lupeneffektDer Handelsblatt Chefredakteur Ziesemer hat es neulich mal so richtig krachen lassen, und 10 gemeine Plätze gegen die dummen und lausigen digitalen Nichtsnutze rund um ihn und seine Kreise in einer Tagung von Wirtschaftsjournalisten in die Medienwelt entlassen. Gemäß dem innovativen Weltbild des New German Journalism hat er sich dabei aber nicht etwa Netzwerkjournalismus, Bürgerjournalismus oder gar Social Media zum Feindbild genommen sondern ganz schlicht von ihm identifizierte Gruppen verachtet und entwertet: junge Verlagsmanager und Unternehmensberater, Designer von Magazincovern, Medienblogger, ein Konkurrent, sowie Medienjournalisten ohne Recherchebudget.

Diese Abduktionen haben wir schon früher gelesen. Es liegt mir fern, die angesprochenen “Berufsgruppen” gegen Ziesemer und Frey zu verteidigen. Es gibt sehr viele mental un(ter)belichtete Geister, die großen Bohei machen und weder theoretische noch praktische Grundlagen ihrer Schreiberei liefern können. Da dilettieren promovierte Physiker als Medientheoretiker, begründen Lokalreporter ganze Verlage oder Werbetexter erklären uns die moderne Welt. Da stören die paar BWLer mit knitterfreiem Anzug aus tex100 und Powerpoint- oder gar Keynote-Blendgranate kaum. Man kann das verachten. Man kann das auch mögen. Beides ist jedoch völlig ungeeignet für eine öffentliche Diskussion. Genauso wie die profunde Einsicht von Ziesemer, dass Recherche und Qualität das Herz einer Zeitung sein. Zu allem Überfluß noch eine Aussage, die er sich von Frau Professor Miriam Meckel ausleihen musste.

Wenn man den mittlerweile unantastbaren Artikel von Peter Glaser In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? etwas näher beleuchtet, kann man Ziesemer sogar verstehen. Dort leitet der ehrenwerte Ehrendigitalist Glaser seine Notionen mit einer Geschichte von George Bernard Shaw ein, die eigentlich von Platon stammt:

“Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und sie diese Äpfel tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen. Wenn aber zwei Menschen je einen Gedanken haben und diese tauschen, hat am Ende jeder zwei Gedanken.” (Platon)

Das Problem ist nicht die mangelnde Recherche sondern der andere Inhalt, denn bei Glaser handelt es sich um Ideen und bei Platon um Gedanken. Und an dieser Stelle verabschiedet sich die gesamte Leserschaft inklusive der Damen und Herren Qualitätsjournalisten. Was soll schon die Korintenkackerei? Ideen oder Gedanken? Ist doch einerlei. Wirklich? Glaser geht einen Schritt weiter:

Das Teilen mit technologischer Hilfe führt nicht nur zur Vermehrung von Ideen, sondern auch zur Vermehrung von Problemen. Computer helfen uns dabei, Dinge schneller zu erledigen, die wir ohne Computer gar nicht hätten erledigen müssen, das wußte Marshall McLuhan schon in den sechziger Jahren. Als damals am MIT der erste Großrechner zur Verfügung stand, der Timesharing beherrschte und mehrere Nutzer gleichzeitig bedienen konnte, gab es einen Befehl, mit dem man einfach das ganze System zum Absturz bringen konnte, ohne Raffinesse und ohne jede Eleganz. Das wurde zwei, drei Mal ausprobiert, dann machte es keinen Spaß mehr. Brauchen wir einen solchen Befehl für’s Internet?

Was soll diese Frage? Hat das Mitteilen von Ideen in Form des Austauschs via Papier oder eben Monitor jemals etwas gebracht? Aber klar, denken wir nur an die Entwicklung der Dampfmaschine, die ohne die kostenfreie Verbreitung neuester Innovationen via Zeitung niemals stattgefunden hätte. Haben dort Journalisten den Erfolg vollbracht? Nein! Anfang des 19. Jahrhunderts haben sich englische Minenbesitzer im Lean’s Reporter darüber ausgestauscht, welche Verbesserungen man an Dampfmaschinen ausführen müsste, um die anfälligen Eisenmonster aus dem Hause Watts zu optimieren. Es war also eher eine Maßnahme der Praktiker gegen die Macht eines Monopolisten, die sich bar jeder Gedanken über geistiges Kapital gemeinsam mittels des Mediums monatliche Zeitung austauschten. Die Free Software Bewegung nutzt dieses Beispiel seit Jahren, um die Ursprünge ihrer Gedanken historisch zu begründen.

growthWas diese Zeitung aber so besonders machte, war ihr direkter Nutzwert für den Lebenszusammenhang seiner Leser. Bei all den polemischen Attacken von Journalisten gegen Blogger oder von Bloggern gegen die Aktivisten für tote Bäume fehlt eigentlich immer der Hinweis auf die Braut, die es zu gewinnen gäbe: Lady Marian in Gestalt der Leser, oder aus Sicht des Handelsblatts das Geschmeide von Maid Marian.

Mit schöner Konsequenz wird um das Thema Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter herumgeredet. Stattdessen werden Abomodelle und PaidContent diskutiert. Es ist den Verlagen wohl klar, dass man Herrscher der Bahnhofskioske ist. Wie man diese Kioske nun ins Netz kopiert, ohne dass andere erkennen, dass dieselben Inhalte auch in vielen anderen Zeitungen – und mittlerweile sogar in Blogs – stehen, ist offenbar eine opake oder gar mystische Geheimwissenschaft. Um im Bild des 19. Jahrhunderts zu bleiben: Es hätte damals keinen Sinn gehabt, die Bereiche zwischen den Häusern mit Lampen zu elektrifizieren, ohne dass Straßen da gewesen wären. Es hat keinen Sinn, eine nicht vorhandene Infrastruktur mit Zusatzdiensten aufzuwerten. Warum aber ist diese Infrastruktur nicht vorhanden bzw. warum merkt es keiner? Lauschen wir wieder Peter Glaser:

Die Wände, die uns umgeben, werden durch die neuen Kommunikationsmedien durchlässiger und poröser. Unsere Kultur wurzelt in dem hohen Wert, den wir dem Individuum zumessen. Privatsphäre ist der Humus, auf dem dieser Wert gedeiht. Angriffe auf diese Grundlage folgen inzwischen der selben Strategie, nach der auch moderne Kriege geführt werden: Nicht mehr die großen Heere gewinnen die Schlacht, sondern kleine Einheiten. Dieser Salamitaktik hin zu staatlicher Kontrolle begegnen immer mehr Menschen affirmativ. Unsere Gesellschaft scheint von einer unbändigen Lust an der Geheimnislosigkeit erfasst zu sein. Vor ein paar Jahren war Big Brother Synonym für totalitäre Kontrolle; mit den gleichnamigen Containershows hat sich das Ganze in unterhaltsame Sozialpornographie verwandelt – die Leistung der Teilnehmer besteht darin, alles zu zeigen.

Man könnte jetzt trefflich über den Tod des Humanismus streiten. Aber man muss weder Lyotards Inhumanismus der Systemiker noch den der Seelentechnologen herbeizitieren, um zu erkennen, was diese digitale Öffentlichkeit charakterisiert: Es ist die Implosion des Individuums. Bei Ziesemer implodieren die jungen Berater und selbsternannten Medienjournalisten in einem endlosen Mosaik aus fremdem Gedankengut, dass nicht in der kreativen Form von Remixes oder Mashups daherkommt sondern in inhaltlicher Beliebigkeit, die nicht durch den Kontext einer gereiften Persönlichkeit sondern durch das Posen von Einstellungen zu überzeugen sucht.

An genau dieser Stelle könnte eine mindestens dreißig Jahre alte Notion der postmodernen Denker exhumiert werden: Denn Lyotard hatte sehr früh schon erkannt, dass nur die kleinen Erzählungen, die man bei Facebook findet, und die aus Expertensicht so gerne diskreditiert werden, dem heutigen Individuum überhaupt erst zur Existenz verhelfen. Denn ohne das Du der Anderen, die sich im beruflichen, schulischen und sogar vereinsgeprägten Sozialleben eher mit sozialer Fassade denn mit echter Offenheit präsentieren, gibt es gar kein ICH. Und damit ist auch die Ursache der fehlenden Infrastruktur klar.

Der positivistische Blick der Ewiggestrigen, die noch im Glauben an Objektivität verharren und mit sauberer Recherche und Qualitätsjournalismus an ein Weltbild anknüpfen, das weder wissenschaftlich noch lebenswirklich ist, kann daher nur in Wut und Gram umschlagen. Jeder Tiefenpsychologe kennt die Gefühlsebene, die hinter der Wut und der Aggression steckt. Und hinter einem Unverständnis gegenüber einer Welt, der gerade das Individuum abhanden kommt, weil es in einer inflationären Masse wie ein einziger Ruf nach Anerkennung an uns vorbeidonnert, steckt leider allzu oft das Gestell der stillen Bibliotheksarbeit als einzig Halt liefernder Handlung. Wenn draußen das ICH in dröhnender Kakophonie in die Tausende Splitter eines weltumspannenden Spiegels zerbirst, dann bleibt eben nur das Gröhlen im dunklen Keller, bis einer die Sicherung wieder reindreht und die Umrisse des wilden Monsters wieder zum ausrangierten Fitnessrad geworden sind. Auch für diese Dunkelheit hat Glaser einen kollektiven Trick in der Tasche, der uns vorgaukelt mithilfe von Kaugummipapier eine gute Sicherung zu improvisieren:

Die eigentliche Macht der Vernetzung liegt in der informatischen Kraft, die sie jedem von uns an die Hand gibt. Journalisten brauchen nichts von ihrer Expertise aufzugeben, aber sie müssen mehr und wesentlich offensiver ihre Ansprüche mit den Nutzern und neuen Mitgestaltern ihrer Arbeit teilen. Es wird weiterhin erstklassige Reporter und Autoren geben, die uns mit klaren Blicken auf die Welt versorgen. Die Zeit, in der Journalismus von einer begrenzten Berufsgruppe ausgeübt wurde, geht jedoch zu Ende. In der Internet-Ära sind wir alle dazu verdammt, Journalisten zu sein.

Das dunkle Zeitalter des geschwächten Individuuums, das in zuvielen Spiegelbildern sich selbst nicht erkannt hat, kann nicht dadurch erleuchtet werden, dass alle gemeinsam auf das vermeintlich Objektive der “Außenwelt” starren und es mit Buchstaben zu bannen versuchen. Dieser religiöse Vorstoß, der schon im Alten Testament den ersten Menschen die Aufgabe erteilt, allem Seienden unter der Sonne Gottes einen Namen zu geben, entlarvt das mittelalterliche Denken, dass uns die Adepten der digitalen mutigen neuen Welt als Innovation unterschieben.

Und dann fällt folgerichtig dem Ziesemer wie dem Glaser ein, dass man ja in alten restaurativen Mustern bisher am besten an die Wand gefahren ist.

Ein Problem sei, dass „die Kollegen, die über Medien schreiben, mit wenigen Ausnahmen das Langzeitgedächtnis einer Ameise haben“. Sie würden „den Bullshit, den Verlage präsentieren, eins zu eins runterschreiben“, so Ziesemer. Stattdessen sollten sie lieber mal ins Archiv schauen, was in der Vergangenheit gesagt und getan wurde [...]

und in dasselbe Horn entlädt sich auch Glaser:

Vor 5000 Jahren, zu der Zeit, als die Pyramiden gebaut worden sind, haben die Ägypter zwei Dinge erfunden, die wir heute noch haben: den Staat und die Maschine. Der Staat ist als ein erstes Vernetzungsprojekt entstanden. Kleine Dorfgemeinschaften wurden dadurch in die Lage versetzt, Bewässerungsnetze zu betreiben, die sie alleine nicht zustande gebracht hätten. (Blöderweise ist mit dem Staat auch gleich die Steuer mit erfunden worden.)

Kaum verwunderlich. Was lernt man aus der Geschichte? Nun das kommt auf die Perspektive an, die man vor der Recherche einnimmt. Das heißt die Recherche wird bestimmt durch die Erwartungshaltung des Rechercheurs, durch sein Vorwissen oder ähnliches könnte der hermeneutisch geschulte Halbwilde begegnen.Wenn es noch einer Hermeneutik bedurfte. Die ist jedoch selbst abhanden gekommen.

Der nächste Schritt ist die Kritik Michel Foucaults, in der der Mensch als aktiver Faktor und damit auch die menschliche Intentionalität als sinnstiftendes Element verschwindet. Für Foucault verliert die Geschichte daher auch jede Bedeutung, sie ist eine späte Erfindung des okzidentalen Menschen in der sogenannten klassischen Phase der späten Neuzeit, die schon wieder überholt ist. Paradoxerweise sind seine Werke über den Wahnsinn, über die Klinik und über das Gefängnis trotzdem ganz historisch angelegt.”

Georg G. Iggers: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang.

Foucault’s Ende der Geschichte als Selbstvergewisserung des Subjekts findet heutzutage eben in den 1001 virtuellen sozialen Netzwerken, Communities und digitalen Plattformen statt, und zwar durch die 1001 Statusmeldungen und Pinwandeinträge, die einerseits durch ihre Banalität schon nach wenigen Stunden überflüssig sind, aber aufgrund des großen weisen Bibliothekars Google in der ewigen Maschine auf ewig festgehalten werden. Das bedeutet aber, dass die Macht über gespeicherte Inhalte nicht mehr bei den Verlagen liegt und damit die Macht der Redakteure nicht mehr im Ausgraben per Recherche besteht. Es bedeutet auch, dass das fluidmechanische Bild der Bewässerungsnetze als imago des digitalen Netzes völlig irrelevant ist. Denn das digitale Netz ist mitnichten in der Mitte am tiefsten. Und die Stadt also ihre ersten Formen in Mesopotamien, war eben genau der Teil eines Clans, der aus dem Privaten heraustrat mit verschiedenen Zwecken. Eine städtische Ansiedlung defininiert sich daher als räumliche Verteilung verschiedener Aktivitäten auf begrenztem Raum. Genau dieses Bild wäre eine Infrastruktur, die die elektrischen Leuchten (Medien) sehr gut gebrauchen könnte. Aber dazu müsste es erst einmal einen Raum geben, den Clans gemeinsam für verschiedene Zwecke nutzen. Die Medienherrschaften täten also sehr gut daran, die ersten Baumeister der digitalen Städte wie facebook und Xing zu beobachten. Ein Rumhacken auf den Vogelfreien (Bloggern), Pionieren (Alphabloggern) und den Verbannten (Medienbloggern) lässt erkennen, wie gering sich die Medienvertreter selbst einschätzen beim Bau dieser Metropolen. Statt ihre Position im Innen zu erörtern oder zu definieren, lassen sie ihren romantischen Blick in die Ferne schweifen und entdecken die doofen Eigenbrötler. Dieser fast zwanghafte Fokus könnte ein Hinweis sein…

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