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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Digitale Bohème wird Proletariat?

Es ist mal wieder soweit (carta.info). Das Heer der mehr oder weniger freien Arbeiterbienen, die in und um das Netz ihr Geld verdienen, erfährt eine neue Attribution. Jetzt werden sie durch crowdsourcing-Firmen wie clickworker.com oder Demand Media zu Fließbandarbeitern gestempelt. Und weil heutzutage die Substanz aller Analogien in wikipedia haust, nimmt man von dort auch gleich noch Fords Fließband als Urahn des scientific management in Gewahrsam. Denn bei beiden Anbietern erstellt das fleißige Volk der Texter und Designer Abertausende an Gebrauchstexten, Artikeln, Übersetzungen und Ratgeberbeiträgen.

Das mag aus der Sicht von jemandem, der seine Auftraggeber bei den finanzstarken, parteiunterwanderten öffentlich-rechtlichen Zwangsmedien weiß, ein legitimes Herabschauen auf die Niederungen mediokrer Geschäftsmodelle sein. Zu recht wird auf diese Weise die digitale bohème auf den rechten Platz auf der Hühnerleiter der Arbeitsbienen verwiesen. Aber ist es inhaltlich in irgendeiner Weise eine neuartige Erkenntnis? Der Taylorismus als Extremform der entfremdeten Arbeit ist ja nicht dadurch besonders hervorzuheben, dass ihm Leute freiwillig anheim fallen. Die engen Vorgaben in Zeit und Umfang sind hier weniger charakteristisch – eigentlich sogar eher abwesend, “one best way” ist daher eher zu negieren. Das Zerlegen eines Prozesses in extrem fragmentierte Einzelschritte passiert gerade nicht, weil möglichst viele Schritte direkt in die Verantwortung der freiberuflich arbeitenden Arbeitsbiene verlegt werden. Und zuguterletzt: Die demokratiefeindliche Art der Vereinzelung der Arbeiter haben diese sich selbst ausgesucht und bevorzugen offenbar das anonyme Arbeitsumfeld im Web. Und die Disponibilität der einzelnen Arbeitskräfte ist eher deren freiem Willen als dem digitalen Fließband geschuldet…

Möchte man also auf solche prekären Arbeitsverhältnisse aus der Premium-Sicht eines Auftragnehmers monopolistischer Content-Anbieter herabsehen, dann würde sich die Perspektive eines konstruktiven Blicks in die Zukunft anbieten. Das Gegenteil ist der Fall: Allein die Tatsache, dass Endert uns die Interpretation anbietet, dass eine zweite stählerne Zeit heraufdämmert, in der nicht Stahl sondern Contentbarone ihre Villa Hügel errichten, könnte schon sehr viel früher ihren Anfang genommen haben. Genau genommen beschreibt Endert damit eigentlich eine Content-Produktion, die mit dem Web im Untergehen begriffen sein könnte und deren Blütezeit mit Namen wie Mohn, Burda und Springer beschrieben wäre. Dass sich nun die oben benannten Anbieter anschicken, diesem alten Content-Adel Tausende entlassener Contentbienen quasi artikelweise zu vermieten, erinnert auch eher an die Dämmerung der Leiharbeitsfirmen und weniger an den alten Ford, der seinen Fließbandarbeitern damals ungeheuer hohe Löhne zahlte.

Es könnte einem so vorkommen, als wenn die neue Arbeiterschaft einfach aller sozialer Errungenschaften beraubt sei und dies auch noch als Freiheit empfände. Die demokratische Potenz des Netzes könnte sich also gar nicht entfalten, weil allein die Abwesenheit der Stechuhr und der Besitz an den Produktionsmaschinen die digitale bohème dazu verleitet, einer Simulation von Selbstbestimmung zu erliegen, die durch freie Meinungsäußerung ein derart dröhnende Kakophonie inflationiert, dass die Nachfrager sich wieder dem überschaubaren Angebot der wenigen Contentbarone zuwenden.
Warum nun aber immer noch alle glauben, dass das Kapital keiner normativen Setzung unterliegen soll, bleibt genauso unklar wie eine noch immer ausbleibende Begründung des ökonomistischen Weltbildes. Es scheint, dass die Grundlage des Gehorsams naturrechtlich anerkannt wird, als wäre das Kapital und seine torkelnde Willkür einfach eine Art Naturgewalt. Dieser zivilisatorische Offenbarungseid ist aber mitnichten den Textern und freien Journalisten anzulasten. Es ist ein Schiffbruch der gesamten Sozial- und Geisteswissenschaft des Webzeitalters.

Bildnachweis: western4uk

Crosspost von netzpiloten.de


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Folgende Schlagwörter: angestellte, arbeit, boheme, digital, frei, prolet, proletariat

2 Kommentare

  1. Ich habe ehrlich gesagt weniger Probleme mit Leuten, die Benns Credo vom Glück des Menschen durch Arbeit und Dummheit nacheifern, als mit einem mantraartigen Runterbeten des allerheiligen ökonomistischen Prinzips, das Ertrag und seine mögliche Folge – freie Kapital – ohne jede Reflexion einen Wert oder ein Gut darstellt, welches diese gesamte Welt schlicht begründen soll, einfach ohne weiteres Hinterfragen…

  2. Selbstausbeutung gehört doch zum Selbstverständnis des Me-Brands?!

    Vor gut 100 Jahren kämpften die Arbeiterklasse für ein besseres Leben. Heute kämpfen sie für die Vestärkung des Dumpfsinns und Abbau jeglicher echter sozialer Netzwerke.

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