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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Die Welt dreht sich schneller – mit und ohne Web

Photo: Poncke, Amsterdam

Photo: Poncke, Amsterdam

Seit 2 Jahren laufen die Webexperten herum wie Hühner, denen man den Kopf abgeschlagen hat. Der Körper läuft noch, aber die Richtung, die der Körper vor dem tödlichen Hieb eingeschlagen hatte, wird nicht mehr geändert. Und oben spritzt die ganze Essenz des Expertentums heraus. Über Jahrzehnte haben Generationen von Problemlösern den heiligen Rechenmaschinen die tollsten Kunststücke entlockt. Und nun? Jetzt tobt die nächste Generation von Experten herum und ruft die Demokratisierung der Problemlösung aus. Bürgerliche Technologie. Der Geist der französischen Revolution ist in der Lampe und jeder kann dran reiben. Allerdings erscheint keine wunderschöne Jeannie sondern die crowd. Bitte nicht verwechseln mit dem Schimpfwort der Amerikaner für uns Deutsche.

Es handelt sich keineswegs um ordinäres Kraut sondern um die Nutzer des Web. Das sind mal glatt 25% der gesamten Weltbevölkerung. Um das mal aufzudröseln für die Kontinente:

  • Afrika: 6,8%
  • Asien: 19,4%
  • Europa: 52%
  • Nordamerika: 74,2%
  • Südamerika und Karibik: 30,5%
  • Australien und Ozeanien: 60,4%
  • Mittlerer Osten: 28,3%

Das ist die crowd. Denn das ist die Verbreitung des Internet. Schlaue Experten von hüben und drüben des Atlantiks sinnieren über die Gesellschaft als Netz oder die Freiheit im Netz. Wer ein bißchen reflektiert, weil er auch außerhalb des Web Menschen kennt, der wird aufgeregt nicken, wenn Wissenschaftler vom digital divide zwischen der nördlichen und südlichen Hemisphäre sprechen. Wenn aber 50% der Europäer gar keinen Webanschluß haben, dann ist es auch vermessen, hier von einer großen Bevölkerungsgruppe zu sprechen. Die Nichtwähler haben ja auch nix zu melden in diesem Land – die Spalter. Leben hier einfach so rum auf unsere politischen Kosten und beteiligen sich nicht. Brauchen sie auch nicht. Denn das passiert jetzt im Netz. Ja, wirklich? Wo denn? Wie?

War früher das Internet noch eine große Rundablage für allerlei wissenschaftliche Publikationen, verkam es in den Neunzigern zu einer Sammlung hüpfender und blinkender .gif-Grafiken. Als man noch wenig gute Inhalte im Netz fand, entwarfen schlaue Leute Suchmaschinen wie Yahoo und Google. Heute gibt es keinen Mangel mehr an Publikationen. Jeden Monat verzweifelt ein Verleger mit einem neuen Magazin. Jeden Tag starten Dutzende im Netz ein neues Blog. Die Halbwertszeit dieser Blogs und der neuen Magazine pendelt sich bei 8-12 Monaten ein. In der Folge werden die Suchmaschinen mit veritablem Dung gefüttert, aber die Freunde lesen es – mache zumindest, eine Zeit lang. Eine Armada von Suchmaschinenspezialisten nutzt die Eigenheiten von Spidern und Crawlern aus, um die Suchmaschinen davon zu überzeugen, dass mittelmäßige Texte schon lesenswerten Gehalt haben. Insofern muss man Jonathan Zittrain recht geben, der die frühen Gehversuche der IT als “Kühlschränke für Wörter” bezeichnet.

Sind wir schon weiter als das? Wenn man neuartigen Problemlösern glauben darf, die immerzu “demokratisch”, “sozial” und “crowd” in den Kühlschrank hineinrufen, sind wir definitiv viel weiter. Aus deren Sicht sind wir schon im “web of flow”. Hier fließt das einzige wahre Gold der Menschheit in Strömen zu Tal: Kommunikation. Tausende von Kühlschrankverkäufern tun mit und rufen für die vielen Professionellen: “Nur wer Wissens teilt, kann es vermehren” und ähnlich esoterische Botschaften. Das Hausblatt der organisierten Futuristen namens brandeins hat unlängst ein ganzes Themenheft auf den Markt der Eitelkeiten geworfen und alle brechen in dasselbe Horn: Es ist der Wind of Change zu spüren. Wissen rulez the holy community and free speech flows to the sky…

Leider kommt der Wind nur in Gestalt älterer Großväter vor das Mikrofon und liest vom Telepromter vorfabrizierte Phrasen ab. Begriffe wie Information werden mit einem Kompositkleber namens Kontext zu einem Amalgam verbunden, das Millionen von Clicks standhalten soll. Die ersten Karussellbesucher steigen schon angesäuselt aus der Belustigungsmaschine und schimpfen über die vielen Bilder, die durch die enorme Beschleunigung auf den Hirnlappen einströmen. Die innere Karte der Welt zerbröselt es. Da rufen die weißbärtigen alten Hasen, es sei alles eine Frage der Filterfunktion und fordern die “crowd” auf, endlich Klarschiff zu machen. Und so rufen wir uns bei jeder Umdrehung zu, dass es gleich ein spannendes Inhaltskristall gäbe oder ein glitzerndes Kontextsteinchen aufzuheben sei. Wie in einem klassischen Jump-and-Run-Spiel sollen wir so alle blauen, roten und goldenen Symbole aufheben und beim nächsten Levelgegner verteidigen um das Adventure zu Ende spielen zu dürfen. Ob dabei bürgerliche Freiheiten und Grundrechte verteidigt werden? Genauso wie seinerzeit beim Markteintritt der mobilen Telefone.

Erinnern Sie sich noch an die erhitzten Diskussionen, über die laut telefonierenden Flegel, die im Zug, in der Stadt und beim Metzger um die Ecke die soziale Ordnung störten?

Genau das ist das Web heute. Man vergewissert sich gegenseitig, dass man am Leben ist. Dann noch ein bißchen eitler Zuckerguß drauf und das obligatorische “Kommt der Klaus heute abend mit zum Bowling oder kommt der erst Sonntag zum Spiel?”. Ich mag das. So sind Menschen eben. Aber ob das ein Zukunftsmodell ist, einfach festzustellen, was für jeden Holzklotz evident ist?

Es ist egal, wieviel Demokratie, Bürgertum, Wissen, Freiheit und sonstwas in die Gestelle der Menschen hineindenken. Es kommt nur etwas dabei heraus, wenn wir denen Zutritt zu unseren Hirnen und Herzen verschaffen, die aus ganz anderen Lebensentwürfen, ganz anderen Kulturen und ganz anderen Gegenden kommen.

Ob das Web uns dabei hilft, die Kluft zwischen der eigenen Scholle und den Schollen der anderen normalen Menschen zu überwinden?

Es wäre zu wünschen. Mit Diskussionen über Hirne, Information und bürgerliche Rechte im Browser wird es nicht so klappen. Ein Öffnen des Unvermeidlichen der Gewohnheit zum ganz Anderen in und um uns wäre schon ganz nett. Aber dafür braucht man natürlich kein User Interface sondern ein Human Face. Die Kongresse und Experten zu diesem Thema sind leider gerade aus – hoffentlich kommen sie morgen wieder rein. Bedarf wäre da.

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6 Kommentare

  1. Naja, man muss das glaub’ ich etwas globaler sehen, gibt es Amerikaner oder Asiaten ind Großstädten, die kein mobile web haben? Sehr wenige, eben diejenigen, die auch kein Geld für Wohnung oder Essen haben. In Westeuropa hat kaum jemand, der es sich leisten könnte, mobile web. Dass genau dort auch die Lösung zum Micropayment liegt, wie es Afrika mit Mpesa in Kenya oder eGhana vormacht, ist hier kaum bekannt. Wenn Vodafone hier eine Banklizenz hätte und es hier umsetzen würde, wären diverse Vollbanken innerhalb von wenigen Jahren platt oder Investmentbanken. Und kein Inhalte- und Diensteanbeiter hätte mehr ein Problem. Es gäbe schlicht keine paid content Debatte. Insofern…

  2. Im Economist waren mal ein paar schöne Artikel, wie billige Handies dort eine ganz neue “vernetzte” Gesellschaft erschaffen – so ganz ohne Net.

    Bei der Durchdringung neuer Technologien sind die Cell Phones dem Internet weit voraus … doch über diese trivialen Wahrheiten und Effekte spricht die Digitale Elite kaum.

    Dabei sind Handies so viel billiger herzustellen als Notebooks …

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  2. mediaclinique | ralf schwartz

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