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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Digital 2.0: Obamas Wunderwaffe – Interaktion

Der letzte Teil der Obama Reihe fokussiert den Kern des Erfolgs des neuen amerikanischen Präsidenten. Er liegt außerhalb jeglicher Technologien. Es geht um ein Verständnis von hier-und-jetzt, also das Momentum. An der äußeren Schale der Erfolgszwiebel, die in den nächsten Absätzen geschält wird, war zunächst ein kaum bekannter afroamerikanischer Kandidat. Angesichts der großen Mittel und der enormen Bekanntheit seiner Mitbewerber galt seine Kandidatur eher als demokratisches Feigenblatt. Aber er hatte drei wesentliche persönliche Eigenschaften: Integrität, rhetorisches Talent und  Charisma. Und er nahm den Kontakt mit Menschen auf.




Interaktion als Kern des Web 2.0

Jeder war schon mal im Web unterwegs und hat sich geärgert oder gefreut. Entweder weil man bei ebay ein wirkliches Schnäppchen ergattert hat und es schon nach 36 Stunden in Händen hält. Oder man ärgert sich über einen Online-Shop, der nicht richtig funktioniert oder ein Produkt bewirbt, das erst in 4 Wochen lieferbar ist. Bei all diesen Erlebnissen sind wir allein. Manches erzählen wir Bekannten oder Kollegen. Im Marketingjargon heißt das dann word-of-mouth oder virales Marketing. Nun, zum Teil mag das stimmen. Es kann aber auch das Gegenteil sein, wie beim oben beschriebenen Negativbeispiel. Dann ist es eben einfach ein Abraten. Was bleibt ist die Meinung.


Dies ist der Kern des Web 2.0. Es ist der Nukleus, der jahrhundertealte Medienimperien erzittern läßt. Es ist ein Plebiszit, das unter Umständen in wenigen Stunden wie ein Computervirus um den Globus läuft. Wenn ein angesehener Mensch mit vielen Freunden und einer starkt vernetzten digitalen Identität über ein bekanntes Produkt eine gut begründete oder leicht nachvollziehbare Meinung kundtut, dann hat eine Kernschmelze stattgefunden. Anders als ein Leserbrief an eine Zeitung kann diese Meinung wuchern. Dann rollt ein Lawine von Zustimmung und/oder Ablehnung durch das Web und damit wird ein Thema gesetzt.


Viele Blogger haben Probleme mit Microbloggingdiensten wie Twitter. Sie hatten sich daran gewöhnt, die Speerspitze von Web 2.0 zu sein. Nun kommt ein Startup daher und alle Leute schreiben nur noch Kurzbotschaften und vernetzen so Handy und Web. Was für Amerikaner und Europäer noch über Twitter funktionieren muss, ist in Asien und Afrika schon Alltag. Das Handy ist die Zugangsplattform für das Web. Wer ein Smartphone hat, braucht doch kein Laptop. Denn es geht um Meinungen – immer und überall.


Was wie eine Diskussion über Technologie erscheint, ist in Wirklichkeit das Hinterlassen von codierten Spuren. Schriftspuren des Einzelnen. Dass die Generation der 12-45jährigen heute kaum mehr einen Tag ohne Handy, Web oder Computer verbringt, mag Psychologen, Ärzte und Pädagogen beunruhigen. Sie können dabei jedoch nur zuschauen. Die Entwicklung geht an ihnen vorbei. Was sie nicht sehen, ist, dass auf dieser Basis eine Schriftkultur entsteht, die so vergänglich ist wie nur möglich. Denn das Ziel ist Interaktion und Austausch. Jeder macht ein Angebot, die im Kopf rauschende Flut an Gedanken und Wörtern mit anderen zu teilen. Die enorme Geschwindigkeit und das ständige reload des Twitteraccounts sind nicht Fluch sondern Segen. Überall fließen die Wörter. Die Ruhe liegt hinter den Wörtern – bei demjenigen der ihnen beim Vorbeirauschen zuschaut.


Bewertungen retten die reale Identität und damit das soziale Gefüge

Kommen wir zurück auf den Anfang. Wer nun seine Bewertungen alltäglicher Erlebnisse in diesen Strom einstellt, der gibt ein Stück seiner kleinen Welt inklusive seiner eigenen Färbung zurück in das große Ganze. Jemand reagiert darauf – im Stillen oder mit einer öffentlichen Antwort. Zunächst ist aber wichtig, dass man überhaupt die Mittel in der Hand hält, seine eigene Färbung der Welt mitzuteilen. Es kann dauern, bis die Welt reagiert. Aber dann findet Interaktion statt. Ein Austausch zwischen Menschen, die sich nicht schämen, einfach und normale Lebensgewohnheiten zu teilen. Damit nimmt man zunächst sich selbst wichtig. Dann kommen andere dazu und beziehen Stellung. Egal ob positiv oder negativ, sie bestätigen die eigene Existenz. Und hier wirkt die digitale Identität zurück auf die reale Person. Sie erhält eine zustimmende oder ablehnende Bestätigung ihrer einzigartigen Weltsicht. Damit findet eine Würdigung des Menschen statt – via Internet. Im Kern geht es bei dem Sozialen Netz nicht um das Verbreiten von Information oder Daten, es geht auch nicht um das Anreichern eines Avatars mit Fotos, Videos, Nachrichten und virtuellen Freunden. Es geht um die Interaktion mit anderen auf der Basis einer einfachen Bewertung alltäglichster Verrichtungen.

Was nun ist der Erfolgsgarant?

Es ist ganz einfach. Obama trat dort in Kontakt mit den Wählern, wo sie schon waren und gab ihnen das Gefühl, dass sie ihre alltäglichen Sorgen und Nöte direkt an ihn bzw. seine Profile in Sozialen Netzwerken richten konnten. Er trat aus der Einbahnstraße TV und Zeitung heraus und wurde im Netz “multidimensional”. Es geht dabei gar nicht darum, dass jede E-Mail oder jeder Kommentar beantwortet wurde. Es geht zunächst darum, dass es eine glaubwürdige Adresse gab, an die man sich wenden konnte. Wo sonst kann man seine wirkliche Meinung zu den großen Themen loswerden. Am Stammtisch wird niemand seine persönliche Meinung völlig frei loswerden können. Da sind die Steicheleien der Freunde und alte Vorturteile schon vorprogrammiert. Aber im Rahmen der geschützten digitalen Identität kann man vom Leder ziehen. Manche übertreiben das. Die Online-Foren sind voll von solchen Querschlägern. Aber genau dort haben sie wenigstens ein Ventil.



Wer die Entfremdung der Welt durch die Moderne beklagt, sollte sich das Potenzial des Mediums Web genau ansehen. Es könnte sein, dass sie oder er hinter alle den virtuellen Existenzen wirkliche und echte Persönlichkeiten findet, die endlich einen Weg realisiert haben, an der Welt teilzuhaben. Mehr kann kein Mensch erreichen. Aber weniger sollte es auch nicht sein.



Und nun die Frage nach der Leserin oder dem Leser: Wie war diese Reihe über Obama? War es spannend, das zu lesen? Gibt es Fragen oder weitere Aspekte, die wir vertiefen sollten? Schreibt mir oder schreiben Sie mir, was noch fehlt oder besser werden kann. Lob nehme ich auch gerne entgegen. Glücklicherweise kamen ja bei Xing einige Meinungen und Diskussionen in Gang, warum nicht auch hier?



Obama I: Obamas Soziale Werkzeuge


Obama II: Obamas Konzepte für Online-PR und Online-Marketing nutzen


Obama III: Social Media als Beginn direkter Demokratie


Obama IV: Obamas Wunderwaffe – Interaktion



Autor: Jörg Wittkewitz. Alle Rechte vorbehalten
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Folgende Schlagwörter: Obama, Politik, social software, Social Web, Sozial

2 Kommentare

  1. Der Auagang geht entweder nach Canossa oder auf den Berg hinan, wo man dann das Suizidkommando der judäischen Volksfront über sich ergehen lassen muss. Always look on the bright side of life, Magda. If life seems Johnny Rotten, there’s something you’ve forgotten…

  2. Also wenn jemand seine erhellenden Ausführungen mit der Überschrift versieht:Obamas Wunderwaffe, dann finde ich nur noch eine Frage spannend – wo gehts zum Auagang.
    Sowas entfremdet – in der Moderne.

    Verbindliche Grüße
    Magda

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