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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Das Web ist kein Kulturaum

Im Nachgang zum ausführlichen Artikel von Martin Lindner Prof. Silberzunge, habe ich einige Inhalte aus den Präsentationen und Texten betrachtet, die von Kruse und seinen Mitarbeitern zugänglich sind. Zentrum der Betrachtung ist der Begriff Kulturraum, den Kruse m. W. nach im nachtstudio des ZDF zum Entzücken von Sascha Lobo einführte und der bei mir den ersten Verdacht erhärtete, dass Kruse seinen Untersuchungsgegenstand noch nicht präzise beschrieben hat. Es gibt eine Powerpoint-Schlacht auf dem whatsnext-blog (das ist ein Institut, das Kruse gründete), die auf 127 slides seine Ideen präsentieren will. Die Präsentation begründet zunächst die Methode in Bezug auf die Fragestellung, warum das Internet die Gesellschaft polarisiert. Ziemlich weit vorn stehen folgende Sätze:

Die intuitive Musterbildung Einzelner bildet die Basis; reicht aber nicht mehr aus. Das Individuum liefert nur einen Messpunkt. Die Analyseeinheit ist das Kollektiv. Erst die Analyse der unbewussten Bewertungen vieler Menschen erlaubt die Schätzung von Trends und die Vorhersage von kulturellem Wandel.

Auf welcher Basis argumentiert Kruse?

Musterbildung ist ein mathematischer Begriff aus dem Bereich der Symmetriebetrachtung. In den Naturwissenschaften (Biologie und Physik) wird er verwendet, um räumliche oder zeitliche Zell- oder Körperstrukturen zu beschreiben. Menschen mit Vorbildung in der Systemtheorie kennen Muster als Überbegriff für Strukturen. Genau dort wird jedoch die zeitliche Komponente von offenen Systemen über die Ebene der Organisation und nicht die der Strukturen beschrieben. Interessant ist die Bestimmung des Einzelnen als Messpunkt. Diese streng positivistische Auffassung des Einzelnen als Element einer Gemeinschaft oder Gesellschaft, das nicht über die Erkenntnisse der sinnliche Wahrnehmung sondern über objektive Messungen betrachtet wird, steht in der Tradition der Experimenatlphysik, die davon ausgeht, dass unsere gesamte Erkenntnis lediglich eine praktische Interpretation von Daten sei. Hier geht dieses Vorhaben noch einen Schritt weiter und erlaubt sich die Vorhersage von Zukunft. Dabei bedient sie sich der Analyse unbewusster Bewertungen. Sigmund Freud hatte noch die Hypnose in den Dienst genommen, um das Unbewusste zu erreichen, da es aus Sicht der Tiefenpsychologie nicht direkt der intellektuellen Analyse zugänglich ist. Kruse hat offenbar das geschafft, was Generationen von Psychologen, Psychiatern und Neurowissenschaftlern nach Freud nicht gelingen will. Auf dieser Basis will er dem kulturellen Wandel beim zusehen.

Bei aller wissenschaftstheoretischer Skepsis, ob wir es bei dem vorgelegten Programm Kruses überhaupt mit einem wissenschaftlichen Vorhaben zu tun haben, füge ich folgende persönliche Bemerkung aus eigener praktischen Berufserfahrung ein. Ich habe schon öfter Firmen in Bezug auf das Thema Wissensmanagement beraten. Früher oder später landet man immer bei den Themen Personal- und Organisationentwicklung und dem großen Thema Unternehmenskultur. Nun ist eine Firma deutlich kleiner als eine ganze Gesellschaft, aber dort habe ich aus berufenem Munde gehört und auch selbst erlebt, dass eine Unternehmenskultur sich nicht aktuell bemerkbar ändert. Auch dann nicht, wenn neue Geschäftsführer oder Abteilungsleiter einen “neuen Wind” mitbringen. Oft ist es sogar so, dass altgediente Mitarbeiter in den Storytelling-Sitzungen berichten, dass sich eingeschlichene destruktive Pfade über mehrere Geschäftsführer und Restrukturierungsmaßnahmen hinweg erhalten. Was ich damit meine, ist die Beobachtung, dass sich Wandel in großen sozialen Gebilden extrem langsam vollzieht und das auch unter dem Eindruck, dass im äußeren Verhalten einiges geändert wurde. Die innere Einstellung in so einem Kollektiv dabei zu beobachten, wie sie eine Änderung erfährt, halte ich nicht nur angesichts der Methode sondern schlicht aufgrund der nicht vorhandenen Zeitreihenbetrachtungen aus den letzten 20 Jahren für uneinlösbar. Und selbst dann ist es nur ausgesuchten Insidern mit der nötigen Sensibilität möglich, präzise Beobachtungen zu formulieren. Aber aus positivistischer Sicht sind das dann ja Sinneswahrnehmungen von Individuen und keine Daten aus Messungen. Es erscheint fraglich, ob und wie Mess-Daten solche langsamen und subtilen Änderungen erhellen können.

Da helfen Kruse auch keine Querschnitte des Gehirns mit den Zuordnungen einer mentalen Dialektik aus intuitiver, limbischer Emotion und kortikaler, motorischer und sensorischer Informationsverarbeitung. Dieser Verweis auf Hirnforschung, die Funktionen und Areale miteinander in Verbindung bringt, ist ja eine individuelle Kategorie und laut Kruse ist das Individuelle nur ein Messpunkt also keine bedeutungstragende Ebene in seinem Vorhaben, den Kulturwandel zu beschreiben. Er behauptet dann in einer Art Pyramide den Aufbau einer kulturellen Wertewelt auf der Basis von limbischen Präferenzen (dem limbischen System ordnet man aktuell Emotionen und Triebverhalten zu), was seinerseits auf Meinungen und Haltungen basieren soll (???). Und die unterste Stufe wäre dann direkt messbares Verhalten. Die Inkonsistenz und die offensichtliche Fehlzuordnung der einzelnen Elemente dieser Pyramide mag der Leser selber bewerten. Er findet das zugehörige Schaubild auf slide 8 der Präsentation. In jedem Proseminar einer gegebenen deutschen Uni würde so ein Schaubild vom Tutor in Stücke gerissen.

Kulturraum?

Kruse macht dann auf Probleme aufmerksam, die seine Methode bschränken: Das limbische System sei in seiner funktionalen Zuschreibung (Emotion und Trieb) keiner Befragung zugänglich. Dann kommt ein Gemeinplatz der Kategorie “Verstehen basiert auf Kontextinformationen” und zum Schluß schleicht sich der gute Holismus ein, der schon die Systemtheorie zu immer neuen Emergenzblüten treibt: “Kultur ist mehr als die Summe der Einzelbeiträge”. An genau dieser Stelle, wäre es hilfreich, den Kulturbegriff zu beleuchten. Denn Kruse hat den ethnozentristischen Begriff Internet als Kulturraum in das Nachdenken über das Netz eingeführt.

Kultur ist im Grunde die absichtsvolle (gestaltende) Einflußnahme des Menschen auf seine Umwelt. Im Wortsinn bedeutet es “Pflege” oder “den Acker bestellen”. Im übertragenen Sinne, kann man Ideen als Samenkörner bezeichnen, die die Menschen sich und der Materie rundherum einpflanzen und als Ergebnis sehen wir dann Werkzeuge, Sprache, Kunst und ganz toll erzogene Kinder. Unter Kulturraum versteht man das Verbreitungsgebiet einer ganz bestimmten Kultur, die zumeist aus religiösen und sprachlichen Einflüssen und lokalen Traditionen besteht. Auch Jeff Jarvis glaubt, dass wir uns im Internet immer mehr aneinander angleichen.

Ich sehe im Internet das Gegenteil eines Kulturraumes. Hier wird die Differenz zwischen Menschen, Kulturräumen und Denkmodellen auf die größtmögliche Spitze getrieben. Das verbindende Element der Kommunikation über Sprache und Schrift täuscht nur Gemeinsamkeit dahingehend vor, dass wir uns gerne mit anderen Menschen verbinden über Bewertungen, Urteile, Ideen und einfach das Mitteilen von Befindlichkeiten. Aber hinter den anthropologischen Fixpunkten wie dem Bilden von Gemeinschaften und dem Festigen dieser Gebilde durch Austausch von Mitteilungen findet eben keine Angleichung der Traditionen statt. Die Sammler exotischer Käfer und die Liebhaber von gebrauchten Unterhosen begegnen sich untereinander und festigen damit eher wacklige individuelle Pesönlichkeitskonstruktionen durch die einfache Erkenntnis, dass es auch andere gibt, die seltsame Ansichten und Vorlieben haben. Kulturräume waren immer das Gegenteil: das Vereinheitlichen von vorherrschenden mehrheitsfähigen Ideen und Handlungen. Und das ist noch die nette Variante des Begriffs. Es gibt auch eine Deutung des Begriffs Kulturraum, der territoriale Ansprüche fokussiert!

Bildnachweis: robb

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