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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Digital Natives – Gibt es überhaupt eine Generation Internet?

Tickt die Net-Generation anders als andere Generationen vor ihr?

Wenn heute ein Artikel über das Internet veröffentlicht wird, dann enthält er meistens den Begriff Generation@ oder digital native. Oft ist dieser Generation sogar ein ganzer Absatz gewidmet.

Dort wird dann meist beiläufig erklärt, was fast jeder schon einmal beobachtet hat: Wer nach 1980 geboren ist, hat einen vorurteilsfreien und einfachen Zugang zur digitalen Technologie und dem Web. Haben die Älteren also mehr Probleme mit dem Web und den neuen Geräten? Klingt einleuchtend.

Wer ein bißchen weiter denkt, dem fällt auf, dass es ja schon vor dem Jahr 2000 eine schillernde Internetgemeinde gab. Außerdem wurden auch schon vor dem Web-Boom eine Menge Computerspiele und Programme verkauft – auch und gerade an Leute, die damals schon über 18 Jahre alt waren. So ganz scheint die Zweiteilung der Gesellschaft in digitale Eingeborene und digitale Immigranten nicht haltbar zu sein.

Trotzdem lädt eine Initiative namens DNAdigital einige von den jungen Leuten zu Kongressen ein und macht Veranstaltungen, um dem Rest der Gesellschaft zu zeigen, was die jungen Leute denken und fühlen. Gegenüber Wirtschaftslenkern und Bildungspolitikern stehen sie bei Tagungen Rede und Antwort. Man hat den Eindruck, sie werben für eine gesellschaftliche Gruppe, die wenig Verständnis und Akzeptanz genießt. Einige unterstellen ihnen besondere mentale Leistungen – andere vermuten genau das Gegenteil – eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Defizite im sozialen Verhalten.

Auch das Deutsche Jugendinstitut DJI mahnt zur Zurückhaltung mit solchen Modebegriffen für eine ganze Generation, wenn es auf seiner Website folgende Warnung veröffentlicht:

Es ist ein populärer Irrtum zu glauben, dass schon Kinder im Umgang mit neuen Technologien kompetenter seien als Erwachsene – sie sind meist nur unbefangener am Computer und im Internet. Die Mystifizierung einer ›generation @‹ hält der wissenschaftlichen Untersuchung nicht Stand.

Prof. Rolf Schulmeister von der Hochschule Hamburg am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung hat sich genauer mit dieser Altersgruppe befasst und Erstaunliches zutage gefördert. Als die Rufe nach digitalen Lernumgebungen in Schulen und Unis laut wurden, tauchten die ersten Forderungen auf, die gesamte Lehre an die neuen Menschen mit ihrer besonderen Medienkompetenz anzupassen. An sich ist das einsichtig, wenn die Menschen diese Werkzeuge sowieso täglich nutzen. Aber Schulmeister wurde skeptisch. Und auch der gesunde Menschenverstand weiß, dass Lernen bei verschiedenen Individuen unterschiedlich abläuft. Das hängt weniger von der Generation ab, als viel eher von den persönlichen Umständen wie Vererbung, Erziehung, Umwelt und sozialer Reife.

genx-takes-the leadUnd auch die Theorie, dass die Generation Y, also diejenigen, die nach 1980 geboren sind besonders viel und intensiv im Social Web unterwegs sind, lässt sich sogar im professionellen Umfeld kaum noch halten nach einer Studie von Forrester.

Der Begriff der Net Generation kommt zunächst von Don Tapscott, einem kanadischen Professor für Management. Er ist eine schillernde Persönlichkeit im Netz, die  hierzulande bekannt wurde als Autor von Bestsellern wie Wikinomics und dem 1997 erschienenen Buch growing up digital (im Deutschen als Net Kids erschienen).

Man könnte mit Tapscott schnell verallgemeinern, dass die digitale Kompetenz auf alle Jugendlichen gleichermaßen zutrifft. Aber wer das Netz nutzt, ist noch lange nicht besonders fähig oder reif im Umgang mit Medien oder Technologie. Tapscott versteigt sich sogar zu den fragwürdigen Thesen, dass sich die Net Generation besonders tolerant gegenüber ethischen Minoritäten verhält oder klüger und selbstbewusster ist als die vorherigen Generationen.

Bleiben wir auf dem Teppich der gesellschaftlichen Realität. Die Sozialforscherin Danah Boyd vom Berkman Center for Internet and Society hat festgestellt, dass allein die Auswahl des Sozialen Netzwerks aufgrund ihres sozioökonomischen Hintergrundes stattfindet.

Boyd hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit 2007 die Sozialen Netzwerke untersucht und festgestellt, dass zum Beispiel Facebook vorwiegend von Jugendlichen genutzt wird, die aus stabilen sozialen, vorwiegend weißen Verhältnissen kommen und studieren. MySpace dagegen wird von musikinteressierten Jugendlichen dunkler Hautfarbe genutzt, die oft sowieso nicht auf ein College gehen wollen. Beide Nutzergruppen haben gemeinsam, dass meist gar kein Interesse daran besteht, die Software oder Hardware hinter einer Website zu ergründen. Sie wollen nur Freunde finden, Treffs verabreden oder Musik hören. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind, erschöpft sich der Sinn für die digitale Welt.

Wirklich abstrus wird es, wenn man das 2001 erschienene Buch Digitale Natives von Marc Prensky näher betrachtet. Prensky spricht von einer Art Urknalltheorie, die plötzlich diesen neuen Menschentypus hervorgebracht haben soll. Ursache sei die neue Medienwelt auf Basis der Computertechnologien am Ende des 20. Jahrhunderts. Diese Generation der digital natives sei einzigartig aufgrund besonderer plastischer Entwicklungen des Gehirns. Prensky beruft sich auf neurobiologische Forschungen.

Digital Natives sind jetzt genauso normal wie Punks in den 80ern – Das Individuum macht den Unterschied

Wenn das Gehirn aufgrund bestimmter Krankheiten oder Unfälle geschädigt wird, können andere Hirnteile die Aufgaben der beschädigten Regionen übernehmen. Man nennt das die Plastizität des Gehirns. Prensky geht noch weiter und wendet diese Fähigkeit des Menschen auf die Medienwelt an. Er meint, dass sich das Gehirn bei den Jugendlichen dieser Generation verändert habe. Der Grund ist die Beschäftigung der Jugendlichen mit Themen wie Nanontechnologie, Software, Genetik oder Robotik.

Bereits an dieser Stelle ist erkennbar, aus welcher Perspektive Prensky denkt und argumentiert. Es gibt nicht besonders viele Jugendliche unter 22, die sich ausführlich mit diesen Themen beschäftigt haben. Und die, die es tun, verfügen alle über besondere Interessen und Fähigkeiten, die man keinesfalls verallgemeinern kann – genauso wenig wie das Komasaufen oder die Bildung von Gangs.

Professor Schulmeister listet in einem lesenswerten 120seitigen Aufsatz über die Net-Generation auch noch die typischen Verhaltensweisen auf, die man ihnen gerne andichtet – wie besondere Fähigkeiten im Multitasking oder eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne.

Multitasking ist eine Fähigkeit, oder besser eine Gewohnheit, mehrere Dinge gleichzeitig zur Verfügung zu haben und zwischen ihnen schnell hin und her zu schalten, also verteilt man seine Aufmerksamkeit kurz auf mehrere Medien oder Informationsquellen. Die einen mögen dieses Hin-und-Her-Zappen – die anderen nicht.
Wie so oft merkt man beim Durchblick der Studien, dass viele Buchautoren gleichzeitig auftretende Phänomene gerne in einen ursächlichen Zusammenhang stellen wollen und Studienergebnisse gerne reduzieren oder neu bewerten.

Bei einer Gesamtanzahl von lediglich drei Sendern im Jahr 1980 war das Fernsehen damals nicht auf das Zappen ausgerichtet und auch das Musikhören nicht. Wir haben also eigentlich gar keine Vergleichsmöglichkeiten mit früheren Generationen. Aktuell kann man aber sagen, dass auch in der jetzigen Generation einige Leute damit gut zurecht kommen und andere nicht.

Und auch die sogenannten Störungen rund um den Begriff Aufmerksamkeitsdefizit sind eher individueller Natur als durch äußere Einflüsse wie Medienkonsum hervorgerufen. Die Mediennutzung kann diese Tendenz positiv oder negativ beeinflussen. Einen klaren kausalen Zusammenhang kann keine Studie herstellen. Insgesamt legen die Studienergebnisse, die Schulmeister zusammengetragen hat, eher den allseits bekannten Schluss nahe, dass das Persönlichkeitsbild von Menschen durch sehr viele Faktoren verursacht wird und der Nachweis, einzelne Ursachen auf besondere Gemeinsamkeiten zu beziehen eher fragwürdig erscheint.

Ob die neuen Funktionen des Web 2.0 wie Blogs, Wikis und soziale Netzwerke eine Erleichterung oder Vertiefung des Lernens darstellen, bleibt eine Frage, die nur jeder für sich beantworten kann. Nicolae Nistor hatte bereits 2001 an der LMU München viele Erfahrungen mit virtuellem Lernen in Studentengruppen sammeln können. Er wies schon damals darauf hin, “dass die Akzeptanz der Studierenden generell sehr hoch ist – wobei es sich zeigt, dass das virtuelle Lernen nicht den Präferenzen oder dem Lernstil von jedem Studierenden entspricht.“ Auch die Net Generation scheint aus normalen Individualisten zu bestehen, die eigene Wege gehen. Ein Glück.

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55 Kommentare

  1. Even the illusion that one may have a choice in the participants for Monday morning status meetings gives a developer a measure of control over his own life.Thanks and Regards

  2. This is a good post. This post give truly quality information.I’m definitely going to look into it.Really very useful tips are provided here.thank you so much.Keep up the good works.
    Cool Gift

  3. As for me, I don’t agree with some of the point they highlighted… I think differently and belive that I have a right for that ;)

  4. I agree with the author. I think this is very important to know specially for students out there.

  5. Wordpress zählt auch die tweets mit, naja einige jedenfalls. Bei rivva kann man mehr dazu sehen, es waren wohl eher über 60 tweets: http://rivva.de/http://www.digitalpublic.de/digital-natives-gibt-es-uberhaupt-eine-generation-internet/

  6. FYI_ Rolf Schulmeister hat dankenswerterweise eine dritte erweiterte Auflage von “Gibt es eine »Net Generation«?” erstellt: http://www.zhw.uni-hamburg.de/uploads/schulmeister_net-generation_v3.pdf

    BTW_ Hier soll es 43 Kommentare geben – ich kann aber nur 3 sehen. Ein Bug?

    GRUSS_ Mathias

  7. Klasse, sehr guter Artikel, ein schöner Überblick über die Strömungen und meiner Meinung nach genau das richtige Resumee.

  8. Vor allem den letzten Satz kann man gar nicht genug betonen! Denn ohne Scheu kann man nix Ausprobieren. Ohne Ausprobieren kann man nicht erkennen, was einem gut gefällt und was nützlich ist. Aber das entdecken zunehmend auch die älteren Webnutzer, es dauert einfach nur länger – aber da einen qualitativen Unterschied zu erkennen halte ich für einen typischen Fehlschluß in der “naiven” Medientheorie der Webexperten.

  9. Ich stimme weitgehend zu. Nach der auf Karl Mannheim zurückgehenden Definition zeichnen sich Generationen dadurch aus, dass bestimmte, in jungen Jahren erworbene Einstellungsmuster und Verhaltensdispositionen ein ganzes Leben lang prägend bleiben. Solche Prägekraft entwickeln biografisch bedeutsame Ereignisse, die im kollektiven Gedächtnis tiefe Spuren hinterlassen.

    1997 gab es schon den Sammelband “Mediengenerationen”, herausgegeben von Jochen Hörisch. Doch die generationsbildende Kraft der (neuen) Medien wird überschätzt, besonders gern von Medienmachern. Wie die „skeptische Generation“ (Helmut Schelsky) nicht in erster Linie durch den Volksempfänger und die 68er-Generation nicht primär durch den Fernseher geprägt wurde, so ist – entgegen vielen Erwartungen – mit dem World Wide Web in zwanzig Jahren seiner Existenz keine Generation @ entstanden.

    Der Hauptgrund dürfte sein: Wer jung ist, integriert die jeweils neuesten Medien mit beiläufiger Selbstverständlichkeit ohne besondere Emphase in seinen Alltag. Er empfindet – im Unterschied zu Älteren – keinen Medienwandel, sondern lernt die aktuelle Medienarchitektur kennen und nimmt alles in Dienst, was er davon gebrauchen kann.

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