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"Si latet ars, prodest" Ovid

Der Geist in der Lampe

Photo: Clara Natoli

Turin ist die Hauptstadt der Magie. Heutzutage tragen die Magier statt schwarzer Kutten vermehrt weiße Kittel. Ob sie eine Hauptstadt haben, ist nicht bekannt. Aber streiten können sie. Man munkelt, es gäbe einen ausgewachsenen Geschwisterzank zwischen Neurowissenschaften und der Psychologie. Genauer genommen dürfen die Psychologen mittlerweile den hoheitlichen Herrschaften über die Hirnbilder assistieren. Seltsam, in den Achtzigern waren die Psychologen so stolz, dass sie in einigen Unis zum Fachbereich der Naturwissenschaften qua Biologie hinzugehörten. Und nun wollen Sie als Zwitter zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaftlern im Niemandsland der Wissenschaft dahin vegetieren? Dabei war das Erleben und Verhalten ihnen doch immer so als Untersuchungsgegenstand eingebrannt, dass man ihnen mit keiner geisteswissenschaftlichen Problematik kommen konnte, da sie per naturwissenschaftlichem Methodenkanon nur eine sehr objektive Sicht auf die Welt vertraten durften/wollten/konnten – abgesehen von den Konstruktivisten. Die hatten die subjektive Weltschöpfung kurzerhand zum Kulturgut erklärt. Aber leider gibt es weder Bilder von der Subjektperspektive noch vom persönlichen Horizont. Grenzen des Wissens und Fühlens sind ganz schwer in der Magnetröhre zu finden.
Statistik war und ist – genauso wie bei den Sozialwissenschaftlern – der Überbringer der mystischen Substanz namens Evidenz. Ganz dem modernen Weltbild verhaftet, leitete sich Wahrheit aus statistischen und damit intersubjektiv nachrechenbaren Daten ab. Die Deutungstätigkeit an sich wurde durch Begriffe wie Faktorenanalyse etc. in den Bereich der mathematischen Genauigkeit hineingewünscht. Mentale Repräsentation oder gar Qualia (Sinneseindrücke) waren höchstens Elemente der persönlichen Beschreibungsebene der Probanden. Da sie nur persönlich auftreten, sind sie quasi ein Privathobby der Menschen und für wissenschaftliche Studien uninteressant. Versuchsleiter, Doktorväter oder gar habilitierte Methodiker waren und sind frei von solcherlei Kontingenz. Wenn Camus sagt, dass er das Leben studiere, dann können sie nur lächeln ob solcher Narreteien. Sowas macht bei uns die Bio(techno)logie.

Nun also, kurz vor der öffentlichen Amnesie der ehemaligen Pophelden des Denkens, haben die ehemaligen Hilfswissenschaftler (Neurobiologen) der Psychofront ihrerseits zum Sturm im Wasserglas geblasen und der Wahrheit qua Statistik die nicht minder evidente Wahrheit qua Imago durch PET/MRT gegenübergestellt. Bildgebende Verfahren stellen physiologische Prozesse dar und sind damit viel näher an den HARTEN naturwissenschaftlichen Methoden der Biologie und der Physik als die Psychologen des goldenen Statistikkalbs. So haben die sich gebeugt und helfen jetzt eilfertig beim Kartographieren des Bewußtseins. “Die Karte ist nicht das Terrain” möchte man ihnen zurufen.

“Je Messgerät desto Wahrheit” könnte das Credo lauten. Zusätzlich haben Philosophen als neue Materialisten die Lobotomieforschung und anderes als Evidenzbringer gefeiert. Das fundamentum inconcossum ist natürlich mithilfe der neuen Bilderwelten gefunden worden: Das Denken findet tatsächlich im Gehirn statt, weil dort veränderliche Prozesse je Zeiteinheit beobachtbar sind, während der Träger des Gehirns bekannte Gesichter, schreckliche Fratzen oder ähnliche emotional Aufgeladenes beobachtet. Damit sind sie ähnlich nahe dran, wie diejenigen, die menschlichen Gene durch meterlange AACGATC-Listen erklärt udn ausgedeutet haben wollen.

Damit hat sich natürlich auch gleich der freie Wille verabschiedet, denn wer physiologisch auf Reize reagiert und damit vorhersagbar in bestimmten Regionen des Gehirns leuchtende Felder produziert, ist vollkommen durch diese Prozesse determiniert.

Ich finde das nicht vollkommen einleuchtend. Ihr Psychologen dieser Welt: So einfach kann nur die Erklärung desjenigen sein, der die Welt erklärt ohne den Vorgang selbst zu reflektieren – und das soll mal einer objektiv machen. Das man dabei wie auch bei der abenteurlichen Deutung von PET-Bildchen einen infiniten Regress beschreitet, interessiert ja nicht, weil durch die Anwesenheit der Messgeräte vollumfängliche Objektivität gewährleistet ist. Und mehr als Objektivität braucht die community of scientists nicht. Sie allein berechtigt zu finalen Aussagen über die Gehirntätigkeit und deren kulturelle “Korrelate” wie Willen oder Bewußtsein. Jetzt dauert es nur noch ein paar Jahre, bis man im Gehirn erkennt, ob Schüler im Unterricht lernen. Dann kann man im Lehramtsreferendariat sofort erkennen, ob einer als Lehrer taugt, wenn bei den Schülern in den richtigen Regionen die Synapsen blitzen. Naja, und das Subjekt finden sie sicher auch noch irgendwo.

Allerdings muss das alles kulturübergreifend, also weltweit identisch, sein. Sollten die Mongolen und die Australier in anderen Regionen als die Europäer blitzen, wäre es Zeit, die Neurowissenschaftler zu Friseuren umzuschulen. Da haben sie dann auch was mit Köpfen zu tun. Ach ja, und die Psychologen sollen mal etwas über Semiotik lernen, dann haben sie sicher erfolgreiche Strategien an der Hand, um ihren “Widersachern” von medizintechnischen Gnaden in wenigen Sätzen die signifikanten Grenzen aufzuzeigen. Aber das wäre ja Geisteswissenschaft und dafür haben die Psychologen ja nicht jahrzehntelang gekämpft, um sich im neuen Jahrtausend als defiziente Philosphen zu outen. Also schön weiter gegeneinander kämpfen, um wenigstens dadurch noch eine gemeinsame Existenzberechtigung neben der Tätigkeit als pharmakologische Hilfwissenschaft zu erhalten…

Glück auf beim Graben in den Bildern, die die Innenwelt bedeuten wollen.

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5 Kommentare

  1. ich denke, so sagt mir mein gefühl, in der gegenwart des lebendigen augenblicks sind wir alle magier.

  2. Nur wer schafft es schon, Chronos und Kairos ineins fallen zu lassen. Aber dann ist das sicher so.

  3. Lieber Herr Wittkewitz,
    schoenes Pamphlet.
    Also dass Psychologen auf diese “Gehirngeographie” (Durkheim) abfahren, wundert mich ueberhaupt nicht, stellten die grauen Zellen doch bisher eher ein “schwarzes Loch” dar, von dem man mehr oder weniger nur wusste, dass man dieses unter “Strom setzen” (Stimuli) konnte, um bestimmte Lern- und Verhaltensergebnisse zu erzielen, beispielhaft in “der” Lerntheorie.
    Die naechsten, die sich mit der modernen Gehirnforschung anfreunden werden, werden wohl Psychoanalytiker sein, und hier koennte ich mir vorstellen, dass man auf diesem Weg Fragen zu klaeren sucht, die auf Unklarheiten, Ungereimtheiten und Widersprueche bei Freud zurueckgehen und aus diagnostischen, therapeutischen oder schlechterdings wissenschaftlichen Erwaegungen heraus auch klaerungsbeduerftig sind, etwa im Zusammenhang mit dem Konstanzprinzip.
    Und wenn wir schon bei der Behandlung Kranker sind. Wenn Sie ueberlegen, mit welchen Frankenstein-Methoden Gehirnforscher vor noch nicht allzu langer Zeit im Gehirn herumgefuhrwerkt haben (Lobotomie), auch was mit Elektroschock- und Psychopharmakabehandlungen fuer Unheil angerichtet wurde, koennte ich mir vorstellen, dass die jetzt erarbeiteten Visualisierungsmoeglichkeiten und die Verkartung ihrer Ergebnisse Psychopathologen und Neurochirurgen zu einer vorsichtigeren Herangehensweise veranlassen koennten, wie man sie im Nachhinein etwa Rosemary Kennedy haette wuenschen muessen (“Underwent a lobotomy in 1941 which left her incapacitated; she was institutionalized from 1949 until her death.”).
    Dass jeder Fortschritt seine negativen Seiten hat, ist klar, wobei mir die Verwechslung eines Regressionsquotienten mit “wirklicher” Erkenntnis aber gerade noch verkraftbar erscheint.
    Mit besten Gruessen
    G.S.

  4. Es wird zu zeigen sein, ob sie das Hören hören, das Denken denken und das Sehen sehen können. Bisher sehe ich nur Stoffwechselvorgänge die während der Wahrnehmung stattfinden. Die könnten sie auch am Herz oder im Hormonsystem bildlich darstellen. Ein kausaler Zusammenhang ist bisher nicht erkennbar. Ich finde es wirklich spannend, aber noch schöner fände ich es, wenn sie z.B. den Begriff der Intelligenz endlich mal aus dem pseudowissenschaftlichen Stadium entlassen könnten – würde mir völlig reichen, eine begründete Theorie zur Existenz dieses Begriffs zu erleben statt der Faseleien der letzten Jahrzehnte. Danach können sie gerne die Persönlichkeit und das Fühlen im Schädel finden…

  5. Lieber Herr Wittkewitz,
    in meiner Verwandtschaft und meinem Freundes- und Bekanntenkreis ueberwiegen Sozialwissenschaftler und Aerzte, die mehrheitlich nicht im Hochschulbereich arbeiten.
    Dass man sich mit diesen Leuten, jenseits ihrer jeweiligen Spezialisierung, ueber Gott und die Welt unterhalten kann, ist eine taegliche Erfahrung. Wenn das, was ich am Wochenende in einem FAZ-Interview mit einem Philosophieprofessor namens Markus Gabriel ueber “Kant und das Internet” lese, den Stand der Dinge in dieser Frage beschreibt, wuerde ich sagen, dass in einem solchen Gespraech unter Laien wahrscheinlich sogar mehr herauskommen wuerde, als dieser Philosoph ausfuehrt, und das nicht nur mit Bezug auf Fragen: Was ist “Verstand”, “Vernunft” …?
    Wuerde ich mir in einer solchen Runde Ihren Standpunkt zueigen machen, wuerden mir von aerztlicher Seite mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die diagnostischen und operativen Vorteile der neuen Visualisierungsmoeglichkeiten entgegengehalten werden: dass es etwa ein Vorteil ist, einen Gehirntumor praezise lokalisieren, dem Patienten die Risiken einer Operation nicht minder praezise darstellen (ob er eine Beeintraechtigung des Geschmackssinns oder eine Querschnittslaehmung riskiert) und den Eingriff am Bildschirm beobachten zu koennen. Dass irgendjemand finale Aussagen über die Gehirntätigkeit und deren kulturelle “Korrelate” wie Willen oder Bewußtsein treffen wollte, wie Sie es behaupten, scheint mir eher unwahrscheinlich, wie mir solche Aussagen mit Betonung auf Finalitaet aus der aktuellen Diskussion auch nicht erinnerlich sind. Der Grund liegt m.E. auf der Hand: Ob der Mensch einen freien Willen hat, spielt in dieser medizin-biologischen Tradition doch keine allzu grosse Rolle; ebenso Fragen, ob man das Hoeren hoeren, sehen oder riechen kann usw. (dass Habermas keine Gelegenheit auslaesst, sich nach Positivismusstreit, Legitimationskrisen- und Systemtheoriediskussion eine weitere Backpfeife zu holen, sollte Sie nicht weiter irritieren).
    Und wenn ich Ihren Standpunkt gegenueber meinen sozialwissenschaftlich taetigen Bekannten und Freunden vertreten wuerde, wuerde man mich wahrscheinlich darauf hinweisen, dass die Entscheidung fuer bestimmte methodische Vorgehens- und Auswertungsweisen vom jeweiligen Gegenstand abhaengt. Dass man sich an die Standards (Objektivitaet usw.) haelt, ist doch voellig klar, auch dass man sich auf die theoretische Tradition eines Fachs besinnt, wenn es ans Interpretieren und Erklaeren geht. Habe am Wochenende eine Studie von Harald Hau ueber die Volatilitaetsfolgen der Einfuehrung der Tobin-Steuer gelesen, und frage Sie, wie man ein solchen Wust von Boersenkursen anders verarbeiten kann, als mit modernen statistischen Methoden; wenn Sie sich dem verweigern, koennen Sie eine solche, auch politisch brisante Frage nicht beantworten. Oder die von Ihnen wohl besonders geliebten Psychologen … Was ist eigentlich so verwerflich daran, wenn sie ihre Verhaltensdaten mit den “gehirngeographischen” Ergebnissen von Neurologen vergleichen, was ja aus Validierungsgruenden sinnvoll sein kann? Einer meiner Freunde besitzt ein mittelgrosses psychiatrisches Krankenhaus fuer schwere Faelle. Den neuen Diagnosemethoden steht er absolut positiv gegenueber. Deren Grenzen sieht er wohl sehr viel deutlicher als ein Laie und an seiner grundsaetzlichen Literaturempfehlung fuer seine jungen Kollegen hat sich auch nichts geaendert: Jaspers Psychopathologie.
    Gruss
    G. Schoenbauer

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