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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Das System Gehorsam

Wir lesen und hören es zu jeder politischen Wahl in allen Medien. Die Mitmacher brechen weg. Die Parteien auf dem platten und bergigen Land verwaisen. Die Wähler bleiben zuhause. Die Steuerzahler fahren mit kleinen Köfferchen in Steuerparadiese. Die Mitarbeiter gehen in die innere Mongolei. Die Mütter flüchten in die Berufswelt und die Väter in die Kneipen oder Sportvereine. Die Kinder traktieren elektrische Kästchen bis die Finger taub werden oder schweigen die Wand an.

Ein fremder Besucher könnte den Eindruck gewinnen, dass wir alle auf das Christkind warten und uns bis dahin die Zeit vertreiben mit Demokratie, Ehrgeiz und Wettbewerb. Bei genauer Betrachtung sind alle nur in einer Beschäftigung wirklich intensiv bei der Sache: Gehorsam. Jeder droht seinen Untergebenen, Partnern, Kindern oder Nachbarn solange mit Geldentzug, Liebesentzug, Anerkennungsentzug bis der Andere Gehorsam zeigt.

Das ist auch eine Form der Beziehung.

Gesellschaft: Macht besteht aus Gehorsam

Allerdings eine Beziehung, die unter einem besondere Stern steht. Denn Macht besteht nur einem einzige Stoff – und das ist Gehorsam. Wir können also am Beginn des dritten Jahrtausend feststellen, dass wir menschliche Beziehungen mit dem agens oder Benzin oder Nektar der Macht betreiben. Wir betanken oder ernähren diese Macht mit Gehorsam.

Wenn in einer Partei in einem Ortsverband plötzlich und unerwartet jemand aufbegehrt gegen die herrschende Meinung dessen, der Gehorsam einfordert und dafür Brosamen seiner Macht verteilt, dann gibt es im Rahmen des von uns praktizierten Beziehungsmusters in dieser Gesellschaft zwei Chancen: Entweder er gewinnt genug gehorchende Schafe, die sein Bellen anerkennen oder er wird vom Schäferhund von der Wiese vertreiben unter lautstarkem Geblöke der Schafherde.

gehorsamDas ist soweit keine Neuigkeit. Die Frage ist jedoch, ob es ein sinnvolles Modell ist, ein Volk planvoll denkender und handelnder Menschen so zu führen, wie ein Hirte seine Schafherde.

Wer ist nun der Hirte? In der Demokratie erkennt man das Volk als Souverän an. Wenn das so ist, dann würden wir uns selbst dazu verurteilen, entweder die Rolle des bellenden Hundes oder die des blökenden Schafes einzunehmen.

In der Realität gibt es aber in jedem Dorf und in jeder Stadt Menschen, die zu bestimmten Gebieten des modernen Lebens besondere Kenntnisse und Erfahrungen erworben haben. In manchen Ländern werden diese zu den Mächtigen gewählt, da sie die besten Studiengänge an den besten Schulen besucht haben. Oft haben sie einen begüterten Familienhintergrund, der den Besuch dieser Schulen ermöglichte. Sie haben in diesen Schulen Hunderte Bücher zum Thema gelesen. Aber qualifiziert sie dieser Hintergrund auch zu einer Führungsposition bei bestimmten Themen?

Bildung: Macht Lesen klug?

Andere Länder gehen andere Weg und bestimmen die Kaste der Hirten anders. Dort, so sagt man, habe jeder alle Chancen. Da Mutter und Vater arbeiten, müssen die Kinder sich alleine bilden, was mal mehr und mal weniger erfolgreich gelingt. Was aber ist Bildung? Es gibt einen Katalog von Fähigkeiten, den einige Firmen eine zeitlang brauchen und es gibt einen Katalog von Fähigkeiten, die Menschen mit viel Freizeit erstrebenswert finden. Beides gilt als gute Bildung. Wenn man also diese Bildung aus Büchern in das menschliche hineinkopiert, dann hat man einen gebildeten Menschen vor sich. Fast. Denn der Mensch muss auch Gehorsam haben vor dem was er liest und denen die es geschrieben haben, und vor denen die es lehren. Es reicht, wenn man den Gehorsam nur nach außen zeigt und innerlich anderer Meinung ist. Wenn man diese aber artikuliert bekommt man soziale Einschränkungen zu spüren von all denen, die sich mühsam zum schweigsamen Gehorsam durchgerungen haben. Noch mehr Ärger bekommt man mit denen, denen es leicht fällt, die vorgegebenen Inhalte anzunehmen.

Manchmal machen es sich Leute ganz schwer und versuchen ein Problem mal ganz von vorne und ganz alleine zu durchdenklen. Sie gelten als dumm, da sie die vielen Bücher, die vor ihnen geschrieben wurden für einen Moment vergessen wollen. Sie werden selten in Gruppen integriert. Sie vereinzeln. Sie verlieren den Bezug zu den Anderen. Man hat den Eindruck, dass die Gemeinschaft das Ergründen von Verhältnissen und Situationen nicht belohnt. Warum? Das Zurückgehen hinter die traditionell erlernten Inhalte wird als Angriff aufgefasst, als Arroganz denen gegenüber, die aus diversen Gründen wenig infrage stellen.

Man nennt das demokratischen Fortschritt. Und nur wer diese Fragerei sein lässt und sich zu dem bekennt, zu dem sich ALLE bekennen, der ist auch ein Bürger. Die Anderen sind eben abseits, ein bißchen am Rande – wahrscheinlich sind es noch nicht einmal Demokraten.

Achja. Es wäre schön, wenn diejenigen, die es betrifft erkennen würden, dass Mitmacher nicht aus Gehorsam mitmachen sollten sondern aus Überzeugung und innerer Entscheidung. Das kann mehr Probleme lösen als auf den ersten Blick denkbar ist.

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