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"Zur ganzen Wahrheit gehören zwei – einer, der sie sagt und einer, der sie versteht." Henry David Thoreau

Das Kaffeehaus des 3. Jahrtausends?


Einer vielzitierten Geschichte des Philosphen Habermas nach entstand die moderne Öffentlichkeit in den Caféhäusern des 19. Jahrhunderts. Dort traf sich das Bildungsbürgertum und konnte sich analog dem antiken griechischen Bürgertum eines gewissens Reichtums und der daraus folgenden Muße befleißigen, um in Disputen und Diskussionen aus einer literarischen Kultur eine politische Öffentlichkeit zu entwickeln. Der geneigte Leser erkennt schnell in diesem Gedankengut, dass Habermas keineswegs davon ausging (ausgeht?), dass Öfffentlichkeit eine repräsentative Auswahl an Bevölkerung als notwendige Bedingung braucht. In den “emerging democraties”, die so wenig Unterstützung in ihrem Freiheitswillen erhalten wie Somalia Beachtung für seine Hungernden, wird das historisierte Modell des wenig lebenserfahrenen Habermas auf den Kopf gestellt. Konnte man dem “großen” Philosophen schon früher vorwerfen, dass Öffentlichkeit kein Begriff ist der in einer ständischen Gesellschaft besonders gut zu verankern ist. Da macht sein Hinweis auf die literarischen Quellen der politischen Öffentlichkeit im psychologisierenden Roman sowie der Belletristik überhaupt die ganze Sache auch nicht besser. Er hatte ein Vorhaben, dass er ex ante in die historischen Fakten hinein gelegt hatte: Die Vernunft muss am Werk sein. Denn er ist Rationalist und kann die Öffentlichkeit nur als Ausfluss der Vernunft begründen. Und so musste er die Balken der Historie zurechtbiegen. Ägypten weist noch weiter in eine ganz andere Richtung…

Würde er aufmerksam die Geschehnisse im Iran, in Tunesien oder in Ägypten beobachten – soweit es die amerikanischen, britischen und katarischen Sender zulassen – dann würde er seine Meinung revidieren müssen. Denn dort ist erkennbar, dass Medien wie das Internet oder früher die Flugblätter nur dazu dienen können, eine Zivilgesellschaft zusammenzuführen. Aktivisten schließen sich via Internet zusammen. Und und diesem Fall sind Aktivisten junge Familien, weibliche und männliche Singles, Großväter und Witwen aus allen Schichten. Habermas könnte erkennen, dass die Schergen des Mubarak auf den bestehenden Verhältnissen als etablierter Struktur aufbauen. Sie sitzen in den modernen Teehäusern und disputieren den Verfall der Sitten bis sie aufgerufen werden, sich für “die gerechte Sache” einzusetzen. Der Ausdruck der Vernunft liegt – das verklausulieren viele repräsentative Politiker des Westens in diversen vernünftigen Statements – in der Stabilität des verhassten Regimes. Dafür reiten sie dann in die Menge wie die apokalyptischen Reiter…

Es ist erkennbar, dass es keinen herrschaftsfreien Diskurs mehr gibt, wenn die eine “Hälfte” der Bevölkerung auf den bestehenden Verhältnissen beharrt und der Rest assoziiert wird mit unruhigen oder gar chaotischen Verhältnissen. Der “zwanglose Zwang des besseren Arguments” könnte aber nach Habermas sowieso nur eingelöst werden, wenn es eine äußere Referenz gibt/gäbe, die darüber entscheiden könnte, welche der Ansichten wahrhaft und richtig seien. Habermas behauptet sogar, dass eine Verbreiterung der Öfffentlichkeit eine Schwächung der kritischen Kraft zu Folge habe und die bürgerliche Öffentlichkeit auflöse. Dass können wir aktuell am Beispiel in Ägypten in keiner Weise erkennen.

Wael Abbas, Journalist und Blogger, ging für seine kritischen Blogeinträge ins Gefängnis, er gilt in Ägypten als Instanz der Bürgerbewegung. Neben den vielen Diskussionen die überall stattfanden, sind es aber solche Stimmen, die die Massen orientieren. Der Grund liegt in der Übereinstimmung von Wort und Tat. Man nennt das Glaubwürdigkeit. Dafür ist das Internet der beste Lackmus-Test: Jeder kann dort vieles schreiben, aber die Leser erkennen an den Taten, wer welche Absichten mit seinem Tun verfolgt. Die Politische Öffentlichkeit entsteht aktuell also nicht im herrschaftsfreien Diskurs unter der Knute des Konsens. Sie versammelt sich rund um glaubwürdige Personen und formiert eigene Ideen rund Leute, die diese besonders nachvollziehbar leben. Das ist keine literarische Quelle (1:n), die sich in Urteilen schult. Hier darf und soll jeder egalitär seine Ideen erzählen, vorleben und von anderen überprüfen lassen. Die Gemeinsamkeiten liegen schon vor jeder Diskussionen offen und unversöhnlich auf dem Tisch des Hauses: Beharrung im Bestehenden oder tabula rasa für neue Konzepte, die sich erst im Laufe der Zeit und der Gedanken- und Meinungsfreiheit kristallisieren. Insofern entsteht politische Öffentlichkeit erst dann, wenn der Wandel der Werte neue Institutionen schaffen darf und soll.

Es ist übrigens kein Zeichen von Demokratienähe, wenn aufgrund möglicher geopolitischer Unwägbarkeiten eine Bürgerbewegung distanziert betrachtet wird, während ihr Gegenüber trotz jahrelanger Folter offen die Sympathien gewählter Volksvertreter entgegen nimmt. So ein Verhalten ist wahrscheinlich sogar ein Grund, Politiker aus dem Kreis überzeugter Demokraten auszuschließen und sie in eine neue Kategorie einzureihen, die ich mal in Anlehnung an Habermas Konsensdemokraten nennen will. Das Tier, dass an dieser Stelle wohnen könnte, wäre mit dem Begriffsfeld Globalisierung von Bürgerbewegungen als Vorstufe einer Demokratie sicher nicht unzufrieden. Die Begleitung solcher Bewegungen könnte dann gemeinsam mit der Arabischen Liga, der EU, NAFTA und den BRIC-Staaten passieren…

Crosspost von netzpiloten.de
Photo von hotblack

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