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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Erfahrung ist (k)ein Hemmschuh

lernenErinnern Sie sich noch an die Anfänge der Scientologen in Deutschland? In den Fernsehzeitungen der Achtziger Jahre gab es immer eine Seite mit billigen Minianzeigen, wo Erregungspillen, Wunderschuhe für kleine Männer und Rheumadecken angeboten wurden. Ich habe sie immer bei meiner Oma im reader ‘s digest gelesen. Dort war immer auch ein Kopf von Einstein abgebildet und daneben stand sinngemäß: Wir nutzen nur 10% unseres Gehirns. Mit Dianetik, das ist die besondere Methode der Scientologen, sollte man in der Lage sein, das ganze Potenzial des neuronalen Wunderwerks der Natur zu erschließen.

Dann kam das Jahrzehnt der Psychologie und alle und jeder waren plötzlich Experten für Wissen und Erkenntnis, wenn man nur das Wort Dopamin oder Serotonin fehlerfrei schreiben und einer Aufgabe zuordnen konnte.

Erfahrung bildet einen Filter

Viel weiter sind wir heute nicht. Savants (das sind Gedächtnis-, Kunst-, oder Musikgenies, die durch Kopfverletzungen oder Autismus besondere Fähigkeiten im Gebrauch der neuronalen Informationsverarbeitung erlangt haben) helfen den immer noch ratlosen Hirnphysiologen und Psychologen bei der Erklärung der Funktionen des Gehirns weiter. Ein Verständnis des Zusammenhangs von physiologischem Aufbau des Gehirns und dem, was wir Bewußtsein oder gar Wissen nennen, scheint aber immer noch in weiter  Ferne zu liegen. Je mehr bildgebende Verfahren den Menschen beim Denken und Fühlen zeigen, desto ratloser oder spekulativer werden die Bewertungen der Fakten. Räumliche Verortungen zeitlicher Geschehnisse sind den Experten offenbar nicht möglich. Kein Wunder.

Hilft Wissen beim Erkennen einer Situation?

Die Diskussionen um Wissensmanagement haben die alten Studien von Mihalyi Polanyi wieder ins Zentrum gerückt. Mit Bezug auf Gestalttheorie erkennt er ein Hintergrundwissen, das er auf Erfahrungen zurückführt, das er als stilles Wissen bezeichnet. Demgegenüber stellt er das explizite Wissen, das in Wörter und Zeichen abstrahiert, weitergegeben werden kann. Vereinfacht gesagt ist explizites Wissen der Fokus auf die Hand, die den Nagel beim Einschlagen hält. Denn sie muss nicht nur den Nagel gerade halten, sondern ist der Wucht des Schlages ausgesetzt. Die Hand, die den Hammer führt, ist die eigentlich treibende Kraft. Sie wird aber eher unbewußt genutzt und kann daneben hauen. Sie gehorcht dem gewöhnlichen Handwerker nicht in einem intentionalen Sinne, obwohl sie Teil der Persönlichkeit und des bewußten Handelns zu sein scheint. Erst der erfahrene Tischler oder Zimmermann haut sich kaum noch selber auf den Finger. Seltsamerweise ohne ein aufmerksames Beachten ihrer Handlungen. Erfahrung hilft also den Fokus zu verlagern.

Nun haben aber die Forschungen rund um die Savants und ihre Genieleistungen gezeigt, dass sie zu den quasi übermenschlichen Leistungen nur fähig sind, weil ihre Wahrnehmungsfilter gestört sind. Dies sind aber genau die Strukturen, die aufgrund von Erfahrung, das Aktuelle soweit einreduzieren, dass wir Entscheidungen treffen können, ohne der Wucht der Informationsmengen zu erliegen, die jede Sekunde auf uns einströmen.

Erfahrung ist im Wissensmanagement der heilige Gral. Es gibt Dutzende Verfahren, die zum Ziel haben, Wissen und Erfahrungen langjähriger Mitarbeiter in Datenbanken oder neue Kollegen zu transportieren.

Erfahrung behindert den freien Blick

Wenn man auf das Thema Innovationen schielt, ist genau dies der falösche Weg, da meistens der unverstellte Blick auf bestehende Probleme neue Wege und Lösungen erst ermöglicht. Erfahrungen behindern eine genazheitliche Würdigung aller erkennbaren Phänomene. Sie sind gut im handwerklichen Bereich, wenn es um das Wiederholen automatisierbarer Handlungen geht. Beim Problemlösen kann Erfahrung jedoch behindern.

Es wird langsam Zeit, den Umgang mit Wissen, Erfahrungen und Lernen zu professionalisieren. Das meint vor allem ein Differenzieren der Leistungen und Anwendungen einzelner Elemente der Diskussionen in Psychologie, Pädagogik und Didaktik. Auch die Personalentwicklung sollte das goldene Kalb Skill-Management in ein neues Licht rücken. Nicht jeder Deckel passt auf jeden Topf. Und ein Passen gewährleistet selten einen optimalen Einsatz.

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Folgende Schlagwörter: Arbeitswelt, consulting, Enterprise 2.0, Konzepte, Wissen 2.0, Wissensmanagement

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