Die Leser machen Zeitungen profitabel – Nichepaper Manifesto
Um mal Klartext zu reden: Zeitungen verkaufen ihren Anzeigenkunden eine Leserschaft. Um dem ganzen Objektivität zu verleihen, die man monetarisieren kann, nannten sie das Gebilde Reichweite. Die Journalisten waren sozusagen der Köder. Seit einigen Jahren liefert Google jedem Anzeigenkunden eine detaillierte graphisch aufbereitete Analyse der jeweiligen Anzeige nach Uhrzeiten, geografischer Herkunft und Anzahl der Klicks und vielem mehr für überschaubares Geld. Die Anzeigenkunden wollen das so, weil in den Firmen nicht die Strategen entscheiden sondern die Controller.
Nun haben die Verlage weniger Gewinn, weil die Anzeigen weniger werden. Früher war das noch so, weil jede zweite Woche eine neue Zeitung auf den Markt kam. Nun liegt es wirklich an der Krise der Sklavenindustrien und Hilfsdienstleistern, die von dem Wohl und Wehe der Herrscher der Welt (Banken) abhängen. Es liegt aber auch an dem besseren Kosten-Nutzenverhältnis bei Search Advertising. Da man lange über das blöde Web gelästert hat, wurden schnell alle Verlagsinvestitionen ins Web auf das Nötigste reduziert. Die Verlage haben sich damit neue Geschäftsfelder verschlossen. Da man jetzt also nicht mehr profit by operation schafft, versucht man profit by regulation und haut täglich auf die Wahlkampfglocke und inflationiert die Lobbyarbeit. Man hat ja ein Pfund. Denn die öffentliche Meinung entsteht durch die Presse – zumindest war das vielleicht mal so. Naja, viele haben das erfolgreich geglaubt.
Und so verkommt jede zweite ehemals glaubwürdige Zeitschrift oder Zeitung mit einem jahrzehntelang aufgebautem Brand (Ruf einer Marke und Markenwert) zu einem Sprachrohr dieser Strategie namens profit by regulation. Denn die Redaktionen müssen auf das Web schimpfen und Begriffe wie geistiges Eigentum, Urheberrechte und Leistungsschutzrechte lustig durcheinanderwirbeln – Laien eben.
Nun setzt sich Harvad-Professor Umari Haque, der Vordenker ohne den es Chris Andersons Bücher wie The Long Tail und Free nie gegeben hätte, hin und schreibt sein Nichepaper Manifesto.
Als Erstes schafft er klare Verhältnisse: Nicht die Journalisten machten die Verlage im 20 Jahrhundert profitabel sondern die Leser.
Und anders als der Kasinokapitalismus bewertet Haque im 21. Jahrhundert es als existenziell, mit allen Gruppen der stakeholder zusammen Gewinn zu erwirtschaften und es nicht aus ihnen heraus zu pressen. Das meint Leser und Mitarbeiter und alle anderen Interessengruppen wie Politiker und – ja die Aktionäre natürlich auch. Denn es geht nicht darum einfach “besser zu verkaufen” wie es seit 50 Jahren in 367.726.338 Ratgeberbüchern heruntergebetet wird. Es geht um bessere Produkte und Dienstleistungen.
Wer es noch nicht weiß: Die awareness economy ist durch die reputation economy abgelöst worden. Tolle Produkte machen zufriedene Kunden. Es gibt keine bezahlbare Werbung, die mehr Kaufentscheide positiv entscheiden kann, als Käufer, die von ihrem Kauf begeistert sind und ihren Kollegen und Freunden davon berichten. Wer also alles Geld auf dem Marketing abzieht und in die Produktentwickling MIT den Kunden steckt, wird morgen noch eine Firma sein. Wer nicht, muß eben die Politiker um neue Schutzgesetze bitten. Das Ergebnis solcher Prohibitionsgesetze kennen die Amerikaner gut: Hoffen wir, dass die deutschen Politiker nicht vor ihren gedruckten Sprachrohren einknicken…
Viel Spaß beim Lesen des Manifests von Umair Haque.
Hier noch die Keynote vom 24.Juli 2009 von Umair Haque anläßlich des VINT Symposium 2009 “Fast Forward”:
Keynote "Constructive Capitalism" by Umair Haque from Sander Duivestein on Vimeo.




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