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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Deutsche Bank Research: Deutsche Bürger sind unmündig

Während der Münchner Runde, einem TV-Talk-Format im Bayerischen Rundfunk, läßt der allgegenwärtige Gute Onkel Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank die Bombe los. Er erklärt, dass die Deutschen unmündig seien, da sie ständig vom Staat Geschenke erwarteten. Das sei aber angesichts der Lage Wunschdenken.

panic-webVergegenwärtigen wir uns die letzten Monate. Denken wir alle an den tobenden Mob, der täglich durch die Straßen zog, und so lange Autos ansteckte, bis es Geldgeschenke regnete. Und das tat es dann ja endlich auch. Die Regierung gab klein bei und gab dem Volk seinen Willen:
Die Banken bekamen das 1,5fache eines Jahreshaushalts der Bundesrepublik geschenkt. Die internationale Automobilbranche erhielt 5 Milliarden. Nicht eingerechnet all die Hunderte Millionen, die für die Kurzarbeit draufgehen, die eigentlich gar nicht stattfindet, weil Firmen ihr Personal zwingen, erst Stunden nach dem Kommen zu stempeln oder Stunden vor dem Verlassen die Stechuhr zu nutzen. Denken wir auch an die Konjunkturpakete von mindestens 50 Milliarden.

Da hat er recht, der gute Herr Chefvolkswirt die Deutschen zu verachten, wenn die dummen Bürger solange einen Generalstreik durchziehen, bis die Regierung solche exorbitanten Summen an die Firmen SCHENKT.

Es bleibt die Frage unbeantwortet, ob es sinnvoll ist, dies als unmündig zu bezeichnen. Denn wer tatenlos mitansieht, wie die gesamten Steuergelder der aktuellen und nächsten 15 Generationen verschenkt werden in einer konzertanten Aktion von mündigen Politikern im Vollbesitz ihrer geistigen Väter, der muss als gelähmt, taub oder schlicht krank bezeichnet werden.

Die östlichen Kulturen haben dafür einen Begriff namens Latah. Dieses Wort beschreibt sowohl den Menschen als auch die Krankheit, die ihn befallen hat, Wikipedia erklärt es uns so:

Latah zeichnet sich aus durch Anfälle des Identitätsverlusts, die durch heftiges Erschrecken ausgelöst werden. Sie dauern zwischen 15 Minuten und mehreren Stunden. Während dieser Zeit sind Latahs extrem leicht beeinflussbar, folgen willenlos Anweisungen, imitieren Anwesende, äußern sich vulgär oder führen obszöne Gesten aus. Nach dem Anfall scheinen sie sich an nichts erinnern zu können. Latahs werden als nicht verantwortlich für ihre Handlungen während eines Anfalls betrachtet.

Wenn ich die fatalistischen Menschen höre, die in Interviews und auf der Straße ihre Ohnmacht angesichts der Verhältnisse erklären, dann beschleicht mich ein sehr undemokratisches Gefühl gegenüber derart zynischen und im schlimmsten Sinne böse Menschen wie eben jener Chefvolkswirt, der gedankenlos oder ohne Reflexion handelt, indem er da über Menschen spricht, die Jahrzehnte im Schweiße ihres Angesichts arbeiten und oft mit freiwilligen Ehrenämtern oder kranken Angehörigen beladen sind.

Das Schlimme sind solche geistigen Väter, die den nicht eben genialen Mitgliedern im Bundeskabinett mithilfe von elaborierten Studien und teuren Unternehmensberatern das treuhänderisch überantwortete Vermögen eines ganzen Volkes mit Tricks aus der Tasche ziehen, um ihnen dann eine lange Nase zu machen. Wir erleben das gerade wieder mit der Schenkung von über 2 Millionen Euro an Herrn Nonnenmacher, der seit zwei Jahren die HSH-Nordbank an die Wand fuhr und nun genau diese Beträge verlangte, um sein “Werk” weiter betreiben zu können. Die HSH-Nordbank bekam eine öffentliche Schenkung von drei Milliarden plus 10 Milliarden Risikozusagen. Das Schicksal der WestLB (Verkaufszwang) droht ihr noch nicht. Aber die zweistelligen Miiliardenzusagen der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein wurden erst unter der Auflage möglich, dass die Gehälter der Vorstände auf 500.000 Euro im Jahr begrenzt würden und die Bilanzsumme drastisch reduziert werden sollte. Die (un)mündigen Landespolitiker hatten, nachdem sie der Bank dieses Zugeständniss abgerungen hatten, zusammen mit den unmündigen Bürgern tagelang für den Bruch dieser Vereinbarung demonstriert, damit der neue alte Vorstandsvorsitzende endlich über 2 Millionen € mehr bekam als sie vorher ausgehandelt hatten. Ja, dies dümmlichen und unmündigen Bürger…

Es gibt viele solcher Beispiele. Aktuell geht es den amerikanischen Verlagen sehr schlecht. Das ruft die deutschen Medienmogule auf den Plan, nicht ganz so teure und nicht ganz so eloquente Schreiberlinge an das Thema “kranke Verlage” zu setzen, die den Politikern und dem Volke abermals einreden sollen, dass Not an der Zeitung sein. Ein Grund wurde auch gleich mitgeliefert: das Internet. Wenn man bedenkt , dass dieselben Verlage in diesem Jahr circa 80-100 Millionen Euro in eben diesem Web mit Werbung verdienen ohne eine einzigen Milliliter Durckerschwärze zu benutzen, dann könnte ein mündiger Bürger skeptisch werden. Damit das nicht passiert, greifen sogenannte “Anwärmer” zu drastischen Formulierungen wie dieser:

“Auch hierzulande häufen sich die Vorboten eines baldigen Verschwindens des gedruckten Wortes. [...] Ein mögliches Ende der gedruckten Presse wirft indessen die Frage auf, ob es in Zukunft noch professionellen Journalismus geben kann, der bis vor Kurzem locker aus Anzeigen- und Vertriebserlösen finanziert werden konnte. Denn seit es die Gratiskultur im Internet gibt, sind die Nutzer immer weniger bereit, für publizistische Erzeugnisse ihr Portemonnaie zu öffnen – alle Bezahlexperimente im Netz scheiterten bisher. Und spätestens seit der Sozialphilosoph Jürgen Habermas vor zwei Jahren beklagte, dass sich »keine Demokratie ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten« könne, ist eine hitzige Debatte darüber entbrannt, ob und wie der Geist der gedruckten Presse konserviert werden solle “

Leider bestehen die Zeitungen darauf, dass es professionellen Journalismus nur via Zeitung gibt. Rundfunk und Fernsehen und Tausende Sachbücher pro Quartal sind wahrscheinlich auch nur Ausdruck unmündiger Bürger. Insofern kann die Konsequenz auch nur sein, dass diese Bürger wieder auf die Straße gehen und für milliardenschwere Schenkungen für notleidende Milliardäre und Millionäre – ich meine natürlich deren Verlage – demonstrieren gehen, damit mit man auch morgen noch in der Zeitung das lesen kann, was gestern im Web stand und heute in den Nachrichten vorgelesen wird. Und aufgrund dieser Gratiskultur verdienen die armen Verleger auch nur besagte 100 Millionen in diesem Jahr im Web. Kein Wunder, dass da ein Experte für Öffentlichkeit wie Habermas zitiert wird. Denn sein Credo für einen herrschaftsfreien Diskurs bis zum brutalstmöglichen Konsens liefert eine gute Blaupause für die offene Diskussion rund um die Deutungshoheit von Informationen für die unmündigen Bürger. Ein Schelm, wer jetzt an Lyotard denken würde – ein gebildeter Schelm zwar, aber ein unmündiger.

Da treffen sich also nun der Herr Chefvolkswirt und der Herr Verleger beim 19. Loch am Starnberger See und siehe, sie erkannten sich. Und dann gebaren sie eine Idee: Weg mit den Schenkungen. Konsequent zu Ende gedacht, müsste eine richtig gute soziale Marktwirtschaft so funktionieren: Wir brauchen eine Abgabe für alle Firmen, die weniger als 25% Rendite erwirtschaften. Wir denken da an eine sogenannte Marktwirtschaftsflatrate, die man zunächst in einer Branche einführt als Kulturflatrate. Dann aber muss es bedeutend mündiger werden. Wer in Deutschland mündiger Bürger sein möchte, müsste 25% seines Nettoeinkommens herschenken an den Firmenvertreter seiner Wahl. Dann hat er mit diesem kapitalistischen Imperativ bewiesen, dass er mit Kant ein mündiger Bürger geworden ist:

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.”

Er hat mutig selbst entscheiden, wem er seine Geld schenkt und beweist damit nicht nur, ein wertvolles Element der guten Mutter Deutschland zu sein, er hat auch dem Vater Deutschland bewiesen, dass er dieses Gesetz so anwenden werde, als ob er wolle, dass es allgemeines Gesetz wäre. Das bedeutete früher, wenn der Nachbar einen neuen BMW kaufte, musste der bsi dahin unmündige Bürger einen neuen großen Mercedes haben. Unter dem kapitalistischen Imperativ der neunen Mündigkeit heißt das dann, dass man immer bedeutend mehr seinem Firmenvertreter gibt als der Nachbar, um ihn zu beschämen und dadurch noch mutiger und mündiger zu werden. Und schon ist das Marktversagen ganz im mündigen Konsens aufgelöst. Alle anderen sind nur Mündel ihrer Sucht nach Geschenken…

Sogar Fredmund F. Malik, einst der intellektuelle Gegenentwurf zum Boulevard-Unternehmensberater Berger, wird radikal und erklärt den Kapitalismus für gescheitet. Wenn das so weiter geht, wird eines Tages noch einer den Oppenheim-Esch-Fonds einschränken.

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