header
"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Der Untergang des Rabenlandes

corvus_coraxDer germanische Gott Odin hat seine beiden Raben Munin und Hugin immer dabei. Auch bei Apollon sind sie heilige Tiere. Raben sind seit alter Zeit die Symbole für Weisheit. Abgesehen von den Christen. Sie sahen in den schwarzen Einzelgängern böse Tiere. Das englische Königshaus hält sich eigens ein Rabenpärchen im Tower of London. Und sogar die Wissenschaftler haben in etlichen Experimenten festgestellt, dass der Rabe zu komplexen geplanten Handlungsfolgen in der Lage ist. Noch beeindruckender ist ihr Lernvermögen: Nüsse legen sie bei roten Ampeln auf die Straße und warten, bis die Autos drüber fahren. Bei der nächsten Rotphase picken sie dann das Innere der Nüsse von der Straße. Die Raben in der Umgebung beobachten das und machen es nach. Raben erkennen sogar ihr Abbild im Spiegel.

Wenn man den Menschen hinsichtlich seines Wissens und seiner Lernfähigkeit beobachtet, kommen Zweifel auf, ob und wann solche Transferleistungen vonstatten gehen werden. Es gibt schon seit langem Menschen, die festgestellt haben, dass es erfolgreicher, sicherer und befriedigender ist, die Sprache nicht als manipulatives Instrument einzusetzen. Mit ihnen kann man in einen offenen Dialog treten, ohne einem teilweise sehr dümmlich vorgetragenen Theaterspielen anheim zu fallen.

Auch die Rücksicht auf Flora und Fauna als uns umgebende Sphäre des Lebens könnte eigentlich ein Verhalten sein, das seltener als ökologisch und damit ideologisch befrachtet angesehen wird. Wäre das Lernvermögen der Menschen ähnlich schnell wie das der Raben, würde es weniger Autos, weniger Energieverbrauch und kürzere Arbeitszeiten für mehr Arbeitnehmer geben.

All das ist aber nicht realisiert. Nach langen Jahren Tätigkeit im Bereich des Wissensmanagements, der Personalentwicklung sowie der Beratung von Firmen hinsichtlich des Aufbaus von Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter habe ich viele verschiedene Auffassungen erlebt, wie Menschen über sich selbst und ihre Zugehörigkeit zu Gemeinschaften denken.

Immer in Zeiten von Krisen beginnt ein Hauen und Stechen auf die vermeintlich Schwächeren, um die Ängste zu kompensieren, die entweder aus dem Inneren in vorauseilendem Gehorsam kommt oder konkret durch Leitungspositionen geschürt werden. Dadurch wird die Effektivität und Effizienz derart reduziert, dass fast die Existenz einer Firma bedroht ist.

Wenn dann die ersten gehen oder gegangen werden, klopfen sich die übrig gebliebenen Kollegen auf die Schulter, atmen auf und machen weiter mit einer kaum zu überbietenden Sicherheit, dass sie nun auf alle Zeit gegenüber Problemen imprägniert sind. Bis zur nächsten realen oder eingebildeten Krise.

Diese peristaltischen Bewegungen sind auch in Schulklassen, Vereinen und der gesamten Gesellschaft zu beobachten. Ich bezeichnen sie der Einfachheit halber als soziale Exkrementik.

Denn im Kern geht es um nichts anderes als das Ausscheiden von Nahrung. Leider ist der Darm sich dieser Bewegungen gar nicht bewusst. Nicht einmal das Gehirn hat einen entscheidenden Einfluss auf die Verdauung. Allein das Reptiliengehirn, das noch im Menschen wohnt, steuert als vegetatives Nervensystem solche Prozesse. Leider haben wir bei all den Diskussionen über soziale Systeme, Unternehmenskultur und Zusammenleben immer nur ganz aufgeklärte und moralische Regeln im Sinn, dieses präkulturelle Steuerungsorgan, dass auch in den uralten Clans der vorgeschichtlichen Steppen schon funktioniert, scheint uns ganz egal.

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die immer dann zusammenhält, wenn sie jemanden Anderen, Unbekannten oder Fremden ausschließen kann, um das Gefühl der Einigkeit zu erleben. Ich glaube nicht, dass diese Verhalten unserer Hochkultur angemessen ist. Es wäre wünschenswert, wenn jeder mehr reflektiertes Bewusstsein in seinem Bestreben erkennen lassen würde, nicht zu vereinzeln.

Die Raben leben sehr monogam als Pärchen. Sie sind treu bis zum Lebensende. Klingt stockkonservativ. Aber scheint kein Ausdruck dummer Lebewesen zu sein.

Bookmark and Share

Post to Twitter Post to Delicious

Folgende Schlagwörter: Die Gesellschaft, Krise, Wissen 2.0

2 Kommentare

  1. Tja, ich befürchte, dass die Initialzündung von innen kommen muss, um nachhaltigen Einfluss auf Erleben und Verhalten zu erlangen. Ein Kurs ist ja oft eine strukturierte und verordnete Institution, die nicht selten dazu mißbraucht wird, das langsame und stetige Selbstvergewissern zu ersetzen, ob man sich selbst noch mag und auf seine Handlungen stolz ist. Diese Aufgabe ist eine niemals endende und kann eigentlich nicht erlernt oder gelehrt werden. Das ist das schöne an einer Haltung. Man hat sie oder man hat sie nicht. Es ist eine freie Entscheidung, allerdings muss sie täglich getroffen werden.

  2. Besonders gut gefällt mir die Feststellung: “Es gibt schon seit langem Menschen, die festgestellt haben, dass es erfolgreicher, sicherer und befriedigender ist, die Sprache nicht als manipulatives Instrument einzusetzen. Mit ihnen kann man in einen offenen Dialog treten, ohne einem teilweise sehr dümmlich vorgetragenen Theaterspielen anheim zu fallen.” Denn ich beobachte, dass mir mit den Jahren alles Unechte an den lieben Mitmenschen immer mehr zuwider wird.

    Da könnte man fast meinen, dass wir in der falschen Branche gelandet sind. Aber halt: Authentizität und Aufrichtigkeit sind Werte, die gerade in der Kommunikation eine wunderbare Renaissance erleben. Jetzt müssten nur noch die Ausführenden und Beratenden alle schnell einen Charakteränderungskurs besuchen.

Schreibe einen Kommentar

Kommentar-Regeln - Rules Of Commentary:

Durch einen Klick auf den Absende-Button stimmt der Kommentierende folgenden Regeln zu:

  • Bitte möglichst reale Klarnamen verwenden (Im Zweifel Vornamen)
  • Keine persönlichen Angriffe

Substanzlose Kommentare, SPAM oder persönliche Angriffe werden gelöscht und ggfls. in Rechnung gestellt. By clicking the Submit-Button, you accept a 500 € fee for any comments that only publish advertisments for products or companies and do not refer to the article or other comments in terms of a discussion.